Das Elend des Unglaubens – Die Verdunklung der Kultur

Die Frage des Glaubens ist eine, in der wir alle parteiisch sind. Jeder ist ja entweder glaubend oder eben nicht. Glauben und Religion sind letztlich sehr private Entscheidungen. Das macht eine offene und kritische Debatte natürlich generell schwer. Es ist wie mit Geschmack oder sexuellen Vorlieben; was jemand privat mag, das geht selbstverständlich andere nichts an.

Dennoch gibt es natürlich das überindividuelle Element, also welche Wirkung hat es auf eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Zivilisation, wenn sie sich kollektiv zu einer Kultur des Unglaubens entwickelt. Das ist letztlich natürlich keine klar zu fassende Sache. Man müsste weit ausgreifende Studien über Generationen anlegen, um der Frage Herr zu werden, wohin Glauben oder Unglauben führen. Ich bin mir daher bewusst, dass ich bei diesem Thema eher intuitiv und mit Assoziationen argumentieren kann. Grundelemente der Kultur, Ideengebäude, der ganze Bereich der Mentalitätengeschichte, sind immer ein schwer festzumachendes Thema.

Begriff des Glaubens

Bevor man eine Analyse versucht, muss man den vielschichtigen Begriff des Glaubens selbst beleuchten. Was in der Attacke durch Atheisten hier in letzter Zeit passiert ist, ist leider eine ziemliche Verengung des Begriffs selbst, also Religion oder Glauben. Letztlich hat man in den Debatten von Seiten des Atheismus nur deistische Religion, also Religion mit einem Gott ins Visier genommen, und zweitens wird in der Regel allein auf der Vorstellung der beiden missionierenden Buchreligionen, Christentum und Islam, kritisiert. Das mag auf den ersten Blick plausibel scheinen, da diese beiden Religionen die weithin größte Anzahl an Anhängern haben. Es ist aber intellektuell unredlich und auch nicht zielführend, wenn man das Thema Glauben auf zwei von hunderten Erscheinungsformen reduziert.

Zunächst ist Religion ein viel weiterer Begriff als es die Buchreligionen aufzeigen. Das ist für Menschen in Europa erst einmal schwer zu verstehen. Wir sind so stark durch die Erfahrungen mit Islam und Christentum geprägt, dass wir automatisch annehmen, Religion sei an sich immer so. Dabei sind praktisch alle zentralen Elemente des Christentums praktisch nur dort vorhanden. Der Gedanke an die Erbsünde, der Gedanke, dass man nur über einen geweihten Priester als Monopol zu Gott gelangt; das Konzept überhaupt, dass Religion eine Serie von Geboten, Verboten und Verhaltensregeln ist. Vor allem Letzteres ist für mich als Polytheist ein entscheidender Unterschied. Für Europäer und Atheisten ist es immer ein Hauptangriffspunkt gegen die Religion, dass sie irrationale Gebote aufstellen, also eine orthodoxe Lehre, wie die Welt geschaffen sei, was die Gebote und Verbote seien, und demnach eine Priesterschaft welche eine intellektuelle Lehre verbreitet. Das ist aber durchaus kein normales Element von Religion, wenn man alle Religionen der Welt zusammen betrachtet.

Wenn Leute zu mir kommen als Römischem Priester, und sich zu einer heidnischen bzw. polytheistischen Religion entscheiden, dann ist das immer der erste Knackpunkt, den ich den Leuten austreiben muss. Polytheismus hat keine Lehre, und sie ist kein „Glaube“ an eine Lehre. Die Buchreligionen definieren sich durch Orthodoxie, also den „richtigen Glauben“. Du musst an bestimmte Ideen glauben, dass du sündig bist, dass Jesus für deine Sünden starb usw. Polytheismus ist dagegen Orthopraxis, er ist gewissermaßen „leer“ an Glaubensinhalten, er ist kein Glauben im monotheistischen Sinne. Ich versuche das darum so deutlich zu machen, weil es für Menschen, die nur Christentum und Islam kennen, so schwer vorstellbar ist. Jahwe und Allah verlangen von ihren Anhängern Unterwerfung, sie besitzen die Menschen und fordern die Kontrolle über das Innerste, was man denken darf, was man fühlen darf. Jesus verurteilt Menschen schon, weil sie sündhaft empfinden. Die Alten Götter verlangen keine Herrschaft über das Innere, das Fühlen. Die Vorstellung von Religion ist eben nur Orthopraxis. Tue die rechten Riten, ehre die Tradition und die überlieferten Feste, aber für dein Fühlen und Denken bist du den Göttern nicht Rechenschaft schuldig. Man nehme etwa den Römer Cicero. Dieser galt allgemein als sehr pietätvoller und religiöser Mensch, ebenso wie die meisten griechischen Denker. Allen gemein ist aber, dass sie in weltlich-politischen Fragen allein ihre Vernunft benutzen. Es gibt eben kein „Gebot“ des Zeus, und keinen „Kreuzzug für Odin“.

