Über den Hauptstrom

In weiten Teilen des patriotischen Lagers genießen die meisten Medien kein Vertrauen mehr, das Wort »Lügenpresse« gehört zum oft vernommenen Voka­bular. Doch was ist dran an diesem Vorwurf?

Uwe Krüger ist Medienwissenschaftler und hat sich bereits in seiner Doktorarbeit über die Machtmechanismen in den Medien befaßt, die als Buch »Meinungsmacht« ihren Weg in die Öffentlichkeit fand. Nun hat er sich erneut des Themas angenommen, heraus kam das Buch »Mainstream – Warum wir den Medien nicht mehr trauen«. Ein mit nicht mal 150 Seiten knappes, flott zu lesendes, aber gleichwohl gehaltvolles, informatives und kompaktes Büchlein, das hier wärmstens empfohlen werden kann.

uwe-kr-ger_mainstream_720x600Viele Medienkonsumenten haben heute den Eindruck, allüberall das Gleiche zu lesen und zu hören und daß zu einseitig berichtet wird. Man bekommt häufig den Eindruck, als sei die öffentliche Meinung zentral gesteuert. Dies ist freilich nicht der Fall, dennoch aber agieren die Hauptstrom-Medien, als verhielte es sich so. Auch gibt es keine staatliche Stelle, die eine Zensur gegen mißliebige Äußerungen anordnet, das organisiert die »Zivilgesellschaft« mittler­weile ganz von selbst und ohne Befehl von »oben«. Wie es kommt, dafür liefert Krüger einige einleuchtende Erklärungen. Von einer »Lügenpesse« könne aber dennoch so pauschal nicht die Rede sein, so Krüger. Zwar sei der Eindruck zutreffend, daß viele Mediennutzer zunehmend eine Verengung des Meinungskorridors und des Sagbaren empfinden. Hier liefert das Werk »Die Schweigespirale« von Elisabeth Noelle-Neumann eine Theorie: wie jeder Mensch strebt auch der Journalist danach, sich nicht im offenen Gegensatz zu seinem sozialen Umfeld zu befinden; und auch er hat ein feines Gespür dafür, womit er sich eventuell in Widerspruch dazu begibt. Krüger spricht hier von einer Niedrigkosten-Situation für den, der schreibt, was sein Umfeld erwartet.

»Wer eine schon oft geäußerte Mehrheitsmeinung hinter sich weiß, und allgemein anerkannte Glaubenssätze teilt, befindet sich in einer ›Niedrigkostensituation‹ und muß sich wenig Sorgen um seine Reputation machen. Er kann offensiv agieren, ihm steht eine breite Palette etablierter Argumente und bekannter Phrasen zur Verfügung. Wer dagegen eine Minderheitenposition vertritt, ist in einer ›Hochkostensituation‹. Er muß seine Argumentation sorgsam aufbauen, Einwände vorwegnehmen, sich defensiv vortasten, um möglichst wenige Zuhörer gegen sich aufzubringen und möglichst viele zu überzeugen.«

Hier kommt hinzu, daß es sich bei der journalistischen Zunft um ein politisch relativ homogenes Milieu handelt. Eine überwiegende Mehrheit bekennt sich politisch zur Linken, also zum rot-grünen Lager. Es gibt ja die Anekdote von einer amerikanischen Journalistin, die nach dem Wahlsieg Richard Nixons ungläubig feststellte, das könne doch gar nicht sein, sie kenne schließlich niemanden, der Nixon gewählt hätte. Warum das so ist, erklärt Krüger wie folgt. Journalisten, insbesondere die »Alpha-Journalisten« bilden ein überschaubares Milieu aus ähnlichen Bildungs­hinter­gründen, man kommt oft aus denselben Stadtteilen, in denen man mit der Lebenswirklichkeit der Bevölkerungsmehrheit nicht kennt (das sogenannte »Eppendorf-Syndrom«), man sucht sich den Nachwuchs natürlich aus den Bewerbern aus, die zu einem selbst passen. Nachwuchskräfte, die zu einem passen, beherrschen bereits das nötige Auftreten, sind »parkettsicher«, Berufseinsteiger aus anderen sozialen Milieus sind es nicht.

Wer als Journalist erfolgreich sein will, benötigt Zugang zu hochrangigen Quellen. Krüger beschreibt anschaulich, welche Rolle Netzwerke und informelle Runden spielen, von denen ruckzuck ausgeschlossen und von Informationsflüssen abge­schnitten werden kann, wer durch allzu unbequeme Fragen stört. Dadurch kommt ein symbiotisches Verhältnis zustande, in welchem sich der Journalist von der Perspektive seiner Leserschaft immer weiter entfernt und sich der Sichtweise der Politiker annähert. Es entsteht faktisch eine Verschwörungssituation ohne Verschwörer, und häufig ohne daß sich die Mitwirkenden dessen bewußt sind.

In diesem Näheverhältnis von Medien und Politik bleibt es nicht aus, daß auf die Berichterstattung in der Weise eingewirkt wird, daß die Journalisten doch die Folgen bedenken sollten. So mag tatsächlich macher Medienmensch aus ehrlich empfundener staatsbürgerlicher Pflicht handeln, wenn er Dinge nicht ganz unparteiisch darstellt.

Krüger nennt noch zahlreiche weitere, oft allzu menschliche Gründe, warum es an einer objektiven Berichterstattung hapert: die Angst vor Arbeitsplatzverlust (was angesichts von prekären und befristeten Beschäftigungsverhältnissen nur allzu verständlich ist), der Zeitmangel für gewissenhafte Recherche bis hin zu ganz banaler Berufsblindheit. Der Autor erklärt das Wirken all dieser Momente dabei anschaulich anhand von Beispielen kürzlich behandelten Ereignissen, wie dem Ukrainekonflikt oder der »Griechenlandrettung«.

All das macht Uwe Krügers kleines Buch zu einem unverzichtbaren Leitfaden für alle, die auf diesem Themenfeld sich ein Urteil erlauben wollen; sein kompakter Umfang macht es geeignet, auch beim größten Noch-zu-lesen-Stapel dazwischengeschoben zu werden.

Uwe Krüger:Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen
978-3-406-68851-5
C. H. Beck170 S., Klappenbroschur
14,95 €

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“Weserlotse” lebt als Niedersachse mit niederschlesischem Migrationshintergrund in Thüringen und ist alt genug, um noch zu wissen, wie das Leben ohne Internet funktioniert, ist trotzdem so etwas wie das, was heute “Netzaktivist” heißt, würde sich selbst aber nie so nennen.

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