“Die SPD hat mich verloren” – Gespräch über Kohle, Heimat und die deutsche Seele

 

Deutschland verändert sich. Ich habe mir einen Zeitzeugen dieser Veränderung hinzugezogen, der deutlich älter als ich ist und die Bundesrepublik noch vor ihrer Wende kannte. Wir sprachen über unser Land, die Heimat, warum er sein SPD-Parteibuch immer noch im Schrank hat und was heute besser und schlechter ist, als noch vor 40 Jahren.

 

YG: Hallo Friedrich*. Stell dich bitte kurz vor, damit unsere Leser sich auch eine Vorstellung von dir machen können.

Friedrich (A.): Friedrich mein Name, geboren in Duisburg und heute wohnhaft in Potsdam.  Ich bin Jahrgang 1955. Meine Haare fallen mir aus und ohne Brille sehe ich nichts mehr. Trotzdem laufe ich gerne den Berliner Marathon mit, wenn das meine Frau erlaubt.

YG: Du siehst auch recht sportlich aus. So ledrig wie ein Turnschuh.

Friedrich: Haha (lacht), ja. Manche Dinge verlernt man nicht. Ich habe, wie du ja weißt, viel Sport in meiner Jugend gemacht und die Zeit der der Truppe prägt ungemein. Vom eher schläfrigen und beleibten Jungen bin ich dort auch zum Mann geworden. Damals zu Wehrpflichtzeiten. Das erscheint mir heute so fern, als wäre es ein anderes Leben gewesen. Kannst du wahrscheinlich nicht verstehen, was das für eine Zeit war. Ich kam gerade in die Bundeswehr, als die ersten jungen Männer mit rebellischen Langhaarfrisuren auftauchten. Ich gehörte auch dazu und war eigentlich einer gewesen, der sich am liebsten vor dem Bund gedrückt hätte. Ich habe versucht mich untauglich schreiben zu lassen. Aber der damalige Arzt schrieb mich trotz meiner vorgetäuschten Wehwehchen tauglich und so landete ich dann bei den Panzerjägern. Die gibt es heute nicht mehr.

 

YG: Der Zeitgeist hatte dich also voll erfasst. 60er, 70er und die stürmischen Rebellen der linkstickenden Jugend. Diese Generation, der du ja irgendwie angehörst, regiert heute Deutschland.  Leute wie ich, die Rechten, sagen ja, dass die 68er Deutschland ruinieren.

Friedrich: Ha, tja. Das kann man so oder so sehen. Im Nachhinein muss ich ehrlich zugeben, dass viele junge Leute damals wirklich, genau wie ich, sehr naiv und verblendet waren. Aber du wärst vielleicht auch dabei gewesen. Ich fühlte mich bewegt von der Emotionalität dieser Zeit. Wir schauten uns die Mondlandung an, blickten zu den freiheitlichen USA und gleichzeitig auch nach Osten. Du und viele junge Leute verstehen nicht, was für eine bigotte Zeit wir damals in Deutschland hatten. Am Esstisch wurde vor jeder Mahlzeit bei uns gebetet, wir gingen alle ständig in die Kirche und die sexuelle Moral wirkte auf mich steinzeitlich.  Die Gesellschaft der fetten Fünfziger war verkrustet. Aber in diesem Sturm und Drang Gefühl unserer Generation haben es viele völlig übertrieben. Du hast also nicht Unrecht damit: einige sehr irre Gestalten sitzen heute an den Schalthebeln der Macht in Deutschland, die damals schon verrückte Ansichten hatten. Ich halte es für ein ganz großes Missverständnis in der Geschichtsschreibung über unsere 60er Generation. Wir waren nicht unpatriotisch! Ich las gerne Schiller, auch Nietzsche und Hölderlin. Werke und Autoren, die heute doch gar nicht mehr von den jungen Leuten gelesen werden. Der deutsche Geist war in uns noch nicht verloren.