Ahnen und Stamm

Ein wesentliches Element heidnischer und polytheistischer Religion ist die Verehrung der Ahnen. Das mag uns aus dem christlichen Verständnis der Religion heraus seltsam erscheinen. Wie kann ich zu meinem Vater, meinem Großvater beten, als wäre er ein Gott? Das ist natürlich eine einseitige Sicht auf Religion und Gebet. In China und Japan zum Beispiel sind Ahnenschreine eine ganz normale Sache. Man hat einen Winkel in der Wohnung, dort steht ein kleiner Schrein zum Gedenken der Ahnen. An den Feiertagen betet man zu den Ahnen, man erinnert sich ihrer, man bittet um Wacht und Führung, und erhält so die Erinnerung an die Vergangenheit, die einem lebendig vor Augen bleibt. Ich habe in meiner Wohnung ein Lararium, einen Ahnenschrein nach römischem Vorbild. An Feiertagen stelle ich dort ein Glas Wein und ein Stück Kuchen hin, denke an meinen Vater und meine Großeltern, erinnere mich und erweise ihnen Ehre. Das ist kein Gebet wie zu Gott im christlichen Sinne, es ist Erinnern, Ehren und eine Bitte, vom Jenseits aus Wache zu halten. Man betet da aber auch weniger für das persönliche Wohl allein, sondern für die Familie. Die Alten Religionen waren immer um die Familie zentriert. Der Familienvater war Leiter des häuslichen Kultus. Damit wurde die gemeinsame Verwurzelung gestärkt. Man beging die Feiern der „Sacra Privata“ im Familienkreise um den Ahnenschrein herum, eine Praxis die in Asien noch immer verbreitet ist.

Hier sind Religionen Ausdruck des Stammes, des Volkes, der eigenen Kultur und Identität. Man macht sich diese mit den anderen Religionen auch nicht streitig. Das war auch ein wesentlicher Angriffspunkt früher heidnischer Kritiker des Christentums, wie Celsus von Alexandria, dass das Christentum den Völkerbund der Religionen zerstöre, in welcher jedes Volk seine Religion habe, und alle sich gegenseitig tolerierten. Auch die Unvernunft und Anti-Rationalität des Monotheismus und seiner Gebote fand frühe Kritik, so etwa durch den letzten heidnischen Kaiser Julian in seiner Streitschrift „Wider die Galiläer“, in welcher er kritisierte, dass der Gott Jahwe den Menschen die Unterscheidung von Gut und Böse vorenthalten wollte, was doch eines der höchsten Güter der Menschen sei: die intellektuelle Urteilskraft, das eigene Denken.

Das soll hier kein Christenbashing sein, aber ich muss es doch hervorheben, weil der Großteil der Kritik von Seiten der Atheisten sich immer wieder an genau diesen Punkt abarbeitet. Ich kann also die Kritik der Atheisten gar nicht anders beantworten als mit einem Hinweis darauf, dass Religion eben nicht durch die Buchreligionen Christentum und Islam allein definiert werden könne, und dass es ganz andere Konzepte von Religion gibt, welche nicht im Widerspruch zu Freiheit, Intellekt und Vernunft stehen.

