Visionen der Zukunft? Über Deus Ex zu Call of Duty

 

 

Sci-Fi zeichnet in den letzten Jahren, wie mir scheint, zunehmend düstere Visionen der Zukunft. Im speziellen der amerikanischen Zukunft. Blickte man in den 50ern und speziell Anfang der 90er noch hoffnungsvoll nach vorne, erachten viele Amerikaner den amerikanischen Traum für „unerreichbar“, wie jüngst Umfragen ans Tageslicht förderten. Auch das Sicherheitsgefühl der Menschen schwindet zunehmend und die diffuse Befürchtung macht sich breit, dass die USA und vielleicht die ganze Welt in eine sehr ungewisse und gefährliche Zukunft steuern. Ich denke, dass diese Themen in ihrer Tiefe auch Einzug in die Kunst und vor allem die mediale Kunst erhalten. Schwarzmalerei für die Zukunft ist nichts Neues. Aber Computerspiele wie Deus Ex Human Revolution und Call of Duty Advanced Warfare attackieren die Grundfesten des amerikanischen Traums und die Idee einer besseren Zukunft – sowohl die ökonomische, als auch die soziale und politische Zukunft. Natürlich gibt es mediale Argumente für und gegen den amerikanischen Traum. „Streben nach Glück“, „The Grear Gatsby“ oder „Rocky“ sind hier als positive Beispiele zu nennen, welche die Erreichung dieses ur-amerikanischen Zieles feiern.



Aber es gibt auch solche Filme, welche den Traum als unerreichbar darstellen und für eine große Täuschung halten, an deren Ende nur Enttäuschung wartet. Heute soll es jedoch nicht so sehr um Filme, sondern um zwei Computerspiele gehen, welche meiner Ansicht nach eine sehr deutliche und doch subversive Botschaft transportieren.

Wenn man „Call of Duty“ rückblickend betrachtet, lässt sich eine langsameTransformation des Erzählschemas erkennen. Während die ersten Teile noch im Zweiten Weltkrieg spielten und ein simples Weltbild von „Gut und Böse“ vermittelten (Nazis und Allierte), verloren sich spätere Teile immer mehr in den Wirren von Grauzonen und Schattierungen. Modern Warfare und Black Ops spielen mit Verrat in den eigenen Reihen, mit Täuschungen und moralischen Zwickmühlen. Amerika tut auf einmal böse und verwerfliche Dinge. Freunde werden zu Feinden und ehrenhafte Soldaten verlieren ihren moralischen Kompass. Es ist nicht klar, wer Feind und wer Freund ist. Genauso wird es immer schwieriger für den Spieler eine größere Gerechtigkeit hinter den Missionszielen zu erkennen. Persönliche Motive rücken in den Vordergrund und während neue Kriege im Schatten ausgetragen werden, verselbstständigen sich die Soldaten und die Armeen zunehmend. Allein „Modern Warfare“ enthält in seiner inneramerikanischen Konspiration den Vorwurf an die US-Politik, in den Fußstapfen von Wallenstein zu marschieren. Getreu dem Motto: „Der Krieg ernährt den Krieg.“

Die Etablierung von Demokratie und Menschenrechten und der Vorstellung amerikanischer Freiheitsideen, mengt sich mit dem staatspolitischen Interesse der Nation und denen der Finanzeliten. Geheimdienste fingieren Ereignisse und manipulieren die öffentliche Meinung zum Zwecke der Herrschaftsausübung.

Advanced Warfare führt diese Entwicklung in den vorherigen Spielen zusammen und bringt sie 40 Jahre in die Zukunft. Während Modern Warfare noch in unserer Zeit gespielt hat und sich an die Ereignisse des „War on Terror“ anlehnt, spinnt Advanced Warfare die Geschichte um Jahrzehnte weiter. Amerika befindet sich immer noch oder schon wieder im Krieg. In der Mitte des 21. Jahrhunderts konkurriert die Nation nun auch militärisch mit Asien, wobei „Nordkorea“ wie schon im Film „Red Dawn“ (Neuauflage) symbolisch wohl eher für China steht. Der Krieg gegen Nordkorea ist ein weiterer amerikanischer Krieg um der „Freiheit“ willen. Aber die Parolen sind hohl und ausdruckslos geworden. Der Schlachtruf der Freiheit entbehrt jeglichem Pathos. Symbolisch für diesen Abfall des Amerikaners von seinen Idealen ist nicht der Spieler selbst, sondern „Jonathan Irons“, der Chef der größten „Sicherheitsfirma“ der Welt. Die Armeen der Zukunft sind nämlich keine staatlichen mehr, sondern Privatunternehmen in den Händen von Konzernen und Lobbygruppen. Jonathan Irons ist hier insofern interessant, da er vom Alter her so ziemlich genau die 2000er Generation treffen dürfte. Die 9/11 Generation von Amerikanern, die mit dem „Krieg gegen den Terror“ groß geworden sind und eigentlich Nichts anderes kennen als Irakkrieg, Afghanistan, Lybien und so weiter. Sie kennen nur die Ideen von der Etablierung amerikanischer Demokratie im Nahen Osten und das Scheitern dieses Vorhabens. Irons ist aufgewachsen mit den Terroranschlägen, den Kriegstoten und entfremdeten Veteranen einer Nation, die mehr und mehr Macht in die Hände des Geheimdienstes gelegt hat. Irons ist ein „Millenial“ und ein Produkt der westlichen Gesellschaft nach dem Ende des Kalten Krieges. Und von dieser Gesellschaft ist Jonathan Irons völlig enttäuscht und desillusioniert. Er verachtet Amerika und all seine Ideale von Demokratie, Freiheitsrechten und er verachtet auch die Nationen an sich. Für ihn ist glasklar, dass Amerika in seiner selbsterlegten Aufgabe als Weltpolizist versagt hat, und dass die Masse der Menschheit zu dumm und zu blind für das „Geschenk“ der amerikanischen Demokratie ist. Es lohnt sich daher für Irons nicht, an der Schaffung einer demokratischen Weltordnung zu arbeiten und Leuchtfeuer der Demokratie zu entzünden. Denn diese Barbaren würden das Feuer in ihrer Ignoranz ohnehin ausblasen.

