100 Jahre Schlacht an der Somme – Niemals heimgekehrt

Am 1. Juli begann vor 100 Jahren begann die Schlacht an der Somme. Noch heute ziehen sich die Narben dieser Auseinandersetzung durch die grüne Landschaft, die nicht vergessen kann, was vor einem Jahrhundert dort geschehen ist.

Der Erste Weltkrieg war der erste massiv geführte industrielle Krieg, der ganze Völker gegeneinander brachte und Millionen von Menschen in den Blutpumpen der Schlachtfelder vernichtete. Wir, die wir heute das Glück haben zu leben, verweilen in einer Zeit, in der uns der Krieg und trotz näher kommenden Einschlägen des Terrors, fast gänzlich unbekannt geworden ist. Nur die Soldaten unserer Gesellschaft haben noch eine ungefähre Ahnung davon, was es bedeutet, im Krieg zu stehen. Und doch muss man festhalten, dass die Erfahrungen der heutigen Veteranen auf andere Arten und Weisen schrecklich sind, als die der Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg. Wir können uns das heute nicht mehr vorstellen, welch entfessellte Maschinen- und Menschengewalt dort aufeinander geprallt ist. In diesen Knochenmühlen von Verdun, Gallipoli und Tannenberg starben nicht ein paar Dutzend, sondern Millionen. Jeder Mann hatte sein eigenes Leben. Er wurde geboren, aufgezogen und lebte eine eigene Lebensgeschichte. Da muss man sich einmal die Zeit nehmen und in alten Kriegstagebüchern blättern, die in den uralten Folianten mancher Bibliothek noch gebunden zu finden sind. Es treibt einem erwachsenem Kerl wie mir die Tränen in die Augen, dort von jungen Menschen zu lesen, die mit 18 Jahren aus dem Studium gerissen werden, die geliebte Freundin zurück lassen und als einziges Kind einer französischen alleinstehenden Mutter in Verdun den Tod finden. Ganze Stammbäume mögen hier ausgelöscht worden sein, als Familien alle männlichen Stammhalter zur Front schicken mussten, damit vier von den fünf sterben und der letzte Sohn mit zerschossenem Gesicht als halbes “Monster” heimkehrt und sich dann aus Scham und Kummer erhängt. Die menschlichen Tragödien dieser Jahre sind für mich unvorstellbar grausam. Wie kann ein Mensch so viel Leid und Tod und Grauen ertragen, ohne den Verstand zu verlieren? Diese Frage beschäftigt mich mehr, als die Details um die genauen Waffentechniken und Strategien der Generäle, wie das manch einen anderen interessiert. Es ist selbst für jemanden für mich, der seinen Anteil an Blut und Gewalt im echten Leben bereits kennengelernt hat, fast unmöglich eine angemessene Vorstellung vom Leben und Sterben im Ersten Weltkrieg zu erhalten.

Keiner von ihnen ist jemals heimgekehrt

Es ist daher für mich wohl auch nicht überraschend, dass so viele Soldaten nach dem Krieg ihr Leben als geistig verstörte und vereinsamte verbringen mussten. Dieser Krieg, so weiß ich, forderte mehr als nur die Todesopfer auf allen Seiten. Er vernichtete ganze Generationen von Menschen. Er tötete und verstümmelte die Männer, hinterließ weinende Frauen und Familien und schaffte Platz für die Entrückten der Nachkriegszeit, die niemals vergessen konnten, was sie erlebt hatten. Die Männer, die im meterhohen Blutschlamm der Gräben standen, in welchen sich die modrigen Knochen vorangeganger Kameraden und fremder Soldaten türmten, waren nicht mehr die selben Männer, die 1914 vielleicht in den Krieg gezogen waren mit glücklichen Bekenntnissen von Volk, Vaterland und Verteidigung auf den Lippen. Allein am 1.Tag der Schlacht an der Somme fielen allein auf britischer Seite 20.000 Mann und 40.000 weitere waren verletzt oder sind bis heute vermisst. Annähernd 2 Millionen Männer auf beiden Seiten wurden wurden bis zum Ende dieser monatelangen Folter menschlicher Seelen und Körper getötet oder verwundet. Ehemalige Frontsoldaten wie Otto Dix, konnten ihr Erlebtes nur noch durch expressive Kunst ausdrücken. Wie anders, wenn nicht durch verstörende Bilder, konnte man diesem Horror gerecht werden? Der Tod, auch wenn er für eine hehre Sache gestorben wird, ist furchtbar. Für den Sterbenden gleichsam wie seiner Familie. Es verwundert mich nicht so sehr, dass viele Männer, die den Krieg überlebten und nach Hause durften, niemals von ihrer im Krieg erlernten Mentalität ablassen konnten. Da wurde ein Geist im Blute und Tod und im Schmerz geformt, der keinen Platz im schal schmeckenden Frieden der Weimarer Republik hatte. Wie konnten diese Männer friedlich und vergesslich sein, bei all den Opfern die sie gebracht hatten? Sollten alle Kameraden umsonst gestorben sein? Alle Heldentaten für Nichts? Aus dieser Ruhelosigkeit wuchs die Saat späterer Umstürzler und Republikfeinde. Wie konnten sie auch warm werden mit einem Staat, der von äußeren Mächten gedemütigt wurde und zugelassen hatte, dass vom Vaterland geraubt wurde?