Atheismus als Niedergang

Es gibt aber auch eine weitergehende Bedeutung von Glauben. Letztlich ist jede Art von Wertsetzung ein Glaube. Es gibt einen interessanten Dialog in einem Buch von Terry Pratchett, dem Autor der Scheibenwelt-Romane. Darin sagt Tod, ein Protagonist der Pretchett-Bücher, zermahle man das ganze Universum zu feinem Staub, bis zum Atom und Molekül, so finde man keine Unze Gerechtigkeit, kein Stück Gnade oder Tugend. Objektiv existieren Werte nicht. Sie sind letztlich Fiktionen. Nehmen wir die Verkündung der Menschenrechte. Jeder von uns oder doch die meisten nehmen diese Liste der Menschenrechte als wahr und gut an. Aber was ist das anderes, als die Offenbarung von Moses am Berg Sinai? Letztlich hat sich hier nur eine Gruppe von Menschen zusammengetan und behauptet, wir sagen jetzt dies und das gelte für alle Menschen. Objektiv sind keine dieser Werte vorhanden. Objektiv hat man kein Recht auf Freiheit, kein Recht auf Leben oder Unversehrtheit, kein Recht auf Besitz oder Meinungsfreiheit, kein Recht auf Fairness. Diese Dinge existieren nicht an sich. Aber wir glauben daran, als mehr oder weniger bewusste Entscheidung. Wir glauben an Gerechtigkeit und Freiheit, wie man an Feen oder Götter glaubt. Der Wert beweist sich in der Wirkung, bzw umgekehrt in der Auswirkung ihrer Abwesenheit. Und gerade im letzterem liegt für mich der Hase im Pfeffer.

Ich gestatte mir eine politische Analogie. Es gibt Menschen, die hängen einem extremen Libertarismus an, quasi einer Art Anarchie. Sie sehen Gesetze, Regierungen und Steuern als bösen Zwang, und sagen, der Staat und die Gesetze sind eine Fiktion wie Götter oder Elfen. Der Staat ist ein Zwang, und der ideale Zustand des Menschen wäre erreicht, wenn man Regierungen abschaffen würde. Dann wären alle Individuen in maximaler Freiheit. Das Problem dieses Konzeptes ist aber, dass in dem Augenblick, da ein paar Individuen sich zu einer Gemeinschaft zusammentun, alle die anderen anarchischen Individuen verloren hätten. Wie wollten solche atomisierten Einzelkämpfer verhindern, dass wieder Menschen eine Gemeinschaft bilden? Wie wollte ein Ansammlung von Individualisten sich gegen einen Nachbarstaat zur Wehr setzen?

Ob man so ein Gebilde als Mafia oder als Staat auffasst, ist dabei einerlei. Menschen würden einfach wieder eine Gemeinschaft bilden, Regeln aufstellen, Regierungen bilden und die ganzen vereinzelten Individualanarchisten wären heillos im Nachteil gegenüber denen, die sich organisieren. Und genau so ist eine Kultur ohne Religion im weitesten Sinne den Kulturen mit religiöser Kraft im Nachteil. Schafft also eine Zivilisation Religion ab, dann wird die erste andere Zivilisation, die sich ihre religiöse Kraft bewahrt diese hinwegfegen, weil sie als Gemeinschaft eine Überzeugung hat, eine Stärke, welche die atomisierte Kultur des Atheismus nicht bietet. Man kann auch sagen, Atheismus ist ein krasser strategischer Nachteil im Kampf der Kulturen.

Ich fasse hier Glauben weiter als nur im Sinne von Religion. Er ist Ideologie, Tradition, Wertegemeinschaft, Verwurzelung. Eine Sammlung von Ideen, die mehr als bloß intellektuelle Betrachtung ist.

