Volk ? Was ist das eigentlich?

Die AfD-Vorsitzende Frauke Petry warb in einem Interview mit der Welt am Sonntag vor einigen Monaten dafür, den Begriff „völkisch“ wieder positiv zu besetzen und ihn nicht mit „rassistisch“ gleichzusetzen. Entweder fügte sich dieser Vorstoß in eine Strategie bewusster Provokationen ein, um für jeden Preis im medialen Gespräch zu bleiben, oder er ist auf Naivität und historische Unkenntnis der Parteivorsitzenden zurückzuführen – der Begriff „völkisch“ ist nämlich mit einer prekären Geschichte belastet. Zugleich machte die auf das Interview folgende Empörungswelle auf das Dilemma aufmerksam, in dem wir Deutsche unweigerlich gefangen sind, wenn wir uns positiv auf das „Volk“ beziehen wollen und dafür nach einem entsprechenden Adjektiv suchen.

Um in die semantische Problematik tiefer einzudringen – denn die Rede vom Volk oszilliert bis heute zwischen einer Doppelbedeutung –, ist es notwendig, einen kurzen Ausflug zurück zum Geburtsschoß des europäischen Politikvokabulars zu unternehmen, in das alte Griechenland, in dem nicht zuletzt die Demokratie „erfunden“ worden ist. Die alten Griechen besaßen zwei Volksbegriffe mit unterschiedlichen Bedeutungen: demos und ethnos. Während demos das Staatsvolk als das zentrale politische Legitimationssubjekt der Demokratie bezeichnete und als staatsrechtlicher Begriff firmierte, meinte ethnos die ethnische Zugehörigkeit im Sinne einer Abstammungsgemeinschaft. Man darf allerdings nicht vergessen, dass in der demokratischen Praxis Athens demos und ethnos näher beieinanderlagen, als es die begriffliche Differenz vermuten lässt: Neben den Sklaven und Frauen genossen auch die Metöken, die Stadtfremden, keine politischen Mitwirkungsrechte innerhalb der Volksversammlung und mussten sich in Rechtsgeschäften durch athenische Vollbürger vertreten lassen.

Im Zuge der europäischen Neuzeit nahmen die Vordenker der Aufklärung das Wort „Volk“ wieder auf, zum einen, um es im Sinne eines sozialen Begriffs („das gemeine Volk“) gegen die Herrschenden und Besitzenden auszuspielen und für die Nicht-Herrschenden und Nicht-Besitzenden politische Partizipation einzufordern, zum anderen, um das Volk gegen den Monarchen und den Adel zum eigentlichen Souverän und politischen Subjekt zu erheben. So gilt der Genfer Jean-Jacques Rousseau als Erfinder der Konzeption der Volkssouveränität, in welcher sich der demos als Staatsbürgergemeinschaft mit einem einheitlichen politischen Willen (volonté générale) konstituiert, von dem alle politische Macht und Legitimation auszugehen hat. In dieser republikanischen Urszene soll der Volkswille möglichst rein und unmittelbar zur Geltung kommen und bereits gewählte Volksvertreter in einem repräsentativen Parlament beinhalten für Rousseau die Gefahr der Verzerrung dieses wahren Quells politischer Willensbildung. Das Volk in diesem demokratisch-republikanischen Sinne betrat dann erstmals mit der Französischen Revolution die Bühne der Weltgeschichte. Sowohl Liberale und Demokraten als auch Patrioten und Nationale konnten sich nun positiv auf das Volk berufen und Seit‘ an Seit‘ marschieren, um ihren politischen Forderungen Ausdruck zu verleihen, was in der burschenschaftlichen Bewegung, beim Wartburgfest 1817 und noch beim Hambacher Fest 1832 auch geschah.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand jedoch eine deutliche Akzentverschiebung vom demos auf den ethnos statt, die sogenannte Völkische Bewegung formierte sich, die sich auch ausdrücklich als solche verstand und Vokabeln wie die „Volksgemeinschaft“ besetzte. Die „Völkischen“ vertraten ein ideologisches Konglomerat aus Antisemitismus, Nationalismus, Lebensreformkonzepten, rassehygienischen Vorstellungen und freireligiösen bis esoterischen Ideen, blieben im deutschen Kaiserreich zunächst einmal ein politisches Randphänomen ohne Massenanhang. Die entscheidende Operation dieser Bewegung war, dass sie demos und ethnos ins eins setzte und damit das Volk gleichsam naturalisierte: Die Zugehörigkeit zur Staatsbürgergemeinschaft wurde an die blutmäßig verstandene Herkunft geknüpft, Volksangehörigkeit in der Tat rassisch verengt. Dass diese rassebiologischen Exklusionskriterien für den Volksbegriff sich im 20. Jahrhundert mörderisch auswirkten, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden.

Heute sind wir in das andere Extrem verfallen. Statt den demos auf den ethnos zu reduzieren, versucht das linksliberale juste milieu umgekehrt den ethnos aus dem Volksbegriff herauszukürzen, den demos auf dem Reißbrett vollständig neu zu konstruieren und in eine inklusiv verstandene Bevölkerung aufgehen zu lassen. Nicht nur, dass damit die Rede vom deutschen Volk so entkernt wird, dass sie nicht mehr als prägnante politische Begrifflichkeit fungieren kann; es ist auch ein zutiefst unhistorisches Vorgehen, den genetisch-herkünftigen und geschichtlich gewachsenen Zusammenhang zwischen dem deutschen Volk als Schicksalsgemeinschaft und Kulturnation und dem deutschen Staatsvolk als demokratisch sich selbst bestimmender Bürgergemeinschaft zu negieren. Auf diese Weise werden die Grundlagen der bundesdeutschen Demokratie selbst angegriffen. Ein Volk, das die totale Inklusion will, wird sich selbst unweigerlich auflösen und kann deswegen nicht mehr demokratisch über sich selbst bestimmen, weil es dieses „sich selbst“ nicht mehr gibt.

Wenn das Volk zu einem geographischen Begriff oder einer universal offenen Weltbürgergemeinschaft verdünnt wird, verliert sich beides: ethnos und demos. Es gilt daher, das stete Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Volksbegriffen aufrechtzuerhalten und sich ihrer unauflöslichen historischen Verbindung bewusst zu bleiben, ohne beide in eine Identität kollabieren zu lassen, wie es die „Völkischen“ beabsichtigten. Das bedeutet, dass man sich an den gegenwärtigen Deutungskämpfen um das „Volk“ beteiligen muss – allerdings auf geschichtsbewusstere Weise als Frauke Petry, um nicht in das völkische Fettnäpfchen zu treten. Das Volk als positive Bezugsgröße für Demokratie und Nation zu etablieren, ohne ins Völkische abzudriften – das wird auch in Zukunft die schwierige Aufgabe der AfD sein. Bei der notwendigen Suche nach einem entsprechenden Adjektiv sind kreative Vorschläge gefordert – volksbezogen, volksmäßig, volklich u.a. klingen noch ein wenig holprig.

 


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