Der Russe muss böse sein, damit der Westen gut sein kann – Gastbeitrag

Gastbeitrag: von Stefan Müller (www.stefanmueller.org)

Der Umgang mit dem Fall Skripal enthält alles, um die anti-russische Propaganda seit dem Ende des Kommunismus nachvollziehen zu können. Dies ist jedoch ein gefährliches Unternehmen, denn damit wird Russland entdämonisiert und anstelle dessen legt sich ein diabolischer Schleier auf die vermeintlich liberalen Demokratien des Westens. Denn ist deren Liberalismus wirklich frei, oder handelt es sich nur um eine weitere Ideologie?

In meiner Kindheit hörte ich sehr oft, dass der Russe ja quasi mit seinen Panzern schon vor der Grenze stünde. Ich wusste zwar damals nicht so genau, welcher Russe da eigentlich genau gemeint war, aber dieser eine Russe kam jedenfalls niemals bis ins Rheinland.

Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Untergang der Sowjetunion veränderte sich das Bild des Russen etwas. An die Stelle von dämonischen Bastarden, wie uns Hollywood das immer gezeigt hat, traten jetzt eher permanent Wodka saufende Verlierertypen, die aber irgendwie sympathisch waren. Boris Jelzin lieferte für diese Charakterisierung anscheinend die Blaupause.

Was aber Politiker vom Schlag eines Boris Jelzin dann Mütterchen Russland antaten, bekamen wir in Deutschland aber nur sehr gefiltert und meist auch erst mit großer Verspätung mit. Stichwort: Ausverkauf von Staatsunternehmen, Rohstoffen, Schiffen usw. für ein Taschengeld. Das sich dann irgendwann ein Putsch ereignete, führte unsere Presse auf alte kommunistische Seilschaften zurück, dass es dafür aber auch ganz andere Gründe wie den nahenden Bailout des ehemaligen Giganten Russland gegeben haben könnte, wurde erst viel später publik gemacht.

Dann irgendwann kam Putin und mit ihm kamen die Dämonen zurück, zumindest in den Medien. Dies geschah aber mit deutlicher Verzögerung, denn zuerst glaubte man wohl, Putin wäre eine Art Jelzin reloaded. Doch dem war nun absolut nicht so und deshalb lief die Propagandamaschine wieder voll an.

Der Fall Skripal wird nun instrumentalisiert, um von Großbritannien aus extrem Stimmung gegen Russland zu machen. Aber was war da eigentlich genau passiert?

Angeblich fand ein Attentat auf Sergei Skripal und seine Tochter statt. Bei Skripal handelt es sich um einen zum MI6 übergelaufenen Ex-Agenten des russischen Militärnachrichtendienstes (GRU). Bei diesem Anschlag soll der biologische Kampfstoff Nowitschok zum Einsatz gekommen sein, der eventuell auf dem Türgriff am des Opfers aufgetragen wurde. In schneller Folge wurden von englischer Seite aus massive Anschuldigungen Richtung Moskau erhoben, was letztlich zu einer Reihe von Sanktionen gegen Russland führte. Der letzte Stand der Eskalation besteht in der Unterstellung, dass Russland ein aktives Biowaffenprogramm unterhält. Der böse Russe ist nun also endgültig in den Medien zurückgekehrt, wenn er denn jemals wirklich fort war!

Bis auf eine eilig zusammengeschusterte Powerpoint-Präsentation konnte die englische Regierung keine seriösen Beweise für eine russische Beteiligung am Anschlag auf Skripal erbringen. Damit erinnert die Situation auf fatale Art und Weise an die angeblich definitiv im Irak vorhandenen Massenvernichtungswaffen, die dann als Vehikel zur Legalisierung einer Invasion des Landes führten. Im Nachhinein fand man zwar keine solchen Kampfstoffe, aber eigentlich war das der Weltgemeinschaft auf wieder völlig egal, Mission accomplished!

