Landleben – Zwischen Idylle, Postmoderne und 32,9 % CDU

Gastbeitrag von Treveri, Anfang 30 aus Rheinland-Pfalz

 

 

Hier im tiefsten Südwesten der Republik, im dünnbesiedelten ländlichen Raum, in der Mitte des Dreiländerecks zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg war man schon immer im Hinblick auf die geschichtlichen Hintergründe hin und hergerissen zwischen den Nationen und Herrschaftsgebieten. Erst seit 1815, was in der Zeitspanne bis zum heutigen Tag gesehen einem Wimpernschlag der Geschichtsschreibung gleichkommt, ist man der deutschen Nation zu 100% zugehörig. Dies scheint sich tief in der DNA der Bürgerinnen und Bürger der Region verankert zu haben und man wird nur selten in Deutschland auf Menschen treffen, die so unvoreingenommen zu Europa und dem europäischen Gedanken stehen gleichzeitig, aber Veränderungen als unangenehm empfinden. Dieses kurze Vorwort ist nötig um die Mentalität und Handlungen der Menschen etwas besser nachvollziehen zu können.



Zugegeben: Ich musste lange Zeit darüber nachdenken etwas zu verfassen, auch oder gerade weil mir ein paar Gedanken zum aktuellen Zeitgeschehen schon etwas länger unter den Nägeln brannten. Der Entschluss dazu, fiel letztendlich nach einem Besuch bei meiner Tante und ihrem Mann, den ich schon seit frühester Kindheit mit Onkel Klaus (Name geändert) anrede. Klaus, Anfang siebzig, ist das, was man vielleicht als den typischen Normalbewohner älteren Jahrgangs auf dem Dorf bezeichnen würde. Rentner, verheiratet seit mehr als 50 Jahren, zwei erwachsene Kinder, die wiederum mit ihren Kindern im selben Dorf leben, Einfamilienhaus und Mittelklassenwagen Besitzer. Ich war beruflich bedingt über einen längeren Zeitraum im Ausland tätig und beschloss daher in Verbindung mit einer Fahrradtour einen vermeintlich kurzen Besuch beim Onkel einzulegen um mich zurück zu melden. Bei Kaffee und Kuchen durchkreuzte sich aber der Gedanke an ein schnelles Weiterkommen. Beim Gespräch ging es zuerst über Gott und die Welt. Als  wir allerdings zum Thema Beruf gelangt waren, erzählte mir Klaus von seiner Zeit im Ausland. Damals zu Anfang der siebziger Jahre als leitender Techniker eines Siemens Montageteams für Kommunikationsaustattung im Iran des Schah Mohammad Reza Pahlavi.

Er berichtete von der anstrengenden Arbeit, den zu überbrückenden technischen und kulturellen Barrieren und der finalen zufriedenstellenden Erfüllung des Auftrages. Er sprach außerdem darüber wie westlich geprägt und für ein islamisches Land «liberal» Teheran damals geprägt war. Abends sei man oft in Cafés gewesen, habe die heute überall bekannte Shisha geraucht und er sei seiner wie er heute sagt «Sucht» nach Pistazien verfallen. Dann kam Chomeini und wir alle wissen wie die Geschichte weiter verlief. Heute könnte er sich niemals vorstellen noch einmal dorthin zu reisen. Des weiteren blicke er mit Besorgnis aufgrund der selbst gemachten Erfahrungen in Richtung der seit 2015 stattfindenden Masseneinwanderung von zum großen Teil muslimischen Flüchtlingen nach Deutschland.

Zitat:  «Es sind viel zu viele Leute gekommen, die mit Ausnahme einer fundamentalistischen Koranschule nie eine Bildungseinrichtung besucht haben.»

