Der Durchschnittspolitiker beim Wahlkampf im Durchschnittsort beim Durchschnittswähler

Landtagsabgeordneter Müller von der Partei für Frieden, Gerechtigkeit und Arbeit möchte wiedergewählt werden. Der schwarze Mercedes ist mit dem bunten Fähnchen der Partei geschmückt, die Straßen seiner kleinen idyllischen Kleinstadt sind quasi menschenleer. Samstag Nachmittag in Müllerstadt eben.

«Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich ihnen!» Müller spricht im freundlichem Tonfall. Seine Mundwinkel ziehen sich zu einem Lächeln nach oben, als er die klobigen Hände der etwa 40-jährigen Hausfrau an der Tür reicht. Ganz bis zu seinen Augen reicht das Lächeln jedoch nie. Wenn man seinen Kopf in der Mitte halbieren würde, dann würde man wohl den angewiderten Blick der Augen besser erkennen.



«Wie geht es ihnen Frau Lehmann?»

Es interessiert mich nicht wirklich, wie es ihnen geht. Sie könnten todkrank im Sterbebett liegen, solange sie morgen via Briefwahl ihre Stimme abgeben, bevor sie den Löffel abgeben.

«Jut Herr Müller, dankschön. Und selber?»

«Gut, gut. Ist denn der Peter auch da? Ich war zufällig in der Gegend und wollte mal schauen, wie es hier in der Müllerstraße so aussieht und was ich für sie tun kann.»

Das ist natürlich gelogen. Der Besuch hier ist von seiner Kaffeeschupse seit Wochen geplant .Ich bin seit fünf Uhr in der Früh wach und klappere mittlerweile das 140. Haus im Arbeiterbezirk ab. Eine vollgeschissene Menschenhaut nach der anderen.

«PEETAAA! Der Herr Mülla ist daaa!»

Kommt ein dickbäuchiger Handwerkertyp angeschlurft. Die Glatze rundet seinen Kopf richtig ab, das weiße Hemd ist mit Fettflecken verschmiert. Herr Müller reicht ihm die Hand und man kann ihn innerlich fast schon Würgen sehen.

«Juten Tach Herr Mülla! Wat kann ick für Sie tun?»

«Guten Tag Herr Lehmann! Nein, nein! Die Frage ist doch, was ich für SIE tun kann! Denn dafür bin ich doch hier, um ihnen zu helfen. Was plagt Sie denn in letzter Zeit so?»

«Ach. Eigentlich nüscht Herr Müller oder? Uns gehts janz okay. Nich wahr Schatz?»

Die Frau runzelt die Stirn etwas. Hinter ihr kommt eine dreijährige Tochter zum Vorschein und zwirbelt die goldenen Löckchen ihrer Haare mit beiden Händen.

Schön. Nachwuchs!

«Wissen se Herr Mülla, da gibbet schon etwas…», fängt die Frau leise an und zögert.

«JA? Was denn Frau Lehmann? Spucken Sie es aus! Sagen Sie es mir! Was brauchen Sie? Was brauch der Bürger? Eine neue Kunstgallerie für expressionistische lateinamerikanische und afrikanische Kunst? Habe ich bauen lassen! Ein Begegnungszentrum für Jugendliche ohne Nazi-Hintergrund? Haben wir auch! Also was ist es?»

«Nunja Herr Mülla…Der janze Müll aufm Spielplatz neben der Begegnungsstätte stört scho. Und die janzen Spritzen im Sandkasten – war ich jestern mit der Marlene da spielen und haben wa uns beinahe jestochen an den ganzen Drogenspritzen. Und wenn se schon hier sind….»

Müllers Kopf färbte sich orangerot. Der Kragen war ihm ein wenig zu eng. Sein Lächeln jedoch brach nicht.

«Wenn se schon hier sind, dann können se doch mal kiecken was mit den jungen Jeflüchteten am Bahnhof nicht stimmt, dass die immer die alten Leute und die jungen Frauen belästigen. Ick bin ja kein Nazi, aber des sind so viele Herr Mülla. Manchmal zwei Dutzend und mehr und da fühlen se sich als Frau mit Kind nicht gut und sicher bei. Und jestern…»

Mittlerweile schoss schon blutroter Dampf aus den Ohren des Abgeordneten Müllers.

Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi.

«Ahjo! Und die Kitaplätze Herr Mülla!» warf der fette Ehemann und Proletarier ein. «Watn mit den Kitaplätzen? Die Lily is doch schwanger, wieder! Und –

«Meinen allerherzlichsten Glückwunsch!»

Mehr von der Nazibrut.

