Leben und Sterben im “Korengal Valley”

 

Wer kam eigentlich auf die Idee, einen amerikanischen Außenposten direkt in die Mitte des Tals zu legen, wo die Aufständischen die Soldaten Tag und Nacht perfekt beobachten und bekämpfen können? Diese Frage musste ich mir mehrfach stellen, als ich den US-Soldaten bei ihrer Arbeit zusah. Zumindest das, was man in dem Dokumentar-Streifen “Restrepo” sehen konnte. Als den jungen Amerikanern gesagt wird, dass die ins “Korengal Valley” verlegt werden, sorgt das bei einigen für Bauchweh oder aber für zittrige Aufregung. Korengal? Auch bekannt als “Death Valley” – auf Deutsch : Das Tal des Todes. Sieht übrigens aus wie ein kanadischer Wald, der auch gut und gerne in Nordspanien stehen könnte. Die Landschaft ist bergig, bewaldet und saftig grün. Überhaupt nicht so, wie man Afghanistan sonst so wahrnimmt und es erzählt bekommt. Korengal liegt in der Konar Provinz, wo die NATO Truppen und mit der Nato allierten Kräfte seit vielen Jahren die Tür einfach nicht zukriegen. Hunderte afghanische Polizisten sind hier schon getötet worden. Mindestens die gleiche Anzahl an ANA(Afghan national army) Soldaten wurden getötet, verletzt, sind übergelaufen oder desertiert. Eine Paschtunen-Hochburg, die seit mehreren Jahrhunderten durchgängig von einigen Stämmen bewohnt und gehalten wird. Gegen alle Widrigkeiten. Ob Russen oder Briten. Alle haben es versucht. Jetzt waren die Amerikaner an der Reihe. In “Restrepo” folgt man einem US-amerikanischen Platoon bei ihrem Kampfauftrag im Tal. Soll heißen – die Soldaten warten, warten, kämpfen, warten, kämpfen, warten und versuchen sich mit den Dorfbewohnern gut zu stellen. “Winning Hearts and Minds” heißt das Motto. Sie sollen die Sympathie der Paschtunen gewinnen. Die mit roter Farbe colorierten Bärte der Stammesmänner sollen Tapferkeit ausdrücken. Ein paar der Soldaten äußern ihren Unmut darüber, dass sie bei jedem Dorfbesuch vermutlich auf die Männer treffen, die sie eben noch bekämpft haben. Nur wissen sie das eben nicht genau.

 

800px-patrolling_konar_province_afghanistan-urheber-dvidshub-flickr

Die ersten Kameraden fallen bereits während der ersten Feindkontakte. Das Platoon bennent ihren Außenposten nach dem gefallenen Kameraden. Restrepo hieß er. Hispanier (Latinos), Asiaten, Afroamerikaner und weiße Jungs. Die Probleme der USA, die heute eine heftige Debatte über vermeindlichen Rassismus an Universitäten führen, wo Farbige “safe zones” für sich einfordern, in denen sie keinen Kontakt mit Weißen wünschen, sind unverständlich weit weg. 2010 war Obama erst zwei Jahre im Amt und erstaunlicherweise haben sich landesintern die Rassenbeziehungen nicht verbessert, sondern verschlechtert. Innerhalb der Truppe davon keine Spur. Im Einsatz zumindest nicht. Dabei könnten die persönlichen Hintergründe der Soldaten unterschiedlicher nicht sein. Einige haben eine hohe Bildung, andere nicht. Manche kommen aus Familien, die seit Generationen im US-Militär dienen, andere sind vor wenigen Jahren erst eingewandert. Die Uniform, die Umstände und das geteilte Leid und die geteilten Freuden machen sie zu Brüdern.

Die Dokumentation wirkt sehr realitätsnah. Soldaten neigen dazu, auch mal zu übertreiben. Viel “Shittalking” ist zu hören und zu sehen. Als angsteinflößend empfinde ich die strategisch ungünstige Lage der Männer. Als sie gerade von Dutzenden Kämpfern oberhalb auf dem Berghang beschossen werden, stellt der kommandierende Offizier einen Stoßtrupp zusammen, der den Kampf zum Feind tragen soll. Von unten nach oben. Ob ich das auch so gemacht hätte?

Korengal Valley gilt auch heute noch als Taliban-Hochburg. Es hat sich wenig geändert und am Ende ihrer Mission sind viele Kameraden tot oder verletzt. Als sich die US-Regierung dazu entschließt, das Tal aufzugeben, bleibt ein bitterer Nachgeschmack für die Heimkehrer. Wofür das alles? Ein paar Jahre zuvor hatte der US-Soldat Salvatore Giunta einen solch unglaublichen und heldenhaften Gegenangriff zur Rettung seiner in Not befindlichen Kameraden geführt, dass er dafür die “Medal of Honor” bekommen hatte.  Nicht wenige Soldaten bekommen diesen Orden post mortem verliehen.

