Der verrückte Bettler von Saint Denis

 

Es war einer dieser unglaublich heißen Sommertage in Frankreich, die Jules in seiner Jugend häufig in der Provence bei seinen Eltern verbracht hatte. Der Duft von Blumen und trockenem Gras hing ihm dieser Tage noch in der Nase, als sei er nicht hier in Saint Denis, sondern auf den Lavendelfeldern seiner Kindheit, die ihm jetzt beim Gang entlang der Straße vor dem geistigen Auge in all ihrer Farbenpracht erschienen.  Kurz dachte er an die Mädchen von früher, die in luftigen Sommerkleidern mit weißen Rüschen unter den Maibäumen tanzten, als wären sie weiße Engel mit roten Blumen im schwarzen und kastanienbraunen Haar gewesen.

Der saure Uringeruch der Straße riss Jules aus den nostalgischen Erinnerungen, als er links in die Rue de la Légion d’Honneur schwenkte und den Schlüssel der Kathedralentür aus seiner Tasche nahm. In den letzten Wochen hatte er sogar damit aufgehört die Kerzen und Lampen der Basilique de Saint Denis anzuzünden, weil die Besucher ausgeblieben waren. Dieser Tage kam kaum noch wer, es sei denn er suchte ein Dach über dem Kopf.  Mit einem angeekelten Blick betrachtete Jules die zusammengekauerte Person an den Stufen der Kathedrale von Saint Denis, die im braunen Lumpengewand und fusseligem grauen Bart, langem Kopfhaar und faltigen Ringen unter den grauen Augen aussah, als sei sie soeben dem Grabe entstiegen. Der Mann vor ihm, der vor der offenen Kathedralentür saß, stank bestialisch nach Fäule und Pisse, so dass Jules sich die Hand vor den Mund halten musste, um nicht zu brechen.

«Monsieur», begann Jules und musterte den Obdachlosen dabei genauer. Er trug weder Schuhe noch Hose, sondern hockte nur mit verdreckten Füßen wie ein Schlafwandler auf den alten Stufen der Kathedrale. Sein Blick ging in die Ferne und fast schien es so, als könnte er Jules nicht sehen. Aber dann endlich sah er auf und Jules überkam Mitleid mit den unterlaufenen Augen des alten Mannes, dessen bleiche Haut voller alter Narben und Falten war, die Zeugnis von seinem harten Leben abgaben.

«Monsieur – haben Sie der Kathedrale übernachtet? Sie müssen doch wissen, dass das nicht erlaubt ist.»

Der fremde Mann im alten Nachthemd griff sich an den Hals, wo das Kreuz des Christus in Silber an einem Bande hing. Jules lächelte traurig und schüttelte dann den Kopf, als er sich zwang, den Ekel zu überwinden und sich mit dem Obdachlosen auf eine Stufe setzte. «Monsieur; heute ist keiner da. Nur noch Sonntags steht das Haus für die Christen offen.»

Die zotteligen graubraunen Haare hingen dem armen Tropf ins Gesicht, das von Altersfalten und Narben kaum noch zu erkennen war und doch eine gewisse Würde besaß, die man einem Obdachlosen normalerweise nicht zutrauen würde. Jules runzelte die Stirn ob des seltsamen Silberkreuzes am Halse des Mannes. Er sah nicht so aus, als würde er überhaupt verstehen was Jules ihm erklärte. Der Blick des Fremden ging  über den Hof der Basilique de Saint Denis, welcher völlig vertrocknet in der Sonne lag. Die Kräuter und Blumen von einst waren gestorben und nie neu gepflanzt worden. Rost fraß sich durch den Zaun und Müllberge türmten sich auf der Rue de la Légion d’Honneur, die halb Basar, halb Müllkippe geworden war. Es war später Nachmittag in Paris, eine Zeit, zu der die meisten Bewohner erst richtig wach wurden. Wie überall im Land begann hier das Leben zu anderen Tageszeiten, als das noch vor einigen Jahrzehnten üblich war. Man schlief lange in den Morgen hinein, frühstückte am Mittag und hielt Pause,bis die Mittagssonne vorüber war. Dann am Nachmittag regten sich die Lebensgeister, und man konnte die ersten Frauen im schwarzen Gewand sehen, die Einkäufe erledigten und sich laut am Telefon unterhielten. Kinder spielten auf der Straße Fußball und bärtige Männer tranken schwarzen Mokka auf den Plastikstühlen, die sie in den Gehweg gestellt hatten.

«Egua, egua», sprach der Bettler plötzlich und hielt die mit Erde verdreckten Hände auf. «Egua?» Jules verstand zunächst nicht und runzelte die Stirn. Erst als der Fremde die Trinkbewegung vollführte, lagen die Dinge klar. Kurz überlegte Jules den Mann doch schnell vom Hof zu entfernen, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Aber das Mitleid war zu groß und er nickte, bevor er dem Bettler eine Dose Coca-Cola aus seinem Beutel gab. «Trinken!» sagte Jules und lächelte. Doch der Fremde hielt nur die Dose in einer Hand und blickte irritiert zurück, als wüsste er nichts mit diesem Gegenstand anzufangen. «Egua, Egua!» wiederholte Jules und machte die Trinkbewegung, was nur den Effekt hatte, dass sich der Fremde die Dose gegen den Mund hielt und durstig blieb.