Gottlob geht es Sergei Skripal und seiner Tochter zum jetzigen Zeitpunkt wieder deutlich besser. Da die englische Regierung zwar von einwandfreien Beweisen spricht, diese aber nicht vorlegt, entsteht momentan aber eine gelinde gesagt etwas absurde Situation – denn eigentlich ist im englischen Salisbury ja überhaupt nichts passiert, außer einem veritablen Chaos. Denn warum sollte man eigentlich einem definitiven Verräter wie Skripal überhaupt Glauben schenken? Warum sollten wir der englischen Regierung Glauben schenken – etwa weil Großbritannien zu den «Guten» gehört? Aber warum gehört dann eigentlich Russland zu den «Bösen»?

Ich persönlich glaube an pragmatische Lösungen. Wenn ich ein Problem lösen will, wähle ich eine sowohl ökonomische als auch effiziente Lösung. Dieses Vorgehen ist wohl das absolute Standartvorgehen bei den meisten Menschen und ich glaube auch, dass dieses bei Nachrichtendiensten Anwendung findet. Warum also sollte die russische Regierung einen biologischen Kampfstoff für einen Anschlag wählen, der anscheinend für diesen Zweck völlig unbrauchbar war, aber bei seiner Entdeckung sofort für eine russische Beteiligung spricht? Das Tagesgeschäft von Nachrichtendiensten sind Operationen im Ausland. Dafür ist der israelische Geheimdienst Mossad ein gutes Beispiel, der eine Tradition darin hat, Feinde Israels sowohl effizient als auch kostenneutral aufzuspüren und zu liquidieren.

Oftmals treffen am Ende die einfachsten Erklärungen zu. In diesem Fall könnte das bedeuten, dass dieser vermeintliche Anschlag eine Operation des MI6 war. Auch dort hatte man alle nötigen Möglichkeiten, das Personal und ein Motiv: Anti-russische Propaganda.

Skripal selbst sollte hier auch nicht vernachlässigt werden, denn er ist Ukrainer. Schaut man sich die Gemengelage zwischen Russland und seinem Heimatland an, so spricht auch dieses Detail nicht unbedingt für eine große Sympathie für Russland, in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Bei seinem Verrat kurz nach dem Fall der Sowjetunion gab er das komplette Mitarbeiterverzeichnis des GRU an den britischen MI6 weiter und enttarnte damit hunderte von Agenten. Weiterhin starb 2017 der Sohn von Skripal während eines Urlaubs in Russland aufgrund akuten Leberversagens, was die Familie lautstark bezweifelte. Auch dies spricht nicht unbedingt für ein geklärtes Verhältnis zu Skripals ehemaligen Arbeitgeber. Aus diesen Gründen kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass Skripal wohl noch die eine oder andere Rechnung mit Russland offen hatte.

Warum aber sollte Großbritannien so ein starkes Interesse an der Propaganda gegen Russland haben?

Nun, der BREXIT ist ja weiterhin beschlossene Sache, auch wenn alle Beteiligten bremsen wo es nur geht. Kürzlich wurde ja noch eilfertig von den Massenmedien kolportiert, dass ja auch bei diesem Votum wieder russische Hacker beteiligt gewesen sein könnten. Soll also die englische Bevölkerung gegen Russland und damit für die EU mobilisiert werden? Just meldete sich auch Tony Blair mit der Forderung zu Wort, dass Deutschland den BREXIT verhindern solle. Ist die EU also ein totalitärer Club, aus dem ein Austritt unmöglich gemacht wird? Warum fordern nicht andere Staaten die Offenlegung der angeblichen Beweise in den Händen der britischen Regierung?

Bleibt abschließend aber noch die Frage nach dem generellen Grund für den Hass auf Russland. Hier fällt die Antwort deutlich leichter, denn Russland ist ein von Grund auf traditionelles und anti-modernes Land. Im Gegensatz zu den liberalen Demokratien des Westens legt es jetzt wieder Wert auf seine Religion, seine Werte und seine nationale Souveränität. Ebenso gibt es sogenannte «anti-liberale Tendenzen» auf die viele Russen sogar stolz sind, da sie mit eben diesen die russischen Traditionen schützen.