Irons hasst Amerika und alle anderen Nationen dieser Welt. Schließlich sei es die verfehlte US-Außenpolitik gewesen, welche ihm seinen Sohn genommen hat. Die Verlegung der Macht aus den Händen der Nationalstaaten in die Hände der Globalisten, also des „militärisch-industriellen Komplexes“, erscheint ihm als bessere Lösung. Eine Weltregierung muss her. Aber keine UN bzw. eine amerikanisch geführte Liga von Demokratien. Sondern eine Diktatur des Stärksten. Er nutzt den Krieg und den Terrorismus eigentlich nur als Vorwand und Sprungbrett für die Etablierung seines eigenen technokratischen Fachismus. Ein staatenloses Militär, ein staatenloser Geheimdienst und ein riesiger militärisch-industrieller Komplex, welcher über die Welt herrschen soll. Zum Wohl der Lemminge, also der Menschen. Denn Irons meint, dass die dumme Menschheit die Freiheit sowieso nicht verdient hat. Aus dieser radikalen Ablehnung spricht vielleicht sogar das Überbleibsel eines überzeugten Demokraten, der in seiner Jugend fest an die amerikanischen Werte geglaubt hat und nun völlig von diesen Idealen abgefallen ist. Umso radikaler und fester der Glaube, umso tiefer und schwerwiegender die Verkehrung ins Gegenteil.

„Demokratie? Demokratie ist nicht das, was diese Leute brauchen und es ist noch nicht einmal das, was sie wirklich wollen.“ – Irons

Irons ist unsere Generation, nur in Amerika, welche mit ansehen durfte, wie die amerikanische Außenpolitik nicht etwa die Heilung der Welt zur Folge hatte, sondern ihre Destabilisierung. Aus dem Chaos dieser Politik schöpft Irons Kapital und nutzt die Furcht der Menschen vor Terror und Krieg, um ihnen seine eigene Idee der Weltregierung aufzuzwingen. Aus Furcht heraus sollen diese sich quasi selbst in die Sklaverei fügen. Die Sicherheit eines goldenen Käfigs.

In Irons haben wir einen Mann vor uns, der den Glauben an das „gute Amerika“ und die „bessere Welt“ verloren hat. Ein reiner Machtmensch, der nur noch Verachtung für die Menschen empfindet. Überhaupt erlebt das Wort „Mensch“ in diesem Spiel einen subtilen Bedeutungsverlust. Denn Mensch sein bedeutet in Advanced Warfare, dass man benachteiligt ist. Der Hauptcharakter selbst wird zum halben Cyborg gemacht und die Waffen der Zukunft sind superschnelle Drohnen, Roboter und Kampfmaschinen, die normale Menschen wie lästiges Ungeziefer aus dem Weg räumen. Selbst die Soldaten der Zukunft sind halbe Maschinen, die mit Exoskeletten und monströsen automatischen Gewehren für normale Soldaten quasi unbesiegbar sind. Eine globale Militärdiktatur, die sich auf Hochtechnologie stützt, gegen die der einfache Mensch gar keine Chance mehr hat. Widerstand wird nahezu unmöglich.

Das ist auch der fließende Übergang zu Deus Ex Human Revolution. Die Ungleichheit der Gesellschaft. Nämlich die Ungleichheit zwischen den „Augmentierten“ Menschen und den „natürlichen“ Menschen. In der nicht allzu fernen Zukunft hat es die Menschheit vollbracht, sich mit der Technik zu verschmelzen und sie lässt ganze Körperfunktionen durch diese verbessern oder gänzlich übernehmen. Wer sich diese „Augmentationen“ nicht leisten kann, fällt zurück. Es entsteht ein Leistungsdruck in der Gesellschaft, der sich Niemand entziehen kann. Die Sogkräfte dieser Entwicklung sind „Top-Down“ und schaffen eine Zwei-Klassen Welt. Arm und reich oder augmentiert oder natürlich.