«Hier», sagte Jules mit zunehmender Skepsis gegenüber dem Bettler. Ob es sich womöglich um einen entflohenen Verrückten aus dem Krankenhaus handelte? Der Gedanke hing eine Weile in seinem Kopf, während er die Dose für den Armen öffnete und ihm dann beim hastigen Trinken zuschaute. «Kleinen Moment», sagte Jules, bevor er sein Telefon herausholte und die Nummer des Notrufes wählte.  Der Obdachlose schaute fasziniert und mit halb offenen Mund zu Jules herüber, schwieg aber.

Es piepte. Einmal, zweimal.  Eine Dame meldet sich in gebrochenem Französisch.

«Ja Bonjour – ich bin hier an der Basilique de Saint Denis und habe einen sehr verwirrten alten Mann vor der Tür, der nicht Französisch spricht und wahrscheinlich obdachlos ist.» Jules blickte zum Obdachlosen herüber und winkte kurz. «Wie heißt du? Nom? Nom!»

«Charles», antwortete der Bettler und leckte sich die Reste des Colasirups von den spröden Lippen.

«Er heißt Charles. Kennen Sie ihn? Nein? Okay, gut. Okay. Ich warte.» Der laute Ruf zum Abendgebet hallte durch die Straße, und Charles schreckte auf. Er stand plötzlich auf und das ließ Jules zusammenzucken, weil ihm klar wurde, wie groß der Bettler in Wahrheit war. Er überragte Jules um mindestens einen Kopf und mochte in seiner Jugend ein kräftiger und muskulöser Mann gewesen sein, dem die zerlumpte Nachtrobe zu groß war. Irritiert blickten dunkle Augen von der Straße zu Jules und seinem Mündel herüber. Zwei Mädchen im schwarzen Tschador huschten vorbei, als sie versehentlich Jules direkt in die Augen gesehen hatten. Hunderte Menschen strömten plötzlich nach draußen und verließen die schlecht verputzten Mietshäuser, denn es war Freitag. Und Freitag war der Tag zum Beten.

«Komm – lass uns hinein gehen und warten, bis jemand kommt um dich abzuholen.» Jules legte dem großen Mann vor sich die Hand auf die Schulter, um seinen starren und ernsten Blick von Saint Denis abzulenken. «Komm setz dich», wies er Charles vor sich an und zeigte ihm einen Platz vor dem Altar der Kathedrale, wo im Dunkeln der weiße Stein der Grabmale der französischen Könige und Helden zu sehen war.

«Verdammt. Ich glaube sie haben den Strom abgestellt Charles», murmelte Jules und kehrte dem Lichtschalter entnervt den Rücken. Jules brauchte eine ganze Weile, ehe er den Anzünder für die Kerzen wiederfand, denn er hatte ihn schon so lange nicht mehr benutzt und vergessen, wo er ihn abgelegt hatte. Ratten piepten und zuckten in den dunklen Ecken, wo der modrige Geruch der Fäulnis heraus strömte. «Wo kommst du her, Charles?» fragte Jules ihn nach einer Weile des Schweigens, nachdem er sich neben seine Bank gestellt hatte.

Keine Antwort. In dem von den Härten des Leben gezeichneten Zügen des Bettlers zeigte sich kaum eine Regung, außer dass er starr auf die zerschlagene Figur des Christus am Kreuz blickte, die im letzten Jahr zerstört und nie wieder repariert wurde. Mittig gespalten von oben nach unten, hing die Figur des Jesus gekreuzigt über dem Altar.

Jules seufzte leise und nickte nur. «Es ist ein Jammer. Aber da kann man nichts machen.»

«Quom?» fragte Charles plötzlich in Latein.

«Du sprichst Latein? Na das ist doch sehr gut – dann können wir uns unterhalten», antwortete Jules in Latein, welches er noch in der Schule gelernt hatte, bevor auch diese Sprache vor einigen Jahren endgültig abgeschafft wurde. «Letztes Jahr gab es eine Plünderung. Seitdem ist es so, wie es ist.»

«Wo sind wir?» Charles blickte durch die dunkle Halle der Kathedrale, deren Putz verdreckt und alt bei jedem Luftzug von der Decke in kleinen Flocken rieselte.  Von draußen her drang der Lärm des Muezzins ins Innere.

«In Saint Denis bei Paris.»

«Und welches Jahr?»

«1481 nach der Reise des Propheten nach Medina. Was sie im Westen für ein Jahr haben weiß ich nicht mehr. Wir können es ja kurz googeln. Wieso fragst du?»

Die Frage hing eine Weile im Raum, ehe Charles leise anfing zu kichern. Ein trockenes und heiseres Kichern, dass ihm bei jedem Atemzug beinahe im Halse stecken blieb und sich schnell in unkontrolliertes Schluchzen verwandelte.

