Geh zu dem, den sie Arminius nennen

Der beißende Gestank von Rauch hing in der Luft, noch bevor Lothar seine blauschwarzen Schwaden sehen konnte. Wo der kleine Trampelpfad in Richtung seines Dorfes führte, lagen nun vereinzelt die Toten. Von Schmerz und Blut gänzlich entstellte Masken des Todes lagen auf den Zügen der Menschen, die er einst als Freund oder Familie in seinem Leben geschätzt hatte. Er spürte gar nicht, wie er das Wild von der Jagd fallen ließ. Es war der Grund gewesen, warum er noch lebte und warum er nicht anwesend war, als der Angriff geschah. Das trockene Krazten in seiner Kehle machte ihn unfähig nach Hilfe zu rufen, oder die Namen der Liebsten und selbst die der Götter hinauszubrüllen. Kalter Schweiß rann über sein Gesicht, die Hände und seinen ganzen Körper, als er halb strauchelnd über die von Pferdehufen zertrampelte Erde ging, wo einst sein Dorf gestanden hatte.

Die Schmiede war niedergerissen, das Feuer ausgetreten und Meister Eckwin lag tot an seinem Amboss, durchsiebt von Dutzenden Stichen. Seine Augen blickten zu ihm herüber, kalt, blau und von allem Leben verlassen. Sein klagend Antlitz und der offen stehende Mund waren wie Schläge gegen seine Brust. Das war alles, was von dem Mann übrig geblieben war, der einst wie ein zweiter Vater für ihn gewesen war. Kein Haus stand mehr. Auch nicht das seiner Familie, welches am im Zentrum verortet gewesen war. Nur geschwärzte Pfähle deuteten noch daraufhin, dass hier einmal freie Menschen gelebt hatten.

«Gunther?» Der Name seines eigenen Bruders kam ihm fremd vor, als könne er nicht ganz glauben, dass die verkrüppelte Gestalt inmitten der zertretenen Warenkörbe der Mann sein könnte, der mit ihm großgeworden war. Der hellbraune Haarzopf hing schlaff von seiner Schläfe, das Gesicht gänzlich in Blut getaucht. Noch ehe Lothar bei ihm war, gab sein Bruder ein Röcheln von sich. Ein Lebenszeichen; wenngleich ein sehr schwaches. Die guten Stoffe und Gewürze aus Italien lagen verstreut auf dem Boden herum, ungeachtet ihres Wertes. Denn wer immer hergekommen war, scherte sich nicht um die Waren, von denen es weiter südlich zu viel und im Überfluss gab. Der Handel mit den Römern hatte den Stamm der Chatten nicht vor deren Schwertern und Pilumen bewahrt.

«Bruder», ächzte der sterbende Mann und bedeckte die blutende Bauchwunde mit einem Silberteller, ein ironisches Andenken der römischen Besatzung am Rhein. Die Blicke der beiden Brüder trafen sich und Lothar griff nach der zittrigen Hand des Sterbenden, auf dass sie ruhig liegen möge. «Warum?» Seine Frage hing lange in der Luft, unterbrochen vom gequälten Husten des erschlagenen Bruders.  «Pax Romana…Frieden heißt es…römischer Frieden», antwortete Gunther, ein zynisches Lachen folgt dem Bluthusten. «Es reichte ihnen nicht, dass wir ihre Waren kaufen und unsere auf ihrem Markt verscherbeln, reichte ihnen nicht, dass die Dörfer westlich von hier sich tributpflichtig ihrer Macht ergeben haben…» Gunther, die Augen dunkel unterlaufen, schüttelte den Kopf und deutete mit schwacher, blutbefleckter Kämpferhand auf das zerborstene Schwert an seiner Seite. «Dann, heute morgen, noch im Nebel, kamen die Reiter der anderen Stämme. Du weißt, jene Familien, die sich willig gebeugt haben und nun mit fauler Zunge vom verheißungsvollen Glück als Häscher und Sklaven Roms reden. Herrschaften mit feiner Tunika, goldbestickten Gürteln und dickem Bauch, die sich Germanen schimpfen.»

«Gunther, sind alle tot?»

Der sterbende Bruder lachte feucht, der Kehle entsprang ein Gurgeln und Blut schäumte über die dunklen Lippen. «Fort sind sie, versklavt von den eigenen Stammesbrüdern. Fortgeschleppt nach Süden oder Westen, wer weiß es schon? Und ich hab nein gesagt, ich Narr. Was sind das für Männer, die sich von verwünschtem Gold und silbernen Lügen kaufen lassen, und die ihre Freiheit so leichtfertig verleihen würden? Höre Bruder: sie kommen wieder. Ihre Legionen trampeln auf den alten Waldpfaden, sie schlagen Schneisen in die Landschaft, errichten Befestigungen und zäunen die Völker diesseits des Flusses ein, wo sie nur können. Dinare und Ketten folgen ihren Legionären; das Schicksal in Sklaverei erwartet jene, die sich ihnen anbiedern und das Knie beugen. So widerlich verderben sie unser Land, dass die eigenen Stammesbrüder dich für Münzen aus ihren Truhen ans Messer liefern, die eigenen Druiden und Priesterinnen am Baum aufhängen und alle Bande der Freundschaft brechen. Sie nehmen unser Land, unsere Kinder und unsere Ehre. Nichts wird vom Land der Chatten bleiben, wenn wir uns nicht wehren.»

«Warum Bruder? Du musst gewusst haben, dass du hier nicht gegen sie bestehen kannst. Ein sinnloser Tod!»

Gunther schüttelte den Kopf, die Hand aufs Herz gelegt. «Nicht sinnlos, nein. Nun wissen sie es Lothar. Nun wissen sie, dass es diesseits des Rheins noch Menschen gibt, die sich ihrem Joch nicht beugen werden. Sie sollen es auch in Xanten hören und bis nach Rom tragen. Sollen sie hören, dass Gunther vom Stamm der Chatten sich nicht gebeugt hat! Hör Lothar: sie werden wiederkommen. Sie kommen wie ein Regen, der nicht mehr aufhört. Mehr und mehr werden über den Rhein nach Osten strömen, wie eine Flut, die nicht verebben kann. Sie spüren und wissen um unsere Schwäche und den Zwist in unseren Reihen. Du! Du – musst sie aufhalten. Geh nach Norden, wo sich die anderen freien Krieger unter dem Mann versammeln, den sie Arminius nennen. Eile dich, bevor alles was von uns bleibt, Geschichten, Knochen und Ruinen sind. Bis alles was von uns überdauert, ein fast vergessener Name ist. »

 

 

 

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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