Schicksalswahl in Brasilien

Brasil acima de tudo, Deus acima de todos!“ – „Brasilien über alles, Gott über alles!“ Mit diesem Motto ist der ehemalige Armeeoffizier Jair Bolsonaro in das Rennen um das mächtigste Amt Brasiliens gestiegen. Lange galt Bolsonaro als politischer Außenseiter und Hinterbänkler. Die westlichen Medien verspotteten ihn wahlweise als «Rechtsextremen», «Rechtspopulisten», «Faschisten» und «Hassredner». Am 7. Oktober dann der Paukenschlag. Jair Bolsonaro erhielt 46,03% aller Stimme und verpasste damit nur knapp das absolute Mehr im ersten Wahlgang. Wie bereits bei der Wahl von Trump oder Duterte, übertraf sich die westliche Medienwelt gegenseitig damit, das Schreckgespenst der drohenden, rechtspopulistischen Weltherrschaft an die Wand zu malen. Ein ultrarechter Clan strebt an die Macht, hyperventiliert die Welt-Online, der Schweizer Tagesanzeiger diagnostizierte Brasiliens Demokratie reif für die Intensivstation und die New York Times warnte die Welt vor einem «Rückfall in dunkle Zeiten». Russia Today schlug in dieselbe Kerbe und verbreitet Verschwörungstheorien über angeblichen Wahlbetrug zu Ungunsten der sozialistischen Genossen Brasiliens. In dieser allgemeinen Hysterie gelang es der Weltwoche von Roger Köppel sich mit einer ausgewogenen Berichterstattung von der restlichen Medienlandschaft abzugrenzen. Das Schweizer Privatmedium ließ in einer nüchternen Analyse  Befürworter,  als auch Kritikern von Jair Bolsonaro zu Wort kommen.

Wer ist dieser Mann, der derzeit Brasilien polarisiert, die westlichen, wie auch die russischen Medien gegen sich aufbringt und morgen zum Präsidenten gewählt werden könnte? Ein Portrait von Jair Bolsonaro hat unser Autor Young German bereits verfasst. Dieser Artikel soll aufzeigen, wie der konservative Bolsonaro mit Militarismus, Religiosität, Patriotismus und wirtschaftsliberalen Positionen vom politischen Aussenseiter zum Top-Favoriten aufgestiegen ist.

Die Nostalgie über den Militärstaat

«Warum braucht Brasilien eine rechte Bewegung? Die haben doch kein Ausländerproblem?», war eine Frage, die wir jüngst im Stammtisch diskutierten. Abgesehen von den venezolanischen Flüchtlingen, wird es in Brasilien wohl kaum eine vergleichbare Migrationskrise geben, wie sie momentan Europa in Aufruhr versetzt.

Die politische Rechte in Brasilien ist jedoch nicht als eine ausschliesslich migrationskritische Bewegung zu verstehen. Zwar hat auch Brasilien aktuell ein Flüchtlingsproblem an der Grenze Venezuelas, dies ist jedoch nicht mit den europäischen Zuständen vergleichbar. Hierbei sollte ein Blick in die Geschichte des Landes geworfen werden. Um zu verhindern, dass auch in Brasilien eine «sozialistische Revolution», wie in Kuba, stattfinden könnte, putschte sich das Militär mit der Hilfe der CIA 1964 an die Macht und herrschte 21 Jahre über das Land. Nostalgisch erinnern sich die Brasilianer an die rechte Militärdiktatur, in welcher noch «Recht und Ordnung» herrschte. Die desaströsen Zustände des «Sozialistischen Paradies», Venezuela, sind in Brasilien wesentlich präsenter als in Europa. Die Arbeiterpartei, deren Fäden immer noch der inhaftierte Ex-Präsident Lula zieht, und ihr Kandidaten Haddad unterstützen ganz offen eine Annäherung an die beiden sozialistischen Terrorregime in Kuba und Venezuela. Die Rechte Brasiliens unter Bolsonaro gilt hingegen als ein Bollwerk gegen den Kommunismus. Der rechte Kandidat indes schließt eine brasilianische Militärintervention in Venezuela nicht aus, sollte sich die chaotischen Zustände im sozialistischen Nachbarland verschärfen. Damit hat er sich insbesondere die Unterstützung von Konservativen, Polizisten und Militärangehörigen gesichert. Erst kürzlich hat sich eine Gruppe ehemaliger Militärgeneräle offen für den konservativen Hardliner ausgesprochen.

