Die patriotische Linke

Dieses Thema wirkt exotisch: patriotische Linke? Das klingt wie ein Widerspruch. Doch die Vielfalt der politischen Einstellungen passt nicht in die Schubladen, die man uns gerne andient, und es gibt ein breites Niemandsland sozusagen auf der Rückseite des politischen Spektrums zwischen «rechts» und «links». Dieser Artikel ist eine Sammlung von größeren und kleineren Schlaglichtern auf dieses Niemandsland.

Dem einen oder anderen fällt sicherlich das Compact-Magazin mit Jürgen Elsässer ein, ehemaliger Kommunist, im Herzen den alten Ideen durchaus noch verbunden, aber heute Frontfigur einer Zeitschrift, die vielen als unberührbar und rechtsextrem gilt. Auch die Wandlung Manfred Kleine-Hartlages und Matthias Matusseks von «links» nach «rechts» verwirrt so manchen Zeitgenossen.

Ernst Thälmann, KPD-Vorsitzender, schrieb noch 1944 aus dem Gefängnis: «Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation. Eine ritterliche, stolze und harte Nation.» Ein Politiker der Linken, der heute eine solche Äußerung machte, wäre politisch erledigt.

Auch Josef Stalin lässt sich nicht so ohne Weiteres einordnen. Nachdem klar war, dass die Weltrevolution so schnell nicht zu erreichen sein würde, wie noch Lenin das erhofft hatte, schuf Stalin ein repressives System eines stark national geprägten Sozialismus, der marxistisch-leninistische Propaganda mit russischem Patriotismus verband. Auch der Kommunismus Maos setzte auf ein abgeschottetes China.

Heute gibt es ein paar versprengte linksnationale Plattformen im Internet und kleiner Gruppierungen mit geringer Reichweite. Hier ist z.B. das Portal «Rote Fahne» zu nennen. Es gibt sich als in der Tradition des Sozialismus alter Schule stehend und bezieht mitunter patriotische Positionen, z.B. in den Fragen deutscher Souveränität und Migration. Viel Interesse dafür besteht aber offenbar nicht.

Auch der Begriff der Querfront ist schillernd. Am lebendigsten war er in der Zeit der Weimarer Republik, als z.B. der linke Strasser-Flügel der NSDAP mit Teilen der KPD zusammenarbeitete und nationalrevolutionäre und nationalbolschewistische Gruppen aktiv waren. In den Forderungen des Versailler Vertrags und den deutschen so genannten Erfüllungspolitikern sah man einen gemeinsamen Feind und in einem erneuerten, selbstständigen Deutschland eine gemeinsame Perspektive. Heute ist der Begriff der Querfront im Wesentlichen auf politische Randerscheinungen wie die Autonomen Nationalisten im NPD-Milieu beschränkt, die einen „nationalen Sozialismus“ fordern. Tendenziell werden Querfrontstrategien heute als Versuche der extremen «Rechten» gesehen, «Linke» zu verführen und für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Nun richte ich zwei größere Schlaglichter auf den Studentenführer der 68er-Bewegung Rudi Dutschke und anschließend auf die Nationalrevolutionäre und Nationalbolschewiken der Weimarer Republik.

Rudi Dutschke:

Mit dieser faszinierenden Person habe ich mich bereits hier ausführlicher befasst. Sehr interessante Aspekte an Dutschke aus der patriotischen Perspektive sind nicht nur, dass er einen christlichen Hintergrund hatte, dass er ein geradezu bürgerliches Leben mit Ehefrau und Kindern führte, und so gar kein typischer freizügiger Kommunarde sein wollte, sondern auch, dass er die Wiedervereinigung Deutschlands forderte. Ganz im Gegensatz zu antideutschen Strömungen der 68er war Dutschkes Sozialismus zunächst national ausgerichtet. So stieß er z.B. mit folgenden Äußerungen bei Linken auf Ablehnung:

  • «Warum denken deutsche Linke nicht national? Die sozialistische Opposition in der DDR und in der Bundesrepublik müssen zusammenarbeiten. Die DDR ist zwar nicht das bessere Deutschland. Aber sie ist ein Teil Deutschlands.» (Rudi Dutschke, Die Deutschen und der Sozialismus, das da/avanti Nr. 6, 1977.)
  • «Unter solchen Bedingungen fängt der linke Deutsche an, sich mit allem möglichen zu identifizieren, aber einen Grundzug des kommunistischen Manifests ignorieren: Der Klassenkampf ist international, in seiner Form aber national.» (Allgemeines Deutsches Sonntagsblatt vom 5. Juni 1977.)