Ob Deus Ex oder Advanced Warfare. Die Zukunftsbilder dieser Spiele attackieren den brüchig gewordenen amerikanischen Traum. Die Angst vor der Übermacht der Mächtigen und dem Zerfall des Traums vom wirtschaftlichem Aufstieg. In der Zukunft unterteilt sich Amerika nur noch in Superreiche und Arme. Dazwischen gibt es nichts. Keinen Mittelstand mit Garten, weißem Einfamilienhaus und Hund. Es gibt nur die da „Oben“ und die da „Unten“.

 

Bild : https://www.flickr.com/photos/xavierwilkinson/15872629672


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

3 thoughts on “Visionen der Zukunft? Über Deus Ex zu Call of Duty

  1. Mir ist schon lange aufgefallen, dass die Unterhaltung immer nihilistischere Szenarien vorspielt. Ich bin ja 1971 geboren und kenne noch die Filme und Fernseh-Serien der 70er und 80er gut. Damals herrschten weithin optimistische Serien, Filme und soweit es sie gab auch Spiele vor. Seit den 1990ern ist das SEHR eindeutig gekippt. Übrigens auch bei Comics von Marvel und DC.

    Es scheint mir sehr signifikant, wenn die Geschichten die wir uns heute erzählen, so negativ und nihilistisch sind.

    Die Frage ist aber wie beim Huhn und dem Ei: was war zuerst da? Wurden wir so nihilitisch und zynisch, weil unsere Geschichten und das so beibrachten, oder ist das die Reaktion auf die düstere Realität?

    Ich neige dazu zu glauben, dass es eine Absicht ist, d.h. dass sie Menschen durch immer negativere Erzählungen immer weiter seelisch herunter gezogen wurden. Denn objektiv war die Welt auch 1980 alles andere als rosig: wir nahmen den Atomkrieg der die Welt vernichten würde, als zu erwartende Zukunft; damals waren Flüsse giftig und Wälder starben. Nein, an Gefahr mangelte es damals nicht. Aber damals gab es noch Opitmismus.

    TV Serien wie Star Trek waren dafür typisch: es gibt Probleme, aber wir glauben, dass man sie bewältigen kann; mit Vernunft und Ethik. Heute ist die typische Serie unserer Zeit “Game of Thrones”: alles ist verloren, wir leben in der Scheiße und nicht wird sich jemals bessern, als gib es auf. Das ist die Message, die 24/7 in allen Formen der Unterhaltung uns entgegen schallt. Es ist eine Art psychologischer Kriegsführung gegen uns. Wir sollten seelisch mürbe gemacht werden, bis wir nicht mehr kämpfen und uns für etwas einsetzen.

    Ich habe mir immer viel Feinde von den Apologeten der sogenannten “Freiheit der Kunst” gemacht, wenn ich sagte: Kunst und Kulturindustrie seien dazu da, den Menschen zu erheben, ihm Mut zu machen, das was Schiller das “Wahre, Gute und Schöne” nannte. Kunst soll dem Menschen das Bessere, Harmonische und Edle aufzeigen. Heute zeigt es dem Menschen die Kacke. Man zerrt den Menschen hinab. Klar, man kann sich auf die Position stellen, in de freien Kunst soll alles erlaubt sein. Ich teile die Position nur nicht, weil hier ein Mittel, die Kunst, dazu mißbraucht wurde eine gegen die Menschheit selbst gerichtete Agenda durchzusetzen, die des Nihilismus, der Wertlosigkeit des Lebens, der “Decadence” im Sinne Nietzsches. “Alles Leben ist wertlos”, schallt es uns entgegen. Das nennen ich, die Kunst zu mißbrauchen. Es kann keine Freiheit geben in einem Sinne, der gegen das Leben selbst gerichtet ist.

    Was hier in Computerspielen und TV Serien, Filmen und Comics uns eingetrichtert werden soll, ist wie wertlos und sinnlos alles ist. Das muss man einfach durchschauen.

  2. Interessant, hinsichtlich düsterer Zukunftsvisionen, sind auch die Romane Paolo Bacigalupis. Abgesehen von der zu Grunde liegenden Klimawandelthese, zeichnet er ebenfalls eine Welt in Händen supranationaler Industriekonglomerate. Daneben ist aber bei ihm auch der Islam in seiner zerstörischen Kraft ein Teil dieser düsteren Welt. Der Roman “Biokrieg” spielt, beispielsweise, in Thailand. Das Land hat sich als buddhistisches Königreich abgeschottet und nahm aber widerwillig chinesischstämmige Flüchtlinge aus Malaysia auf, die wegen eines an ihnen durch die Muslime durchgeführten Genozids fliehen mussten. Europa kommt zwar nicht direkt vor, doch erfährt man in Nebensätzen, das es hier auch zu einer islamischen Übernahme gekommen ist, mit allen zu befürchteten Gräueltaten.
    Bacigalupis Visionen halten also für unsere Welt auch nichts Gutes bereit.

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