Meditation! – Aus der Stille kommt die Kraft

Zwei alte japanische Schwertmeister stehen sich im Wettkampf mit erhobenen Bambusschwertern gegenüber. Jeder ist bereit, sofort zuzuschlagen, wenn der andere seine Aufmerksamkeit nur für einen Sekundenbruchteil abschweifen lässt. Sie verharren so, einander regungslos in die Augen sehend und bereit zum Schlag. Dann ist die Zeit des Wettkampfes abgelaufen und sie verbeugen sich. Dies war ein vollwertiger Kampf auf hohem Niveau, obwohl äußerlich nichts geschehen ist.

Kein imponierendes Drohen, keine Wut, keine unkontrollierten berserkerhaften Bewegungen. Stattdessen volle Konzentration, volles Gewahrsein, volles Im-Hier-und-Jetzt-Sein. Der Atem strömt ein und aus und der Geist ist leer. Diese Art zu kämpfen, ist uns westlichen Menschen fremd. Dabei birgt sie die Fähigkeit zu großen Leistungen und zum Untergang ohne mit der Wimper zu zucken, wenn es denn sein muss. Die Samurai haben uns das in atemberaubender Weise vorgeführt. Das ist nur möglich, da der Budo, das heißt, der Weg des Kampfes, traditionell eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden ist.

Zum Zen-Buddhismus gehört eine regelmäßige Meditationspraxis, Zazen genannt. Dabei sitzt man bewegungslos auf einem Kissen, starrt mit halb-geschlossenen Augen vor sich auf den Boden, atmet bewusst ein und aus und lässt seinen Geist zur Ruhe kommen. Man zählt seine Atemzüge, von 1 bis 10 und fängt dann wieder von vorne an, bis die Zeit abgelaufen ist. Das klingt einfach; wenn ihr es aber mal versucht habt, habt ihr erfahren, dass diese Art der Meditation in Wirklichkeit ganz schön viel Übung erfordert. Ständig kommen und gehen Gedanken und Gefühle. Wenn man bemerkt, dass man abgelenkt ist, gibt man sich einen Ruck und fängt man wieder von vorne an zu zählen.

Ihr fragt euch vielleicht, warum man sich das antun sollte. Wer regelmäßig meditiert, kann sich besser konzentrieren, bleibt gelassener und lässt sich weniger von Gedanken und Gefühlen ablenken. Das Zählen ist nur ein Mittel, um dem Bewusstsein etwas zu geben, worauf es sich fokussieren kann. Denn wenn die Aufmerksamkeit auf dem Zählen liegt, kann sie nicht gleichzeitig woanders sein. Natürlich kann man auch über andere Dinge meditieren; z.B. im Yoga gibt es eine bunte Vielfalt von Meditationsarten. Es kann ein Mantra sein, also ein heiliger Text, es kann ein Bild sein, ein Thema im Leben oder eine Eigenschaft, die man entwickeln möchte wie z.B. Gelassenheit. Alle Religionen kennen Meditationstechniken, so kann man im Christentum einen Rosenkranz beten und dabei in einen meditativen Geisteszustand kommen; ebenso lässt sich das auf das Surenrezitieren im Islam oder Thorarezitieren im Judentum anwenden. Das Entscheidende ist, dass eine Meditationstechnik die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ohne dabei zum Nachdenken anzuregen. Es geht nicht darum, sich bewusst Gedanken zu machen, sondern sich dem zu überlassen, was kommt, wenn man auf den Gegenstand der Meditation fokussiert ist. Das ist für uns Westler oft besonders schwer. Denn schließlich hat Descartes gesagt: Ich denke, also bin ich! Doch wer Kraft aus der Meditation schöpfen will, der übe sich darin, einfach nur zu sein.

Wer sich über das Alltagsbewusstsein erhebt, nimmt plötzlich alles sehr klar und deutlich wahr, doch ohne sich darüber noch Gedanken zu machen. Ich habe niemals einen Vogel so intensiv und ergreifend singen hören, wie in diesem Zustand. Bald dringt man zu einer wundervollen Stille durch; vermutlich das, was die Mystiker des Christentums als die Liebe Gottes erfahren haben. Es handelt sich um eine bedingungslose All-Liebe. Wir fühlen uns geliebt und angenommen und fließen gleichzeitig über vor Liebe zu allem: Menschen, Tieren, Pflanzen, der Erde, und auch uns selbst. Nach der Lehre des Yoga-Weisen Patanjali ist das in dieser Liebe verweilende Bewusstsein unser Wahres Selbst. Die Freuden und Leiden des Alltags sind dagegen nur tanzende Lichter.

Wenn wir schließlich aus der Versenkung an die Oberfläche des Bewusstseins zurückkehren, befinden wir uns aber wieder inmitten dieser Welt. Bald ist unser Bewusstsein wieder von Gedanken und Wünschen, Drängen, Abneigungen und Ängsten erfüllt, so dass wir nicht spüren, was darunter verschüttet liegt. Es sei denn, wir üben uns immer wieder, regelmäßig, in der Meditation. Dann gibt uns die Gewissheit Kraft, dass es da tief in uns etwas gibt, das unzerstörbar und wundervoll ist, ganz egal, was um uns herum passiert. In der heutigen unsicheren Zeit und den vermutlich bevorstehenden Krisenzeiten ist das eine unbezahlbare Ressource. Man kann darüber verzweifeln, wenn die Beziehung scheitert, man die Arbeit verliert, man von anderen nicht verstanden und verachtet wird. Man kann sich aber auch dem Leid mit all seinen Abgründen öffnen, durch diese Abgründe wandeln und – wenn man die wundervolle Tiefe in seiner Mitte gefunden hat – erhobenen Hauptes weiterkämpfen.

Um diesen Weg zu gehen, versucht immer wieder, eure Aufmerksamkeit dem Hier und Jetzt zu schenken. Versucht, weniger Dinge gleichzeitig zu tun, auch wenn es schwer fällt, weil wir so sehr gewöhnt sind, alle Lebensbereiche so effizient wie möglich zu gestalten. Letztlich ist es aber gar nicht effizient, gleichzeitig zu frühstücken, die Zeitung zu lesen und Musik zu hören. Hinterher wisst ihr nämlich nicht mehr so gut, wie es geschmeckt hat, welche Musik ihr gehört und was ihr gelesen habt. Dann habt ihr eurem Geist die Zügel schießen lassen. Er ist ein bisschen wie ein Hund, den man erziehen oder aber sich von ihm auf der Nase herumtanzen lassen kann. Der Geist kann ein sehr treuer Hund sein, wenn man erkennt, dass er nicht unser Herr, sondern ein großartiger Diener ist.

Aller Anfang ist schwer und persönliche Entwicklung braucht Zeit und Energie. Wenn ihr euch auf diese Entwicklung einlassen wollt, aber nicht jeden Tag 25 Minuten still sitzen könnt, dann fangt mit 5 Minuten an. Das Wichtigste ist, es regelmäßig zu tun. Niemand hat gesagt, dass es einfach sein würde. Und Bücher über Meditation zu lesen ist etwas anderes, als zu meditieren. Man muss es schon tun. Bewusster zu leben ist eine Herausforderung, doch es lohnt sich, sich ihr zu stellen.


Quellen:

Robert Aitken: Zen als Lebenspraxis. Diederichs Gelbe Reihe, Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München, 2003.
Taisen Deshimaru-Roshi: Zen in den Kampfkünsten Japans. Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg-Leimen. 3. Auflage, 1994.
Sukadev Volker Bretz: Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute. Verlag Via Nova, Petersberg. 6. Auflage, 2016.


 

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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

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