Dutschke hielt das Selbstbestimmungsrecht der Nationen hoch und leitete daraus das Verlangen nach der Wiedervereinigung ab. Der linke Mainstream verwehrte sich dagegen, da ihm alles Deutsche suspekt war und weitgehend noch ist. Dutschke dagegen bezog hier eine erfrischende Gegenposition, die wir als Patrioten heute als vorbildlich begrüßen können. Als Fernziel schwebte jedoch auch Dutschke die Weltrevolution vor, in deren Zuge die Grenzen der Nationalstaaten überwunden werden sollten, um ein globales Bewusstsein und eine globale Gemeinschaft ohne Verblendung und Ausbeutung zu schaffen.

Nun zu den Nationalrevolutionären und Nationalbolschewiken:

Heute weitestgehend vergessen, gab es in der Weimarer Republik neben den Kommunisten und rechtsnationalen Kräften wie den Nationalsozialisten auch einige Gruppen, die dem revolutionären Nationalismus bzw. dem Nationalbolschewismus zugerechnet werden. Greifen wir ein Positionspapier der «Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten» (GSRN) heraus, verfasst von Karl Otto Paetel im Jahre 1933. Es kam zu spät, denn das Jahr 1933, die Machtergreifung Hitlers, rückte alle Ziele einer anderen nationalen Zukunft Deutschlands als der der Nationalsozialisten in weite Ferne. Auch in der NSDAP hatte es Sozialisten gegeben wie Georg Strasser, die meisten von ihnen waren jedoch bereits 1930 demonstrativ ausgetreten, und spätestens mit der Zerschlagung des Röhm-Putsches war die Partei auf Linie Hitlers gebracht. Das Spannungsfeld des revolutionären Nationalismus bewegte sich zwischen dem Widerstand gegen die wirtschaftliche Knechtung und Ausbeutung Deutschlands in Folge des Versailler Vertrages, hinter dem man durchaus zu Recht die Interessen des transnationalen Großkapitals ausmachte, und der Vision eines deutschen Sozialismus unter Erhaltung der Nation. Was man auch immer vom Sozialismus halten mag, stellt sich die Frage: Was lässt sich heute noch mit diesem Dokument mit dem Titel «Weshalb nicht KPD?» beginnen? Ich habe dieses Dokument bereits in der Vergangenheit detailliert analysiert und ich empfehle, das hier nachzulesen. Paetel grenzt die Bewegung, der er selbst angehört, in seinem Papier gegen die Positionen des revolutionären Marxismus ab. Hier nur eine knappe Zusammenfassung ausgewählter Punkte:

  • Ziel der Nationalrevolutionäre war es, ein selbstständiges, antiimperialistisches Deutschland zu schaffen. Die heutigen politischen Denkkategorien sträuben sich dagegen, aber man versuchte tatsächlich die Synthese von Sozialismus und Nation, und zwar ernsthaft und kompromisslos.
  • Zitat Paetel: «Der revolutionäre Nationalismus weiß um die Zeugungskraft der Idee, die Notwendigkeit religiöser Erneuerung und die Existenz irrationaler Kräfte, er sieht in der Idee der Nation seinen letzten Wert und im Volkstum eine schicksalsmäßig immanente Kraft. Alle politischen und wirtschaftlichen Erfordernisse sind Wege, dieser Idee Form und Wirklichkeit zu geben.»
  • «Der revolutionäre Nationalismus ist antifaschistisch, weil der Faschismus, abgesehen von den fremdvölkischen Zügen, es nicht versteht, die Führungskräfte des Proletariats einzubauen, in seiner Wirtschaftsordnung lediglich eine Reform am Kapitalismus, in seiner ständisch getarnten Staatsform eine Diktatur über das werktätige Volk ist und dadurch die Teilung der Nation in Herrscher und Beherrschte verewigt.»
  • «Der revolutionäre Nationalismus sieht im Räteaufbau als der Selbstverwaltung des schaffenden Volkes die Garantie der politischen Verantwortlichkeit und wirtschaftlichen Kontrolle der Volksgemeinschaft, vorgebildet in Ansätzen germanischer Herrschaftsformen.»
  • In den Bereichen Klassenkampf, Revolution, Sozialismus, Räte, Außenpolitik und Antifaschismus gab es eine Reihe von Forderungen und Erkenntnissen, die mit dem Marxismus übereinstimmten, «die Zielwelt des Nationalismus und des Marxismus» erkennt Paetel jedoch als durchaus verschieden.
  • Heute undenkbar wäre folgender Ausruf: «Gegen das Versailler System – (…) Für die Sozialistische Revolution – Für Großdeutschland!»

