Kälte und Einsamkeit – “Kosovo, was soll das sein?” Ein Gastbeitrag

Gastbeitrag von Robert P.*(Name geändert)

 

Gar nicht weit vom Feldlager Prizren entfernt standen wir also auf einer kleinen Anhöhe, von wo aus wir eine hübsche Aussicht auf das Land hatten, welches uns im Rahmen unserer Mission in der KFOR anvertraut wurde. Noch in der Einweisung im Lager wies uns unser Kompaniechef darauf hin, dass es im letzten Jahr (2014) zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Serben und Albanern in einem Fußballstadium gekommen war. Seither war die Lage konstant angespannt geblieben. Eine Warnung, die ich mir wegen des wunderbaren Wetters und der schönen Landschaft nicht sehr zu Herzen nahm.

Kosovo war mein erster Einsatz und er blieb auch mein einziger. Einer reicht, dachte ich mir im letzten Jahr und nahm meinen Hut, um mich im Zivilleben nach einem Studienplatz umzusehen. Mein Glück war, dass man mich im Kosovo und nicht in Afghanistan brauchte. Bei sommerlichen 32 Grad schwitzten wir also im Halbschatten einiger Bäume und beobachteten in die Tiefe hinein. Helme trugen wir nicht und die Waffen waren zwar offiziell am Mann, verschwanden jedoch nach den ersten ruhigen Tagen oftmals im Auto, wenn wir uns zum Verpflegen an unsere Wölfe anlehnten. Militärische Wachsamkeit wurde bei uns nur sehr bedingt aufrecht erhalten, nachdem uns klar wurde, dass wir uns hier quasi auf Urlaub befanden.

Prizren gefiel mir gut, kamen doch so viele Kulturen hier zusammen. Eine steingraue Moschee mit blauer Kuppel und hohem Minarett stand erhaben unter uns, umringt von vielen roten Dächern, die mich sehr an den Stil der Stadt Königsmund aus Game of Thrones erinnerten. Und die Frauen! Man die Frauen waren fast alle umwerfende Schönheiten, die sich eng und aufreizend kleideten. Islam? Dass es sich hier um Muslime handelte, konnte ich eigentlich nicht glauben. Die Muslime in westdeutschen Städten kleideten sich viel traditioneller. Alles in allem also kein Grund einen Artikel über den Kosovo zu verfassen, wenn unser Dienst größtenteils aus Patrouille, Pimmeln und Pennen bestand. Wie ein großer Krieger fühlte ich mich im Einsatz nicht und habe auch bis heute nicht das Gefühl, als könnte ich mich als Veteran bezeichnen. Aber dann erlebte ich doch etwas, was mich prägen sollte.

Wir hielten kurz in der Stadt, liefen zu Fuß durch die mittelalterlichen Straßen und erfreuten uns an der Ruhe, als eine Gruppe Männer schnell an uns vorbei ging. «NATO-pig» oder sowas in der Art rief uns einer der muskelbepackten Männer zu und die anderen fügten die eine oder andere Verfluchung hinzu. «This is Serbia. Serbien! Hör zu! Serbia! Serbian Land!»

Dann waren sie auch schon vorbei und ich hätte diese kleine Provokation der Serben vergessen, wenn einige Tage später nicht etwas anderes passiert wäre.  Ich, der mich überhaupt wenig für den Kosovo interessierte, bekam eine Geschichtsexkursion von einem kosovarischen Kameraden, der im Grunde kein Kosovare war.  Da standen wir also eines Abends im Feldlager, er in zivil und im höheren Dienstgrad, ein Offizier. Wir rauchten die zweite Zigarette zusammen und ich redete erst über Fußball, dann über Frauen und irgendwie kamen wir auf das Thema KFOR. Er war freundlich, begann seine Ausführung damit, dass er Deutschland sehr mag und dankbar ist, dass die Deutschen dem Kosovo damals geholfen haben und immer noch helfen. Aber so langsam wäre es doch «time for you to go!»

Ich verstand nicht recht, warum er sowas sagen würde. Schließlich lebte der Kosovo quasi von den EU-Hilfen und der NATO, die hier den Laden am Laufen hielt. «Are you not happy about European help?» fragte ich ihn, weil ich nicht verstehen konnte, worauf er hinaus wollte. Warum freute er sich nicht über unsere Hilfe, bedankte sich aber über selbige. Warum uns wegschicken, wenn er uns eigentlich brauch?

Dann zeigte er mit einer Hand über den Nachthimmel, wo Prizren sich leicht erhellt abhob.  Er fragte mich dann, was ich vor mir sehe und ich antwortete mit: «Kosovo. Prizren.»

