Der Hypermoralismus

Wenn einstmals künftige Historiker auf diese unsere Zeit zurückschauen und sich daran machen, eine Krankheitsgeschichte des deutschen Geistes zu schreiben, darf ein zentrales Symptom nicht fehlen: der Hypermoralismus. Er durchtränkt unsere Gesellschaft fast restlos und es ist vielleicht kein Zufall, dass selbst ein gängiger Pop-Song den sprechenden Titel trägt «Nur noch kurz die Welt retten». Die Deutschen fühlen sich dazu berufen, die Welt zu retten – da die anderen diesem hehren Anspruch offenbar nicht gerecht werden, müssen sie im schlimmsten Falle zu ihrem Glück gezwungen werden. Dass der Titel des besagten Liedes durch seinen Text als Vorwand entlarvt wird, der nicht wirklich ernst gemeint ist, führt bereits mitten in den neuralgischen Punkt des Hypermoralismus, der mit Moral nicht einfach gleichzusetzen ist. Der Hypermoralismus ist ein moralischer Fundamentalismus, der alle Lebensbereiche seiner Logik unterwerfen will und keine anderen Götter neben sich duldet. Wie der er über uns gekommen ist und wo genau seine Wurzeln liegen, ist keine leicht zu beantwortende Frage. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz bevorzugte eine soziobiologische Erklärung und sprach von der «Verhausschweinung» des Menschen, die durch Überzivilisierung eintrete. Andere sehen das Moralapostolat in Reformation und Protestantismus angelegt. Der Anthropologe Arnold Gehlen diagnostizierte eine Entgrenzung der Familienmoral, die auf die ganze Menschheit übertragen wird («alle Menschen werden Brüder», wie es bei Schiller heißt).

«Das Humanitärethos ist das erweiterte Ethos der Großfamilie, es enthält also von vornherein sowohl biologische, sogar feminine, als auch institutionelle Einschüsse, und in dieser letzten Hinsicht hängt es ins Leere, wenn es nicht durch weiträumige Institutionen wie Kirchen oder Logen gehalten wird. Zu hypertrophem Anspruch kommt es in der Verbindung mit dem Ethos des Massenlebenswertes und vor allem dann, wenn die entgegenhaltenden eigentlich politischen Staatstugenden wegfallen, weil der Staat ruiniert oder selbst zum Wohlstandsapparat geworden ist.» (Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, 1969, S. 148)

Moral geht von dem eigenverantwortlich handelnden Einzelnen aus und richtet ihre Ansprüche an ihn, die er wiederum mit anderen Ansprüchen auszutarieren hat, um zu einem reflektierten Handeln zu gelangen. Ausgangspunkt und Adressat der Hypermoral hingegen ist ein diffuses «MAN», also alle und keiner. Das anonyme «man» entlastet von individueller Verantwortung und schiebt sie lieber auf die anderen ab. Oder wie Kanzlerin Merkel auf einer Fraktionssitzung der Union gesagt hat: «Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin. Nun sind sie halt da.»

Das «Wir», das Gemeinwesen, soll es nun richten, was sie angerichtet hat. Dabei kommen die hypermoralischen Imperative so nötigend daher wie die moralischen. Es gibt keinen Widerspruch, keine Diskussion. Nur Exekution, die unbedingt geboten ist. Es gilt sogar der Primat der Moral vor dem Recht: Dieses wird durch die «Tyrannei der Werte» gezielt ausgestochen: Wir können unsere Grenzen nicht sichern, das würde gegen die Menschenrechte verstoßen; kein Familiennachzug für subsidiär Geschützte verletzt die Humanität; bitte keine Abschiebungen, denn: kein Mensch ist illegal. Wie humanitär und kuschelig diese Forderungen auch klingen mögen, ihr Absolutheitsanspruch ist im Kern autoritär und undemokratisch. Politik hat aus Sicht der Hypermoralisten nichts mit Interessenausgleich und Mehrheitsentscheidungen zu tun, sondern soll als technokratisches Implementierungsvehikel ihre Postulate so schnell und effektiv wie möglich umsetzen. Auf diese Weise wird die Politik entpolitisiert, moralischer Bekenntniszwang ersetzt den freien Diskurs. Es verwundert daher wenig, wenn sich die Vertreter einer höheren Moral selbst als progressive Avantgarde der Gesellschaft verstehen, die der unaufgeklärten, kleinbürgerlichen Mehrheitsgesellschaft mit ihrem zurückgebliebenen moralischen Bewusstsein erst den richtigen Weg weisen muss. Gerne darf sie aber zunächst die Kollateralschäden der Weltverbesserung tragen. Da die selbsternannte Moralelite die Spaltung nach außen – zwischen Deutschland und dem Rest der Welt – nicht ertragen kann, wird diese Spaltung in das Land hineingetragen und dort leise zwischen Arm und Reich weiter ausgebreitet. Die eigenen Latte-Macchiato-Refugien, in denen das schlechte Gewissen dann erst einmal beruhigt ist, wird es wohl so schnell nicht treffen.