Vor zwei Jahren hat er durch Zufall einen ehemaligen iranischen Ingenieur, mit dem er damals zusammen gearbeitet hat, in Stuttgart am Flughafen getroffen. Dieser hätte ihm von seiner Flucht mit der gesamten Familie nach der Machtübernahme Chomeini’s nach Europa berichtet. Seiner Odyssee durch Frankreich und die bürokratischen Instanzen. Am Ende ist die Familie in Deutschland ansässig geworden, was einem Wunder glich, denn es war damals anders als heute mit immensen Anstrengungen verbunden seinen Status als politischer Flüchtling geltend zu machen nachdem man bereits ein sicheres europäisches Land betreten hatte.

Der Mann namens Navid meinte, dass er mittlerweile Angst habe, dass sich Deutschland zum Negativen verändert, denn er wisse was geschieht wenn der politische Islam an Einfluss gewinne. Das hat Onkel Klaus damals tief bewegt, denn Navid ist einer dieser «Flüchtlinge» von der die Wirtschaft und die Medien immer berichten, das Idealbild des Geflüchteten. Hochqualifiziert, bescheiden und voll integriert. Dass jetzt gerade dieser Mann vor zu viel und zu unkontrollierter Zuwanderung warnt, sollte doch bei einem normal denkenden Menschen dazu führen, dass er seine politischen Ansichten zu überdenkt und bei der nächsten Wahl mit seiner Stimme dem ‘«Wir schaffen das» eine Absage erteilt – dachte ich jedenfalls.

Auf Nachfrage, was er denn gewählt habe (ich weiß das es sich eigentlich nicht gehört), kam nach kurzem Zögern: «CDU, was willst du sonst wählen!?»

Leicht schockiert fragte ich: «Trotz der Geschichte von Navid, trotz deinen Erfahrungen? Ich weiß doch, dass du nicht mit der derzeitigen Politik der CDU einverstanden bist geschweige denn mit der Haltung der Kanzlerin!»

In einem Versuch sein Wahlverhalten zu rechtfertigen, sprach er über die hervorragende Arbeit für die Region, die bisher von den lokalen CDU Politikern getätigt wurde und das AfD ect. keine Alternative darstellen.

Zum Schluss kam das Totschlagargument schlechthin: «Die haben WIR schon immer gewählt.»

Ich verabschiedete mich kurz danach und fuhr Richtung Heimat. Obwohl es nur wenige Kilometer bis nach Hause waren, kam mir der Weg wie eine Ewigkeit vor. Ich musste immer wieder darüber nachdenken wie ein gebildeter, eigentlich realistisch denkender Mann wie mein Onkel Klaus immer noch solch widersprüchliche Ansichten vertreten kann und quasi wider besseren Wissens handelt. Aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

So kam die CDU wohl auf einen Großteil ihrer Stimmen bei der letzten Bundestagswahl! Viele Menschen waren zwar unzufrieden, aber gerade in ländlichen Regionen Deutschlands hat man wohl nach dem Schema F wie es mein Onkel verfahren. Dazu kommen noch viele besserverdienende Neubürger, die aus den teuren Ballungszentren auf das Dorf gezogen sind, um die Annehmlichkeiten des Landlebens zu genießen. Man arbeitet im EU nahen Ausland, hat eine sehr gut bezahlte Stelle bei einer Bank oder größerem Unternehmen, welches seinen Amtssitz in das nahe Steuerparadies verlegt hat. Man wählt CDU oder Grün (die neue Partei der Besserverdiener), ernährt sich bio-vegetarisch oder vegan, schickt seine 1,50 prozentigen Kinder Justus-Paul oder Amelie-Sofie auf die private Ganztagsschule und glaubt ein Großteil der Dorfbewohner sind bildungsferne Bauern,  die am Wochenende nichts Besseres zu tun haben, als mit ihren subventionierten Landmaschinen die Umwelt zu verpesten. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Aber die bestätigen bekanntermaßen nur die Regel. Ein paar Tage nach meinem Besuch beim Onkel habe ich einem sehr guten Freund auf der Baustelle seines neuen Betriebszweiges geholfen. Zusammen mit uns war zudem noch ein Handwerker aus unserem Dorf anwesend, der ebenfalls auf den Namen Klaus hört.

