“Sicario” – der Drogenkrieg und warum Hobbes Recht hat

“Emily Blunt” in einem schwarzen Kampfanzug zu sehen, ist eine angenehme Angelegenheit für sich. Eine hübsche Frau, die in martialischen Rollen gut aussieht, regt bei mir eigentlich den Appetit an. Der vergeht einem jedoch sehr schnell, wenn man die ersten fünf Minuten von “Sicario” anschaut und dabei in Erinnerung gerufen bekommt, dass fernab vom Nahen Osten und Afrika ein ganz anderer Krieg tobt, welcher nicht minder verherrend und opferreich ist. Der südamerikanische und vor allem der mexikanische Drogenkrieg hat zahllose Menschenleben zerstört. Und der Regisseur Denis Villeneuve macht auch keine Anstalten den Streifen in ein hirnloses Fratzengeballer zu verwandeln. Wenn geschossen wird, dann realistisch und atemberaubend kurz. Der Film gilt in Kennerkreisen US-amerikanischer Schiessfreunde ja schon als “tactical”, weil er anständig darstellt, wie “Cops” und Soldaten wirklich schiessen. Aber in “Sicario”, das habe ich ja gesagt, gehts nicht so sehr um das Geballer, sondern um die größte Abnutzungsschlacht, in welche die beiden amerikanischen Kontinente verwickelt sind. Wie viele Polizisten, Zivlisten und Soldaten sind bereits im Rahmen eines gigantischen, interkontinentalen Drogenkrieges getötet worden? Zu viele.

 

Krieg aller gegen alle

Behörden sehen keinen Sinn mehr in normaler Justiz, dem Verfolgen von Straftätern, dem Aufbau von Anklagen und Verurteilungen . “The boundry has been moved” – das ist keine Polizeiarbeit mehr, sondern ein Krieg und für den Krieg brauch man Soldaten und die Waffen und Methoden der Vernichtung. Die Verbrecherkartelle sind keine Gesetzesbrecher, weil das Recht längst nicht mehr existiert. Die Kartelle sind der Feind und der Feind muss vernichtet werden. Und im Krieg, auch wenn die Vereinten Nationen welche aufgestellt haben, gibt keine Regeln. Oder vielmehr wird der Regelbruch zur Norm. So gibt es eine Szene im Film, welche das Verhör eines Drogenbarons zeigt. Die amerikanische Polizistin Kate Macer, gespielt von Blunt, hätte vermutlich mit ihren normalen Verhörmethoden nichts aus diesem Mörder und Drogenhändler heraus bekommen. Aber ihre weniger mit Skrupeln behafteten Kollegen vom CIA schalten einfach die Kamera aus und beginnen zu foltern.

 

Die brennende Grenze

Von Macer, die sehr idealistisch an die Sache rangeht, ist das alles unverständlich und nahezu verbrecherisch. Das ganze brutale Verhalten ihrer Kollegen geht ihr gegen den Strich. Genau wie deren Geheimnistuerei. Aber dann kommt ein wichtiger Satz im Film, der zumindest bei mir für deutlich mehr Verständnis gesorgt hat.

“This is the future. This is what it looks like when they settle in”

Quasi die Leichen, die verstümmelt von Brücken hängen, welche Macer in Mexikos Slums gesehen hat, werden zur Normalität in den USA werden. Das ist die Zukunft, welche die rücksichtsloseren Bundesagenten und CIA-Agenten verhindern wollen. Sie wissen oder ahnen, wie es in Arizona, New Mexico oder Texas bald aussehen könnte, wenn sich die Drogenkartelle aus Südamerika in den Staaten etablieren. Dann wird die gesamte Gesellschaft zur Kriegszone deklariert. Fotos von Vermissten säumen jede Wand der mexikanischen Stadt, während tausende Familien um vermutlich ermordete Angehörige weinen. Dagegen wirken die Zustände in Detroit beinahe idyllisch. Und deshalb führen sie ihren eigenen Krieg vor der Grenze und im Nachbarland. Eindämmung als Devise der Stunde.

 

Delta Force Soldaten – kennen nur den Krieg

Und für einen Krieg brauch es solche, die ihn führen können. Da holt sich das FBI allerhöchstens ein blaues Auge und es ist mehrfach von den USA bestätigt worden, dass CIA und militärische Spezialeinheiten an der Grenze und vermutlich auch auf mexikanischen Territorium operieren. Die mexikanischen Sicherheitsorgane sind, wenn man ehrlich ist, mit der Situation überfordert und haben ihr Gewaltmonopol vor langer Zeit eingebüßt. Im Film ist die Involvierung von Delta Force Soldaten eingebracht worden, für welche es allerdings meines Wissens keine Beweise gibt. Aber es ist kein Geheimnis, dass viele ehemalige Kriegsveteranen auch Anstellung bei der Border-Police oder beim FBI und CIA finden und sich dort in der einzigen Berufung verdingen, die sie wirklich beherrschen. Krieg. Das mag zynisch klingen, trifft denke ich aber bei vielen zu. Die “Operators” im Film sind absolute Profis, die unsere Bundesagentin und ihren Kollegen, der ähnlich tickt, richtig alt aussehen lassen. Es ist eben ein Unterschied, ob man 10 Jahre in Helmand in Afghanistan rumwütete oder als FBI Agentin größtenteils Papier stempelte.