YG:  Die Denkschule von Nietzsche existiert heute in Deutschland quasi nicht mehr. Ehemalige Anwälte und Freunde der RAF Terroristen sitzen heute im Parlament oder in den Medien. Ex-Stasis bzw.  IMs verwalten heute an höchsten Stellen. Diesen Leuten, darüber sind wir uns einig, denn sonst würdest du nicht hier sitzen, lehnen eine spezifisch deutsche Identität ab. Ihnen ist der bloße Gedanke zuwider geworden, dass die deutsche Kultur existiert. In NRW, deinem Bundesland, hat die Regierung dort beschlossen das Deutsche Volk aus ihrem Eid völlig auszuschließen. Man schwört nicht mehr auf das Deutsche Volk, sondern auf die Völker. Die Völkermühle Europas, wie einst der Ruhrpott beschrieben wurde, wird zur Völkermühle der Welt. Globaler Melting Pot.

Friedrich: Wir dachten anders damals. Da verstehst du auch die Identität des Ruhrpotts auch nicht richtig. Wir waren immer schon eine Mühle, wo die Leute verschiedenster Nationalitäten zusammengewürfelt wurden. In meiner Jugend in Duisburg hatten wir sehr gute Verhältnisse zu den türkischen und polnischen Gastarbeitern. Ich rede hier nicht sentimental daher. Aber so war es nun mal. Zwischen Westdeutschen in Duisburg und den ersten Gastarbeitern aus der Türkei bestand ein sehr gutes Verhältnis. Das ist erst in den letzten zwanzig Jahren schlechter geworden,  und darum stehen wir in Deutschland heute da, wo wir nun mal stehen. Die Entwicklung der Integration ist irgendwo zwischen 1970 und 1990 gehörig schief gegangen.

YG: Ca. 70% der Türken in Deutschland votierten für Erdogan und scheinen seinen Wertekodex zu teilen. Imperialistisch, nationalistisch, islamistisch. Ich verüble den Türken das ja nicht. Sie sollen ihre Nation voll genießen. Dann aber bitte in Anatolien. Du sprichst es an: Die Integration, nein! Die Assimilation dieser Menschengruppe ist mehrheitlich gescheitert. Ich rede hier nicht vom Einzelfall, der immer mal sehr gut angepasst sein kann. Ich kenne selbst zu viele Personen türkischer Herkunft, die ich hier nicht missen will, weil sie eben charakterlich hier so gut reinpassen. Aber es ist eben so, dass gerade NRW und der Pott zum Hort von Islamisten, türkischen Separatisten und Kriminellen Clans geworden ist. Genau wie Berlin. Die Einsicht, dass etwas schief gelaufen ist, kommt spät. Warum erst jetzt?

Friedrich: Erstmal stimme ich dir zu. Ich denke wer für Erdogan gestimmt hat, kann nicht gleichzeitig mit den Füßen auf unserem Grundgesetz stehen und ein guter Bürger sein. Ich würde diesen Menschen auch die Heimkehr anraten. Heute, wo ich gelesen habe, dass Helmut Kohl viele Millionen Türken nach Hause schicken wollte, denke ich ja, dass der alte CDUler damit Recht hatte. Sowas hätte ich vor zwanzig Jahren niemals gesagt. Aber nun stehen wir ja, wo wir stehen. Da musst du wissen, dass ich bis vor wenigen Jahren nicht nach Duisburg zurückgekehrt bin. Ich hatte die Heimat 1979 verlassen und war erst 2013 zurückgekehrt, um das Grab des Vaters zu besuchen.

YG: Schwierige Familienverhältnisse?

Friedrich: Ja, sehr. Ich hab meine Stadt und Straße nicht mehr wiedererkannt und bin fast vor Schock umgefallen. Die Verelendung und der Schmutz, das kannte ich. Aber es war einfach nichts mehr wie früher, nichts mehr…

YG: Deutsch?