Wir verlegten gerade eine Stromleitung in die Erde, als auf dem parallel führenden Wirtschaftsweg, als eines dieser zur Kategorie der besserverdienenden Neubürger gehörende Paar mit ihren E-Bikes vorbeifuhr und nach ein paar Metern anhielt. Er ,Mitte zwanzig, dem Lauch ähnliche Muskelstruktur und Erscheinung,  echauffierte sich lautstark über das geplante Bauprojekt (Schweinestall), zu erwartende Geruchsbelästigung, Killerkeime, die durch die Luft schwurbeln und die Wertminderung seiner Immobilie. Und überhaupt ist alles was nicht Bio, Vegan und Fairtrade ist irgendwie Nazikram! Anschließend nach einer Ermahnung seiner «Lebensabschnittsgefährtin» fuhren sie schnell weiter, bevor die Situation zu eskalieren drohte. Klaus und ich sahen uns beide kopfschüttelnd an und fuhren in der Arbeit fort.

Er meinte daraufhin: «Das sind doch die beiden Spinner, die letztes Jahr das alte Haus in der Waldstraße gekauft haben und erst einmal einen neuen Zaun ums Grundstück gezogen haben, damit bloß niemand auf die Idee kommt ihr Grundstück zu betreten. Gleichzeitig machen die sich aber für Flüchtlinge stark und haben auf der letzten Gemeinderatssitzung gefordert dass wir noch zusätzlich eine Wohnung im Gemeindehaus für Migranten einrichten sollen, – genau mein Humor!»

Ich entgegnete: «Du bist doch auch noch CDU Mitglied, das ist doch ungefähr das Gleiche. Beschwerst dich über die Migrationspolitik der Kanzlerin, aber wählst sie wieder ins Amt!» Dies war leider etwas unüberlegt von mir und ihm war das Thema sichtlich unangenehm, also beließ ich es dabei.

Es bestätigte aber wieder meine Theorie zum Wahlverhalten der Menschen in den ländlichen Gebieten und wie es 2017 sein konnte, dass eine bereits innerlich abgewählte Regierung trotzdem nochmals die Geschicke des Landes steuern durfte. Mein Fazit: Alte Gewohnheiten und neue Ereignisse ergeben auf dem Land eine seltsame Masse.

Foto: Pixabay


 

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3 thoughts on “Landleben – Zwischen Idylle, Postmoderne und 32,9 % CDU

  1. Kann ich sehr gut nachempfinden …habe in meinem CDU-Stammbezirk eine Menge leute umstimmen können, auch viele ex-SPDler …alle Wählen nun die AfD. Aber gerade bei meinen eigenen Eltern wills mir nicht gelingen. Sturheit und Gewohnheit bei denen. Sie können gar nicht anders, befassen sich auch ÜBERHAUPT NICHT mit Politik. Sie wählen nur aus Prinzip, weil “Adenauer”

  2. Diese Geschichte kommt mir so bekannt vor. Ich kenne so viele Leute die die CDU/CSU nur deshalb wählen weil Sie sie schon immer gewählt haben. Das ist wie mit einer Verwandtschaft die man auf den Tot nicht ausstehen kann aber man ist ja “Familie”. Also gibt man sich geschlagen und einmal im Jahr macht man einen Alibi Besuch und hat aber schon einen Plan im Hinterkopf wie man den Besuch abkürzen kann. “Oh tut mir ja leid. Aber ich muss dringend nachhause. Der Babysitter hat angerufen und gesagt dass die kleine XX Fieber bekommen hat. Ja natürlich, wir bleiben in Kontakt. Bis bald” Das Problem ist wenn man diesen ungeliebten Verwandten in der Politik wählt kann man sich nur schwer aus dem Staub machen da das GANZE LAND dann der ungeliebte verwandte ist.
    Manchmal muss man eine klare Ansage an die Verwandtschaft machen damit sich etwas ändert. Das kann schmerzhaft sein. Aber wie viel schmerzhafter ist es wenn alles beim alten bleibt?

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