Für lebendige deutsche Städte!


Großstädte sind wie das Empfangszimmer und Aushängeschild von Nationen – sie sagen viel über Länder und Völker aus. Eines meiner Steckenpferde ist die Beschäftigung mit Großstädten – ihr Aufbau, Funktionsweise, das Straßenleben, der Verkehr, die Architektur und die Sicherheitsmaßnahmen. Näher betrachten konnte ich in den letzten Jahren Nürnberg, Berlin, München, Stuttgart Birmingham, Porto, Rom, Budapest und London. Letzere Stadt war diejenige, die ich am bemerkenswertesten fand, leider zum guten Teil im negativen Sinne. Um meine Betrachtungen einzuordnen werde ich zunächst erläutern, wie ich das in Nürnberg um 2010 erlebt habe:

 

Nürnberg – ein wenig ranzig, aber grün, authentisch und ehemals gemütlich

Quelle: Pixabay

Nürnberg war zu Kriegszeiten eine sehr beeindruckende Stadt  mit einem intakten historischen Stadtkern, einem sehr guten Straßenbahnsystem, die Fürther Straße als 4km lange, 30m breite, schnurgerade Kunststraße und nicht zuletzt die gigantomanischen Nazibauten um den Dutzendteich. Noch nicht einmal der irrsinnige Krieg verunstaltete Nürnberg so richtig schlimm, viel mehr waren es die Städteplaner. Viele erhaltene Altbauten wurden durch profane Nachkriegsarchitektur ersetzt, das Straßenbahnsystem wurde zugunsten einer vergleichsweise düsteren und überdimensionierten Straßenbahn (teilweise) geopfert, die Fürther Straße ist heute nur noch toter Raum mit einer zweispurigen Ausfallstraße und Parkplätzen.

So weit, so schlecht. Aber dennoch hatte Nürnberg zu meiner Zeit um 2010 eine gewisse Lebensqualität. Die Straßenkriminalität beschränkte sich im Wesentlichen auf «Gostanbul» (Gostenhof…), das Nachtleben war breit gefächert und qualitativ annehmbar. Wir sind früher auch sehr oft nachts in die vielen und vielfältigen Ruinen eingestiegen, um sie zu erkunden. Keine Kulissen, sondern echter Ranzcharme! Was mir gut gefiel war das Straßenleben. Es gab einfach viele ruhige Straßen, viel Grün und viele Ecken, die mit Parkbänken zum Verweilen einluden. Kulinarisch kann man Nürnberg trotz all der Dönerbuden, Schachtelwirte (McD..) und Hipsterrestaurants immer noch klar als deutsche Großstadt erkennen. Gerade die Drei im Weggla findet man an jeder Ecke.

Leider wird Nürnberg immer ungemütlicher und wie schon mehrfach erwähnt sollte man sich heute am Hauptbahnhof (den man leider fast zwangsläufig häufig durchquert) in Acht nehmen und der Moloch Nürnberg-Fürth-Erlangen ist mittlerweile bis hoch nach Forchheim ein Gewerbegebiet, das quasi nur aus Stau und Baustellen besteht. Vermissen tue ich es nicht.

 

München – relativ authentisch, aber furchtbare Wohngebiete

Quelle: Pixabay

München hingegen ist ungemütlicher, denn es gibt viel Prunk und man nimmt der Stadt das Erbe noch ab, aber es gibt viel weniger Grün. Die Straßen sind selbst in der Innenstadt nicht besonders einladend. Die meisten Wohngebiete bestehen heute aus austauschbaren, wohnraumoptimierten Wohnwürfeln, die den Charme eines Seecontainers haben. Während man auch in Nürnberg noch hauptsächlich «Kartoffeln» auf den meisten Straßen sieht, sind die Straßen in München gefühlt bunter. Nicht nur die zugezogenen Preußen geben München den Touch von einer Invasion der Außerirdischen.

Allerdings: Auch München kann man kulinarisch ganz klar zuordnen. Auch abseits vom Hofbräuhaus und der Wiesn findet man überall traditionelle lokale Gerichte – z.B. Käsekrainer mit Meerrettich und belegte Brötchen direkt beim Yorma’s an den Bahnsteigen vom Hauptbahnhof oder am Flughafen das Airbräu, das trotz seiner Hipsteraufmachung ein klassisches und bezahlbares oberbayerisches Wirtshaus ist.

 

Birmingham – grau und gefährlich, aber mit Charme

Foto: Jwslubbock, CC BY-SA 4.0

Ich verstehe Großbritannien als etwas ranziges Land – so wie ein Kneipenstammgast mit leicht schiefen, vergilbten Zähnen und etwas aufgedunsenem Gesicht. Genau so präsentierte sich uns Brum bei unserer Ankunft . Fünf Häuser weiter brannte ein Auto, gegenüber vom Hotel war ein altes, mit Brettern verrammeltes Herrenhaus und im zweiten Stock gab es kein warmes Wasser. Als wir beim Supermarkt einkauften und auf der Straße trinken wollten, hab kaum 5 Minuten später eine Zivilstreife vorbei und ermahnte uns, dass Trinken auf der Straße verboten sei und wir aufpassen sollen, da in dieser Straße viele Diebe unterwegs seien. Aber gut, dafür gab es in der Nähe einen schönen Park und das Hotelessen hat gepasst.

Die Innenstadt war nicht sehr attraktiv.  Brutalismus noch und nöcher, der McDonalds hatte einen Erlebnischarakter: Beim ersten Mal gab es eine Essensschlacht, das zweite Mal war ohne Vorkommnisse, beim dritten Mal waren zwei schwarze Gangs kurz davor sich zu vermöbeln.