In unserer modernen Zivilisation hat man diesem Gedanken den Krieg bis auf den Tod erklärt. Ich hüte mich davor, hier zu behaupten es handele sich dabei um einen bösen Plan; das wäre bloße Verschwörungstheorie. Aber es ist eine Art negatives, dunkles Gedankengebäude, das die ganze moderne Kultur durchzieht. Angefangen von der Zerstörung aller gewachsenen Bande, Familie, Tradition, Kultur, Erbe, geht es auf die totale Atomisierung des Menschen, der als verlorenes Einzelwesen in den seelenlosen Großstädten umher irrt, bar aller Wurzel, allen Gemeinsinns, aller ideellen Werte. Es ist die Verdinglichung des Menschen, die Reduktion des Menschen auf eine Rechengröße der Ökonomie. Alles muss sich nur noch Rechnen. Minimale Löhne, maximaler Profit, Menschen als wirtschaftliche Verfügungsmasse, als vereinzeltes Ding des großen Planwerkes. Es ist der Typus des Sowjetmenschen, des total entwurzelten Einzelnen, der nur noch Zahnrad einer Maschine ist.

Alles Seelenhafte, der Glaube an etwas Heldenhaftes, Ideales, Großes und Schönes, das wird systematisch getötet. Man sehe, wohin man will. Eine kalte, seelenlose Architektur der Hässlichkeit, Menschen im grauen, platten Häusermeer toter Bauwerke einer Hyperintellektualität, bar jeden Gefühles, jeder Ästhetik. Theater und Opern, die alles Erhabene und Schöne aus der Kultur eliminieren. Malerei und Schriftstellerei welche das Derbe, das Primitive und Destruktive auf den Altar der Unkultur erhoben haben. Wir haben eine Kultur des Todes, eine Kultur der Verdinglichung, des Hässlichen und der Gewalt. Kaum eine Serie im Fernsehen, in welcher den Menschen nicht Primitivität, das Vulgäre und Derbe vor Augen geführt wird. Je brutaler, mausgrauer und nihilistischer, umso besser. Vorbei die Zeiten etwa der 1980er als noch ein Star Trek den Menschen Mut auf eine Zukunft machen wollte. Heute ist „Game of Thrones“ das Zeichen der Zeit. Sinnlose, schockierende Gewalt, niederste Typen, eine Welt ohne Schönes, Wahres, Gutes. Man hat die Welt seziert wie eine Leiche und alles an Inspiration getötet. Daher sage ich, wir leben in einer Kultur, die den Tod verherrlicht, das tote, seelenlose Ding, die Verdinglichung des Lebens als bloßen ökonomischen Rechenwert. Man hat die Helden der Vergangenheit von den Sockeln gerissen, die Ideale der alten Zeiten in den Staub geworfen, und überall werden in der Kultur nur noch Negativität und Nihilismus gepredigt. Nichts ist etwas wert. Alle sind wir tote Dinge geworden.

Ich rebelliere gegen diese Art kulturellen Selbstmord. Ein Mensch muss nicht eine tatsächliche Religion haben, aber Religion ist ein Ausdruck des Seelenlebens, der Tiefe, des Hinausgreifens zu etwas, das höher, größer, weiter ist als man selbst, für das der materialistische Nihilismus der Todeskultur keinen Ersatz bietet. Atheismus, Nihilismus und Materialismus sind die Dreieinigkeit einer untergehenden Kultur, weil auch einfach Kulturen mit Religion und Weltanschauung solchen, die bloß Interessen haben, überlegen sind. Alles, was wir über Geschichte wissen, zeigt uns, dass solche Kulturen des Nihilismus durch vitale Kulturen des Glaubens und der Weltanschauung hinweggefegt werden. Gegen den Ansturm eines sehr vitalen Islam wird uns keine intellektuelle Erbsenzählerei helfen, sondern nur eine eigene Vitalität, ein eigenes, neu erwachtes Seelenleben.


Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein “Like” hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!

 


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman

https://www.minds.com/Younggerman



Holger, geboren im schwäbischen Ostalbkreis, aufgewachsen in der Havelstadt Spandau. Magister für Soziologie und Geschichtswissenschaft. Er schreibt Artikel über politische, historische und philosophische Themen. In seiner Freizeit malt er Bilder und spielt Zither. Lieblingsfilm:V for Vendetta

6 thoughts on “Das Elend des Unglaubens – Die Verdunklung der Kultur

  1. Sehr interessanter Einblick in eine mir weitgehend unbekannte Form der Religion bzw. Religiösität. Ebenso ist es schön zu lesen, dass es noch andere Menschen gibt, die ähnliche Gedanken zum Thema Werteverfall haben. Ich möchte gerne etwas wie z.B. einen Kult um die freiheitlich-demokratische Grundordnung haben, in dem es als heldenhaft gilt für diese Werte zu kämpfen und zur Not auch zu sterben. Aber Träumereien führen mich im Zweifelsfall in die Depression und so werde ich zunächst weiter nur für mich und meine Nächsten meine Fähigkeiten und Fertigkeiten im Kampf erhalten.

