Für und Wider dieser Gegenwart

Das große Gefühl, das Heldenhafte, das Aufschauen zu etwas Größerem und Transzendentem ist unserer heutigen Zeit abhanden gekommen. Wer heute jung ist, wird meist damit vorlieb nehmen müssen, es aus der Literatur wie Ernst Jüngers «In Stahlgewittern» herauszulesen, es aus Predigten wie denen des Pfarrers Hans Milch herauszuhören und es aus Videos wie dem von Roger Scruton über die Relevanz der Schönheit in der Kunst herauszusehen. Auf der Straße, in unserem Privatleben und unserem Berufsleben erleben wir es in aller Regel nicht mehr. Wir erleben aber Folgendes:

  • Erstens die Amerikanisierung unserer Lebensumwelt, die sich in Alltagssprache, Werbung und Bildung unaufhörlich breit macht und die deutsche Sprache degradiert und erodiert. Damit wird eine Säule der deutschen Identität angegriffen.
  • Mit der Amerikanisierung sind zweitens eine Ökonomisierung und eine Konsumisierung aller Lebensbereiche verbunden. Das Wirtschaftswachstum ist eine entscheidende Triebkraft in dieser Gesellschaft, der z.B. die ethnische Homogenität geopfert wird. Der Konsum ist das neue Opium des Volkes; er gaukelt uns Selbstverwirklichung vor und dass jeder berühmt werden könne. Die postmoderne Entsprechung zu Brot und Spiele heißt Pizza, Play Station und «Deutschland sucht den Superstar».
  • Drittens wächst der Fremdenanteil an unserer Gesellschaft unaufhörlich. Fremde sind so häufig und so präsent in der Öffentlichkeit geworden, dass man sich in seinem eigenen Land oftmals nicht mehr recht zu Hause fühlt.
  • Viertens erleben wir, mit der Migration einhergehend, die Islamisierung, d.h. die quantitative Ausbreitung des Islam und damit assoziierter fremder und rückständiger Traditionen in unserer Gesellschaft (Ehrenmord, Genitalbeschneidung).
  • Fünftens sehen wir den Kulturmarxismus am Werk in der Form von Gleichmacherei und Denkverboten, dem Angriff auf die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen, Traditionen und nationaler Identitäten. Dadurch erleben wir eine in der Geschichte beispiellose Beliebigkeit, Bindungslosigkeit und Vereinzelung. Außerdem kommt es zu einer Verdammung nahezu der gesamten deutschen Geschichte bis 1945 und demzufolge zu einer Blindheit für die Bezüge der Gegenwart zur Vergangenheit. Eine ahistorische oder zumindest stark verzerrte Einstellung zur Geschichte erschwert es massiv, aus ihr zu lernen.

Es gibt aber auch einige gute Haare an dieser Gegenwart zu lassen:

  • Erstens leben wir heute in Deutschland auf einem hohen Wohlstandsniveau bei guter Lebensqualität, mit hoher Lebenserwartung, guter medizinischer Versorgung, relativ niedrigen Arbeitszeiten und einigermaßen friedlichen Verhältnissen. An allen diesen Punkten wird allerdings in letzter Zeit gekratzt, z.B. was das Abschmelzen der Vermögen durch die Niedrigzinspolitik, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die durch die Migration zunehmende Kriminalität angeht.
  • Zweitens ist uns heute eine individuelle persönliche Entwicklung so leicht möglich wie noch nie. Wir können unsere Berufswahl, Partnerwahl, Wahl des Wohnorts und andere Stellgrößen unseres Lebens weitgehend frei bestimmen. Der Sohn des Müllers muss nicht mehr Müller werden. Und man muss nicht in einer erstarrten Ehe für Jahrzehnte versauern, sondern kann sich scheiden lassen und sich neu orientieren, um seinem persönlichen Entwicklungsstand gerecht zu werden. Auch müssen Homosexuelle ihre Orientierung nicht mehr ein Leben lang verbergen bzw. Doppelleben führen.
  • Drittens hat das Informationszeitalter den großen Vorzug, dass über das Internet jeder sehr schnell Zugriff auf Wissen hat und mit anderen in Echtzeit kommunizieren kann. Derzeit erleben wir mit der Gesetzgebung gegen Hassrede und der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erste größere Einschnitte bei der Freiheit des Internets. Offenbar hat die EU einen Grad des Totalitarismus erreicht, bei dem es angemessen scheint, uns kürzer an die Leine zu nehmen.
  • Viertens ermöglichen der weitgehend ungehemmte Fluss von Information gemeinsam mit den modernen Möglichkeiten, in der ganzen Welt umherzureisen, eine Öffnung für die Kulturen und Kulturtechniken anderer Völker. Gerade die Auseinandersetzung mit der ostasiatischen und indischen Weisheit und Tradition haben in Form von Kampfkünsten, Yoga und Meditation vielen Menschen im Westen geholfen, sich körperlich und geistig weiterzuentwickeln und tun dies weiterhin. In dem Maße, wie im Westen religiöse Bindungen wegfallen, ist diese Öffnung eine wichtige Stütze, um Menschen zu helfen, Sinn und Streben nach Höherem zu finden.
  • Fünftens hat die Konsumorientierung unserer Gesellschaft natürlich den Vorzug, dass wir eine Auswahl an Waren zu günstigen Preisen haben wie noch nie. Das geht freilich in vielen Bereichen so weit, dass wir die Qual der Wahl haben. Und es stellt sich die Frage, ob wir in Deutschland wirklich jede exotische Frucht kaufen können müssen.

