So blutleer und abgehoben ist die Europäische Union

Die Europäische Union hat eindeutig ein Ansehensproblem. Mit dem Front National, der 5-Sterne-Bewegung, dem Vlaams Belang, der FPÖ und regierenden Parteien in Ungarn und Polen haben in vielen Staaten EU-kritische Bewegungen und Parteien breite Unterstützung in der Bevölkerung. In Deutschland hält sich die Unterstützung der AfD dagegen sehr in Grenzen wegen geschichtsbedingter Berührungsängste und der geringen Risikobereitschaft der Wähler, die ihren angehäuften Wohlstand schützen wollen und lieber das bekannte Übel als ein womöglich größeres unbekanntes Übel wählen.

Die etablierten Politiker nehmen jede noch so knapp gewonnene Wahl zum Anlass, die europäische Integration immer weiter zu treiben auf dem Weg zum vage am Horizont erscheinenden Ziel, den Vereinigten Staaten von Europa. Anstatt nach den knapp zu Gunsten von Vertretern des Establishments ausgegangenen Präsidentschaftswahlen in Österreich und Frankreich einen Kompromiss mit den kritischen, meist rechtskonservativen, aber auch linken nationalen Kräften zu suchen und den jetzigen Zustand der EU zu konsolidieren, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen, wird mit voller Kraft weiter integriert. Sie scheinen zu fürchten, dass ihnen die Völker zuvorkommen und sie entmachten könnten, bevor sie ihr Ziel erreicht haben.

Ich bin kein Freund der Idee eines europäischen Superstaats und auch nicht des kruden überstaatlichen Governance-Konzepts von Wolfgang Schäuble, für den Nationalstaaten der Vergangenheit angehören. Ich möchte aber einmal einen Gedanken verfolgen: Die EU legt großes Gewicht darauf, die Staaten wirtschaftlich zu verflechten und die Gewalt über den Haushalt und die Volkswirtschaften der Staaten mehr und mehr an sich zu reißen. Die verantwortungslose, wirtschaftlich unsinnige und rein politisch motivierte «Rettungspolitik» in der Schuldenkrise ist ein Beispiel. Dazu wird immer wieder betont, die EU, oder grob verkürzt Europa, sichere den Frieden auf dem Kontinent – als ob, unabhängige Nationalstaaten sofort wieder übereinander herfielen, allen voran die latent unter Naziverdacht gestellten Deutschen. Dieses Argument verblasst aber immer mehr, je weiter der Zweite Weltkrieg zurückliegt. Die EU tut sich schwer, jenseits wirtschaftlicher Verflechtungen einen inneren Zusammenhalt zu entwickeln. «Nationale Egoismen» und «mangelnde Solidarität» vor allem aus Ostereuropa, z.B. in der Frage der Verteilung von Asylanten, behindern die Pläne der Eurokraten.

Auch wenn die multinationalen Konzerne Merkel und ihren Kollegen applaudieren, tun das die Menschen noch lange nicht. Mit der Parole der EU-Kommission, Europa solle «sozialer werden», möchte man nun eine höhere Akzeptanz der Bürger der EU-Staaten erkaufen, indem man ihren Wohlstand anhebt. Natürlich dient das gleichzeitig auch der weiteren Gleichschaltung der EU-Staaten. Wie so oft, wird hierbei nur in wirtschaftlichen Kategorien gedacht. Alle Journalisten der etablierten Presse, die nicht fassen können, warum Menschen so genannte rechtspopulistische Parteien wählen können, obwohl es ihnen doch wirtschaftlich gut geht, werden nie verstehen, dass die Menschen neben dem Kontostand auch Fragen der Identität, der Kultur und ihres Lebensumfeldes bewegen. Diese Fragen werden von der EU nicht befriedigend beantwortet, weil sich dies nicht mit ihrem weltoffenen Charakter vertrüge. Stattdessen werden sie als irrationale Ängste abgetan, die man dadurch beseitigen müsse, die Politik besser zu «erklären» statt sie zu ändern. Damit wird z.B. versucht, der weltweit verbreiteten und uralten Haltung die Legitimität zu entziehen, die in einem Land angestammte Bevölkerung und ihre Kultur hätten dadurch ein Vorrecht, dass sie vor der Ankunft fremder Völker und Kulturen schon da gewesen seien. So eine Meinung könne man als vernünftiger, aufgeklärter Mensch gar nicht haben. Die Eliten, die das glauben, haben den Kontakt zum Volk und damit ihren Anspruch auf Führung verloren.