Diese vom Frieden entfremdeten Soldaten gab es in allen Ländern. Und doch sind sie zum Symbol für die Weimarer Republik geworden, weil die Deutschen diesen Krieg nunmal verloren haben und die Konsequenzen bitter waren und sich hinzu addierten zu den Qualen der Kriegsjahre. Der große gemeinsame Nenner Europas war das einander zugefügte Elend im Kriege. Einzigartig war das Schicksal der Deutschen danach, die erst ihren ersten Staat verloren, dann einen zweiten bekamen und mit diesem auch nicht leben konnten und sich einen neuen suchten.

Man darf nicht naiv sein und glauben, dass die rechtsgerichteten Bünde aus Politik und Militär, die sich aus ehemaligen Veteranen zusammensetzten, die einzigen waren, deren Geist durch diesen geformt wurde. Da kamen auch Männer heim, die vielleicht mit größtmöglicher patriotischer Begeisterung und im Glauben an die Gerechtigkeit eines Sieges in den Krieg gezogen waren. Dass diese Liebe für die Nation dort auch erlischen kann, halte ich auch nicht für abwegig. Wer kann es einem Mann schon verübeln, der 4 Jahre lang durch die Hölle geht, weil er das Pech hat diesem deutschen Monarchem und Staate dienen zu müssen? Kein Wunder, dass der Wunsch nach Veränderung viele Farben und Formen annahm, welcher die Weimarer Republik bestimmte. Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten, Liberale, Monarchisten, Nationalisten und Nationalsozialisten – die Soldaten waren überall vertreten, weil sie sich aus dem Volke zusammensetzten.

 

Mut, Heldentod – sinnlos?

Wenn man sich mit dem Horror dieses Maschinenkrieges konfrontiert sieht, der Millionen tötete, fragt man sich auch, wo denn der Heldentod bei diesem Massaker zu finden ist. In den Kämpfen, wo tausende Männer über den Graben springen und sich in das Maschinengewehrfeuer eines Feindes werfen, den sie womöglich niemals zu Gesicht kriegen werden und von dem sie vielleicht manchmal nur aus der Zeitung gehört haben.

Ich halte mich selbst für einen verhältnismäßig mutigen jungen Mann. Aber ich kann mir schwer vorstellen, dass ich den Todesmut dafür hätte, wie die Männer vor 100 Jahren über den Graben zu gehen. Nicht weil ich natürlich Angst vor dem Tod habe, wie die meisten Menschen. Nein. Ich fürchte mich vor der Sinnlosigkeit meiner Handlungen und dem sinnlosem Opfer, dass ich bringe. Weil ich ahne und fürchte, dass egal wie gut ich kämpfe, wie lange ich trainiert habe, wie sehr ich Tapferkeit beweise und wie stark ich mein Leben liebe … eine von diesen Milliarden Kugeln wird mich vermutlich treffen. Nur der Zufall entscheidet höchstwahrscheinlich über mein Überleben. Ich kann nichts tun, um meine Chancen zu verbessern. Meine individuelle Leistung zählt nicht und ob ich hier sterbe oder nicht, ob ich diesen Graben da drüben nehmen kann oder nicht, zählt am Ende nichts.  Nur wenn ich vermute, dass mein Opfer einen höheren Sinn hat, kann ich mich gerne und bereitwillig einem schrecklichem Tod stellen. Zum Schutz meiner Familie oder meiner Heimat vielleicht. Aber nur weil ich hoffe, dass dies Opfer auf der Wagschale des Schicksals einen Wert haben wird und das Leben anderer Menschen dadurch geschützt wird. Was müssen die Männer damals gedacht und gefühlt haben, wenn sie zum vierten oder fünften Mal den gleichen Stellungsgraben eines Feindes erobern, nur um ihn später wieder aufzugeben und danach das ganze zu Wiederholen?

Daher Hut ab im Gedenken und Nachdenken an diese Menschen und ihre Zeit. Um jeden Preis müssen wir verhindern, dass sich wieder solche Kriege hier ereignen und die Völker Europas einander zum Feind haben. Heute vor 100 Jahren stand mein Uropa an der Somme und ich weiß beim besten Willen nicht, wie er nach dieser Schlacht noch ein halbwegs glückliches und normales Leben hatte führen können.

 

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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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