Berlin 24/7: April 2018 – Im Land der Verlorenen und Kaputten – und warum es hier immer nach P**** riecht

Ein kleines Tagebuch für Berlin, wo ich erzählerisch und rückblickend zusammenfasse, was mir so im Alltag hier passiert, wenn es  subjektive Relevanz für das Politische und Gesellschaftliche hat. Da diese leicht autobiographischen Texte von den Klickzahlen immer recht gut angekommen sind, habe ich mich entschlossen das zur Regelmäßigkeit zu machen und extra dafür Notizen zu führen. Mehr Unterhaltung, als fundierter Sachartikel.

 

Der Frühling ist endlich auch nach Berlin gekommen, hat die letzten winterlichen Temperaturen verjagt und dafür gesorgt, dass die schlanken Mädchen in engen Jeans und knapperen Hemden sich wieder nach draußen wagen. Schönste Jahreszeit ist für mich der Frühling, weil im Frühling meine ganzen Romanzen meist so richtig aufblühen, bevor sie dann gegen Herbst oder Winter vergehen. Also verbinde ich mit dem Frühling angenehme Lufttemperaturen und viel Romantik im Grünen. Das ist auch in diesem Jahr wieder so.

Den gestrigen Tag verbrachte ich bei einem der aktuellen Mädchen, irgendwo in Lichtenberg, wo sich witzigerweise eine ganze Reihe vergangener Romanzen von mir aufhalten. Keine 100 Meter von der derzeitigen Dame entfernt, in einem ganz ähnlichen Plattenbau, wohnt oder wohnte eine Ex-Freundin von mir. Der aus den Betonsärgen heraus nach draußen schlurfend Mensch an diesem Tag war ein fetter, ja man muss es sagen, adipöser Fleischberg von einem Computer-Nerd, der mit einem Blizzard T-Shirt plötzlich in der sich öffnenden Aufzugtür vor mir stand. Er trug eine Art Jogginhose und zog offensichtlich mit seinem Beutel voller Plastik- und Bierflaschen bewaffnet in Richtung Supermarkt, wo er sich zweifelsohne mit Fertiggerichten und weiteren Sorten Alkoholika eindecken würde. Da war sie also, die deutsche Jugend. Vital, kraftstrotzend und lebensbejahend. Der leicht Schweiß- und Bierdunst hing noch im Aufzug, als ich nach oben fuhr.



Zumindest war der Tierpark eine angenehme Abwechslung. Eingequetscht zwischen Plattenbauten und alten Exerzierplätzen, mitten im Osten von Berlin, lag die alte Anlage, wo wir Bilbos Hoppelland besichtigen konnten. Der Hase und die vielen Kinder waren ein kleiner Höhepunkt an diesem Tag. Denn auf dem Weg nach Hause musste ich wieder die S-Bahn nutzen und fuhr deshalb erneut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin.

Eigentlich müsste man ja sagen können, dass in Ostberlin der sogenannte Große Austausch noch nicht weit fortgeschritten ist. Das hätte man anhand der S-Bahn gegen 19 Uhr in Rummelsburg nicht bestätigen können. Auf einer Sitzbank zitterte und hustete ein Berliner mit dem Dosenbier in der einen Hand und dem Schnoddertuch in der anderen, während er die Leute grölend und wirres Zeug stammelnd immer wieder ansprach. Was genau er da sagte und wollte, weiß ich nicht mehr. Der beißende Uringeruch haftete ihm an und ich wurde daran erinnert, dass mir der Pissegestank in dieser Stadt wirklich alle fünfhundert Meter begegnet. Egal ob Franz Neumann Platz oder 23 Uhr am Alexanderplatz oder in Friedrichsfelde. Immer ist er da, immer riecht es ranzig nach abgestandenen Urin.

Im hinteren Bereich des Zuges saßen mehrere Schwarzafrikaner mit sehr, sehr, sehr dunkler Haut. Sie waren drei an der Zahl, trugen modische Kleidung und sahen insgesamt aus, als hätte man sie eben aus London oder der New Yorker Bronx entführt. Weißrotes Basecap, Blue-Jeans und Goldkettchen. Ein paar Meter weiter stand ein junges deutsches Mädchen, vielleicht so 18 Jahre alt. Sie hatte verheulte Augen, hörte Musik und schien so in ihrer eigenen Welt zu leben. Immer wieder tippte sie dabei wild auf ihr Handy, heulte ein wenig weiter und guckte dann demonstrativ weder in die Richtung der Schwarzafrikaner noch in die meine, wo der besoffene Berliner weiter versuchte mit mir oder den unsichtbaren Gästen hinter mir ein Gespräch aufzunehmen. Erfolglos.