«Haben wir verloren?» brachte Charles unter Tränen hervor und suchte Halt auf den eigenen Knien und griff nach seinem Kreuz am Halse.

«Ich versteh dich nicht. Was verloren?»

«Die verdammte Schlacht! Haben wir die Schlacht bei Tours und Poitiers verloren?!»

«Nein! Wieso? Was spielt das denn für eine Rolle?» Jules fasste sich an die Stirn, sichtlich überfordert mit der Verrücktheit des alten Bettlers, der nun im Kreise herumkroch und wie ein Irrer mit der flachen Hand seine eigene Stirn mit Schlägen belegte. «WOFÜR?! Wofür musst du fragen! Wofür sind sie gestorben? Wofür liegen sie tot auf dem Felde bei Poitiers? Wofür floss ihr Blut die Vienne herunter?!» Immer wieder schlug sich der Bettler mit der flachen Hand gegen die nun blutige Stirn und kratzte mit langen Fingernägeln wutentbrannt an seiner Haut im Gesicht, so dass er schon fast die Gestalt des Jesus angenommen hatte, der über ihm am Kreuze hing. Und als er sich endlich besann und mit grauen Augen zu Jules herüber starrte, packte es den Hausmeister plötzlich mit der Angst. «Bitte, Charles; ich weiß ja gar nicht, wovon du sprichst. Hörst du die Sirenen schon? Da kommt die Ambulanz. Die werden dir helfen! Es gibt hier eine gute Nervenklinik – »

«NEIN!» schrie der arme Bettler plötzlich und riss sich das schmutzige Nachthemd vom Leibe. Er rannte ohne Vorwarnung mit nacktem Körper zur Tür hinaus, stolperte wild brüllend und heulend den Hof der Kathedrale herunter auf die Straße und wurde von dem Krankenwagen überfahren, der ihn eigentlich hätte retten sollen. Alles geschah so schnell, und noch bevor Jules ganz zur Tür hinaus war, um den Irren vielleicht noch aufzuhalten, lag er schon blutend auf dem warmen Asphalt zwischen den schwarzen Mülltüten. Das blaue Sirenenlicht der Ambulanz gab der ganzen Szene eine seltsame Atmosphäre, und die beiden Sanitäter versuchten noch den armen Mann wiederzubeleben, scheiterten jedoch kläglich.

Eine halbe Stunde später betrat Jules die Basilique alleine und setzte sich erschöpft und des eigenen Lebens etwas überdrüssig auf die Bank vor dem Altar, wo Charles sich die Kleider vom Leib gerissen hatte. Man hatte keinen Ausweis bei ihm gefunden, und so hatte man es dabei belassen, den toten Mann in den Wagen zu laden und abzutransportieren. Wer er war und was ihm widerfahren war, interessierte vermutlich niemanden außer Jules.

Seltsam war der Moment, als die Lampen in der Kathedrale wieder angingen und in grelles elektrischens Licht hüllten. «Schon so spät?» murmelte Jules mit einem Blick auf sein Telefon und seufzte schwer. Doch als er von seinem Bildschirm aufsah, stach ihm etwas ins Auge.

Dort an den steinernen Grabmalen der Altvorderen und Könige Frankreichs stimmte etwas nicht. Dort wo das Grab von Charles Martell gelegen hatte, war nur noch ein Haufen steinerner Trümmer. Die Verdeckung war abgenommen und eingeschlagen worden, sodass der Blick auf den leeren Sarkophag freigegeben war.

Ungläubig blickte Jules erst hinein und dann zur Tür hinaus, wo man noch den roten Blutfleck auf der Straße sehen konnte, wo der verrückte Bettler überfahren worden war.

Konnte es sein? Nein! Unmöglich.

Jules fuhr sich durch das lichte Kopfhaar und schüttelte heftig den Kopf.

 

Ein paar Minuten später hatte Jules seine Arbeit frühzeitig beendet und nahm die Bahn nach Hause. Um sich abzulenken, warf er den Blick in die Zeitung Le Monde.

Islamhasser begeht Selbstmord im Altersheim.

Katholische Rebellen ergeben sich in der Normandie.

Le Pen ins Exil geflüchtet: «Wir werden nicht aufgeben!»

Parti socialiste aufgelöst. Mitglieder wechseln in Union der islamischen Einheit.

NATO in Georgien besiegt.

 

 

https://www.flickr.com/photos/home_of_chaos/5333766794

Unterwerfung

Paris, 2022: Die einzige Leidenschaft des Literaturprofessors François gilt dem dekadenten Schriftsteller Huysmans. Tiefergehende Beziehungen interessieren ihn ebenso wenig wie die gegenwärtige Politik.
Sein ruhiges Leben gerät aus den Fugen, als in Frankreich gewählt wird. Um einen Sieg des Front National abzuwenden, unterstützen die bürgerlichen Parteien den liberalen Moslem Mohammed Ben Abbes, der nun Frankreichs neuer Präsident wird. Das Land durchlebt einen Wandel und auch François muss neue Wege gehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto:Thomas Clouet

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman https://www.facebook.com/TheYoungGerman https://www.minds.com/Younggerman

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.