Thomas Hobbes : Der Krieg Aller gegen Alle – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Thomas Hobbes war bereits 64 Jahre alt, als der Englische Bürgerkrieg sein Heimatland in Stücke reißt und unzähligen Menschen den Tod bringt.  In einer Serie von Kriegen, die als ein Konflikt betrachtet werden, bekämpfen sich die Engländer fast 10 Jahre lang im 17. Jahrhundert und hinterlassen ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Flucht, Hunger, Seuche und Tod dominieren diese Jahre des Krieges in England, die Hobbes tief prägen und ihm Anstoß geben ein Buch zu schreiben, welches wir heute als «Leviathan» kennen. Sein Werk erscheint 1651 im letzten Jahr des Bürgerkrieges und sollte prägend sein für alle nachfolgenden Staatspolitiker.



Der Leviathan ist ein biblisches Monster von unglaublicher Macht und Fertigkeit, dass sich kein lebender Mensch mit diesem Ungetüm anlegen und überleben kann. Dieser Leviathan ist ein absoluter Herrscher, ein «totaler Staatsapparat», der ganz im Sinne des philosophischen Absolutismus aufgebaut ist. Thomas Hobbes Leviathan ist ein Monster, welches brutal und grausam genug sein MUSS, um die anderen Monster, nämlich die Bürger im Staate, an der Leine zu halten. Der Staat hat laut Hobbes eine Hauptpflicht, die ihn legitimiert: er muss die Bürger in seinem Staate davon abhalten sich gegenseitig umzubringen. Deutlich erkennbar ist, dass sich Hobbes Weltsicht und Menschenbild durch den erlebten Bürgerkrieg hat inspirieren lassen. Es ist dieser monströse Leviathan, welcher die schlechte Natur des Menschen im Zaum halten und ihn quasi zu seinem eigenen Wohl zähmen muss. Anders als vielleicht Jean-Jacques Rousseau ist der Mensch in seinem Naturzustand für Thomas Hobbes kein heiliger und edler Wilder, sondern einfach nur ein Wilder, der nur Sekundenbruchteile davon entfernt ist, seinem Nachbarn oder Bruder den Schädel einzuschlagen und sich an seinen Heim, seiner Frau und seinem Sparkonto zu bedienen. Die Menschen sind für Hobbes wie Kain und Abel auf «Speed», immer bereit sich gegenseitig umzubringen und sich aneinander zu bereichern, wie das im englischen Bürgerkrieg sehr häufig beobachtet werden konnte. Insofern kann man Hobbes als Kind seiner Zeit verstehen, der beim Blick aus dem Fenster keine blühenden Landschaften, sondern brennende Kleinstädte und abgeschlachtete Soldaten sah, die sich wegen Erbschaften, Ruhm und Geld meuchelten.

Im sogenannten Naturzustand, den viele Philosophien beschreiben und als Grundlage ihrer Theorien legen, befindet sich der Mensch nicht etwa in friedlicher Harmonie mit seiner Umwelt und wird erst durch die Zivilisation verdorben, wie das zum Beispiel Rousseau glaubte, sondern er lebt im Zustand des ewigen Krieges: bellum omnium contra omnes – Krieg Aller gegen Alle.

Und um den Menschen aus diesem Zustand des Krieges zu befreien, brauch es einen Leviathan, der so mächtig und gewaltig ist, dass sich alle Menschen ihm aus Angst vor Strafe unterordnen müssen. Er ist ein dunkler Wächter der Zivilisation und Behüter des Lebens, weil er die Bürger durch harte Gesetze und harte Strafe dazu zwingt, sich nicht gegenseitig umzubringen.  Nur die vollständige und uneingeschränkte Staatsmacht sei nach Hobbes in der Lage, diesen Krieg der Menschen untereinander zu beenden. Für Hobbes ist klar, dass in einer Gesellschaft ohne Maßregelungen und echte Bestrafungen von Fehlverhalten, die Menschen schnell zu ihrer wahren Natur zurückkehren und einander ununterbrochen Schaden zufügen würden.  Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, sobald die staatliche Ordnung einmal aufgelöst ist. Weder technologischer noch sozialer Fortschritt wären möglich, wenn die beständige Angst existiert, dass das Eigentum gestohlen und das eigene Leben geraubt werden kann. Niemand kann sich dauerhaft niederlassen, heimisch werden oder etwas aufbauen, wenn die Furcht besteht, dass man alles ja in ein paar Tagen wieder verlieren könnte, wenn die nächste Bande von Feinden über das eigene Dorf herfällt.

Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen? […] Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß es ein Streit ist, den du nicht ausführen wirst. […] Niemand ist so kühn, daß er ihn reizen darf; […] Wer kann ihm sein Kleid aufdecken? und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen? […] Seine stolzen Schuppen sind wie feste Schilde, fest und eng ineinander. […] Aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. […] Die Gliedmaßen seines Fleisches hängen aneinander und halten hart an ihm, dass er nicht zerfallen kann. Sein Herz ist so hart wie ein Stein […] Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken […] Wenn man zu ihm will mit dem Schwert, so regt er sich nicht […] Er macht, daß der tiefe See siedet wie ein Topf […] Auf Erden ist seinesgleichen niemand; er ist gemacht, ohne Furcht zu sein. Er verachtet alles, was hoch ist – Lutherbibel, altes Testament

Und um diesem Schicksal zu entgehen rät Thomas Hobbes den Menschen eine Regierung zu bestimmen und einen Staat zu erschaffen, welcher mit Richterstab und Schwert über die Bürger dieses Staates urteilen soll und das Zusammenleben in Frieden garantiert, weil sie es ja selber nicht können. Dieser Gesellschaftsvertrag ist für Hobbes absolut bindend und darf niemals gebrochen werden, auch wenn der Staat sich ungerecht und schlecht gegenüber den Bürgern verhält, solange er seiner Grundpflicht angemessen nachkommt: er muss die Menschen beschützen nach innen wie außen. Sobald der Leviathan einmal erschaffen, haben die Bürger kein Recht mehr ihn wieder abzuschaffen. Er darf sie schlecht behandeln, unterdrücken und ihnen alle Freiheitsrechte nehmen, solange ihre Leben wenigstens geschützt sind. Ein Recht auf Revolution/Widerstand besteht laut Hobbes nicht.

Mit einigen Ausnahmen:

– sollte der Leviathan eine Einzelperson oder Gruppe in der Gesellschaft angreifen, hat diese das Recht sich zu verteidigen. Andere sollten aber nicht eingreifen und das Richturteil des Leviathan akzeptieren

– sollte der Leviathan in seiner Schutzpflicht scheitern und die Sicherheit der Bürger grob und fahrlässig missachten, ja seiner Pflicht nicht nachkommen, haben die Bürger ein Recht einen neuen Leviathan zu bestimmen, der allerdings wieder ein absoluter Herrscher sein muss.

 

Interessant für unsere heutige Zeit ist Thomas Hobbes trotz des Alters immer noch. In seiner Zeit setzen absolute Herrscher ihre Macht mit Schwertern und Kanonen durch, während wir heute Staaten haben, die ihre Bürger großflächig 24/7 überwachen und Kriege mit nuklearen Waffen führen können. Den Totalitarismus des 20. Jahrhundert konnte Hobbes wohl noch nicht vorhersehen und ich glaube auch nicht, dass er sich gegenüber Diktaturen wie dem NS oder Stalins Sowjetunion noch positiv geäußert hätte.

Hobbes Thesis ist auch für uns in Europa der Moderne interessant. Denn er sagt, dass dem Staate die PFLICHT auferlegt ist, die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Eine oberste Staatspflicht des Schutzes wird hier abgeleitet. Sollte der Staat dieser Pflicht nicht nachkommen, haben seine Subjekte die Pflicht und das Recht Widerstand zu leisten, um einen besseren Herrscher zu bekommen, der sie schützen kann. Dennoch – ein richtiges Widerstandsrecht finden wir vor allem bei John Locke, den wir hier nächste Woche behandeln werden.

 

 

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman https://www.facebook.com/TheYoungGerman https://www.minds.com/Younggerman

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.