Besuch in Brüssel – belgisches Bier und Bataclan

 

von Ignatius ,Student der Theologie und Geschichte, Rheinländer, früher Afghanistan-Urlauber in Flecktarn

 

 

Von meiner Heimatstadt am Rhein aus dem Auto brauche ich kaum zwei Stunden nach Brüssel. Mit einer Flasche Wein auf dem Rücksitz und einer Ausgabe von Alain Finkielskrauts «eine Kontroverse» habe ich mich auf dem Weg gemacht, um in Brüssel-Andernacht einen alten Freund und ehemaligen Kameraden zu besuchen, der zum Wahlbelgier geworden ist. Wenn man jahrelang in den Beneluxländern für den Dienstherren hin und her reisen muss, bietet sich die Niederlassung wohl am ehesten dort an, wo man die Liebe findet.



Auf der E314, kurz vor Löwen, muss ich anhalten. Die Feuerwehrwagen rasen im Eiltempo, angeführt von einem Polizeiauto an uns vorbei. Es dauert eine halbe Minute, ehe sich der kleine Stau wieder löst und die lange Kolonne vorbei gezogen ist. Links und rechts zeigen sich immer wieder hübsche Fachwerkhäuser und europäische Vorgärten, bevor ich im Schneckentempo endlich im Stadtzentrum von Brüssel ankomme. Tauben stoßen im Schwarm auf, als ein Fahrradfahrer mit Dreadlock-Frisur mitten durch sie hindurch fährt.

Brüssel ist meiner Meinung nach die schönste Stadt Europas gewesen. Die lange Fahrt durch das Zentrum ruft mir in Erinnerung, wie phänomenal die Architektur dieser westeuropäischen Metropole immer noch ist. Verspielte Seitengassen wechseln sich ab mit Prachtstraßen und gigantischen Monumenten, der Cathédrale St. Michel et Gudule, die sich wie ein weißer Gipfel des Olymp aus der Stadtmitte und das vielleicht beste Orgelspiel Europas hat. Auch die Notre Dame du Sablon bekomme ich kurz zu Gesicht, bevor mich der Navigator nach einigem Umherirren nach Andernacht führt.  Wenn man Brüssel nicht kennt und glaubt, dass dieses gleich an Molenbeek grenzende Viertel ein Kriegsgebiet wäre, könnte man wohl schockiert vom Anblick sein. Abgesehen von einigen Lebensmittelläden und etwas heruntergekommenen Cafes ist nichts besonders hier, außer, dass es am Tag meines Besuches ziemlich ruhig war.

Ich steige aus, schließe die Tür und blicke mich um. Irgendwo hier hat sich mein alter Zugführer niedergelassen – mit einer flämischen Schönheit und Mitarbeiterin in im EU-Apparat. Aber wer in Brüssel arbeitet nicht irgendwie für die EU? Abgesehen von Bierhäusern und Boutiquen scheint jedes Bürogebäude von NGOs, GOs und Presse besetzt zu sein. Und wo keine Presse oder Regierung sitzt, hocken kleine und große Außenstellen der NATO oder für die NATO – oder für die europäische Sicherheit. Oder eine belgische Schokoladenmanufaktur.

Eine ältere belgische Dame mit Hund kommt mir entgegen. Ihr taschengroßer Hund uriniert unter dem Schweigen der Frau gegen einen Laternenmast, während ich grüßend an ihr vorbeigehe und Hausnummer XY in dieser schicken Straße suche. In den Medien ist auch Andernacht zeitweise als sogenannte NO-GO-Area verschrien, was ich in den ersten Minuten des Besuches jedoch weder bestätigen noch verneinen konnte.

Ich klingel – die Tür geht auf und wir begrüßen uns herzlich. «Vier Jahre schon!» sagt mein alter Zugführer und winkt mich hinein. Er hat abgenommen und sieht jünger aus. Der Bart ist ab, die Haare länger und die Augenringe verschwunden. «Madame tut dir wohl sehr gut», sage ich lächelnd, bevor wir uns mit der Dame des Hauses zusammen zu Kaffee, Kuchen und Wein setzen. Unmengen an Büchern stehen in einem altmodischen Regal, welche die Wand des geräumigen Wohnzimmers einnimmt. «Finkielkraut?» fragt mein Zugführer kurz und nickt, wobei er dann auf das Regal zugeht und einige Bänder entnimmt.

Politik lässt sich nicht vermeiden, obwohl wir die erste halbe Stunde nur Freundlichkeiten über Freunde, Kameraden und Familie austauschen. Seine Frau, eine Angestellte im EU-Verwaltungsapparat, ist sehr hübsch und belesen. Eine kluge Frau, die auch mit Mitte 40 noch blendend aussieht.  Ich horche, was sie über ihre Arbeit erzählt und nicke immer wieder, während wir bereits die Flasche Roten leeren.

