Die Walpurgisnacht

Wer heute in Heidelberg studiert oder dort einmal studiert hat, weiß meist aus eigener Erfahrung, was sich alljährlich am Vorabend des 1. Mai abspielt: Scharen von Studenten versammeln sich zu Füßen des Heiligenberges und wandern mit allerlei alkoholischen Getränken bepackt und viele mit einer Fackel in der Hand langsam den Philosophenweg hinauf. Auf dem Gipfel des Berges strömen sie in der in den 30er Jahren errichteten monumentalen Thingstätte zusammen und feiern und tanzen nach Herzenslust zu Trommelklang und dem flackernden Schein zahlreicher Feuer.

Warum feiern wir die Walpurgisnacht? Das Maifest der Alten Germanen fiel vermutlich auf den Zeitraum um den mittleren Vollmond zwischen Ostara und Mittsommer*; im Jahr 2017 wäre das am 10. Mai. Heidnische Festtermine mit dem heutigen Kalender und christlichen Festen in Einklang zu bringen ist sehr schwierig und spekulativ wegen verschiedener historischer Kalenderreformen und komplexer Terminfestlegungen (so beginnt das christliche Ostern heute mit dem ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling, was mit der Frühjahrestagundnachtgleiche meist nicht übereinstimmt). Um das mehrtägige heidnische Maifest zu ersetzen, wurden im Zuge der Christianisierung eine Reihe von Ersatzfesten und -tagen eingeführt. Hier spielen u.a. Pfingsten, einige Heiligentage einschließlich der Eisheiligen eine Rolle – und auch die Walpurgisnacht, der Vorabend des 1. Mai.

Feuer ist das Element des Maifestes und auch der Walpurgisnacht. Das Feuer steht es für den Sieg der Sonne über den Winter, für den bevorstehenden Sommer. Die germanischen Mythen zum Maifest drehen sich um die Hochzeit von Sonne und Erde nach dem Sieg der Sonne über den Winter, was auch für die Menschen Anlass war, Liebespartner zu wählen. Früher führte das Volk z.B. in England zu dieser Zeit Schwerttänze auf, die sich um einen männlichen Gott, seinen Kampf mit einem Drachen und seine Vermählung mit einer Erdgöttin drehten. Die germanischen Götter, auf die hier Bezug genommen wird, sind sicherlich der Sonnengott Balder, Wodan und Frigg oder Freya. Auch ein Bezug zum Nibelungenlied liegt nahe.

Wo kommt der heutige Name Walpurgisnacht her? Die heilige Walburga war Äbtissin des Klosters Heidenheim im 9. Jahrhundert und wurde an einem 1. Mai heiliggesprochen. Einen inhaltlichen Bezug dieser Heiligen zu den Walpurgisnachtbräuchen gibt es in Legenden, nach denen Walburga von bösen Geistern verfolgt wird, die für die Kräfte des Winters stehen. Diese bösen Geister nehmen in den Volksbräuchen der Vergangenheit und auch bis heute noch Gestalt an. Es wurde und wird viel Lärm gemacht, Türen ausgehoben und Dinge versteckt. Die christliche Vorstellung der Orgien, die Hexen mit Dämonen auf dem Blocksberg feiern, malt einerseits die bösen Geister weiter aus und verteufelt außerdem heidnische Riten am Maifeuer, bei denen sowohl der kommende Sommer als auch die Liebe gefeiert und entsprechenden Gottheiten geopfert wurde.

