Kraft schöpfen aus dem Mythos

Was ist schon Geschichte, außer eine Lüge auf die man sich verständigt hat?

 wird Napoleon zugeschrieben

 

Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater draußen im Wald Eibenholz sammeln ging, weil wir uns einen eigenen Bogen bauen wollten. Allein das Finden des Holzes und die Bearbeitung mit dem Schnitzmesser, die Herstellung der Bogensehne und das Anfertigen der Pfeile, war eine Heidenarbeit. Und wir stellten uns wahrscheinlich dabei als Zivilisationsmenschen derart dumm an, dass die echten antiken Germanen oder Phönizier über uns nur hätten lachen können. Aber die Erinnerung gehört zu den schönsten meiner Kindheit.

Eine Heidenarbeit. Kürzlich fragte ich unseren Autor Holger, ob wir uns nicht mal zum ältesten Baum Berlins begeben wollen, um dort vielleicht einfach über die alten heidnischen Riten der Germanen und ihren Kult mit der Natur zu berichten, es vielleicht auch nachzuempfinden und zu kopieren. Und ich muss ehrlich eingestehen, dass es mir schwer fällt einen Ritus zu replizieren, der mir nicht von Anfang an seit meiner Kindheit anerzogen wurde. Er ist mir nicht natürlich und daher fremd, da er von Menschen einer anderen Zeiten stammt, deren Rituale und Weltverständnisse sich nicht ohne weiteres in meinen Kopf übertragen lassen. Sicherlich könnte ich einige Worte sagen, einige Bewegungen vollführen und mich an das halten, was unserer praktizierender Neu-Heide Holger mir dazu hätte sagen können.

Und dann? Bin ich immer noch nicht wirklich den Menschen näher gekommen, die man hier vor einigen Jahren aus den Mooren von Brandenburg gezogen hat. Hier am Berliner Müggelsee haben wohl die Semnonnen gesiedelt, als westlich des Rheins die römischen Legionen marschierten. Irgendwo nicht weit von hier siedelten wohl auch die Sueben, die mir mit ihrem Haarknoten in Erinnerung geblieben sind, weil ich die Bergungsgeschichte einer Sumpfleiche mit rotem Haarknoten mal im Fernsehen gesehen habe. Wer diese Person mal war, die so viele Hungerjahre erlebt hatte und früh gestorben war, bleibt mir und uns allen für immer verborgen. Die Germanen Europas legten nicht viele schriftliche Zeugnisse von ihrem Leben ab. Wir wissen von ihnen meist nur das, was andere über sie erzählten. Insofern versteht man vielleicht, woher die Entfremdung von diesen heidnisch-germanischen Wurzeln herrührt und warum eine Re-Identifikation mit ihnen heute für viele Menschen hier schwierig gestaltet.

Uns bleiben für die Reflektion auf uns selbst nur archäologische Funde, Märchen, Sagen und Mythen. Aber genau das muss ja nicht unbedingt schlecht sein!

Geschichte und Identität neu entdecken, neu interpretieren

Ob es Arthus und die Ritter seiner Tafelrunde wirklich gab, ist heute noch umstritten. Das ist auch gar nicht so von Bedeutung für mich, weil der Mythos an sich bereits Realitäten in der Vergangenheit und Gegenwart schafft. Man schaut sich die mythische Figur des Galahad an, weil man sich von seiner Reinheit und Tugendhaftigkeit inspirieren lassen will. Der Mensch, wenn es ihn denn jemals gab, ist für uns dadurch in seiner Echtheit verloren, lebt aber durch Taten und Nachsagungen weiter. So wirkt auch die Jesusgeschichte der Bibel, wenn sie Weisheiten aus dem Leben des Sohn Gottes weitergeben will. Wir ziehen Kraft, Inspiration und Motivation für uns selbst aus den Geschichten über die Ritter von Arthus, die Illias und auch aus der Welt der Germanen, die uns mit Erzählungen über Ragnaröck, Midgardschlangen und die Wilde Jagd beschenken. Ausgrabungen und Nachforschungen über unsere Ursprünge sind wichtig, aber nicht für die Menschen, die uns damals vorausgegangen sind, sondern für uns in der Gegenwart und für unsere Nachkommen in der Zukunft. Diese Suche nach Identifikation griff die deutsche Romantik auf und sie fand Inspiration im deutschen Mittelalter, idealisierte vieles und wusste weniger, als wir es heute tun. Und doch nahm man Kraft und Energie aus den Mythen, die man sich selbst neu angelesen und neu interpretiert hatte. Wagners Oper ist nichts anderes als eine fantasievolle Neudichtung von einer Geschichte, die sich so ähnlich vielleicht einst zugetragen hat.