In der Schule, der Universität und den Medien hört man heute nichts mehr von diesem Zweig am Baum der deutschen Geschichte, weil alle politisch-wirtschaftliche Gesinnung, die nicht linksextrem, links-liberal oder kapitalistisch-neoliberal ist, mit dem Nationalsozialismus assoziiert wird. Das ist aber nicht verwunderlich, da die heutigen Machthaber und Gesinnungskonstrukteure natürlich nicht das Gedanken- und Machtgefüge schwächen wollen, das sie stützt.

Ausblick

Vorherrschende linke politische Einstellungen lassen sich heute kaum noch als Marxismus oder Sozialismus fassen. Das liegt an der Verwandlung des Linken in der Folge des Zweiten Weltkriegs, an Einflüssen der 68er-Bewegung (davon nehmen wir Rudi Dutschke zum Teil aus), einschließlich der Frankfurter Schule, und am Scheitern des real-existierenden Sozialismus des Warschauer Pakts. Heute haben wir es mit einem Kulturmarxismus zu tun, dessen revolutionäres Subjekt nicht mehr das Proletariat ist, also eine Mehrheit in der Bevölkerung, sondern gesellschaftliche Minderheiten wie Migranten und Homosexuelle. Schrieben sich Linke früher noch die Interessen der Mehrheit auf die Fahnen, die es von der Ausbeutung einer kapitalistischen Minderheit zu befreien galt, geht es heute um gewisse gesellschaftliche Freiheiten und die Abschaffung von Werten, wovon vornehmlich Randgruppen profitieren. Bemerkenswert ist, dass diese Politik auch von Menschen gewählt wird, die nicht zu diesen Minderheiten zählen. Das liegt zumindest in Deutschland daran, dass es vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus schick geworden ist, sein kollektives schlechtes Gewissen damit zu beruhigen, die eigenen Interessen zurückzustellen und jene zu begünstigen, die vermeintlich oder tatsächlich benachteiligt sind.

Warum sind linksnationale Gruppen in Deutschland so schwach? Gründe dafür sind die starke politische Deutungshoheit der mainstreamtreuen Soziologie und ihre in der Presse immer wieder zitierten Extremismusexperten, die Berührungsängste schaffen, und eine gewisse politische Gruppendynamik, d.h. die Tatsache, dass politische Gesamtpakete nicht hinterfragt werden: Bist du links oder rechts? Wenn du vermeintlich wertkonservativ wählen willst, musst du die Atlantikbrücke und damit das transnationale Großkapital mitwählen. Wenn du mehr Umweltschutz willst, musst du auch mehr Migration unterstützen. Hier ist etwas grundlegend faul in der Art, wie Parteien funktionieren. Wir sollten uns über eine flexiblere, vielleicht mehr an die individuellen Überzeugungen von Politikern gebundene Vertretung der Interessen der Bürger Gedanken machen.

 


 

Auf Reisigs Blog:

Was wir von Rudi Dutschke lernen können https://reisig.wordpress.com/2011/11/07/was-wir-von-rudi-dutschke-lernen-konnen/

Was haben uns die Nationalrevolutionäre der Weimarer Republik heute noch zu sagen? https://reisig.wordpress.com/2012/10/20/was-haben-uns-die-nationalrevolutionare-der-weimarer-republik-heute-noch-zu-sagen/


Quellen:

Zu Protokoll: Günter Gaus im Gespräch mit Rudi Dutschke https://www.youtube.com/watch?v=U6X-ZeYC54E&feature=related

Karl Otto Paetel: Weshalb nicht KPD? In: Nationalbolschewismus und nationalrevolutionäre Bewegungen in Deutschland. K.O. Paetel. 1999, Verlag Siegfried Bublies, Schnellbach. S. 292-295

Zitat von Ernst Thälmann: https://de.wikiquote.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann


 

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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

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