Die toten Aufständischen werden von den Dorfbewohnern wie Helden gefeiert. Zumindest geht das Gerücht um, dass es so sein soll. Die Distanz der Einwohner legt nahe, dass es so ist. Restrepo, der kolumbianischsstämmige Soldat des Platoon, sei für sein Land gestorben. So versuchen sich das die US-Soldaten und Angehörigen zu erklären. Er war ein guter Junge, der noch viel vor hatte mit seinem Leben. In der Thesis liegt etwas Wahrheit. Er starb für den politischen Auftrag, dem ihm seine vom Volk gewählte Regierung gegeben hat. Aber starb er für sein Land? Die Paschtunen können sagen, dass sie für ihr Land gestorben sind, wenn ein US-Luftschlag sie pulverisiert. Wenn es in den 80ern zwischen Warschauer Pakt und und NATO heiß geworden wäre und zehntausende Russenpanzer, thermobarische Raketen und Millionen Bodentruppen ins “Fulda Gap” gestoßen wären …. ja dann hätte ein deutscher Soldat sagen können, dass er zur Verteidigung seines Landes gestorben wäre. Der Feind (egal ob Ost oder West) hat ja angegriffen. So die Ausgangslage. Aber mittlerweile erscheint es auch solchen wie mir sehr fragwürdig, dass die Terroranschläge vom 11. September in Afghanistan geplant und vorbereitet wurden. Ex-Präsident Karzai legte diese Theorie ebenfalls der Presse vor. Wie konnte ein so rückständiges Land wie Afghanistan, die hochkomplexen Terroranschläge in New York durchführen, wo doch vor allem gebildete Saudis und andere Araber daran unter den Attentätern gewesen waren. Selbst die Al-Qaida Truppen, die in der Provinz entdeckt und vernichtet wurden, hatten nicht die Logistik und das Know-How um solche Anschläge zu verüben. Das musste man der Öffentlichkeit beschämt offen legen. Heute finanzieren die Saudis islamistische Gruppen im ganzen Nahen Osten und auf dem ganzen Globus. Sie schicken ihre Söhne auch in westliche Länder, wo sie westliche Bildung bekommen. Ganz genau so wie die Attentäter von 9/11. Der verstorbene Peter Scholl Latour, Journalist und Stachel im Fleische des Mainstream, hatte behauptet, dass bei seinem Besuch in Afghanistan ihm unter Ehrenwort von Stammesführern versichert wurde, dass Al-Qaida vor der Ankunft der Amerikaner eine große Unbekannte für die Einheimischen war. Davon hatte man erst gehört, als fiebrige Marines die Landschaft nach vermummten Super-Terroristen durchkämmten und jeden Ziegenhirten nach diesem “Al Qaida” befragten. Definitiv fand man sie auch und vernichtete nicht wenige von ihnen. Sie waren nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Pakistan, dem Yemen und eigentlich in jedem islamischen Land dieser Erde und darüber hinaus in solchen, die es nicht sind. Aber um zu Private Restrepo zurückzukommen und die Frage zu klären, ob er denn für sein Vaterland gestorben sei ….

Ich weiß es nicht. Ich möchte aber anzweifeln, dass die Anwohner der Kunar Provinz oder des Korengal Tals, irgendwas mit dem 11. September zu tun haben. Vermutlich hat nicht einmal Afghanistan etwas damit zu tun, welches als verfallener Staat nur das Durchlaufbecken für terroristische Organisationen gewesen ist und teils geblieben ist.  Ohne Zweifel hat der politische Islam den Westen zum Todfeind und plant seine Zerstörung bzw. Unterwerfung. Die Feuerkraft dieser Luftlandesoldaten in der Dokumentation wäre vermutlich an anderer Stelle besser aufgehoben gewesen. Manche möchten mir sicherlich widersprechen und sagen, dass diese Truppen Teil einer großen Stabilisierungsmission gewesen sind und dazu beitragen sollten, dass sich das Land beruhigt, erholt und dadurch kein sicherer Hafen für Terroristen mehr ist. Ich habe unten nur ein paar große Meldungen der Presse zu Afghanistan herausgesucht. Luftschlag – 30 Tote. Angriff auf Kunduz, Bombenanschlag auf Diplomaten und so weiter. Alles nur in den letzten 60 Tagen. Dabei schaffen es die ganzen Berichte über ein paar erschossene Polizisten hier und da meist gar nicht in unsere Presse. Die Bundeswehr ist übrigens immer noch dort im Einsatz. Trotz mehr oder minder lauer Verkündigungen der Regierung, dass der Kampfeinsatz dort vorbei sei. Seltsam. Erst kürzlich mussten zwei Kameraden auf ein auf sie zurasendes Fahrzeug das Feuer eröffnen, nachdem es trotz Anrufverfahren weiterfuhr und direkt auf den abgesperrten Bereich vor den Soldaten steuerte. Zwei Afghanen sterben. Aber es hätte auch ein Selbstmordattentat sein können und dann wären jetzt ein paar Soldaten tot und vermutlich alle in der Nähe stehenden Zivilisten ebenso. Fehler passieren. Die Soldaten haben korrekt gehandelt. Ich frage mich nur, ob sie überhaupt in dieser Situation dort hätten sein müssen. Sollten wir nicht längst raus sein?

 

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http://www.tagesschau.de/kunduz-bundeswehr-afghanistan-taliban-101.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-bundeswehr-soldaten-erschiessen-motorradfahrer-a-1120802.html

http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-30-zivilisten-bei-nato-luftangriff-auf-taliban-getoetet-a-1119638.html

http://www.heute.at/news/welt/Vier-Tote-bei-Anschlag-auf-US-Hauptquartier-in-Afghanistan;art23661,1368049

 


 

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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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