Alle diese Punkten zusammennehmend, stellt sich heraus, dass wir heute im idealen Zeitalter für Individualisten, Materialisten, Konstruktivisten, Hedonisten und Nihilisten leben. Die Gegenwart ist allerdings mitunter schwer zu ertragen für Patrioten, Essenzialisten und jene, die an etwas Höheres glauben und über sich selbst hinaus schaffen wollen, da ihre Werte als wertlos behandelt werden (Ausnahme: Islamisten als paradoxer Rammbock der Kulturmarxisten gegen abendländische Identitäten).

Viele der positiven Aspekte dieser Gegenwart haben ihren Zenit überschritten und zeigen einen Übergang hin zu schlechteren Lebensverhältnissen, Beschneidung der Rechte und totalitären Verhältnissen an. Gegen die Gegenwart an sich kann man sich nicht wehren, denn sie ist das einzig Wirkliche. Aber gegen die Zustände, die in dieser Gegenwart, in der wir heute leben, kann man sich wohl wehren.

 

Foto: Pixabay


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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

2 thoughts on “Für und Wider dieser Gegenwart

  1. Ein interessanter Artikel. Allerdings kann ich einem Punkt so nicht ganz zustimmen:
    “An allen diesen Punkten wird allerdings in letzter Zeit gekratzt, z.B. was das Abschmelzen der Vermögen durch die Niedrigzinspolitik,”
    Es mag korrekt sein dass die Zinspolitik für viele ein Problem ist. Dies ist sie allerdings nur so lange wie man sich an (schon immer) schlechtverzinste Produkte klammert.
    Denn ein weiterer Vorteil unserer modernen Gesellschaft ist dass es noch nie so leicht war sein Geld zu niedrigen Kosten Anzulegen. Es steht heute jedem Frei auf den Aktienmärkten dieser Welt zu investieren. Und wenn man sich wie im vierten positiven Punkt ein geeignetes Fachwissen zulegt sind auch die Risiken hierfür berechenbar.

  2. So positive sehe ich das nicht, aber immerhin wird oben ja auch ausdrücklich gesagt, dass viele der positiven Punkte ihren Zenit überschritten haben. Ich sehe unsere Kultur in einer großen Krise, die sich in allen den vielleicht noch positiven Aspekten zeigt.

    •”Erstens leben wir heute in Deutschland auf einem hohen Wohlstandsniveau bei guter Lebensqualität” – nur wenn man von der doch inzwischen erheblichen Gewaltkriminalität nicht betroffen ist.
    •”Zweitens ist uns heute eine individuelle persönliche Entwicklung so leicht möglich wie noch nie. Wir können unsere Berufswahl, Partnerwahl, Wahl des Wohnorts und andere Stellgrößen unseres Lebens weitgehend frei bestimmen” – komisch, dass es dann so viel mehr Singles als früher gibt, und so viel weniger Kinder. Katze statt Baby mag individuelle persönliche Entwicklung sein, positiv oder gesund ist es nicht-die alleinstehenden Katzenfrauen sind nach meiner Erfahrung auch nicht glücklich.
    •”Drittens hat das Informationszeitalter den großen Vorzug, dass über das Internet jeder sehr schnell Zugriff auf Wissen hat und mit anderen in Echtzeit kommunizieren kann” – dabei nimmt der Anteil der Analphabeten und funktionalen Analphabeten stetig zu. Geschriebene Blogs werden zunehmend durch Video-Blogs ersetzt, weil einfach immer weniger Menschen lesen.
    •”Viertens ermöglichen der weitgehend ungehemmte Fluss von Information gemeinsam mit den modernen Möglichkeiten, in der ganzen Welt umherzureisen, eine Öffnung für die Kulturen und Kulturtechniken anderer Völker. Gerade die Auseinandersetzung mit der ostasiatischen und indischen Weisheit und Tradition haben in Form von Kampfkünsten, Yoga und Meditation vielen Menschen im Westen geholfen, sich körperlich und geistig weiterzuentwickeln und tun dies weiterhin.” Stimmt so nicht. Karate, Judo, Yoga etc. kamen vor über 100 Jahren nach Europa, so was lernt auch keiner im Internet, sondern nur in einem Dojo. Bei mir am Ort haben alle Sportvereine enormen Mitgliederschwund. Stattdessen gehen die Leute ins Fitnessstudio.
    •”Fünftens hat die Konsumorientierung unserer Gesellschaft natürlich den Vorzug, dass wir eine Auswahl an Waren zu günstigen Preisen haben wie noch nie.” OK, der Punkt stimmt – noch.

    Die guten Haare der Gegenwart sehen schon sehr nach Glatze aus.

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