Es ist auffällig, wie sich Hypermoralismus und Neoliberalismus an den unterschiedlichsten Fronten verbündet haben. Nicht nur, dass man den «Nazikompensationskomplex» (Markus Vahlefeld) teilt und die eigenen Politikentwürfe jeweils als verspäteten Widerstand gegen das Dritte Reich legitimiert. Überkommene Identitäten und Traditionen stellen gleichermaßen Hindernisse dar gegenüber einer Moralisierung und einer Ökonomisierung der Verhältnisse. Auf der einen Seite wird dem Neoliberalismus ein menschliches Gesicht verliehen (Menschenrechte), auf der anderen Seite gerät die Hypermoral zu einem Geschäftsmodell, das für einige globale Lobbygruppen sehr lukrativ ausfallen kann (NGO-Schlepper, Asyl- und Integrationsindustrie). Der Pakt zwischen Humanitarismus und Humankapital ist eine Win-win-Situation. Wie rational Hypermoral in dieser Hinsicht erscheint, so irrational erweist sie sich in anderen Hinsichten. Gegenüber dem Islam beispielsweise wird das praktiziert, was die Tiefenpsychologie als «Identifikation mit dem Angreifer» bezeichnet.

Nach jedem Terroranschlag wird Solidarität mit den Islamverbänden demonstriert und es heißt ritualhaft: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Ja, DEN Islam gebe es eigentlich gar nicht. Auf der anderen Seite soll der Islam dann doch zu Deutschland gehören. Wie kann nun etwas zu Deutschland gehören, was es als solches gar nicht gibt? Aber imaginäre und imaginierte Gefahren sind die Spezialität der Hypermoralisten. Viel schlimmer als islamistische Selbstmordattentäter, Frauenunterdrückung, Asylantenkriminalität und arabische Clans sind schließlich Hindenburgstraßen und –plätze oder Universitäten, die nach Ernst Moritz Arndt benannt sind. Während das reale Gefahrenpotenzial ersterer Phänomene meist diskret verschwiegen oder bagatellisiert wird, wird an Namen, Wörtern, Wendungen und Internetkommentaren ein sprachlicher Exorzismus durchgeführt, um die Gefahr der mit ihnen verbreiteten «strukturellen Gewalt» zu bannen.

Der Hypermoralist leidet konstitutionell an Apperzeptionsverweigerung (Heimito von Doderer). Er kann auch gar nicht anders als daran zu leiden, denn die Welt darf seinem Wunsch keinen Strich durch die Rechnung machen. Die Lebensgrundlagen unserer westlichen Gesellschaft werden vor lauter Wertekatalogen und politisch korrekten Sprachregelungen glatt vergessen. So übersieht man gerne, dass der Frieden in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg weniger auf moralische Einsichten zurückgeht, sondern auf die erkalteten Demographien der europäischen Völker, die nur noch so viele Kinder hervorbrachten, wie es Positionen im bestehenden Gesellschaftsgefüge gab. Nun bietet sich Deutschland freiwillig als Auffangbecken für Jungmännerwellen aus der ganzen Welt an und importiert ein Problem, das man im Nachkriegseuropa eigentlich ganz gut gelöst hatte.
Der Triumph der reinen Gesinnungsethik über die Verantwortungsethik führt fast notwendig zu Heuchelei und Doppelstandards. Während eine deutsche Grenzsicherung als Inbegriff von Menschenverachtung gilt und hierzulande eine Willkommenskultur zelebriert wurde, um der Weltöffentlichkeit ein freundliches Gesicht zu präsentieren, wird die Türkei mit deutschem und EU-Geld dafür bezahlt, uns mit stachteldrahtumwundenen Zäunen und bewaffneten Grenzschützern die Flüchtlinge vom Leib zu halten, die wir doch so gerne begrüßt hätten.