Friedrich: Jein. Das sind nicht mehr die selben Nachbarn wie früher. Die Deutschen von damals existieren immer noch. Aber sie sind wie ich alt geworden, die Kinder sind weggezogen und nur die Eltern sind geblieben. Ich saß mehrere Stunden in den Bussen und fuhr durch meine Stadt und das sind auch nicht mehr die Türken, die ich als junger Mann kennengelernt habe. Das ist eine völlig andere Generation, fast alle sehr bärtig. Junge Kerle mit Goldkettchen, wilden Augen und vielen Muskeln. Sie gucken dich aggressiv an, suchen Streit und sind laut. Das gab es damals nicht oder nur sehr selten. Meine Türken früher verhielten sich anders, sehr viel demütiger. Sie aßen mit uns auch zu Ramadan, gingen kaum in die Moschee und tranken Bierchen im Garten. Ich fühlte mich wirklich fremd in der eigenen Heimatstadt. Alle Klingelschilder bei meinem Mietshaus waren türkisch, arabisch oder balkanisch geworden. Die lieben Damen und Fräulein von früher, denen wir auf dem Fahrrad nachgestellt hatten, die in den kleinen Gärten am Stadtrand lebten, sind alt oder tot. Und wer nicht alt oder tot ist, ist weggezogen. Nur mit einem Nachbarn konnte ich kurz ein paar Worte wechseln. Ich bin mit dieser Beobachtung nicht alleine!

Ehrenmord? Davon hab ich erst vor ein paar Jahren das erste mal in den Zeitungen gelesen. Die Straßennamen sind die gleichen geblieben. Nur die Bevölkerung ist völlig …

YG: Ausgetauscht könnte man sagen. Manche patriotische Gruppierungen benutzen diesen Begriff ja sehr gerne. Was du beschreibst kenne ich aus meiner eigenen Nachbarschaft im Berliner Wedding. Du beschreibst den langsamen Wegzug bzw. das Wegsterben der ethnischen Deutschen und die Neubesiedlung mit Migranten.

Friedrich: Das ist mir zu polemisch. Migranten? Jeder ist irgendwo geboren und geht in seinem Leben vielleicht einmal woanders hin um dort zu leben. Deutschland war immer schon ein Einwanderungsland, vor allem der Pott.

YG: Naja, nein. Deutschland hatte immer schon Einwanderung gehabt. Aber nie haben wir uns über Einwanderung definiert. Deutschland war für die Deutschen da, nicht für den Migranten. Der hatte sich anzupassen und einzuordnen in das Ganze. Heute wird Vielfalt zum Selbstzweck erhoben, zur göttlichen Erlösungsfantasie. Einwanderung wird als Heilslehre verstanden, die alternativlos sei. Mosaik der Völker statt ein Einheit.

Friedrich: Ja, ich stimme dir hier schon zu. Es hat sich unser Verständnis von Migration und Integration dramatisch verändert. Ich bin langjähriges SPD-Mitglied und ich habe meine Ansichten seit 40 Jahren nicht geändert. Aber mittlerweile gehöre ich zu den Personen Non Grata, die man auf Stammtischen nicht mehr sehen möchte! Die Sozialdemokraten sind anders geworden. Ich erkenne nichts von Willy Brandt oder Helmut Schmidt in den heutigen Sozen wieder. Sie sind selber die Bigotten geworden, die ich damals eigentlich bekämpfen wollte. Aber das ist die CDU heute ja immer noch. Damals war die SPD noch deutsch, fühlte sich deutsch und dachte, so meine ich zumindest, an das Wohl des deutschen Volkes. Davon sehe ich NICHTS mehr. Frau Kraft in NRW ist eine, entschuldige bitte, eine verdammte Zecke. Auch die Art und Weise wie man Herrn Buschkowsky in Berlin parteiintern angegriffen hat, statt seine Warnungen ernst zu nehmen, hat mich zutiefst von der Partei entfremdet.

YG: Sarrazin ist auch ein SPD-Mann.  Unsere heutigen Parteien scheinen sein Buch nicht als Warnung, sondern als Anleitung zu verstehen.

Friedrich: Deutschland schafft sich ab? (Lacht), ja.  Ich versteh schon. Heute sehe ich die Dinge klarer und denke auch, dass Deutschland sich in eine sehr schlechte Lage gebracht hat. Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die ersten Türken mit deutschem Pass, die in die Bundeswehr eingezogen wurden. Ich war damals Hauptfeldwebel und bei diesen jungen Männern bestand ein sehr großes Bedürfnis nach Identifikation mit Deutschland. Sie waren die Söhne von Kohlekumpels aus dem Pott und lebten in der zweiten Generation hier.  Was ist schief gelaufen? Nicht alle sind schlechte Männer geworden. Aber man muss blind und dumm sein, wenn man die Horden an jungen Männern nicht sieht, die heute in den Straßen herumlungern und an den Bahnhöfen randalieren.   Hinzu kommen die ganzen Nordafrikaner! Wir müssen uns das eingestehen – die Integrationspolitik ist fast überall gescheitert. Aber überall sagen mir die Parteikollegen, dass alles größtenteils bestens sei und man so weitermachen wird wie bisher. Wahnsinn!

