Der Nahe Osten wird nie wieder so sein wie früher

In einem älteren Artikel sprach ich über das “Zeitalter der Auflösung“, in welchem wir uns gerade befinden. Es bezeichnet Desintegration der alten Weltordnung, welche sich während und kurz nach dem Kalten Krieg etablierte und ihre Wurzeln in den vorherigen beiden Jahrhunderten hat. Der Nahe Osten, wie wir ihn bis 2003 (bis zur Invasion des Irak) kannten, existiert nicht mehr. Das Sykes-Picot Abkommen, das den Nahen Osten nach den Vorstellungen der ehemaligen Kolonialmächte aufteilte, gilt nichts mehr und die unnatürlich gezogenen Grenzen der Staaten Irak und Syrien werden neu definiert werden müssen. Jeder Versuch dauerhaft an der Vorstellung eines vereinigten Irak oder Syriens festzuhalten, ist gescheitert. Wir sehen die Rückkehr zur Tribalisierung der Staaten, wo sich die Menschen nach Ethnie, Religion und teilweise auch nach politischer Zugehörigkeit einordnen. Aus dem Irak der vielen Völker und Religionen, wo Christen, Juden, Muslime und auch heidnische Religionen miteinander in verhältnismäßiger Eintracht lebten, ist Geschichte. Die Juden im Irak haben aufgehört zu existieren. Ihre Flucht begann Anfang des letzten Jahrhunderts und endete mit der Invasion des Irak und den religiösen Grabenkämpfen der letzten Jahrzehnte. Ihre Zahl im Irak ist heute ohne Bedeutung und der größte Teil ihres kulturellen und historischen Erbes ist verloren. Ähnlich geht es den ur-Christen im Zweistromland, die einst noch historische Träger der Sprache Jesus waren und heute einem langsamen Tod als schrumpfende Minderheit entgegen sehen, die eingepfercht zwischen Schiiten und Sunniten um ihre Selbstbehauptung kämpfen muss. Auch ihre Zahl nähert sich mit rasender Geschwindigkeit der Bedeutungslosigkeit. Die Völkervielfalt und religiöse Unterschiedlichkeit, die in den durchaus multikulturell und multiethnisch organisierten Staaten der Autokraten im Nahen Osten existierte, ist verringert worden. Sie ist Geschichte. Heute leben viele der orientalischen Christen in Europa und Nordamerika. Sie haben sich Enklaven in den USA aufgebaut, wo sie mit ihren Glaubensverwandten besser zurecht kommen. In der Schweiz hausen nun neben den einheimischen Katholiken und Schweizern auch Jesiden, aramäische Christen und Juden aus Bagdad. Zu glauben, dass uns die Umwälzung des Nahen Ostens, welche auch durch Zutun der USA zustande kam, nichts angeht, war naiv. Die Auswirkungen der Auflösung sind neue Migrationsbewegungen, denen die europäischen Kernländer mit, Ausnahme der osteuropäischen Nationen,völlig schutzlos und ideenlos gegenüber stehen.

Im Irak, wo Zehntausende Soldaten der Koalition der Willigen und der irakischen Regierung für einen besseren Staat gefallen sind, gibt es eine religiöse und ethnische Spaltung. Die arabischen Sunniten, die persischen Schiiten und alles was gemischt dazwischen liegt, sind nicht befreundet. Die Anwesenheit des IS kann die gröbsten Löcher vielleicht kurzzeitig flicken. Aber uns sollte bewusst sein, dass die derzeitigen Grenzen des Staates alsbald wieder neu ausgehandelt werden müssen. Als der Islamische Staat den Genozid an den ungeliebten Minderheiten in seinem Territorium vorantrieb und es sich auch mit den anwesenden muslimischen Stämmen verscherzte, bildete er den Fokuspunkt für eine Allianz aus alten Feinden, die sich normalerweise nicht verbünden würden. Im Angesicht des IS jedoch, begrub man das Kriegsbeil. Nicht vergessen sollte man, dass sich Schiiten und Sunniten bis vor einigen Jahren noch blutig bekämpften und diese religiöse Spaltung seit dem Mittelalter besteht und Morgen auch nicht enden wird. Selbst die Zerstörung des IS wird daran nichts ändern. Diese Sekten sind sich Feind und werden es noch eine Weile bleiben.