Aber wer die Menschen wirklich waren, woher sie kamen und wie sie wirklich fühlten, bleibt uns für immer verborgen. Hier kommt jedoch der Einsatz des Mythos, der als Projektionsfläche unserer modernen Wünsche nach Werten dient. Ein Rückgriff in die Vergangenheit und die Geschichte ist immer nur ein halber Schritt zurück, weil wir mit den Augen moderner Menschen in diese Vergangenheit schauen. Wir sind ja nicht mehr die Männer, die auf Jagd gehen und dann wilde Tieropfer bei Mondschein durchführen. Selbst wenn wir das tun würden, wäre dies nur eine Replik von einem Ritus, der aus der Zeit herausgenommen wurde und heute nicht mehr die selbe Gültigkeit hat, wie noch vor 2000 Jahren. Ich habe bemerkt, dass es hier in Deutschland viele Puristen gibt, die keine Verwässerung dieser alten, rekonstruierten Traditionen wünschen und in diesem Neu-Heidentum Erfüllung finden.

Aber genau das ist ja der springende Punkt. Es ist ein Neu-Heidentum, etwas neu interpretiertes und abgewandeltes. In der Neuentdeckung unserer eigenen Wurzeln liegt das Geheimnis zur Bezwingung der scheinbaren Sinnlosigkeit der postheroischen Moderne, die Entfaltungsraum für eine Wiedergeburt vieler Formen der Traditionsschaffung bietet. Denn die Geschichte der eurpopäischen Völker endete schließlich nicht mit dem Anbruch der industriellen Ära, sondern setzt sich fort und verlangt, dass wir uns der Fortsetzung der Mythenschreibung widmen. Dabei muss die eigene Geschichte und Identität immer wieder aus dem Staub der Vergangenheit befreit, angenommen und auf die Veränderungen der Zeit angepasst werden. Die alten Germanen, Kelten und Slawen sahen sich mit Sicherheit noch nicht in einer nationalen Identität, wie wir das heute tun. Ihre Vorstellungswelt war die von Vielgötterei in einem Pantheon der vermenschlichten Gottheiten, die in einem zyklischen Kosmos lebten und vergingen. Teutonen und Sueben begriffen sich noch nicht als Deutsche, wie das heute selbstverständlich der Fall ist. Und man muss auch anerkennen, dass es eine Entwicklung hin zu einem gesamteuropäischen Bewusstsein gibt, das sich ganz selbstverständlich durch fortschrittliche Fortbewegungstechnik entwickelt hat. Unsere Welt wächst zusammen und stößt sich auch an manchen Orten wieder ab. Wir nehmen auf, werten, prüfen und legen ab, was passt! Aber wir behalten, was verwertbar ist und schreiten fort, die Geschichte des eigenen Volkes weiterzuschreiben.

Ich bin gerne im Wald, sitze manchmal hier am Wasser unter den Trauerweiden und stelle mir vor, wie die Menschen vor fünfhundert oder vor tausend Jahren hier wohl gelebt haben. Wer sie waren, wie sie dachten, lachten und liebten. Und ich kann auf einen Berg steigen, den Krähenvögeln zusehen und sie an mir vorbeifliegen sehen und mir vorstellen, wie Hugin und Munin an der Seite Odins über ihre heidnischen Völker wachen. Dann gehe ich spazieren und stecke mir die Kopfhörer meines Smartphones ins Ohr, um die neu interpretierten Lieder skandinavischer Musikbands anzuhören, welche die Identität ihrer Geschichte replizieren und für ihre Zeit neu deuten: Im Jahr 2017 zu leben ist dann die Realität. Mit einer Kutte als keltischer Druide durch den Wald zu rennen und die heidnischen Götter um Hilfe anzuflehen, weil man sich in dieser Moderne verloren fühlt, bringt nichts. Die Realitätsflucht wird die Antike oder das Mittelalter nicht zurückbringen und man muss sich ernsthaft fragen, inwiefern ein idealisiertes Bild dieser Zeiten dann wirklich gut für einen Jahrgang 198x oder 199x wäre, wenn die Wunschfantasie Wirklichkeit wird. Ich hab mal versucht ein Feuer im Wald mit den Mitteln des Jahres 200 nach Christi anzumachen. Das hat keinen Spaß gemacht.