Neben dem Maifeuer spielt der Maibaum eine zentrale Rolle bei den Bräuchen rund um das Maifest. Der Maibaum repräsentiert den Weltenbaum, d.h. in den Worten der Edda die Weltenesche Yggdrasil. Früher tanzten Jungen und Mädchen mit Bändern in den Händen, die an der Spitze des Baumes befestigt waren, kunstvoll um den Maibaum herum und hüllten ihn damit in ihr Flechtwerk ein. Außerdem gibt es Bräuche, wonach die Jungen einer Gemeinde einen Wettlauf oder einen anderen Wettbewerb durchführen. Der Sieger ist der Maikönig und wählt sich unter den Mädchen eine Maikönigin. Beide oder auch nur die Maikönigin treten auch in einem Umzug auf. Zudem sind die so genannten Mailehen zu nennen, bei denen in manchen ländlichen Gegenden heute noch die Maikönigin selbst oder die Mädchen der Gemeinde an die männlichen Mitglieder meistbietend versteigert oder anderweitig zugeteilt werden. Diese Zuordnung ist natürlich freiwilliger Natur und soll eine einjährige Probepartnerschaft herbeiführen, die dann gegebenenfalls auch zur Heirat führen kann.

Welche Bräuche man selbst verfolgt, hängt in der Regel stark von der regionalen Tradition ab. In kleinen ländlichen Gemeinden haben sich die Bräuche am besten erhalten, in den Städten dagegen hat man dazu meist keinen Bezug mehr. In meiner süddeutschen Heimat gibt es zum Vorabend des 1. Mai u.a. den Brauch der so genannten Hexennacht. Dabei ziehen Jugendliche umher und treiben Schabernack an Häusern, in Einfahrten und Vorgärten, während die Bewohner möglichst auf der Hut sind. Der Einsatz von Toilettenpapier ist bei den Streichen das Mittel der ersten Wahl. Zuweilen werden allerdings auch geringe Sachschäden verübt. Dass die Jugendlichen dabei in die Rolle der bösen Wintergeister schlüpfen, die zumindest für das aktuelle Jahr überwunden werden, ist den meisten Betreffenden wohl nicht bewusst, aber angesichts der Geschichte des Brauchtums doch deutlich. Neben dem, was noch von Alters her in den Gemeinden erhalten ist, gibt es neuheidnische Gruppen und Vereine, die bewusst an alte Bräuche anknüpfen, für viele Fragen aber angesichts der lückenhaften Quellenlage auf Improvisation angewiesen sind. So dürfen wir annehmen, dass zur Walpurgisnacht nicht nur Gartentürchen mit Toilettenpapier einwickelt werden und hier und da bei prasselndem Feuer und einer Wodka- oder Jägermeister-Mischung beisammen gesessen wird, sondern auch alte, verloren gegangen Bräuche wiederbelebt oder neu erfunden werden.

 


Quellen:

Géza von Neményi: Die Wurzeln von Weihnacht und Ostern – Heidnische Feste und Bräuche. Kerken-Canbaz-Verlag, Holdenstedt, 2006.
https://de.wikipedia.org/wiki/Walburga

Literaturempfehlung für einen tiefen Einstieg:

Wilhelm Grönbech: Kultur und Religion der Germanen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1961.

Musikalische Auflagen zur Walpurgisnacht:  ( https://www.youtube.com/watch?v=y3BsXKcqF3g )


 

*Die Alten Germanen feierten eine Reihe von jährlich wiederkehrenden Festen. Dabei feierten verschiedenen Stämme zu verschiedenen Zeiten verschiedene dieser Feste, wohl kaum aber feierte ein Stamm alle diese Feste. Es liegt nahe, anzunehmen, dass es insgesamt vier Sonnenfeste und vier Mondfeste gab. Die Sonnenfeste waren Ostara (entspricht Ostern) zur Frühjahrestagundnachtgleiche, Mittsommer zur Sommersonnenwende, Herbstfest zur Herbsttagundnachtgleiche und Mittwinter bzw. Julfest (entspricht Weihnachten) zur Wintersonnenwende. Die Mondfeste lagen jeweils dazwischen, vermutlich beginnend mit dem jeweils mittleren Vollmond. Diese Feste waren Fasnacht, das Maifest, das Leinerntefest und Winternacht. Diese Einteilung ist allerdings umstritten, auch unter Neuheiden.

 


 

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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

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