Der maskierte Krieger

 

Das große Kaminfeuer knisterte. Seit einer ganzen Weile schon war es der einzige Ton, der aus der großen Halle vom Stamm der Wu zu vernehmen war. Die düsteren Schemen der verbliebenen Einwohner des Dorfes waren in der Halle zusammengekommen und saßen an den Rändern des Feuerscheins, um ihre Trauer und Verzweiflung zu verbergen. Im Morgengrauen waren die Mong wieder über die Berge gekommen und hatten Feuer und Tod gebracht. Mit ihren fremdartigen Zügen und ihrem schrecklichen Aussehen hatten sie sich in das Gedächtnis aller Wu gebrannt. Von den Bergen bis in das Tal hinein, wo die anderen Stämme lebten. Alle kannten die Mong und wussten um ihre bösartige Natur und ihr fremdländisches Aussehen. Hier im Grenzgebiet hatten die Menschen viele Jahre in Frieden mit den Mong gelebt. Wu und Mong gleichermaßen lebten in Eintracht und zeugten viele Kinder zusammen. Diese Eintracht war zerbrochen, als die Mong sich unter dem Clanbanner zusammengerottet hatten und sich dafür entschieden, die schlechtesten aller Nachbarn zu sein. Die Invasion war rasch und brutal gewesen und hatte nur Asche im Vorgebirge hinterlassen. Wie im Wahn hatten die Mong sich dem Grauen Gott verschworen und eine tödliche Armee aufgestellt, die weder Gnade noch Mitgefühl kannte.

Nur wenige Krieger waren den Wu geblieben. Die wenigen Männer, die auf der Jagd waren, als die Mong angegriffen hatten. In ihren Gesichtern stand der Zorn in roten Adern und in ihren Herzen kochte der blutdurstige Wunsch nach Vergeltung. Sie sprachen kaum und wagten es nicht zu träumen. Man ölte die Schwerter und schwieg, weil es nichts mehr zu bereden gab. Die Männer der Wu hatten ihre Namen abgelegt, weil sie ohne Familie keine Bedeutung mehr hatten. Die meisten Frauen und Kinder waren erschlagen und begraben und so nahmen sie neue Namen an. Sie nannten sich Roter, Zorniger und Letzter. Drei Krieger waren es, die das Feuer im Kamin löschten und die verbliebenen Bewohner nach Süden schickten. In die grünen Täler hinein, wo sie sicher vor den Mong sein würden. Oder so glaubte man.

Letzter führte die Gruppe an und nannte sich deshalb so, weil er der Letzte seiner Blutlinie war. “Wie konnten wir den Mong jemals trauen? Ihren falschen Augen, den bunten Haaren und ihrer bleichen Haut? Sie sind uns fremd und waren es immer. Monster von Geburt an!” sprach Zorniger, welcher seine Liebste und sein Kind an die Mong verloren hatte. Er schulterte die schwere Streitaxt und blickte grimmig auf die Espenwälder, die sich vor der Gruppe emportaten. Roter stimmte zu. “Ich trieb Handel mit ihnen und wusste eh; diese Kerle spielen ein falsches Spiel.”

Im abendlichen Dunkel hörte Letzter die schweren Hufe und das Gerumpel eines Pferdekarrens. Sogleich enthüllte sich dieser aus dem Unterholz und entkam der Finsternis der Epsenwälder. Auf der schmalen Bergstraße gab es kein Entrinnen für den Kaufmann, dessen mit Wein und Reis beladener Karren schwer mit der schlechten Straße zu kämpfen hatte. Die Gruppe von Wu-Kriegern stellte sich dem Kaufmann entgegen. In Letzters Bauch rumorte eine heiße und wilde Wut auf diesen Mann, der die Schuldigkeit und die Sünde und das Verbrechen der ganzen Welt nun auf seinen Karren laden musste. Denn er war ein Mong. “Bleib stehen!” rief Zorniger und stellte sich breit vor dem Karren auf. Das Pferd schreckte hoch und der Mong beinahe mit. Ein Mann mittleren Alters, zu schwach um zu kämpfen und zu arm um sich am Elend der Wu bereichert zu haben. In seinen fremdländischen Zügen zeigte sich Furcht.  “Haltet ein Fremde! Ich bin ein einfacher Kaufmann, keine Gefahr für euch Mannen!” antwortete der Mong in seiner eigenartigen Sprechweise. Letzter, der von seinem Vater stets Milde und Besonnenheit gelehrt bekommen hatte, hob bereits sein Schwert zum Streiche. Der bloße Anblick dieses Mong ließ in ihm die Erinnerung an das kalte schwarze Blut seiner Familie wieder hochkommen. Wie sie alle leblos dagelegen hatten, als er von der Jagd nichtsahnend heimgekommen war. Mong hatten es getan. Mong wie dieser Händler vor ihm.

“Fremde sagt er! Du bist es hier, der Fremd ist! Schau dich an Mong und dann schau dich um! Du bist im Land der Wu – dort wo deine Landsmänner blutig morden!” warf ihm Letzter entgegen. “Aye Mong! Und wir erschlagen dich für das Mong-sein. Weil du Mong bist schlagen wir dich in Stücke, wie es deine Landsmänner mit uns Wu tun. Wir hauen dich in blutige Fetzen für unsere Waldgötter, weil deine Mong es genauso mit uns für ihren Grauen Gott getan haben!”  Zorniger war dicht herangerückt, die Axt in beiden Händen ergriffen. Seine Stimme bebte voller Zorn und Kummer, als seine Axt auf den Kopf des Kaufmanns niederfuhr. “Auge um Auge!”