«Äh, ajo. Dankeschön! Wat ick sagen wollte…Wir haben ja immer noch keen Kitaplatz hier inner Stadt, wegen den janzen neuen Leuten aus Afghulistan und Afrinasien!»

«Achso. Ja aber da müssen Sie sich schon solidarischer zeigen Herr Lehmann und warten. Unsere Partei und ich stehen für die Gerechtigkeit für ALLE Menschen. Deswegen haben wir das auch im Parteinamen. Sehen Sie? Partei für Frieden, Gerechtigkeit und Arbeit!»

«Ick weeß doch Herr Mülla. Es is nur so, dass wir als Familie keinen Platz mehr kriegen, weil des ihre Sozialverwaltung so arrangiert hat, dass die Afrinasier bevorzugt Plätze kriegen…Aber wir warten doch scho vier Monate!»

«Möchten Sie damit sagen Herr Lehmann, dass ich Sie als weiße Familie bevorzugt behandeln sollte? Sollten SIE schneller abgefertigt werden, als die armen Geflüchteten? Warum teilen Sie sich nicht einfach einen Kitaplatz. Reden Sie doch mal mit einem unserer neuen Mitbürger! Ich habe Sie erst vorgestern in der Stadt beim Baumliebe- und Blütenfest empfangen und das sind ganz wunderbare braune Menschen!»

«Des haben wa ja scho versucht. Aber wir sprechen doch gar kein Afrinesisch.»

«Afrinesien ist ein Kontinent, kein Land. Afrinesisch ist keine Sprache Herr Müller.»

Scheiss dummes Nazipack. Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi, Nazi. Ungebildete Proletarier.

«Nu aber ehrlich Herr Mülla! Wat machen Sie jetzte gegen die Afrinesen am Bahnhof die da inna Nacht immer rumlungern?» Die Frau wirkt erregt. Müller erwischt sich dabei, wie er die Füße schon Richtung Straße zeigen lässt.

Ich würde eure Stimmen nicht mal nehmen, selbst wenn ihr mir die auf dem Tablett reichen würdet.

«Die Partei steht für soziale Gerechtigkeit Frau Lehmann….für alle Menschen!»

«Aber im Fernsehen haben Sie doch jesagt, dass Sie für den kleinen Mann stehen. Des sind wir doch Herr Müller, die kleinen Leute! Ick hab sie zwanzig Jahre jewählt!Ick bin ja keen Nazi ne. Aber was die vonna Alternative für Durchschnittsland jesagt haben stimmt doch – des sind zu viele von den Afghulen hier. Und ick bin ja keen Nazi Herr Müller, aber des was der Bernd Böcke jesagt hat….»

Kleine Rassisten seid ihr. Hab ich euch ERWISCHT!

«Ja natürlich! Wir SIND die Partei der kleinen Leute! Ihre Partei Herr Lehmann! Aber die Geflüchteten aus Afrinesien und Afghulistan sind eben noch kleiner als Sie, verstehen Sie Herr Lehmann?»

Geh, geh einfach. Es gibt noch fünfhundert andere Mietshäuser hier, vollgestopft bis zur Decke mit den braunen und gelben kleinen Leuten.

«Aber wissen Sie was Herr Lehmann -»

Haste dich wieder breitschlagen lassen. Oh man ey! Möge der Tag bald kommen, wo ich diese Nazis nicht mehr brauche!

«Jetzt hab ich ja ihre Sorgen gehört und seien Sie beide versichert, dass wir ihre Sorgen sehr ernst nehmen werden und in unsere Betrachtung einbeziehen!»

Da hellten sich die Gesichter der beiden Lehmanns wieder auf und sie nickten, ganz zufrieden mit sich selbst.

«Des wollten wa ja nur wissen Herr Müller, ob se immer noch unser Mann sind. Sie hören uns zu! Des finden wa ja jut!»

«Also kann ich mit ihrer Stimme nächste Woche rechnen Herr Lehmann? Morgen Abend schauen wir uns das Fußballspiel in der Herrenrunde an. Da kommen Sie doch oder?»

«Jawoll Herr Müller! Ick stimme für Sie, weil wir stimmen ja schon immer für die FGA. Denn sehen wa uns zum Weihnachtsfest bei Ulli?»

«Ja selbstnatürlich Herr Lehmann! Aber wir sagen jetzt Winterfest, um die Geflüchteten nicht zu provozieren und jeden mitzunehmen.»

Du  braunes Stück Scheisse du. Kulturnazi!

«Aber Herr Müller….»

«Die Partei für Gerechtigkeit! Gerechtigkeit für ALLE Herr Lehmann! Danke, dass sie für die FGA stimmen!» Müllers linke Hand winkt beim Abtreten, die letzten Worte sind nur noch leise zu hören, als sich die Tür seines Mercedes schon hinter ihm schließt.