Brasilianische Soldaten stehen hinter Bolsonaro

 

Sozialistische Misswirtschaft

Seit 2003 herrschten die Sozialisten unter Lula da Silva über Brasilien. Nach 15 Jahren linker Regierung leidet das Land unter ausufernder Kriminalität, Bandenkriegen, Misswirtschaft und Korruption. Statt tiefgreifende Reformen anzustossen, hat sich die linke Elite vor allem die eigenen Taschen gefüllt und mit Almosen die Wählerstimmen in den Favelas gekauft, das weltweit verbreitete Konzept von Linken und Sozialisten. Mit gönnerhafter Wohlfahrtspolitik wurden die Armen gefügig und vom Staat abhängig gemacht. Berufliche Perspektiven durch überfällige Wirtschaftsreformen aufzubauen, welche diese Menschen langfristig aus der Armut holen könnte, wurden indes bewusst vernachlässigt. Die Folge: Die wirtschaftlichen Strukturprobleme Brasiliens verschärften sich über die Jahre. Ein Land, so reich an Ressourcen und Arbeitskraft, ist von den millionenschweren Sozialisten zum «Shithole Country» degradiert worden, die lieber die Genossen Venezuelas durchfütterten, statt sich wirklich für die «Arbeiterklasse» einzusetzen.

Der riesige Korruptionsskandal, welcher die Misswirtschaft und Selbstbereicherung der Edel-Sozialisten ans Tageslicht gerissen hat, erschütterte die brasilianische Gesellschaft. Im Zusammenhang mit der Fussballweltmeisterschaft 2014, den olympischen Sommerspiele 2016 und in zahlreichen anderen Infrastrukturprojekten, häuften sich korrupte Politiker ein Millionenvermögen an, während das Land unter zehntausenden Schusswaffentoten leidet.  Die Tatsache, dass Bolsonaro zu den wenigen Politikern gehörte, welche nicht in die Korruptionsaffäre verwickelt waren, hat ihm viel Glaubwürdigkeit verschafft. Jüngst kündigte der rechte Kandidat in einer Videobotschaft an, das Land von den «roten Banditen» zu säubern und den «korrupten Saustall Brasilias auszumisten». Für viele Brasilianer ist das der einzige Weg, dass korrupte Kartenhaus der politischen Elite loszuwerden.

Mit liberalen Wirtschaftsreformen, konzipiert von seinem Wirtschaftsberater Paul Guedes, will er das bürokratische Staatsmonster abzuschaffen und eine prosperierende Wirtschaft aufbauen, welche den Armen des Landes langfristige Jobperspektiven schaffen soll. Letzteres macht ihn insbesondere auch bei dem wirtschaftsliberalen Brasilianer äusserst beliebt. Wie bereits bei der Wahl von Trump, boomte die brasilianische Börse nach dem ersten Etappensieg Bolsonaros und der brasilianische Bovespa-Index gewann am Tag darauf 5,43 Prozent.

Evangelikaler Einfluss

Im «katholischsten Land der Welt», wie Brasilien gerne genannt wird, hat sich im Laufe der letzten Jahre eine weitere, ausserparlamentarische Macht etabliert: Die Evangelikalen. 22 Prozent aller Brasilianer bekennen sich zum christlich-evangelikalen Glauben. Unter den gläubigen Brasilianer wächst diese Bewegung unaufhörlich und steht in direkter Konkurrenz zur alten, katholischen Kirche. Bolsonaro selbst ist Katholik, liess sich jedoch medienwirksam im Jordan taufen und wurde mit seinem christlichen Bekenntnis zum Heilsbringer der Evangelikalen. Jair Bolsonaro spricht sich klar gegen Abtreibung und die Homo-Ehe aus. Die einflussreichen Vertreter der Freikirchen haben ihre Gläubigen bereits zur Wahl von Bolsonaro aufgefordert. Die politische Kampagne des rechten Kandidaten hat Glaube und Patriotismus untrennbar miteinander verknüpft.

Für Gott und Vaterland: brasilianische Nationalisten beten das Ave-Maria

Patriotisches Selbstbewusstsein in Brasilien

Wie auch in Osteuropa, zeigen die brasilianischen Nationalisten ein öffentliches Selbstbewusstsein, die im westlichen Teil von Europa undenkbar wäre. Patriotismus ist in Brasilien nichts verwerfliches, sondern gehört in der dortigen Mittelschicht zum guten Ton. Während der Großteil der rechten Wählerschaft im deutschsprachigen Europa eher zurückhaltend ist und sein nationales Bekenntnis höchstens in der anonymen Wahlkabine oder in Onlinekommentaren äußert, demonstrieren in den brasilianischen Städten hunderttausende Nationalisten für ihren Kandidaten. Bolsonaro führt keinen Wahlkampf über Talkshows, er meidet sie bewusst, sondern hat eine Volksbewegung aufgebaut. Mit professionellen Musikvideos  macht er den konservativen Patriotismus für die Jugend modern, über die sozialen Medien kommuniziert er täglich mit seinen Anhängern und seine Wahlkampfveranstaltungen füllen die Straßen der brasilianischen Städte mit hunderttausenden Menschen. Diese positive Entwicklung auf den Alleen Brasiliens können zum wichtigen Korrektiv werden. Sollte Bolsonaro seine Versprechen nicht einhalten und die Korruption weiter grassieren, wird ihn der Volkszorn vermutlich genau so schnell wieder entmachten, wie sie ihn zuvor unterstützt hat.