  2. Ein schöner, zum Nachdenken anregender Artikel. Ohne anmaßend zu wirken, möchte ich jedoch gerne einem Gedankenstrang widersprechen.

    Der Protest gilt folgender Aussage: “Es ist der Typus des Sowjetmenschen, des total entwurzelten Einzelnen […]”, vorangegangen durch darauf Bezogenes: “Zerstörung aller gewachsenen Bande, Familie, Tradition, Kultur, Erbe”, “bar aller Wurzel, allen Gemeinsinns, aller ideellen Werte” und “Reduktion des Menschen auf eine Rechengröße der Ökonomie”.

    Diese Zitate beschreiben unsere heutige Situation hier im “globalkapitalistischen Westen” meiner Meinung nach ausgezeichnet, der Sowjetmensch hat aber (“hat”, da er noch bis heute existiert) mit so etwas fairerweise nichts zu tun. Wer die sowjetische Gesellschaft aus erster oder zweiter Hand (wie ich von meinen Eltern) erlebt hat, weiß, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, das WIR-Gefühl, bis in die 70er Jahre sehr stark war. Der Glaube an den gemeinsamen Fortschritt, an soziale Gerechtigkeit, an eine “größere Sache als man selbst” herrschte vor; Ideale der (Völker-)Freundschaft, Ehrlichkeit, bedingungslosen Zivilcourage und des Mutes wurden, von klein an, in vielen Institutionen und Organisationen den Menschen nahegebracht und waren in Form von “modernen Helden” versinnbildlicht: Beispiele wie Juri Gagarin, Lenin, “Helden der Arbeit”, Weltkriegsveteranen, oder die Pioniere.

    Nach meiner Erfahrung waren und sind Familienbanden und Freundschaften in den ehemaligen Ostblockstaaten bis heute deutlich stärker als im “westlichen” Europa, vielleicht ausgenommen der Südstaaten wie Spanien, Griechenland und Italien. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie oberflächlich meistens meine Bekanntschaften hier in Deutschland sind, im Vergleich zu Kontakten in Russland; es fehlt ersteren eine gewisse Spontanität und Intimität.

    Die Regierung sorgte sich damals um eine “kostenlose”, vollwertige Bildung und medizinische Versorgung; Menschen hatten eine (so gut wie) freie Berufswahl, praktisch unbegrenzte Arbeitsangebote (bei gleichen Löhnen) und wurden bei guten Arbeitsleistungen mit staatlichen Auszeichnungen und öffentlicher Anerkennung geehrt, waren also somit keineswegs “nur eine Rechengröße der Ökonomie”.

    Das alltägliche Kulturgedächnis der meisten Sowjet-Russen reicht, trotz Staatszensur, Jahrhunderte zurück (sind also nicht “total entwurzelt”); ob nun Literatur eines Dostojewski, Musik eines Tschaikowski oder bildende Kunst eines Schischkin, vor allem die Generationen 40+ genießen noch heute oft und gerne gemeinsam Theater, klassische Konzerte, Kunstaustellungen (trotz großer Schlangen bei Minusgraden) und altes Schwarz-Weiß-Kino, trotz Alter regelmäßig zu sehen im russischen Fernsehen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Sowjetmenschen haben generell nichts mit “verlorenen Einzelwesen”, “Verdunklung der Kultur” und “wirtschaftlicher Verfügungsmasse” gemein. Der sowjetische, atheistische Kollektivismus unterscheidet sich in der Wirkung auf die Gesellschaft stark vom “westlichen”, atheistischen Ultra-Individualismus.

