Wenn man denkt, es ginge nicht tiefer …

… kommen pünktlich zur Sommerpause die Festspiele in Bayreuth um die Ecke. Hier trifft sich seit eh und je die (Polit-)Prominenz unseres und auch unserer Nachbarländer. Seit einiger Zeit ist hier vor allem, neben Schauspielern, deren Namen ich im Rahmen der Recherche zu diesem Artikel zu ersten Mal hörte, ein Verkommen des Stils unserer Repräsentanten zu beobachten.

Regeln für Struktur und Zugehörigkeit

Kleiderregeln bestehen eigentlich, seitdem der Mensch begann, seine Gemeinschaft zu strukturieren – hier dienten sie als äußerer Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Die Senatoren Roms trugen purpurne Streifen auf ihrer Toga, und keiner wäre auf die Idee gekommen, in den Klamotten eines Bauern ins Forum zu gehen. Heute ist dies, seitdem Joschka Fischer mit Turnschuhen ins Parlament kam, auch kein Aufmacher mehr. Kleidung wird bestimmt und bestimmt gleichzeitig aktiv den »Stamm«, welchem wir uns zugehörig fühlen. Zugleich gibt es durch die Mehrheitsgesellschaft implizit vorgelebte Regeln, wer sich wo wie zu kleiden hat.

Stil als scheinbar müheloses beherrschen der Regeln

Stil bedeutet nun, sich im zugehörigen Regelwerk, egal ob durch den eigenen »Stamm« vorgegeben oder durch die Gesellschaft gesetzt, souverän zu bewegen. Guter Stil ist, dies scheinbar mühelos zu können, und dabei auch in der Lage zu sein, bestimmte Teilgruppen des erwarteten Stils zu interpretieren und so in diesen zu wandeln. Doch wie wir wissen, fließt in allem, was wie scheinbar mühelos vollbracht wird, große Übung und Aufwand. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema, die stattfindet, wenn andere nicht zusehen. Wie der Pianist, der vor einer Menge scheinbar mühelos auftritt, täglich übt, so muss sich auch jeder, der stilvoll durchs Leben gehen will, sich regelmäßig mit diesem Bereich auseinandersetzen.

 

 

 

Wer die Regeln nun beherrscht, zeigt damit auch Respekt gegenüber dem Regelsystem und den Menschen, die sich diesem auch unterwerfen, dass heißt dem »Stamm«, welchem man sich durch dieses Verhalten auch zugehörig zeigt. Das beste Beispiel dürfte der Bürger in Uniform sein, der mit dieser ganz klar seine Zugehörigkeit zur Armee und den damit verbundenen Regeln, Einschränkungen und Gefahren zeigt. Er wird so immer auch nach außen klar zum Repräsentanten dieser Gruppe.

Warum man Regeln bricht

Wer sich nun gegen die Regeln der Gruppe vergeht, kann dies aus einigen Motiven tun: Entweder er kennt die Regeln und zeigt dies zunächst auch, und provoziert dann durch seinen Stilbruch. Der Stilbrecher stellt sich so teilweise außerhalb der Gemeinschaft, so wie Fischer es mit seinen Turnern tat.
Oder aber er weiß es nicht besser, was bedeutet, dass er sich nicht hinreichend mit dem Regelsystem auseinandergesetzt hat und daher die dahinter stehende Gemeinschaft zumindest implizit minder wertschätzt. Das Nichtbeachten ist so ein Zeichen von Ignoranz , gegen der Gemeinschaft oder dem Anlass. Diese Ignoranz ist dabei zumeist gar nicht direkt bösartig, sondern erwächst eher aus einer Schlampigkeit im Umgang mit Anlässen, die eine Kleiderordnung voraussetzen. Dies glaube ich, ist der Fall wenn sich alljährlich die Prominenz im Bayreuth zu den Händelfestspielen trifft. Wer glaubt, bei dieser Veranstaltung echte Wagner-Fans zu finden, glaubt wohl auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Woher die Stillosigkeit rührt – und was sie bedeutet

Es zeigt sich hier eine Tendenz unseres vermeintlichen Spitzenpersonals, die seit Jahrzehnten beobachtbar ist: sie haben (auch politisch) keinen Stil mehr. Man könnte nun meinen, dass die Zugehörigkeit zum »Stamm« der Politiker, deren Dresscode ja nun bisher der Anzug mit Krawatte war, aufgebrochen wird. Wer will schließlich gern als Politiker erkannt werden? Ich glaube jedoch, dass auch dies eine Spätfolge der ’68er ist: Wer Stil und damit Regeln ehrt und umsetzt, ist damit in der Denke vieler zumindest ein Reaktionär. Dabei will auch ich nicht, dass wir alle zurück in die 1930er reisen, wo es sich für den Herren eben gehörte, kollektiv Anzug und Hut zu tragen. Doch das beherrschen der Grundregeln des eigenen Stils und auch jener Regeln, welche für bestimmte Dresscodes gelten, ist mehr als wünschenswert. Kleidung drückt auch durch die damit verbundene Beschäftigung Wertschätzung für mein Gegenüber und meine Umwelt aus. Jene Höflichkeit sollte man sich für den politischen Diskurs wünschen – ein Zurück zum Stil wird dabei helfen.

Foto: Pixabay


 

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Libertär-konservativ – schreibt hier vor allem über internationale Politik.
Schuftet nebenbei in den Goldminen als Aushilfsarbeiter.

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