Es waren Kämpfer des IS, welche das Sykes-Picot Abkommen für beendet erklärten, als sie mit einem Bulldozer über den Grenzposten fuhren, welcher Syrien und den Irak trennt. Ein Blick auf die Weltkarte sagt uns sofort, dass diese geraden Linien künstlich geschaffen wurden. Syrien wie wir es kennen, ist verschwunden. Assad wird vermutlich mithilfe der Russen einen kleinen Teil seines Landes behalten können, wo sich Minderheiten und verwestlichte Levantiner um ihn scharen können. Der Rest des Landes fällt entweder an verschiedene islamistische Gruppierungen oder an die Türkei, die man getrost zu selbigen Islamisten zählen könnte. Ihre expansionistische Politik giert danach die Grenzen des osmanischen Reiches wiederzuerlangen.

In diesem absoluten Chaos, welches sicherlich seinen Anfang in der Invasion des Iraks hat, könnten die Kurden großer Profiteur der Krise werden. Die Schaffung eines unabhängigen Kurdistans in zumindest Teilen des gewünschten Territoriums war noch nie so nah wie jetzt. Vermutlich auch ein Grund, warum die Türkei so energisch in Syrien eingreift. Die Kreation eines Kurdenstaates wird Fragen für die innere Einigkeit der Türkei auf. Millionen Kurden leben im Staatsgebiet der Türkei und nicht wenige beanspruchen den Osten gänzlich oder in Teilen für sich. Das muss man wissen, wenn man die türkische Politik auch nur versuchen will zu verstehen. Die Auflösung des türkischen Staatsgebietes als zusammenhängendes Land ist eine reale Angst in Ankara. Einen eigenen Staat auf den Leichnamen der syrischen und irakischen Staaten zu bauen, ist keine irre Fantasie der Kurden, sondern die reale Politik. Und ich sage auch, dass sie ihr Heimatland verdienen, solange bestimmte Regeln des Zusammenlebens eingehalten werden. Wenn die ethnokulturellen Identitäten der ansässigen Stämme unangetastet bleiben. Kürzlich sah ich ein Video, wie kurdische Peschmerga die orthodoxe Kirche eines zurückeroberten Dorfes wieder reparieren, nachdem diese vom IS zerstört worden ist. Die Rückkehr einiger christlicher Dorfbewohner wurde so ermöglicht. Man will neu anfangen. Sollte sich diese Mentalität als Staatsdoktrin eines kurdischen Staates etablieren, welcher auch die kleinen und wirklich mittlerweile marginalen Minderheiten toleriert, die dort seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden leben,  dann darf man den Kurden hier nicht im Weg stehen. Unsinnig wäre es, an den bestehenden Grenzen des Iraks und Syriens festhalten zu wollen, wie es die Bundesregierung in Deutschland tut oder behauptet zu tun. Diese Grenzen gibt es nur noch auf dem Papier.

 

 

 

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

2 thoughts on “Der Nahe Osten wird nie wieder so sein wie früher

  1. Hallo,
    so toll sind die Kurden (Peschmerga) auch nicht. Es sind auch Islamisten.
    Da eher noch die YPG (syrischer PKK-Ableger), die sich durch Nationalismus auszeichnen. Sie waren es auch, die die yezidischen Kurden gerettet haben, während sich dich Peschmerga zurück zogen bzw. unsere ihnen geschenkten Waffen auf der Flucht dem IS überliesen.

    1. Gibt einige Islamisten unter ihnen, ja. Ich bin aber bereit ihnen, unter den oben genannten Bedingungen, Chancen zu geben. An ihrem Verhalten gegenüber Europa und den nicht-muslimischen Minderheiten sollte man dann schauen, wie man mit ihnen umgeht. Das war jetzt auch kein Lobgesang auf die Kurden im Allgemeinen. Ich hab nur versucht Entwicklungstendenzen abzuzeichnen.
      gruß
      yg

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