Vor ein paar Tagen, das war noch im März, kam ich am Berliner Nollendorfplatz vorbei, wo ein Obdachloser mit abgefrorenen Beinstümpfen saß und die Hand zu uns, die ihm vorbeiziehenden Fahrgäste, ausstreckte.  Während ich da einige Minuten auf mein Date wartete, spielte sich ein kleines Beziehungsdrama vor meinen Augen ab, was man sicherlich für das Verblödungsfernsehen hätte verwenden können. Das deutsche Mädchen beim Ausgang schrie ihrem offensichtlich türkischem oder kurdischen Freund irgendwelche türkdeutschen Verwünschungen hinterher, die weder richtig klar als Deutsch oder Türkisch erkennbar waren. Zwischen dem ganzen Geheule und Schreien war kaum zu verstehen, was sie eigentlich meinte. Der ziemlich genervte Typ versuchte dabei eigentlich immer nur seine Schulter wegzudrehen und zu gehen, während ihm seine Freundin bzw. jetzt Ex-Freundin sagte: «Aslan, ich mach SCHLUSS! Ich häng mich auf man!» und «Wie kannst du sowas tun?» war für mich klar aus dem Streit herauszuhören. Dabei zerfloss ihr das Gesicht, weil ihr Make-Up offensichtlich nicht wasserfest war. Sie wirkte wie ein sehr trauriger Clown. Gefühlt ist Berlin an manchen Tagen voll mit den Kaputten und Verlorenen.

Aber auch hier am Nollendorfplatz, mitten in der «Zone» strömte mir der Pissegeruch in die Nase. Zerschlagene Fenster ein paar Straßen weiter und kleine Müllhäufchen zwischen den Mietshäusern erinnerten mich an New York, Bürgermeister Giuliani und seine strikte Law and Order Politik. Er hatte erkannt, dass die Broken-Window-Theorie gar nicht so doof war. In den 1990ern hielt er den sozialen und kriminellen Absturz vieler New Yorker Stadteile dadurch auf, dass er eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Kriminellen fuhr und selbst kleine Delikte hart bestrafen ließ. Eingeschmissene Fenster, Müllberge in der Öffentlichkeit und Pisslachen in der U-Bahn sind nämlich Katalysatoren eines weiteren und schlimmeren sozialen Verfalls. Ist die Stadt erst einmal kriminell und dreckig, geht der Absturz umso schneller. Warum sollten sich die Bürger um eine sowieso räudige Öffentlichkeit kümmern, wenn eh alles hässlich, krank und kriminell ist?

Dazu aus Wiki: Wilson und Kelling argumentieren: Wird eine zerbrochene Fensterscheibe nicht schnell repariert, sind im Haus bald alle Scheiben zerbrochen. Wird in einem Stadtviertel nichts gegen Verfall und Unordnung, Vandalismus, Graffiti, aggressives Betteln, herumliegenden Müll, öffentliches Urinieren, dröhnende Musik, Prostitution, Alkoholiker (die ihren Rausch ausschlafen), Drogenabhängige (die sich Spritzen setzen), trinkende und aggressiv-pöbelnde Gangs von Jugendlichen an Straßenecken, Drogenverkauf und dergleichen unternommen, wird das zum Indiz dafür, dass sich niemand um diese Straße oder dieses Stadtviertel kümmert und es außer Kontrolle geraten ist. Daraufhin ziehen sich die Menschen auf ihren engsten Kreis zurück, das Gebiet, für das sie sich verantwortlich fühlen, reduziert sich auf die eigene Wohnung. Damit unterliegt dann der öffentliche Raum nicht mehr der informellen nachbarschaftlichen Überwachung von Kindern und Jugendlichen sowie verdächtigen Fremden. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Häufig wechselnde Bewohner, deren Miete vom Sozialamt bezahlt wird, ziehen zu. Der Drogenhandel etabliert sich. Unter den Nachbarn entstehen Misstrauen und die Überzeugung, dass in bedrohlichen Situationen niemand zur Hilfe käme. Diese Überzeugungen wachsen sich dann zur Verbrechensangst aus. Die räumliche und soziale Verwahrlosung sind damit Symptome für den Zusammenbruch grundlegender Standards des zwischenmenschlichen Verhaltens. Das gilt nicht nur für Wohnbezirke, sondern auch für öffentliche Räume wie die U-Bahn.[6]

Zeichen mangelnder sozialer Kontrolle, wie verfallende Gebäude, verlassene Grundstücke, beschmierte Wände, herumliegender Müll, zerbrochene Straßenlaternen, herumstehende Autowracks (zusammengefasst als physical disorder) sowie herumlungernde Gruppen, Obdachlose, aggressive Bettelei, eine öffentliche Drogenszene (zusammengefasst als social disorder), locken Straftäter an, was wiederum die Kriminalitätsfurcht der Bürger verstärkt. Dem sei durch eine Erhöhung der Entdeckungswahrscheinlichkeit entgegenzuwirken und durch die Wiederherstellung der sozialen Kontrolle[7], wodurch die kriminellen Verhaltensweisen nicht länger als profitabel erscheinen.[




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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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