    Grüße

    1. Hallo Artur, danke für den Kommetar.

      Naja, das Problem ist, dass der realit Sowjetmensch der realen UdSSR natürlich als Mensch Bande knüpft, weil das das Wesen des Menschen ist. Auch haben die Regionen des heutigen Russlands eine uralte Geschichte und Tradition die dem kommunistischen Umerziehen stark widerstand. Das sieht man denke ich sehr klar im heutigen Russland. Es ist also meiner Meinung nach nicht wegen des Kommunismis, sondern trotz des Kommunismus.

      Das Ideal des Kommunismus war von je, den Menschen von seiner Geschichte, seinen Wurzeln, seiner Religion zu entfremden. Gegen alle diese “irrationalen” Bande schreibt schon Marx ziemlich klar. Etwa in seinem Text “Zur Judenfrage”, wo er erklärt, die Ausgrenzung der Juden würde im Kommunismus aufhören, weil sie aufhören Juden zu sein, sie gehen in der Volksgemeinschaft aller Proletarier auf. D.h. die neue marxistische Volksgemeinschaft wird auf der Illusion des “Proletariertums” erschaffen. Um diese neue gemeinsame Identität zu schaffen, muss jede alte und andere Identität vernichtet werden. Dem haben sich die Menschen im realen Sozialismus natürlich widersetzt. Das ist aber nicht dank des kommunistischen Ideals so, sondern ihm zum Trotz.

      Wie der totale komsum-Kapitalismus basiert auch der Kommunismus auf einer totalen Verdinglichung des Menschen. An seine Stelle kommt der abstrake Staat der kommunistische Apparatschiks. Das ist im Prinzip ähnlich wie der faschistische Führerstaat, den ich auch immer als Variante von “links” angesehen habe.

      Wie du sagst reicht das Gedächtnis der Russen weit zurück, ich sehe darin aber nur den Widerstand gegen das unmenschliche Ideal des Sowjet-Kommunismus. Da Osteuropa nur durch eine sehr schwache Phase des Kapitalismus gegangen war, vor dem Aufstieg des Kommunismus, waren auch die traditionellen Bande noch stärker. Der wesentliche Grund, warum im “real existierenden Sozialismus” sich die Menschen enger verbanden, liegt im Widerstand der Menschen gegen das System. Da Kommunismus ja eine Mangelwirtschaft erzeugt und einen autoritären Staat erschafft, rücken die Menschen quasi als Notgemeinschaft zusammen. Solch ein Zusammenrücken im Widerstand ist zwar auch eine Gemeinschaft, aber sie besteht ja quasi nur als Widerstand gegen das falsche System, nicht aus sich selbst. Hätte sich der Kommunismus, wie er beabsichtig hatte, weltweit durchgesetzt, dann wären über kurz oder lang alle gewachsenen Bande von Glauben, Tradition und Erbe verschwunden.

      Kommunismus wie Faschismus sind totalitär, und totalitäre System verlangen immer totale Hingabe an den Staat. Darunter kann er natürlich sehr kleinzellige Gemeinschaften dulden. Das Ziel geht aber, wie ich meine, wie im extremen Kapitalimus auch, auf die Vereinzelung des Menschen, das Zerbrechen aller tradierten und gewachsenen Bande. Dem haben sich die Menschen des Ostblock erwehrt, und das ist ehrenhaft.

  3. Eine Empfehlung an alle, die sich für dieses Thema interessieren, und sehen möchten, wie vielleicht so eine kultur-, identitäts- und empathielose, rein utilitaristische Welt aussehen könnte:

    Der Film “Equals” (2015) vom Regisseur Drake Doremus, mit Kristen Stewart und Nicholas Hoult in den Hauptrollen. Eine futuristische, rein kommunistische Gesellschaft lässt, traumatisiert durch einen erlebten dritten Weltkrieg, die menschlichen Emotionen (und Bindungen) seiner Mitglieder mit Medikamenten unterdrücken, um ewige Harmonie, Ordnung und Rationalität im sogenannten “Kollektiv” zu gewährleisten.

    Das treibende Handlungselement ist, dass die Hauptfiguren als Arbeitskollegen einer Gestaltungsabteilung für historische Literatur das Verbrechen begehen, sich gegenseitig heimlich zu lieben.

