Von Händel und Migrantenströmen: Silvester in einer westdeutschen Großstadt

Ich begann die Silvesternacht 2017 mit einem klassischen Konzert in einer Kirche. Unsere kleine Gruppe junger Menschen stach aus dem Publikum heraus, das fast ausschließlich aus deutschen Bürgern jenseits, teils weit jenseits, der sechzig bestand. Wir zogen erhabene Feierlichkeit und Verbundenheit mit historischer Tiefe den überfüllten Kneipen und Clubs der Stadt mit allzu hippen und angesagten, selbstverliebten Gecken vor. Generationenübergreifende Gemeinschaft lag in der Luft, als wir mit den Alten die Kirchenbank drückten und in glücklich-demütiger Stimmung unsere Ohren von barocken Klänge verzauberten ließen. So sprachen aus dem Werk Händels und seiner Zeitgenossen Gemessenheit und unbedingte Heiterkeit zu uns. Sie wehten wie aus einer weit entfernten Vergangenheit herüber, die doch damals so sehr Gegenwart für Menschen war wie für uns dieser Augenblick. Nur hin und wieder drang von draußen ein Böllerschlag durch die Mauern und Fenster des Gotteshauses, wie aus einer anderen Welt – einer Welt die mir abweisend, kalt und inhaltsleer schien. Ich verspürte keinen Drang, in diese Welt da draußen zurückzukehren. Ich wusste, dass wir in und wieder in solchen erbaulichen Gefilden, in Räumen wie diesem Konzert, Zuflucht nehmen können, und zu unserem eigenen seelischen Wohle auch nehmen sollten, dass aber die Wege des Lebens da draußen gegangen und seine Kämpfe da draußen ausgefochten werden müssen.

Kaum hatte ich die Kirche nach dem Ende des Konzerts verlassen, stellte ich rasch fest, wie anders diese äußere Welt war. Als ich mich anschickte eine Brücke über den Fluss Richtung Stadtzentrum zu überqueren, strömte mir eine nicht enden wollende Schar nahöstlicher und maghrebinischer Migranten entgegen. Ich hatte erwartet, dass Menschen zumeist in kleineren Gruppen umher stehen oder wandeln, sich insgesamt ungerichtet bewegend, diese hierhin, andere dorthin. Tatsächlich aber handelte es sich um einen massiven Menschenstrom, der zielgerichtet und entschlossen schien. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, diese Bewegung müsse irgendwie koordiniert sein. Doch sogleich sauste die medial anerzogene innerliche Nazikeule auf mich nieder, auf der geschrieben stand: Es sind alles nur Individuen! Es gibt keine Masse! Aber die Eine Welt, die gibt es! Ich machte innerlich einen Schritt zur Seite und ließ die Keule in den Boden fahren.



So strömten geschätzte zwei, drei Hundertschaften von Migranten dahin, im Alter von etwa zwanzig bis vierzig. Etwa vier von fünf der Menschen auf der Brücke waren Migranten; mir erschienen sie wie eine gesichtslose Schar. Ich wusste, alle waren Menschen mit allen ihren legitimen Rechten, doch trat hier klar zu Tage, dass in Deutschland und Europa etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Überquerte ich gerade den Bosporus oder einen deutschen Fluss? Wurden wir je gefragt, ob wir bereit seien, unser Land so zu verändern, dass wir uns solche Fragen stellen müssen? Wie sehr unterschied sich dieses Bild von dem in der Kirche! Dort saßen die alten Deutschen und lauschten in die Vergangenheit. Hier begegnete mir die Zukunft: eine fremde Zukunft Deutschlands, um die wir nicht gebeten haben, mit der wir nichts Heilvolles erkaufen und deren Kosten zu tragen niemand von uns verlangen kann.

Doch verzagen wir nicht: Noch haben wir es in der Hand, dafür zu sorgen, dass wir uns nicht in barocke Konzerte zurückziehen müssen, um zu erahnen, was das Abendland einmal ausmachte.


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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

One thought on “Von Händel und Migrantenströmen: Silvester in einer westdeutschen Großstadt

  1. Schön geschrieben. Der Kontrast zwischen der “alten” Welt in der Kirche und der vermeintlich “neuen” auf den Straßen ist ein gutes Stilmittel. Ich habe Silvester in Düsseldorf verbracht und kann deinen Eindruck nur teilen. Die Stadt war brechend voll und die Menschenmasse bestanden gefühlt nur aus Polizei und eben jenem Klientel, dass du beschreibst. Der Schlusssatz ist allerdings genau so gut und richtig.

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