Leben wir im Kapitalismus oder im Sozialismus?

Linke prangern gerne die «kapitalistischen» Verhältnisse an, die zu Konsumwahn, Ausbeutung von Arbeitskraft und Umweltzerstörung führen. Libertäre dagegen beklagen die «sozialistischen» Aspekte des herrschenden Systems und meinen damit vielfältige Bevormundung wie Steuern, Pflichtversicherung und staatliches Währungsmonopol. Doch tatsächlich ist es ein und ein dasselbe System, in dem wir leben, das die einen Kapitalismus und die anderen Sozialismus nennen.

Betrachten wir unsere heutige politische und wirtschaftliche Situation auf der Welt: Man kann objektiv sagen, dass einige große transnationale Unternehmen, Banken wie Industrie- oder Medienkonzerne, eine untereinander stark vernetzte Eigentumsstruktur aufweisen (siehe Vitali et al., 2011). Außerdem üben sie große Macht auf die Politik aus und sorgen somit dafür, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ihre Machtstellung gegenüber der Konkurrenz festigen und ihre Profite erhöhen. Da sie den Politikern einreden können, dass sie «too big to fail» seien, retten sie sogar staatliche Hilfsgelder vor dem Bankrott, und damit vor dem entscheidenen Korrektiv des Marktes. Die großen Konzerne verzerren also den Wettbewerb zu ihren Gunsten und halten sich durch Marktaufteilung und Oligopolisierung die Konkurrenz vom Hals. Dieses Herrschaftssystem, in dem wir uns – weitgehend unwissentlich – befinden, wird Korporatokratie genannt. Während uns z.B. in den Supermarktregalen eine bunte Vielfalt an scheinbar miteinander konkurrierenden Produkten präsentiert wird, laufen die Fäden tatsächlich in erschreckend wenigen Händen zusammen. Die Kartellbehörden durchdringen diese Strukturen nur selten und sind weitgehend wirkungslos.

Einerseits üben Unternehmen Macht aus, was nach Kapitalismus aussieht. Andererseits herrscht kein freier Markt und der Wettbewerb wird eingeschränkt. Die Tatsache, dass die Politik in die Wirtschaft eingreift, ist für Libertäre ein Zeichen für Sozialismus. Man könnte nun aber sagen, dass diese Art der «Planwirtschaft» durchaus etwas Kapitalistisches sei, da hier Unternehmen im mehr oder weniger offen ausgetragenen Wettbewerb diese Ungleichgewichte im Markt geschaffen haben, d.h. sie haben die Politik durch ihr eigenes unternehmerisches Handeln selbst korrumpiert. Ziel des Libertarimus ist hingegen ein schlanker Staat, der nur einen rechtlichen Rahmen bereitstellt, der Rechtssicherheit und Eigentum garantiert. Wenn der Staat nicht mehr leisten kann als das, lässt er sich auch kaum missbrauchen.

Sowohl «Kapitalismus» als auch «Sozialismus» sind Kampfbegriffe, die jeweils für die eine Gruppe das Ziel und für die andere Gruppe den Untergang darstellen. Kompliziert wird es dadurch, dass jeweils etwas anderes darunter verstanden wird. Wenn wir nicht klar für eine Seite Position beziehen wollen, sollten wir bei der Verwendung dieser Begriffe im Hinterkopf behalten, dass sie sowohl für die Beschreibung der Gegenwart, für Utopien als auch für Endzeitszenarien herhalten müssen.



Streng genommen hat es Kommunismus oder Sozialismus nie gegeben, höchstens Ansätze davon in kleinen Gruppen. Das gilt ebenso für den Kapitalismus. Das Idealbild des Kapitalismus ist der freie Markt, eine Wirtschaft, in die von der Politik nicht eingegriffen wird und in der totaler Wettbewerb herrscht. Allerdings muss der Staat einen rechtlichen Rahmen setzen, um vollständigen Wettbewerb zu ermöglichen. An diesem Punkt scheiden sich patriotische von anarchistischen Libertären, die jeglichen staatlichen Rahmen ablehnen. Darüber hinaus sind Staatseingriffe der Politik in die Wirtschaft in den Augen Libertärer immer zerstörerisch für das Gesamtsystem. Linke dagegen wollen, dass die Regierung in Preisbildung, Vertragsbedingungen, Handel und Löhne eingreift. Sie wollen jedoch nicht, dass Unternehmen die Politik für sich instrumentalisieren. Vielmehr soll die Regierung im Sinne des Gemeinwohls die Wirtschaft regulieren. Ob das einerseits erforderlich oder andererseits überhaupt möglich ist, ist ein Gegenstand weltanschaulicher Differenzen. Ironischerweise werden auch solche Linke, die für alle das Beste wollen, unwissentlich zu Erfüllungsgehilfen der Großkonzerne, da sie dem Staat und supranationalen Strukturen wie der EU Macht verschaffen, die dann von Konzernen instrumentalisiert wird.

Ich selbst bin vorsichtig, dem Markt so viele heilsbringende Eigenschaften zuzusprechen, wie Libertäre es tun. Der Markt tut sich nämlich u.a. schwer damit, endlichen Ressourcen einen realistischen Preis zuzuweisen. Außerdem sind relevante Informationen nicht gleichverteilt, sodass Käufer nicht immer die beste Entscheidung treffen können. Fest steht jedenfalls, dass unternehmerische Einflüsse auf die Politik abgestellt werden müssen. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft im Interesse des Volkes wie etwa das Verhängen von Schutzzöllen halte ich für angebracht. Linke sollten sich von der Idee verabschieden, dass alles immer besser ist, je globaler es ist. Tatsächlich haben sie das in Bezug auf lokale Nahrungsmittelversorgung in weiten Teilen bereits erkannt. Linken und Libertären sei gesagt, dass der Nationalstaat ein Schutzraum vor der Korporatokratie sein kann. Er kann den Zugriff großer transnationaler Konzerne auf seine Ressourcen und sein Volk einschränken und lebensfähige Strukturen auf nationaler und regionaler Ebene ermöglichen. Darauf sollten wir gemeinsam hinarbeiten.


 

Studie über die Vernetzung der Großkonzerne:

Vitali, S., Glattfelder, J.B., Battiston, S. (2011) The Network of Global Corporate Control. PLoS ONE 6(10): e25995. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0025995

Empfehlenswerte zeitgenössische libertäre Bücher:

Reinhard Deutsch: Das Silberkomplott. Kopp Verlag, Rottenburg, 2006.
G. Edward Griffin: Die Kreatur von Jekyll Island. Kopp Verlag, Rottenbug, 4. Auflage, 2012.
Oliver Janich: Das Kapitalismus-Komplott. 6. Auflage, Finanzbuchverlag, München, 2012.
Gerd-Lothar Reschke: Vom Falschgeldsystem zum freien Marktgeld. 1. Auflage, Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2011.
Frank Schäffler: Nicht mit unserem Geld! Finanzbuchverlag, München, 2014.


 

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman

https://www.minds.com/Younggerman

Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.