    Es ist ein sehr nachdenklich stimmender, meistens ruhiger, gar melancholischer Film mit guten Schauspielern (welche mit minimalsten Gesten und Mimiken arbeiten müssen, um Gefühle zu vermitteln) und unglaublich tollen Bildeffekten (mit vielen Neonlichtern á la “Tron” oder “Oblivion”). Ich vermute, aufgrund der sehr hohen Anzahl an Japanern im Dreh- und Produktionsteam, dass das Thema teilweise auf Missstände in der japanischen Gesellschaft hinweisen soll, wo sehr viele Menschen aufgrund hoher Lebenskosten vereinsamt und übermüdet in ihren Einzimmerwohungen nur für ihre Arbeit vor sich hinleben (wie z.B. der kürzliche Selbstmordfall der 24-jährigen Matsuri Takahashi aufzeigte).

    Den Trailer würde ich übrigens nicht empfehlen, da dieser zu viel von der Handlung verrät. Schaut euch, wenn es geht, den Film blind an.

  4. Nun, die kath. Kirche wird selbst innerchristlich durchaus wegen ihres “Ahnenkultes” a) die Heiligenverehrung (denen wir eine Vorbildfunktion zuschreiben) und b) das Gebet für die Verstorbenen, die in jeder hl. Messe genannt werden, angegriffen. So ahnenlos ist der christlich-kath. Glaube also nicht. Die Friedhöfe mit ihren namengebenenden Steinen weisen im Grunde in eine Richtung. Sie sind ja gerade Orte der Erinnerung, des Betens für diejenigen, die dort liegen. Buddhismus hat meines Wissens auch eine Lehre und der Polytheismus scheint auch Götter zu haben, die in bestimmten Lebenssituationen helfen sollen.

    Ansonsten ein hervorragender Artikel hinsichtlich der Analyse des Verhältnisses zwischen Religion und Atheismus.

  5. Der Artikel ist dahingehend interessant, weil der historische Rückblick zwischen Heidentum und Christentum, sich heute auf Islam und Ahteismus in gewisser Weise übertragen lässt. Das Christentum ist Tot. Eine Religion hat keine Zukunft, wenn diese nicht praktiziert wird. Mit praktizieren sind auch Gebote und Verhaltensregel gemeint, nicht nur das Beten zu Gott. In den Gottesdienst gehen und dann der Tochter die Pille besorgen, aus Angst dass diese vom ersten Freund schwanger wird ist keine Tat eines gläubigen Menschen. Das kann man zu Jesus Christus so viel beten wie man will.

    Paganismus existiert für den einzelnen Spinner vielleicht aber nicht für die europäischen Völker. Gewisse Anhänger der neuen Rechten haben Angst vor der Islamisierung. Zu Recht. Sie haben Angst das das Christentum verschwindet und der Islam die neue führende Religion wird. Wie war es damals mit den Europäern welche Polytheisten waren und das Christentum angenommen haben? Verräter ?

    Was ich damit sagen möchte ist das WIR Europäer unsere eigene Form des Islams schaffen könnten. Ja genau. Ohne Beschneidungen, ohne Verrat an unseren Wurzeln. Wir nehmen die Essenz des Islams, sprich die Unterwerfung vor Gott und drehen den Spieß um. Die Pille existiert nicht mehr, der schwule und der schwächliche Hipster wird sozial gedemütigt. SJW, LGBT und anderen verkommenen Queer-Subjekten werden psychisch und physisch die Existenzberechtigung genommen. Die europäischen Frauen werden einen traditionelleren Lebenstil wieder finden und unsere demografischen Probleme werden vermindert. Grenzen müssen her und die Remigration muss gestartet werden. Wir haben die Waffen, wir haben das Geld. Die Kaaba stellen wir nach Wien oder Nach Berlin nur um den anderen zu zeigen wer der Chef ist.

Schreibe einen Kommentar

Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Gespeicherte IP-Adressen werden nach 7 Tagen gelöscht. Weitere Informationen zur Verarbeitung Ihrer Angaben und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.