Lügenpresse? Wenn Umfragen so ganz anders ausfallen…

Vorab: Nein, das Zitat Churchills zu Umfragen bringe ich in diesem Artikel ganz sicher nicht. 😉

Innerhalb von 5 Tagen wurden auf Welt.de zwei Artikel veröffentlicht, die mit komplett widersprüchlichen Titeln und Inhalten versehen waren: Am 21. August erschien der Artikel »Für die Deutschen ist Zuwanderung kein sehr wichtiges Thema« und am 25. August »Zuwanderung verunsichert die Deutschen wie kein anderes Thema«. Im Internet konnte man daher Reaktionen lesen wie »Lügenpresse halt« oder »Wie ist das denn durch die Zensur geraten?«. Anderen Lesern fiel dagegen gleich der Unterschied zwischen den Ergebnissen der jeweiligen Umfragen auf. Haben wir es hier also tatsächlich mit einem Akt orwellscher Nachrichtenkorrektur zu tun oder sind das einfach unterschiedliche Umfragen gewesen?

Kurz: Es waren unterschiedliche Studien, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kam. Die 21er Studie stammte von der Emnid, die im Auftrag der „Bild am Sonntag“ rund 1000 Deutsche über einen Tag befragte. Die Personenauswahl soll »repräsentativ« geschehen sein. Die Frage lautete dabei:»Wie wichtig sind Ihnen für Ihre Stimmabgabe bei der Bundestagswahl die folgenden Aufgabenbereiche?«.

Die 25er Studie stammte wiederum von der GfK. In »Challenges of Nations« (Herausforderungen der Nationen) wurden die Ängste verschiedener Nationen abgefragt und mehr als 27.500 Menschen in 24 Ländern befragt. In Deutschland wurden repräsentative 2000 Personen erreicht.

Die Studien unterscheiden sich in ihrer Art also stark. Allerdings finde ich die GfK-Studie interessanter, da sie Vergleichsmöglichkeiten und eine höhere Personenzahl anspricht. Das eigentliche Problem ist nun, dass wir zwei unterschiedliche Studien haben, die der jeweiligen politischen Seite den Rücken stärkt. So können Einwanderungs-Befürworter sich auf die 21er-Studie berufen (»Ist doch alles gut!«) und Gegner (»Sehen wir anders!«) auf die der GfK vom 25. August.
Ein unguter Verdacht beschleicht mich nur bei der Emnid-Umfrage insofern, da sie sie der von den etablierten, großen Parteien vorgegeben Linie, die Zuwanderung nicht zu übermäßig im Wahlkampf zu thematisieren, folgt. Als einfache Schlagzeile umgewandelt sieht das tatsächlich wie eine gewollte Meldung aus. Ein orwellscher Moment stellt sich da trotzdem ein: »Eurasien ist unser Gegner« und 4 Tage später »Eurasien ist unser engster Verbündeter«. Diese Schlagzeilen-Kultur verlangt vom Konsument ein hohes Maß von Konzentration und Differenzierungs-Vermögen. Zu dem werden Umfragen als Argumentationsmittel damit auch immer willkürlicher – und schließlich hinfällig. Insbesondere wird das Ergebnis auch zunehmend nach dem Ersteller bewertet werden müssen.



Ein weiteres Beispiel ist die kürzlich erschienene Studie der Bertelsmann Stiftung über die Integration von Muslimen in Westeuropa. Diese wurde von dem üblichen Personenkreis (etwas Polemik muss ich mir jetzt erlauben…) als Jubelmeldung kommuniziert. Gusto: Moslems fühlen sich mit Deutschland verbunden und die Integration ist gelungen – besser als in allen anderen europäischen Ländern. Und es ist richtig: Wir haben in Deutschland noch keine brennenden Vorstädte erlebt wie in Schweden, Großbritannien oder Frankreich. Also alles in bester Ordnung? Als Reaktion auf die Studie hat welt.de eine Umfrage mit dem Institut Civey erstellt. Hier wurden die Befragten zur eigenen Wahrnehmung des Integrationsfortschritts von Muslimen befragt. Ergebnis: Die Mehrheit ist nicht so überzeugt. Über 5000 Personen wurden dabei über 2 Tage befragt.

Das die Bertelsmann Stiftung eine eigene politische (liberale) Agenda fährt ist bekannt, deren mediale Aufbereitung erfolgt entsprechend einseitig. Bei der Welt-Trend-Umfrage ist das Problem, dass die Auswahl der Teilnehmer nicht so passen muss, der Personenkreis nicht so weit ist. So wurden z.B. bei der Bertelsmann Stiftung nur Muslime befragt, die vor 2010 nach Deutschland kamen und bei Civey evtl. (!) vornehmlich islamkritische Menschen (wenn das Verfahren ähnlich offen passiert, d.h. unter den Artikeln).

Fazit: Der vorliegende Fall ist eine erneute Erinnerung daran, Titel nicht blind anzunehmen und Umfragen bzw. Studien sorgsam ausgewogen zu verwenden. Gerade wenn es nicht um einfache Ja/Nein-Punkte geht. Wir haben in Deutschland eine ausgeprägte Skandalokratie, vermeintlich wichtige Säue werden durchs Dorf getrieben und Monate später kräht kein Hahn mehr danach – trotzdem werden danach politische Entscheidungen getroffen. Wirkliche Lösungen bleiben auf der Strecke. Trotz dieser Widersprüche darf sich auch keine orwellsche Ermüdung einstellen. Im Gegenteil: Es wird wichtiger, seine Meinung öffentlich darzustellen zu können und auch Gleichgesinnte zu finden bzw. sich mit Andersgesinnten auszutauschen. Oft finden sich schnell Gemeinsamkeiten: So spielen Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Renten- bzw. Altersvorsorge nahe zu ähnliche Werte bei den Befragten. Sich in Großverschwörungen zu flüchten führt in die Isolation. Anstatt also tatsächliche oder vermeintliche Fakten nur zu interpretieren, geht es für uns darum diese zu prüfen und zu schaffen.

 


 

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman

https://www.minds.com/Younggerman

 

 

 

 

 

 

Cundar wurde in Oberfranken geboren. Sein näheres Umfeld, Zivildienst, Pfadfindertum und ein sehr interdisziplinäres Studium präg(t)en seine Weltanschauung. Die bezeichnet er gerne als “katholisch, rechtsradikal und liberal” (Kuehnelt-Leddihn lässt grüßen). “Katholisch” in einem ziemlich traditionellen Sinn, “rechts” meint patriotisch, “radikal” im Sinne von “reaktionsfreudig” sowie “unabhängig” und “liberal” im Sinne persönlichen Freiheitsdenken. Früher bei die “Jungdeutschen”. Jetzt hauptsächlich als Privatperson ansonsten hin- und wieder schriftstellerisch bei YoungGerman tätig.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.