Was mir positiver auffiel war eine gewisse Grundfreundlichkeit und der herrliche Charme von heruntergekommenen viktorianischen Gebäuden außerhalb des Stadtkerns. Abseits des Stadtkerns fühlt sich Birmingham tatsächlich noch authentisch an. Was mir aber hier schon ein wenig auffiel ist, dass quasi durch die Straßen durchgeschossen wird, es gibt abseits von Gebäuden und Parks quasi keine Plätze, die zum Verweilen einladen. Und es gab sehr viele nichtweiße Einwohner.

Quelle: Pixabay

Kulinarisch habe ich keine spezielle Erinnerung an Birmingham – das war 2010, damals habe ich mir weniger Gedanken zur Migration und Erhalt von traditionellen Kulturgütern gemacht.

 

London – eine gentrifizierte Kulisse

Gut, Deutschland hat ein Straßenleben, Birmingham ist hooliganmäßig freundlich und etwas ranzig. Aber London? Man hat die Wahl zwischen Kulissen und Profanbauten. Vom Justiz- und Regierungsviertel will ich gar nicht erst anfangen zu erzählen! Keine Bänke, am Wochenende haben die Pubs zu, kilometerweit keine Mülleimer. Man wird durchgeschossen. Echt ungemütlich.

Während unsere Jugendherberge tatsächlich cool, aber relativ hipstermodern hergerichtet war, kann man das vom East End nicht behaupten. Dieses war einst bekannt für Armut, Gewalt, Jack the Ripper und Pissrinnen auf der Straße. Aber heute? All der Ranzcharme wurde wegsaniert. Gentrifiziert. Als hätte würde man bei einem Musikvideo von The Prodigy einfach den Ton rausmachen und die Bandmitglieder durch Staubsaugervertreter ersetzen. Am Wochenende sind die meisten Straßen tot, weil die einstigen Bewohner durch das Kapital vergrault wurden und die ehemals schönen gregorianischen und viktorianischen Häuser nur noch Büros beinhalten.

Ganz anders schaut es nur wenige Straßen weiter aus. In einem Viertel zwischen fein sanierten Altbauten und jede Menge moderner Bürotempel finden sich mehrere Straßen, in der eine merkwürdige Ansammlung aus erstklassiger Straßenkunst und eine Straße mit lauter südasiatischen Geschäften und einer Moschee findet. Während die Straßenkunst erstklassig und offenbar dort von den Bewohnern und auch von den Behörden akzeptiert wird, fühlt man sich dennoch in dieser Ecke fast wie auf einem anderen Kontinent. Zumindest fühlt es sich authentisch und nicht blutleer an, auch wenn die Bewohner vor 50 Jahren sicher ganz anders aussahen.

So richtig ungemütlich sind dann aber die ärmeren Ecken südlich der Themse. Dort hat man kaum noch Grün, dafür Feldlagercharme. Das Einkaufszentrum bei der Elephant and Castle Station ist furchteinflößend. Wohlgemerkt, dort leben fast nur Nichtweiße und doch fühlte ich mich zu keinem Zeitpunkt bedroht.

Auch die Docklands waren enttäuschend, denn von der ehemaligen Hafenatmosphäre ist nichts mehr zu erkennen und die Lagerhäuser haben nichts mehr von ihrem Charme. Dazwischen ganz viele Wohnwürfel, egal ob nun Wohnungen oder Hotels. Das legendäre, ehemals riesige Gaswerk Beckton – bekannt aus Full Metal Jacket (Stadtkampfszenen) oder 007 – In tödlicher Mission (Hubschrauberszene) ist quasi komplett weg. Man denke nur an unsere atemberaubende Völklinger Hütte! Ein Ensemble, das sich nicht in Worte packen lässt. Die Briten machen sowas platt für Kläranlagen und einen nichtssagenden Vorort.

Quelle: Pixabay

Kulinarisch hatte ich nicht den Eindruck, in England zu sein , weil wir mussten die tradionelle lokale Küche aufmerksam suchen. Es gab quasi nur internationale Küche, insbesondere das was man heute als englische Küche versteht: Chicken Masala und Konsorten, also im Prinzip asiatische Küche.

 

Ein Plädoyer für Authenzität und Lebensqualität durch Architektur und Gastronomie

Deutsche Großstädte sollten in ihrem Grundcharakter erhalten werden.  Gentrifizierung darf weder durch Umvölkerung (egal ob reiche Schnösel oder Migranten) noch durch gewinnmaximierende Profanbauten erfolgen. Auch der Denkmalschutz muss so gehalten werden, dass der Grundcharakter der Häuser und Straßen erhalten bleibt! Da passt weder eine Moschee mit kaminartigem Minarett noch ein verfälschend hergerichtetes Lagerhaus. Ebenso muss die Lebensqualität durch genügend Grünflächen, Parkbanken und nicht zuletzt auch Durchsetzung von Recht und Ordnung erhalten und wiederhergestellt werden!

Quelle: Pixabay

Auch die deutsche Küche ist trotz aller Unkenrufe gut, vielfältig und erhaltenswert. Sie reicht sicherlich nicht an die herrliche italienische ran, aber die portugiesische schnupft sie allemal. Obwohl sie im internationalen Vergleich gesehen lokal immer noch fest verankert ist, wird sie schon teilweise vom Schachtelwirt, Hipsterklitschen und nicht zuletzt nahöstlicher Küche verdrängt. Das momentane Verhältnis gefällt mir gut – die kulinarische Vielfalt in Deutschland sucht seinesgleichen. Sie darf allerdings nicht wie die englische zur Monokultur verkommen!


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Triarius – der junge Geschichtsstudent diente mehrere Jahre in infanteristischen Verwendungen bei der Bundeswehr. Seine Freizeit verbringt er bevorzugt in der Natur, betreibt aber auch leidenschaftlich gerne Motorsport.

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