Der konservative Menschentypus, wie ich ihn jetzt an mir grob und keinesfalls allgemeingültig beschreibe, will ja nicht unbedingt zurück ins Jahr 1233 oder 0. Aber er kann aus dem Mythos der Geschichte für sich als Mensch viel Kraft, Liebe und Inspiration schöpfen.

Die Geschichte ist nicht vorbei, sie ist noch nicht einmal vergangen.

–> mein Vater

Der Mythos lebt in dir. Im Folgeschluss heißt das: deines Vaterlandes Hoffnung, das bist du.

 


 

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman

https://www.minds.com/Younggerman

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

2 thoughts on “Kraft schöpfen aus dem Mythos

  1. Mythen als Geschichten bewahren ist sicher wichtig, aber das Problem, das moderne Menschen haben scheint mir weniger zu sein, können sie zu Odin oder Zeus in praktischer Religion finden, also zu “Heidentum”, sondern können sie überhaupt wieder religiös werden. Das scheint mir eher die Schwierigkeit. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.

    Der Vorteil des “Heidentums” bzw Polytheismus ist aber, dass es eine Orthopraxis ist, es wird nichts verlangt von einem zu glauben, sondern man fängt mit Praxis an. Da ist der Schritt sofort Odin zu opfern sicher ein sehr großer, ein viel zu großer. Man nähert sich Glauben durch kleine Schritte an. Bei allem Respekt für das germanische Heidentum, es ist für einen modernen Stadtmenschen auch der weitere Schritt. Wobei es Anhänger Odins mittlerweile auch in allen Berufen, in den USA und England sogar im Militär gibt. Dort gibt es Pagane Geistliche.

    Ich bin auch deswegen Römer, weil es mir eher mit dem modernen Großstadtleben vereinbar scheint, und sich besser mit meiner philosophischen Ausrichtung verbindet. Cicero und auch die griechischen Denker, passen hier besser. Mir persönlich wären die Germanen ein wenig zu sehr “rural”. Muss man aber nicht so halten. Die modernen Asatru Gemeinden führen auch weithin ein normales, modernes Leben und wollen nicht zur Völkerwanderungszeit zurück. Man wird sich aber bewußt, als Polytheist, dass man unsere Wurzeln abgeschnitten hat. Diese wieder zu kultivieren, ist keine leichte Aufgabe.

    Ich las zum Beispiel, dass eine Frau ihre Religiösität zu Vesta, der Göttin des Herdfeuers, einfach entwickelte, indem sie sich eine wertvolle Kerze aus Bienenwachs kaufte, und jeden Tag kurz davon Andacht hielt. Ohne Gebet, oder etwas zu sagen oder zu wünschen. Nur Gedenken. Was bedeutet Herd? Was bedeutet Erbe und Wurzel? Was macht ein Heim, was macht Heimat aus? So enwickelte sie über Jahre eine immer größere Andacht zu Vesta und dann zum Römischen hin.

    Ich selbst stellte mir einen Ahnenschrein in die Wohnung, ein Lararium. Auch ich habe so durch kleine Schritte etwas allmählich aufgebaut, indem ich jeden Morgen und Abend kurz vor dem Ahnenschrein inne hielt. Es ist eher die Präsenz kleiner Dinge im Alltag, als gleich den großen Kult beginnen wollen, der einen zum Polytheismus führt.

    1. Diese langsame Annäherung ist vielleicht auch das Beste, was man in unserer Zeit machen kann. Es lässt sich nicht forcieren, vor allem ohne zentrale Instanz wie zb die Kirche. Ich denke Religion als persönliche Sache, wie das zum Beispiel mit dem Ahnenschrein bei den Vietnamesen üblich ist, ohne dass man einem Dogma folgt. Bewahrung der Tradition, emotionaler Brückenbau zur Vergangenheit.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.