Man muss auch erwähnen, wie wenig Vertrauen die mexikanischen Sicherheitskräfte und Militärs bei den Amerikaner und der eigenen mexikanischen Bevölkerungen genießen. Mehrere korrupte “Cops” oder Soldaten tauchen auf und spielen ihre verräterischen Rollen. Kein Wunder! Fälle von Korruption in den Staatsorganen, vor allem bei den bewaffneten Kräften, sind mehr als häufig. Die Polizisten der Bundestaaten Mexikos fristen ein vergleichsweise armseeliges Dasein und es verwundert nicht, dass viele mit den Drogenhändlern paktieren um für ihre Familien etwas dazu zu verdienen. Der Staat, oder was in Mexiko davon übrig ist, hat viel seiner staatlichen Macht eingebüßt. Was folgte ist, um es mit Thomas Hobbes zu beschreiben, die wölfische Natur des Menschen, welche die Bürger in einen Krieg “Jeder gegen Jeden” zwingt.  Bellum omnium contra omnes. Vor allem in den desolaten Grenzregionen türmen sich die Slums aufeinander und von oben betrachtet, wenn die Agenten den Flug über die “Ciudad” machen, wirkt die mexikanische mittelgroße Stadt doch eher wie ein gewaltiger Müllberg und Mondlandschaften erstrecken sich öde bis zur amerikanischen Grenze.

Es ist nicht alles schlecht in Mexiko, wie ich in einem älteren Artikel einst sagte. Aber “Sicario” ist ein interessanter Film, der uns nahelegt, welches Schicksal einem Staat drohen kann, wenn er selbst nicht der Leviathan ist und sein Gewaltmonopol an die Kriminalität verliert. Ein perfider Bürgerkrieg als Normalzustand ist keine Welt, in der wir leben möchten.

“Du wirst hier nicht überleben…du bist kein Wolf und das ist jetzt das Land der Wölfe. Such dir eine kleine amerikanische Kleinstadt, wo die Herrschaft des Gesetzes noch existiert.”

Das sagt Alejandro,  gespielt von Benicio der Toro, unserer FBI-Agentin am Ende. Wer erkennt darin nicht den Thomas Hobbes? Macer kann sich der Illusion hingeben, dass ihr Heim und Hof vom Gesetz und seinen Hütern beschützt werden. Doch es ist anders. Ihre Sicherheit rührt nur daher, dass sie selbst mit der Waffe in der Hand an der Türschwelle steht, wachsam und bereit zu handeln. Zumindest kann ich mir vorstellen, dass Alejandro es so sehen würde.

 

 

Image via Lionsgate

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

3 thoughts on ““Sicario” – der Drogenkrieg und warum Hobbes Recht hat

  1. Im antiken Persien gab es beim Tod des Herrschers die Sitte, eine ganz offizielle fünftägige völlige Rechtlosigkeit zu installieren (also das, was Hobbes als ‘Naturzustand’ bezeichnete). Zweck war natürlich, dem Volk die Sinnhaftigkeit von Herrschaft als Gewährleistung von Recht und Ordnung vor Augen zu führen. Nun hat diese sogenannte “altpersische Anomie” nach dem, was man aus den Quellen weiss (vor allem Sextus Empiricus und Serenus Sammonicus) damals nicht zu einem gegenseitigen Abschlachten auf breiter Front geführt. Aber das persische Reich zu dieser Zeit war ein geordneter, gut geführter Staat, und die Bürger vermutlich gut sozialisiert. Die Bürger dieses Reiches waren zwar extrem multikulturell zusammengesetzt, es galt aber persisches Recht – daran liessen die Könige keinen Zweifel aufkommen. Leitkultur war die persische – nichts sonst. Unter den heutigen Multi-Kulti-Bedingungen in Deutschland wäre es interessant, diese Sitte als Experiment einmal zu wiederholen. Ich denke, es würde Mord und Totschlag geben.

  2. Hallo,

    mein Name ist “Name der Redaktion bekannt”.

    Wärst du villeicht so freundlich mal einen Artikel über die Kurrupten taten der CDU schreiben? Ich denke, dass solche Themen auch sehr wichtig sind.

    mit freundlichen grüßen

    “Name der Redaktion bekannt”

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