Er lachte darüber oder schmunzelte eher und schüttelte den Kopf. «Das ist Großalbanien.» Ich runzelte die Stirn über den Begriff. «Nein, das ist der Staat Kosovo», antwortete ich leicht genervt und spürte sofort, dass meine Antwort ihm nicht gefiel. Er zeigte auf die Flagge auf meiner Uniform. «Und deswegen müsst ihr gehen/And that is why you must go!»

Seine Faust ging zur Brust, er lächelte mich an und sagte dann ganz laut, sodass ich es auch nicht missverstehen konnte. «Ich bin ALBANER! Kosovarier gibt es nicht. Was ist das?» (alles auf Englisch)

Er war wütend auf mich und ich verstand nicht so wirklich, was ihn eigentlich an mir so störte. Aber es war wohl meine Ignoranz gegenüber der Geschichte der hier lebenden Völker. Eine Ignoranz, die man auch in Brüssel hat. Der albanische Kosovare sagte es mir nie direkt, deutete aber klar an, dass er uns weghaben wollte damit die Serben und Albaner den alten Kampf weiterführen können. Und da blieb mir ein Satz von ihm in Erinnerung, den ich an  alle hier weitergeben muss:

«Es gibt keine Kosovaren und keinen Staat Kosovo. Der Kosovo gehört zu Albanien.»

Und damit hörte er sich ähnlich an wie die Serben, die mir vorher begegnet waren. Ich denke heute mit entsprechendem Abstand, dass er vermutlich Recht hat. Wir Europäer in der EU haben wohl geglaubt, dass wir einfach in ein Land kommen, es aufteilen und mit einem Parlament ausstatten und es STAAT nennen können. Die gewachsene Identität der Leute dort ist jedoch damit nicht wegzudenken und existiert unterhalb dieses neuen Staates. Kosovoserben und Kosovoalbaner heißen die Bewohner ja auch eigentlich und wahrscheinlich geben wir mit dieser Bezeichnung schon zu, dass der Kosovo im Grunde gar nicht als eigenständiges Land existiert. Sie sind nur Albaner oder Serben IM Kosovo.

Ein Oberst formulierte es einst sehr politisch korrekt: «Die Lage ist ruhig, aber nicht stabil.»

Ich persönlich glaube, dass sobald die EU das Interesse am Kosovo verliert, ihr das Geld ausgeht oder das Kontingent weiter verkleinert wird, dass es dort unten wieder zu einem Krieg kommen wird.

Als ich wieder im vertrauten Heim in Hessen war, begriff ich erst, wie wenig die deutsche Politik sich überhaupt mit dem Kosovo befasst, ihn verstehen will oder an ihm interessiert ist. Der Einsatz läuft einfach weiter, weil er Routine geworden ist. Mit ungewissem Ergebnis.

 

Foto: http://www.eucom.mil/media-library/Article/19581/dancon-march-tests-kfor-soldiers


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2 thoughts on “Kälte und Einsamkeit – “Kosovo, was soll das sein?” Ein Gastbeitrag

  1. Dass es zu Krieg kommt auf dem Amselfeld, wenn die KFOR abzieht, wäre m.E. nur eine Frage der Zeit. Ausgelöst bzw. provoziert durch die Albaner, das versteht sich von selbst. Obwohl die Serben militärisch schwach sind, sind sie ein stolzes Volk, das sich nicht so leicht unterkriegen lässt (in der Geschichte schon mehrfach unter Beweis gestellt). Der serbische Staat würde sich vermutlich aus dem Konflikt heraushalten, es fänden sich aber genug serbische Freiwillige dafür, wie bereits in den Balkankriegen der 90er. Ein solcher Krieg wäre auch für die Albaner zermürbend.

    Nebst dem Kosovo haben die Albaner schon länger die Absicht den westlichen Teil Mazedoniens zu destabilisieren und anschließend diesen entweder zu annektieren oder einen Pseudo-Staat wie im Kosovo zu installieren. Wegen den vielen Volksgruppen herrscht kein Zusammenhalt in Mazedonien und einem solchen Angriff auf die Souveränität wäre nicht so leicht beizukommen. Deshalb ist es momentan sogar wahrscheinlicher, dass die Albaner zuerst versuchen werden West-Mazedonien unter albanische Kontrolle zu bringen.

  2. Hab einen Kumpel, Wachtmeister in der Schweizer Infanterie serbischer Abstammung. Er meinte, dass er wieder “Remove Kebap” machen werden, falls Europa im Bürgerkrieg versinkt.

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