Eine Million Anhänger Bolsonaros singen die Nationalhymne

Einschätzung Bolsonaros

Bei der morgigen Wahl wird sich zeigen, ob sich die Brasilianer für den «Linkspopulisten» Haddad entscheiden und damit die derzeitigen Eliten unterstützen, oder ob sie mit dem «Rechtspopulisten» Bolsonaro einen Neuanfang wagen wollen.

Jair Bolsonaro ist gewiss nicht tragbar für mitteleuropäische Verhältnisse. Als Schweizer sehe ich Bolsonaros teilweise unerträglichen Äusserungen gegenüber Frauen, Schwarze und Homosexuelle äusserst kritisch und der westlichen Welt unwürdig. Sein Wunsch, eine Militärdiktatur zu errichten, kann ich als Verfechter der Direkten Demokratie weder nachvollziehen, noch verteidigen. Schliesslich bietet ein totalitärer Militärstaat für die regierenden Politiker noch viel mehr Spielraum für Korruption und Vetternwirtschaft. Dass er die Rodung des Regenwaldes intensivieren will, ist zum einen umweltpolitisch verantwortungslos, zum Anderen öffnet sie neue Korruptionskanäle zur mächtigen Aggrarlobby Brasiliens.

Auf der anderen Seite ist jedoch zu bedenken, dass Brasilien Jahrzehnte lang von einer linken Elite systematisch heruntergewirtschaftet und in einen kriminellen Albtraum verwandelt wurde. Den Schützern des Amazonas sei ebenfalls in Erinnerung gerufen, dass die linke PT für die jährliche Zerstörung von 60.000 Quadratkilometer tropische Regelwälder die Verantwortung trägt. Der Wahlspruch Brasiliens, «Ordem e progresso», «Ordnung und Fortschritt», ist inzwischen nur noch eine hohle Phrase. Wie in den 90er Jahren in New York, braucht es in Brasilien eine harte «Law and Order» Politik um mit der Banden- und Drogenkriminalität aufzuräumen .Wenn Brasilien nicht im selben, sozialistischen Chaos versinken will wie Venezuela, ist ein «ungehobelter Rechtspopulist» womöglich die einzige, realistische Chance, in diesem Staat Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Titelfoto: Almanaque Lusofonista / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pla%C3%A7%C3%A3o_do_Bolsonaro.JPG

Quellen:

https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/brasiliens-demokratie-ist-reif-fuer-die-intensivstation/story/31683151

https://www.welt.de/politik/ausland/plus181850496/Brasilien-Jair-Bolsonaro-und-seine-Familie-streben-mit-Tabubruechen-an-die-Macht.html

https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2018-41/artikel/mann-aus-dem-volk-die-weltwoche-ausgabe-41-2018.html

https://www.nytimes.com/2018/08/24/opinion/brazil-flirts-with-a-return-to-the-dark-days.html

https://www.tagesspiegel.de/politik/praesidentschaftswahl-rechtspopulist-bolsonaro-gewinnt-erste-wahlrunde-in-brasilien/23158794.html

https://boerse.ard.de/anlagestrategie/regionen/brasilien-rechtsaussen-erfolg-befluegelt-die-maerkte100.html

https://deutsch.rt.com/amerika/78055-brasilien-schmutzkampagne-gegen-linken-kandidaten/

https://www.france24.com/en/20181025-ex-military-officers-support-bolsonaros-rise-brazil-presidential-campaign

https://venezuelanalysis.com/news/3010

https://www.kas.de/laenderberichte/detail/-/content/-krieg-in-brasilien-1

https://www.nzz.ch/international/der-fall-brasiliens-wie-korruption-das-land-in-eine-staatskrise-stuerzte-ld.1425710?reduced=true

https://www.deutschlandfunk.de/brasilien-germanwatch-wahl-bolsanoros-haette-folgen-fuer.697.de.html?dram:article_id=431603

https://www.sueddeutsche.de/politik/brasilien-bolsonaro-saeuberung-1.4181458

http://www.manager-magazin.de/politik/weltwirtschaft/paulo-guedes-superminister-fuer-jair-bolsonaro-in-brasilien-a-1235157.html

https://rp-online.de/politik/ausland/brasilien-rechtsaussen-jair-bolsonaro-und-die-evangelikalen_aid-33703837

http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/flaechenverluste.htm


 

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken , indem du auf Facebook, Twitter oder Minds.com dein „Like“ hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!

Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman https://www.facebook.com/TheYoungGerman https://www.minds.com/Younggerman

Stolzer Schweizer aus dem Kanton Zürich.

Wirtschaftsstudent mitte 20 und stolzer Milizunteroffizier der Schweizer Armee. Sein schreiblicher Fokus liegt in den Themengebieten Direkte Demokratie, Wirtschaft, Einwanderungskritik und Militär.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.