Bundeswehr – was ich vermisse und was nicht

von Triarius:

 

Aufgrund des grassierenden Personalmangels insbesondere im Bereich der Mannschaftssoldaten in der Kampftruppe werben bestimmte Truppenteile verstärkt Reservisten als SidaFs an – Soldat in darstellender Funktion, also insbesondere Feinddarsteller. Das Angebot hat für eine grasgrüne Infanteristenseele wie mich eine gewisse Attraktivität – die Inhalte umfassen Kfz-Marsch, Orts- und Häuserkampf sowie Checkpoint. «Ausreichend Waffen und Pyrotechnik sind vorhanden». Mein innerer Schwur möglichst nie wieder mit der Truppe etwas zu tun zu haben, wird auf eine harte Probe gestellt.

 

Foto: Public Domain, SSGT MARIA J. LORENTE, USAF

Was ich von der Bundeswehr vermisse

Der infanteristische Kampf. Oh, wie gerne würde ich den Alphakevins (Näheres zu dieser teilweise verhassten Sorte Mensch findet ihr in meinem nur leicht überspitzten Bundeswehrverriss) mal wieder auf infanteristischen Ebene den Arsch aufreißen. Ihnen zeigen, was sie nicht können. Ich vermisse Alles, was Peng, Bumm oder Ratatat macht. Insbesondere meine geliebten  Maschinengewehre – ich erinnere mich immer wieder gern an ein Nachtschießen als MG2 (zuständig für die Schussbeobachtung des MG1 und Rohrwechsel nach 150 Patronen…) im Nebel. Mein MG1 (der eigentliche MG-Schütze) musste 270 Patronen Leuchtspurmunition in der Verteidigung verschießen – ein Spektakel sondergleichen! Das brutale Hämmern dieses diabolischen Tötungswerkzeugs, begleitet vom riesigen hellorangen Mündungsfeuer und den Leuchtspurgeschossen, die den Nebel zerrissen. Wie Star Wars, nur in geiler! Ich bin eben ein sehr männlicher Mann – ich stehe auf Krach und Macht.

Foto: Pixabay

Was ich bestimmt nicht vermisse

Die Drecksbürokratie!

Fangen wir mit dem Vorspiel an – die meisten Reservisten kennen es nur allzu gut. Eine dienstliche Veranstaltung (DVag) oder Reservistendienstleistung (RDL, ehemals Wehrübung) wird ausgeschrieben, interessierte Reservisten melden sich und nehmen ggf. Urlaub. Die Veranstaltung platzt – teilweise aus hanebüchenen Gründen, teilweise aus Unfähigkeit der Bürokratie und der Reservist steht neben dem vergeblichen, unbezahlten Aufwand blöd vor seinem Arbeitgeber, der sich die Mühe mit dem Schreibkram gemacht hat.



Angenommen die Veranstaltung findet tatsächlich mehr oder minder wie geplant statt,  steht erstmal die Einschleusung an. Also eine ganze Reihe Formulare ausfüllen, die ich mittlerweile aus dem Effeff kenne. Viel davon wäre mit vernünftiger EDV und sinnvollen Vorschriften unnötig, anscheinend ist das Staatswesen von baltischen Ländern viel effektiver. Dann wird die Stube bezogen, sofern sie ausschließlich mit Reservisten bezogen wird ist das in Ordnung, da herrscht ein vernünftiger Umgang, insbesondere ohne Kameradendiebstahl! Aber ab und zu sind dann noch Aktive mit auf der Stube. Mit denen möchte ich aus genannten Gründen möglichst nichts zu tun haben. War nach der Dienstzeit relativ kaputt und war heilfroh, mit Niemandem meine Wohnung teilen zu müssen. «Nimm dir doch ein Zimmer» meinte meine Oma vor dem Studienbeginn – eine Horrorvorstellung!

Foto: Pixabay

Oder das Essen. Zwar ist die Verpflegung bei Grillfesten der Bundeswehr oft ganz ausgezeichnet, aber das trifft leider gar nicht auf die normale Truppenverpflegung zu. Zum Frühstück billigste Aufbackbrötchen, mittags grundsätzlich etwas mit billigster Fertigsoße, meistens ist auch das Essen an sich Tiefkühlware. Jedes Mal, wenn ich Bw-Essen zu mir nehme muss ich durchgängig furzen, ein verbreitetes Phänomen. Das hört nach 2 Wochen kontinuierlicher Einnahme von Bw-Essen auf. Vor meiner Bundeswehrzeit habe ich Essen mehr als eine Art Betriebsstoff verstanden, aber im Laufe meines Wehrdienstes und Studiums habe ich Essen als Kulturgut schätzen gelernt. Ich bin nicht übermäßig wählerisch, aber diese Tiefkühlware muss nun wirklich nicht sein. Man könnte die lokale Wirtschaft stärken, aber nein… lieber in größtmöglichen Mengen von Monopolisten kaufen.

 

Also gut, der erste Papierkrieg ist gewonnen, die Verpflegung wurde gefasst. Also Waffen und Zusatzausrüstung fassen. Die Waffen (meist G36) sind ja in Ordnung, aber was soll ich mit diesem antiquierten Funkgerät SEM52SL, das 10 AA-Batterien fasst und diese auch schnell verbraucht? Mein privates Funkgerät kann quasi Alles besser und kostet 30€. NEU. (Gut, es ist nicht EMP-sicher,) Und dann wieder nur ganze 3 G36 Magazine für das völlig veraltete Lochkoppelsystem, das im letzten Jahr nachbeschafft wurde. Ernsthaft? Ich wurde selbst für meine Privatausrüstung von tschechischen Airsoftspielern schon verspottet, die vor 10 Jahren der Standard der Fallschirmspezialzüge (Spezialeinheit der Fallschirmjäger) war. Wieso sollte ich mit dem Kram üben, der vor 30 Jahren leidlich aktuell war? Affig.

Foto: Pixabay

Und was passiert, wenn einem Soldaten ein Unglück widerfährt? Ich bin Wehrdienstgeschädigter – was einem vorher Keiner erzählt: Bei vielen Unfällen zahlt die Bundeswehr nichts. Kenne zwei Fälle mit Tinnitus, die leer ausgingen und ich habe auch kein Geld für meine Wehrdienstbeschädigung erhalten. Ich weiß nicht mal wirklich, warum das so war. Vielleicht, weil ich keine Handschuhe getragen habe? Ich könnte noch diverse Fälle mit teilweise drastischeren Auswüchsen nennen.

Ein weiterer Grund ist die politische Verfolgung von kritischen Soldaten, die immer absurdere Züge annimmt. Staatsbürger in Uniform, also ein kritischer Mensch mit eigener, unabhängigen politischen Meinung und Prägung sein zu dürfen,  war einmal.

Wie gesagt ist das Leben in der Schlammzone, also in Kampfverwendungen bei der Bundeswehr vergleichbar mit einer Beziehung zu einer Borderlinerin. Wie eine Achterbahn – man kann mit ihr viel Spaß haben, aber ggf. zerstört sie deinen Leib und dein Leben. Ich werde mich unter anderem aus oben genannten Gründen weiterhin von der Truppe fernhalten. Reserve hat Ruh.

Foto: http://www.eucom.mil/media-library/Article/19581/dancon-march-tests-kfor-soldiers


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Triarius – der junge Geschichtsstudent diente mehrere Jahre in infanteristischen Verwendungen bei der Bundeswehr. Seine Freizeit verbringt er bevorzugt in der Natur, betreibt aber auch leidenschaftlich gerne Motorsport.

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