YG: Die politische Rechte thematisiert diese Problematik. Warum behältst du also dein Parteibuch? Mit deinen Ansichten ist in der SPD kein Landgewinn mehr zu machen.

Friedrich:  Mag sein. Aber ich kann nicht vergessen, wie übel mir damals die CDU mit ihrer Verbohrtheit aufgestoßen ist. Und mit der AfD befasse ich mich nicht. Ich weiß aber, dazu muss man kein Hellseher sein, dass die Stimmung in der Bevölkerung sich verändert. Die SPD liegt nicht mehr mit der Seele des deutschen Volkes auf einer Wellenlinie.

YG: Die würden wohl sagen, dass es die Deutschen gar nicht gibt und sie auch keine spezifische Volksseele haben. Der patriotische Widerstand ist heute größer als die Parteien rechts der Mitte. Er ist breiter aufgestellt, über Pegida, Identitäre, EinProzent und etliche andere Netzwerke.  Was tust du um diese Entwicklungen, die wir beide für selbstzerstörerisch halten, aufzuhalten?

Friedrich: Ich tue meinen Teil, wenn ich den Parteikollegen beim Gartenfest auch mal Konter gebe oder eine Spende an die eine oder andere Gruppe überweise. Da kletterten ja mal junge Leute aufs Brandenburger Tor. Deine Identitären.

YG: Sind nicht meine, aber ja. Angeblich verfassungsfeindlich laut unserem VS.

Friedrich: An der Forderung die Grenzen zu schließen und hier für geregelte Einwanderung und Abschiebung zu sorgen, kann ich nichts verfassungsfeindlichen erkennen. Unser Staat hat ein völlig gestörtes Verhältnis zu sich selbst entwickelt, das ist doch nicht mehr normal. Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern er wird selbst Kalkutta. Das hat Peter Scholl Latour mal gesagt. Diese Selbstverständlichkeiten sind uns völlig abhanden gekommen. Aber ich möchte dir sagen, dass die Grenzen nicht unter der SPD, sondern unter Merkels CDU geöffnet wurden.

YG: Scheinargument. Die SPD steht genauso für eine unkontrollierte Einwanderung. Sie vollzieht die Politik der Kuscheljustiz und der Einwanderung durch die Hintertür, also durch Asylanträge, seit vielen Jahrzehnten. Die ganze soziale Schiene bei der Einwanderungsproblematik geht auf die SPD zurück. Ich erinnere dich an die 90er. Egal – die Parteien sind fast alle von diesem neuen Zeitgeist erfasst, dass das Heil Deutschlands in der Auflösung seiner Identität bestehen soll. Deutschland der Vielvölkerstaat.

Friedrich: Ja, es ist nicht zu leugnen. Deshalb hat mich die SPD auch verloren. Innerlich kann ich nicht mit ihr abschließen. Aber mehr als eine Karteileiche werde ich nicht sein.  Ich frag mich oft, was WIR, also meine Generation, denn so falsch gemacht hat, dass es soweit gekommen ist. Ich hab die Menschen, egal wo sie herkamen und was für eine Sprache sie sprachen, immer gleich behandelt und hab versucht ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. In der Bundesrepublik schauten wir vor dreißig Jahren noch sehr hoffnungsvoll auf die Zukunft …unser neues Deutschland sollte frei von Rassismus sein. Frei von dem braunen Nationalsozialismus. Und heute kannst du dir anhören, wie deine Schwägerin dir erzählt, dass sie ihre 12 jährige Tochter nicht mehr alleine zum Schwimmen schicken kann, weil sie dort von orientalischen Männern beleidigt und angefasst wird. In Berlin wird ein Jude von Arabern auf seiner Schule gequält. Was haben wir falsch gemacht?

 

 

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F009709-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!

Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman



Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.