 

Foto: Acroterion


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

4 thoughts on “Der Durchschnittspolitiker beim Wahlkampf im Durchschnittsort beim Durchschnittswähler

  1. Wenn es sich nicht so echt anfühlen würde könnte man es fast lustig finden. Aber wie man am Beispiel der Essener Tafel sieht könnte dieser Post nicht wahrer sein.

  2. Wurde immer besser, der Text. Vielen Dank!

    Und vielleicht ist es keine Satire, sondern die Wahrheit : Man verachtet den Pöbel, peuple, tatsächlich einfach, weil er die vorgegebenen Sprachcodes nicht kennt – früher sprach der deutsche Pöbel kein Französisch – und so ekelhaft ärmliche Probleme anspricht, die man selbst nie haben wird.

    Passt wirklich, nicht nur auf Politiker, auch zu meinen Kollegen, die nicht gerade der Adel von Versailles sind, eher die Kloputzer des Adel in Versailles. Aber auch die leben eben nicht wie ich in neukölln, wo die Fahrt mit der U 7 immer unangenehmer wird – wegen gewisser Verhaltensauffälligkeiten wie Brüllen und Spucken und Rempeln, muss gar nicht Gewalt sein. Die wohnen in Friedrichshain und köpenick.

    Waren aber ganz flüchtlingsbegeistert, wussten auch all die richtigen sätze, rannten zur Hülfe, um mit flüchtlingskindern zu spielen (keine Satire! ). Nun scheint ihnen das allerdings langweilig geworden, sie reden nicht mehr drüber. Ich glaube, die haben das tatsächlich vergessen.

  3. Klasse Artikel… der wenn man es real betrachtet nicht mal Satiere darstellt. Er passt perfekt auf die 86% der Wähler der letzten BTW…zu faul zum denken, gutgläubig bis zur Vergasung und mit aberzogenem Langzeitgedächtnis…der ewig treudoofe Langzeit Generationenwähler,Hauptsache Fussi läuft in der Glotze und das Bier ist schön billig- der Rest ist Bockwurst. Ich hab mich bis 89 nie für Politik interessiert,aber was ich ab diesem Zeitpunkt erleben durfte in den Jahren der Wiedervereinigung Deutschlands zieht mir echt die Socken aus.
    Diese Gesellschafft ist nur auf Konsum ausgerichtet und wenn du nicht konsumieren kannst bist du in dieser Gesellschaft nichts…nicht mal Dreck unterm Fingernagel. Wie leichtgläubig diese Menschen doch sind…alle 4 Jahre lassen sie sich auf’s neue verarschen,neuerdings sogar einschüchtern um nicht als Nazi betitelt zu werden wenn man mit dem Finger auf Probleme in der Gesellschaft zeigt…ich kann euch sagen, aus eigener Erfahrung…so wie es in jetzt läuft wird das nichts mit Veränderungen und Verbesserungen.
    Und warum?…nun ganz einfach,weil alle zusammen “jeder für sich kämpft”. Nach fast 30 Jahren hasst der Westen immer noch den Osten, denkt der Großteil immer noch das nur Er den Soli zahlt,betrachtet die Neubundesbürger (deutsche Landsleute) als das schlimmeres Übel als wie die Scheinasylanten/Wirtschaftsmigranten/Wohlstandsmigranten.
    Ich konstatiere das man dem Altbundesbürger die Wehrhaftigkeit und den sozialen Zusammenhalt mit weitaus mehr Erfolg aberzogen hat als den Neubundesbürgern…die haben aus 40 Jahren Diktatur mehr gelernt als die Bevölkerung der alten BRD…
    Und bevor hier große Zweifel aufkommen und wilde Beschimpfungen…ja…ich hab sie gewählt die AFD, aber ganz gewiss nicht weil ich sie toll finde…sondern um den Altparteien die in ihren Sitzungen eher in der Nase bohren oder auf ihren Smartphones rumtippen,alles durchwinken ohne drüber nachzudenken geschweige wissen über was sie abstimmen, einen Schuß vor den Bug zu geben.
    Und das war definitiv das letzte Mal das ich zur irgendeiner Wahl gegangen bin…und so sollten es eigendlich alle halten…denn der Souverän ist das Volk und nicht die paar Politclowns die eher Politik für sich, die Banken und Wirtschaftslobby machen obwohl sie die für der Souverän -das Volk- machen sollten. Erst wenn wir diesem abgehobenen,fern jeglicher Realität agierendem Systhem all unsere Energie entziehen wird sich grundlegend etwas ändern und bewegen lassen.

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