Die EU arbeite wie immer: langsam und emsig. Es gäbe wohl keinerlei Nervosität bei ihr in der Abteilung. Arbeiten in der EU sei wie Leben in Disneyland – von der Welt da draußen kriegt man nicht viel mit. Die öffentlichen Verkehrsmittel nimmt sie jedoch schon seit einigen Jahren nicht mehr, aus Angst vor sexueller Belästigung und Raub.

«Türken?» frage ich und bekomme ein heftiges Kopfschütteln von ihr. Sie verneint sofort und sagt, dass die Türken meist bessere Gentleman wären, als die meisten Europäer. Es sind die Nordafrikaner, die in großen Gruppen wie Wegelagerer an den Bahnhöfen lungern. Drogenhandel, Messerstechereien und Vergewaltigungen seien Normalität geworden, wenn man nicht mit Scheuklappen durch die Welt laufen würde. Ich nicke verstehend und erzähle von der deutschen Seite des Rheins, wo es mancherorts ähnliche Zustände gibt.

«Aber den Menschen geht es insgesamt gut», wirft mein alter Zugführer ein und deutet mit der Hand zum Fenster, wo die ruhige Straße vor uns liegt. Die Leute, so führt er aus, haben genug Wohlstand und genug ruhige Straßen, wo man sich zurückziehen kann. Die  Polizei arbeite anständig genug und die Unruhen, die in regelmäßigen Abständen ausbrechen, seien kontrollierbar.

«Molenbeek ist gleich um die Ecke. Dort wo die Attentäter von Bataclan aufgewachsen sind.» Mein Einwurf wird nickend zur Kenntnis genommen.

«Molenbeek ist wie der Kosovo – wenn du du durch die Straßen dort gehst, spürst du die brodelnde Hitze unter der Oberfläche, als könnte es jederzeit explodieren.  Es ist eine nordafrikanisch-muslimische Kolonie in Belgien, die nichts mit den Belgiern zu tun hat. Die Regierung möchte diesen Bezirk einfach ignorieren, genau wie Andernacht, der ja auch in die selbe Richtung tendiert.»

Ich zeige mich etwas überrascht und zucke mit den Schultern. Denn im Kosovo war ich nicht, kenne aber die Blicke junger Männer, denen die Mordlust in die Augen geschrieben steht.  «Es ist Segegration, kein Multikulturalismus. Die rechten Kritiker irren sich, die Linken aber noch viel mehr. Eine Vermischung findet doch gar nicht statt!»

Die Dame des Hauses zündet sich eine französische Gitanes an und seufzt. Sie erzählt von den Giftködern, die im Viertel ausgelegt wurden und wie diese für den Tod mehrerer Hunde gesorgt hätten. Alle Nachbarn würden einige der sehr hundefeindlichen Muslime verdächtigen, welche sich bereits vorher lautstark über die Tiere beschwert hätten. Aber beweisen kann man nichts und blindlings Leute auf offener Straße des Tiermordes beschuldigen, führe ja auch zu nichts.

Wir trinken noch einen Schnaps auf die Gesundheit und dann geht es bereits zum Essen ins L’Ecailler du Palais Royal. Auf der Fahrt dorthin wird es schon dunkel und ich sehe eine Veränderung im Straßenbild. Touristen tummeln sich zwischen Frauen im Schleier und bärtigen Muselmanen mit dem Handy am Ohr. Es sind locker Einhundert, die sich um den Eingang eines Jugendzentrums versammelt haben. Ein paar Straßen weiter laufen belgische Polizisten, die ihren Blick auf eine jüdische Schule gerichtet haben.

Ich frage was die beiden in der letzten Wahl gewählt haben. Die Antwort kommt prompt von meinem Zugführer: «Gar nichts. Die sind alle scheisse!»

Im Restaurant setzen wir uns zu belgischem Bier und kontinentaler Küche. Gegessen wird für mehrere Hundert Euro und wir reden noch eine ganze Weile über Gott und die Welt. Ich frage, ob es noch Hoffnung für Belgien gibt und kriege die süffisante Antwort von der einzigen echten Belgierin am Tisch. «Belgien? Was soll das sein? Ich bin Flämin.»

Und dann trinken wir auf das alte Europa.

 

Foto: Screenshot Youtube


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Geboren im katholischen Rheinland – verpflichtet nur Gott, Volk und Vaterland.
Früher Afghanistan-Urlauber in Flecktarn, heute Student der Theologie und Geschichte.
War jahrelang bei der SPD und den JUSOS und trat nach 2015 aus.
Meidet Smartphones, Computer und Technik soweit es geht und übt sich ansonsten in Judo.

“Lasst uns streiten für das Königreich von Jesus Christus”

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