Die Gruppe der Krieger  zog weiter und verließ die Straße, die sie nun mit Scham und wenig Genugtuung erfüllte. Sie blickten nicht zurück und sprachen nicht mehr miteinander. Die Waffen wuschen sie im klaren Wasser der Gebirgsflüsse und Letzter fühlte sich, als müsse er sich selbst darin baden.

Und dann kamen sie endlich nach langer Wanderschaft an die große Festung der Mong. Ein schwarzes Gemäuer erhob sich vor ihnen auf einem Hügel, umringt von hässlichen Palisaden und seltsamen Götzenbildern. Viele fremde Krieger besetzten die Palisaden und ihre Speere und Pfeilspitzen blitzten im Licht einer aufgehenden neuen Sonne.

Hier am Fuße der Festung war es, als eine Gestalt Letzter ins Auge fiel. Sie stand im Schatten der alten Espen und war umringt von toten Männern. Mong. Dutzende von Mong-Kriegern lagen ihm zu Füßen. Die Gestalt war ein Mann. Sein dunkler Fellmantel ließ seine Form nur erahnen. Ein schwarzer Helm mit Vogelschwingen an den Enden verdeckte das Gesicht und hüllte selbst seine Augen in endlose Schatten. In seiner Hand lag jedoch ein Schwert der Wu, wie es nur von den Wu getragen wurde und immer schon Teil ihrer Kultur gewesen war. Und so wussten die drei Krieger sofort, dass es sich um einen ihrer Brüder handelte. “Hast du diese Männer alleine getötet, Bruder?” fragte Roter und lächelte breit, weil er ahnte, hier einen Verbündeten gefunden zu haben. “Aye! Sprich Freund! Kämpfst du auch gegen diese widerlichen Mong?” fügte Zorniger hinzu.

“Ich bekämpfe sie”, antwortete der maskierte Krieger und nickte. “Dann hilf uns Krieger! Hilfs und diese Festung zur stürmen, ihre Mauern zu schleifen und alle Mannen darin zu töten! Hilf uns Rache zu nehmen an den Mong! Wir sind gekommen sie alle zu töten!” sprach Letzter. 

“Alle Mong? Auch die Unschuldigen? Die Frauen und Kinder? Tötet ihr jeden Mong, weil er ein Mong ist? Tötet ihr jeden Mong, ganz gleich ob er an den Grauen Gott glaubt oder nicht?” fragte der Maskierte.

“Als die Mong in unser Dorf kamen, löschten sie es aus. Bis auf das letzte Kind. Warum sollten wir Gnade zeigen, wo sie keine kannten? Sollen wir jetzt jeden Mong befragen, ehe wir unser Schwert gegen ihn erheben?” Letzter spürte etwas von der Mäßigung seines eigenen Vaters in den Worten des Maskierten. Und doch war sein Vater tot, erschlagen von den Mong. Vielleicht gerade weil er zu solch Mäßigung und Gerechtigkeit aufgerufen hatte.

“Was unterscheidet dann die Wu von den Mong? Ein Mörder ist ein Mörder, ganz gleich welchen Gott er verehrt oder welchem Blute er entstammt. Eine schlechte Tat ist unabhängig von der Natur des Täters. Sind wir nicht Wu, weil wir die Ehre, die Tapferkeit und die Aufrechten lieben? Was ist ehrenvoll, tapfer und aufrecht am morden von Kindern und prügeln von Frauen?” In der Stimme des Maskierten schwang ein ehrlicher Ton. Die Worte eines Mannes, der an das glaubte, für was die Wu stets gestanden hatten. Ehrliche Bauern, Krieger und Handwerker – das waren sie gewesen, bevor sie den Kaufmann auf der Straße gemeuchelt hatten. Und wo die Worte Letzters, Roters und Zornigers Ohren trafen, ließen sie ihre wütenden Masken zerfallen und dort brachten sie Scham über die Männer, die sich so nicht unter ihre Ahnen trauen konnten. Nicht als unwürdige Mörder. “Ich will mit euch gegen die Mong kämpfen. Nicht weil sie Mong sind, sondern weil sie böse sind. Nicht weil sie Fremde sind, sondern weil sie feindlich handeln. Ich will als Wu kämpfen und sterben, weil ich Wu bin.”

 

Und so entfalteten sie zu Viert das alte Banner des Krieges, bemalten ihre Schilde und setzten auf ihre Helme. Sie gürteten ihr Kriegsgeschirr und marschierten gegen die Feste des Feindes. Nicht um der Blutrache wegen , sondern für die Gerechtigkeit. Nicht wegen dem fremden Volk, sondern für das eigene Volk. Sie fochten den Feind mit Ehre und Geschick. Im Licht der Abendsonne rissen sie das Banner der Mong von der Festungsmauer. Sie schenkten den Unschuldigen das Leben und die Freiheit und verjagten sie aus dem Land der Wu.

Letzter und Zorniger, der nun nicht mehr zornig war, häuften das Holz der Palisade zu einem Scheiterhaufen. Roter und Maskierter waren gefallen und sie trugen die toten Kameraden auf die Glut und wollten sie verbrennen, wie es bei den Wu üblich war für Angehörige des Stammes. Und sie nahmen ihnen die Rüstungen vom Leib und demaskierten ihre Gesichter. Und so kam es, dass Zorniger und Letzter in dem maskierten Krieger jenes Fremde sahen, für welches sie den Kaufmann auf der Straße einst erschlagen hatten.

“Er ist als Einer von uns gestorben und wir wollen ihn als einen von uns begraben. Wer an unserer Seite kämpft, soll uns Bruder sein.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: softH, deviantart

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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