Was könnte nun ein Vorbild für die EU sein, dass ihre Zustimmung bei der Bevölkerung erhöhen könnte? In der Presse und im Internet werden hin und wieder Vergleiche zwischen der Europäischen Union und dem Alten Rom gezogen, z.B. in der Welt: «Die EU hätte eine Zukunft, wenn sie sich nach den Prinzipien organisierte, die das erfolgreiche römische Reich auszeichneten. Also strikte Rechtssicherheit, offene Grenzen, gemeinsamer Markt, Verteidigungsbereitschaft – und ansonsten das verbriefte Recht jedes Staates, seinen kulturellen Traditionen zu folgen.» Das Römische Reich hatte den Provinzen zivilisatorische Errungenschaften gebracht – keine Frage – aber es erforderte ihre Unterwerfung unter die römische Herrschaft und das römische Recht und wurde letzten Endes von brutaler militärischer Gewalt zusammengehalten. Die EU zeigt uns nicht so eine hässliche Fratze, lässt Großbritannien ja sogar offenbar austreten; aber sie gibt uns ein ähnliches Versprechen wie das Alte Rom: Die EU lasse uns an etwas Größerem teilhaben, ohne das wir angesichts der sich zuspitzenden globalisierten wirtschaftlichen Verhältnisse untergingen. Die Pax Europaea tritt in die Fußstapfen der Pax Romana.

Der EU mangelt es an starken identitätsstiftenden Bildern. Ein blutleeres Selbstverständnis, das sich auf Pluralismus, Wohlstand und Menschenrechte beschränkt, ist weder für die Bürger der EU-Staaten noch für zu integrierende Einwanderer ansprechend. Wer eine starke, positive Identität mitbringt, wird diese behalten, wenn ihm keine kraftvollere angeboten wird. Das wird insbesondere in Deutschland von der Politik völlig ignoriert. Ich muss zugeben, dass der Vergleich der EU mit dem Alten Rom seinen Reiz hat. Etwas von dem faszinierenden Glanz und der Ehrfurcht gebietenden Stärke des Römischen Reiches scheinen auf die sonst so dröge und nüchtern wirkende Europäische Union überzugehen. Die unübertroffene zivilisatorische Entwicklungshöhe in Bezug auf alle Bereiche des Lebens, administrative Durchdringung, militärische Kraft und technische Perfektion des Alten Roms könnten starke identitätsstiftende Elemente eines neuen europäischen Selbstverständnisses sein. Tatsächlich ist der römische Einfluss auf die Geschichte und die Kulturen mehr oder weniger, direkt oder indirekt allen EU-Staaten gemeinsam. Das römische Recht, römische Verträge und die römische Mode haben alle europäischen Staaten geprägt; selbst die, die nie Teil des römischen Reiches waren. Dies ist ein starkes, alle europäischen Völker verbindendes Element. Es gibt in der Praxis jedoch keinen Anschein dafür, dass jemand in der EU-Kommission in Erwägung zöge, ein Auftreten und einen Pathos zu entwickeln, die irgendwelche Bezüge zum Alten Rom in sich trügen. Vielleicht wären auch gar nicht so viele Menschen dafür empfänglich, da zumindest uns Deutschen das Heroische und das Pathetische in den letzten Jahrzehnten gründlich ausgetrieben wurden. Aber zumindest Europäer, die einen starken Bezug zu ihren Wurzeln und zur Geschichte haben, könnten so angesprochen werden. Ich denke, dieses Unterlassen ist erstens darin begründet, dass die blutleeren Eurokraten für eine solche archaische Begeisterung kein Verständnis haben, und zweitens daran, dass man ein imperialistisches und gewaltverherrlichendes Auftreten vermeiden möchte. Die EU inszeniert sich lieber als nette Friedensmacht von nebenan. Damit gewinnt sie vielleicht das Wohlwollen hipper Eliten und zahnloser Gutmenschen. Auf diese wird sie sich aber in existentiellen Krisenzeiten nicht verlassen können. Die Herzen von Menschen jedoch, deren Treue nicht an ihren Wohlstand gekoppelt ist und die Teil von etwas Starkem sein wollen und gegebenenfalls dafür kämpfen würden, bleiben ihr so verschlossen. Die Bildgewalt des Alten Roms liefert identitätsstiftende Kraft – für den, der sie zu nutzen weiß.

Es ist offen, wie sich das Ansehen der EU bei den Bürgern weiterentwickeln wird; Altes Rom hin oder her. Die Geschichte lehrt uns, dass die Menschen nicht ohne Weiteres flächendeckend aufbegehren würden, sollte sich die EU weiter hin zu einem diktatorischen Zentralstaat entwickeln, so lange sich die Bürger selbst nicht unmittelbar bedroht sehen. Arbeiten wir weiter daran, ihnen zu zeigen, dass sie es sind!

 


Quellen:

https://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-Hintergrund-Politik-Sozialen-Saeule-Europa-soll-sozialer-werden-aber-wie-_arid,271156.html
https://www.welt.de/politik/article774958/Die-EU-sollte-dem-roemischen-Reich-nacheifern.html
Video zum Thema Rom und EU: https://www.youtube.com/watch?v=1DTk6jJhGBw

 


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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

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