Wer findet den Fehler? Mit zweierlei Maßstäben wird auch gemessen, wenn es um Gewaltkriminalität geht: Gewalt von Deutschen an Migranten löst sofort breite Empörungswellen und Solidarisierungsaktionen aus, wohingegen umgekehrt Gewalt von Migranten an Deutschen leise übergangen oder als Einzelfall relativiert wird. Der Gedanke, dass dahinter womöglich strukturelle Fehlentwicklungen bis hin zu einem latenten antideutschen Rassismus stecken könnten, darf gar nicht erst aufkommen, damit die moralische Wohlfühlzone nicht gestört wird. Dieser «Hierarchie der Opfer» (Martin Lichtmesz) entsprechend, herrscht ein pietätloses Ungleichgewicht in der Gedenkkultur (man vergleiche nur das Gedenken an die NSU-Opfer mit dem (Nicht-)Gedenken an die Opfer des Berliner Terroranschlags vom 19. Dezember 2016), die nur in eine Richtung instrumentalisiert werden darf: für die Zurschaustellung des hässlichen Deutschen jederzeit, für die Infragestellung multikultureller Gesellschaftsexperimente niemals. Die Opfer von deren Risiken und Nebenwirkungen bleiben merkwürdig blass. Opfer ist eben nicht gleich Opfer, ihre Wertigkeit ergibt sich aus ihrem Nutzen, eine bestimmte politische Agenda bestätigen zu können – oder eben nicht. Glücklich das Opfer, welches für die offene, bunte und vielfältige Gesellschaft gefallen ist!
Schließlich folgt der Hypermoralismus dem Motto der Postmoderne: Ethik vor Ontologie, d.h. das Sollen wird kategorisch über das Sein gesetzt. Was nicht passt, wie es soll, wird passend gemacht. Nur zwei Geschlechter, die einem in die Wiege gelegt sind? Um sich durch die böse Natur nicht diskriminiert zu fühlen, soll man zwischen mindestens 60 Geschlechtern wählen dürfen. Und dieses unbedingte Sollen soll am Ende für alle gelten, niemand darf sich der Weltrettungszumutung entziehen, was Viktor Orbán einmal zutreffend «moralischen Imperialismus» genannt hat. Dieser immunisiert sich gegen Kritik, indem er seine Kritiker pathologisiert: Der Islamkritiker wird zum Islamophoben, der Gegner der Homo-Ehe zum Homophoben und der Warner vor illegaler Masseneinwanderung zum Xenophoben. So einfach kann die Welt sein, schön und übersichtlich in das Kindchenschema zwischen Guten und Bösen eingeteilt.
Es wird eine große Herausforderung sein, die mittlerweile schon ersatzreligiöse Züge tragende Hypermoral in ihre Schranken zu weisen und zu einer verantwortungsethisch fundierten Politik zurückzukehren. Diese darf nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass eine fundamentalistische Moralisierung der Politik nicht zu mehr, sondern zu weniger Moral im praktischen Verhalten der Menschen führt. Der Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider meinte einmal lakonisch: «Es gibt keine Moral jenseits des Rechts». Er wollte damit nicht behaupten, dass es keine Moral gibt, sondern dass unser Rechtssystem immer schon in hohem Maße moralisch imprägniert ist, so dass es selbst unmoralisch wäre, Moral gegen Recht auszuspielen.

Literatur:
Markus Vahlefeld: Mal eben kurz die Welt retten: Die Deutschen zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung, 2017.

Bild: Pixabay


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