Jede politische Ideologie benötigt aber zur Stabilisation und Definition einen Erzfeind, anscheinend auch die liberale Demokratie. Russland bildet auf natürliche Weise eine Antithese zu den angeblich ach so liberalen Demokratien des Westens und eignet sich deshalb hervorragend als Gegner!



Hier sei jedoch zumindest ein Gedanke zu unserer eigenen, ebenfalls liberalen Demokratie gestattet. Liberalismus leitet sich ja vom lateinischen liber, also von Freiheit ab. Freiheit ist aber auch und gerade die Freiheit des Andersdenkenden. Wenn wir uns die Vierte Gewalt in unserem Land ansehen, finden wir dort eine astreine Monokultur, die so gar nichts mit der vielfach beschworenen Diversity zu tun hat: dort werden in Kommentaren und Artikeln fast ausschließlich linksliberale Perspektiven in epischer Breite an die Konsumentenschaft gebracht. Wenn es nun also tatsächlich so sein sollte, dass die betreffenden Journalisten dort ihre eigenen Standpunkte vertreten (und nicht durch Gesinnungsknebel ihrer Chefredakteure genötigt werden), wäre es dann nicht im Sinne des wahren Liberalismus auch andere Standpunkte anzubieten? Ist es nicht sogar ein Zeichen von einem grassierenden Antiliberalismus, wenn dort einzig und allein eine einzige Sichtweise vertreten wird? Sollte es nicht jeden wahrlich freiheitlichen Menschen ein Anliegen sein, genau dieses anzuprangern?

Lehnen wir uns also zurück und genießen die englische Posse. Ich bin fest davon überzeugt, dass es keinen einzigen Beweis für eine Täterschaft von Russland geben wird. Wer weiß das schon so genau, vielleicht löst sich ja auch das angeblich verwendete Nowitschok am Ende genauso in Luft auf, wie es die Massenvernichtungswaffen im Irak getan haben?



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2 thoughts on “Der Russe muss böse sein, damit der Westen gut sein kann – Gastbeitrag

  1. Ein sehr geistreicher Artikel und leider ist es so, dass er uneingeschränkt richtig ist. Der Brexit soll rückgängig gemacht werden, koste es, was es wolle. Und um den Briten nicht zu zeigen, wie dumm sie in den Augen der EU-Mafia sind, braucht man einen Schuldigen, einen, der manipuliert hat, einen, auf den man mit dem Finger zeigen und rufen kann: Seht her, der Russe hat euch betrogen und manipuliert. Lasst uns noch einmal wählen. Und die EU hätte es gerne, dass so lange gewählt wird, bis das Ergebnis endlich stimmt. Ich hätte da einen Vorschlag für die EU: Einfach den mündigen Bürger nicht mehr wählen lassen oder so wählen lassen wie in der Nazi-Zeit, ein ganz großes Ja gegen den Austritt und ein ganz kleines nein für den Austritt.

    Als die Sanktionen gegen Russland ausgesprochen worden sind, Initiator waren die USA, da dürfte keine Waren mehr nach Russland geliefert werden und die Industriestaaten haben sich daran gehalten, bis auf die USA, die dann richtig gute Geschäfte gemacht haben. Die dummen Deutschen haben das gewusst und geschluckt.

    Russland ist ein extrem gewaltiges Land mit scheinbar unerschöpflichen Bodenschätzen und die USA, das Verschwendungsland Nummer EINS weltweit, weiß das und weiß auch um die Stärke von Russland.

    Schlimm ist, dass der Bürger glaubt, dass der Russe der Böse ist und lässt sich vom Bösen an der Hand führen, ohne es merken zu wollen, weil die Lüge einfacher ist zu verstehen als die Wahrheit.

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