Der Krieg der niemals endete

Am 11. September 2001 starben etwa 3000 beim Anschlag auf das World Trade Center. Seit diesem Tag befinden sich die Vereinigten Staaten von Amerika im Ausnahmezustand. Seit diesem Tag ist Amerika im “Krieg gegen den Terror” und hat diesen Zustand nicht wieder verlassen. Diese Verwundung der amerikanischen Seele, auf dem eigenen Land angegriffen zu werden und auf einmal so verletztlich und schwach zu wirken, musste in kürzester Zeit durch die Wiederholung amerikanischer Machtdemonstration geheilt werden. Die “one Nation under God” zog in den wohl bisher teuersten und längsten Krieg ihrer Geschichte. Dieser globale Kampf gegen einen Terrorismus, der zumeist seltsame Formen und Farben annahm, ist vielleicht bereits eine Art Dritter Weltkrieg. Denn kein Kontinent dieser Erde und nur sehr wenige Nationen konnten sich dem Sog dieses Krieges bisher entziehen. Vor allem nicht die muslimischen Nationen, welche jenen Kampf im Innern kämpfen und später im Westen ein neues und altes Feindbild materialisieren konnten. Amerika befindet sich im Krieg, dessen Ende bisher nicht in Sicht ist und es hat einen Feind gefunden, welcher die Lebensdauer einer Religion hat und somit vielleicht die amerikanische Nation überleben könnte. Während sich totalitäre Staaten und vermeintliche Diktaturen mit modernen Waffen vernichten lassen, sind Ideen weitaus langlebiger. Religionen sind sogar beinahe unsterblich, wenn man sie mit der Lebensdauer von Staaten vergleicht.



Die Transformation der amerikanischen Gesellschaft

Der “Patriot Act”, PRISM und die NSA – Das alles sind Symptome einer Nation im Kriegszustand. Geheimdienste, welche die amerikanische Verfassung quasi nach Belieben außer Kraft setzen und die Bürgerrechte mit Füßen treten, während sie ihre Macht beständig erweitern, wären in einem Friedenszustand niemals zustande gekommen. Rechte und Befugnisse gingen an die zunehmend zentralisierte Regierung, welche den Rechtsbruch zum Recht machen durfte.  Wer glaubte, dass diese Phase an einen spezifischen Präsidenten wie zum Beispiel Bush II gekoppelt war, irrt sich. Denn auch Obama führte die Politik des Vorgängers trotz gegenteiliger Versprechen im Wahlkampf fort. Ja er vervielfachte die Macht der Geheimdienste wie am NSA Fall sichtbar sein dürfte, sogar noch.

Es ist die Macht, welche wieder einmal in den Händen sehr weniger konzentriert wird. Das schleichende Gefühl der Bevölkerung, dass selbst durch die Wahl des Präsidenten am Ende doch alles gleich bleibt. Man darf wählen – aber ändern tut sich nichts. Politikverdrossenheit ist nichts, was allein auf Deutschland gemünzt wäre. Ob Tea Party oder Nichtwähler. Amerikas politische Krise ist eine Staatskrise, weil der Staat nicht mehr für den Bürger existiert, wie es die Gründerväter beabsichtigt hatten. Amerika ist womöglich bereits jene Horrorvision geworden, welche die Verfassung der Staaten eigentlich hatte verhindern wollen. Denn so zentralisiert und groß wie die Regierung heute ist, hätte sie laut Gründervätern niemals werden dürfen. Allein die Idee einer Zentralbank oder die Tatsache, dass 1% der Amerikaner den größten Teil des amerikanischen Geldes besitzen, dürfte Washington und Franklin im Grabe routieren lassen. Als Alexis de Tocqueville in “Demokratie in Amerika” über die noch junge amerikanische Nation philosophierte, bewunderte er darin das Freiheitsverständnis der Nation und glaubte, dass Niemand den Amerikanern diese Freiheit nehmen könnte.

Außer sie selbst. Er ahnte bereits, dass nur der Amerikaner selbst sich am Ende der eigenen Freiheit berauben würde. Denn eines Tages würde er vielleicht eine Regierung zulassen, die ihm verspricht sich um seine Sorgen zu kümmern. Ein Regime der “tyrannischen Fürsorge” , welche ihn von der Wiege bis zum Grabe begleitet und nicht nur für seine Versorgung aufkommt, sondern auch für seine Sicherheit. Schritt für Schritt würde der Bürger sich so selbst entmündigen und mehr und mehr seiner eigenen Rechte an den Staat abgeben, bis er vollends zum Sklaven geworden wäre.

Das ist es auch, was die amerikanischen Libertären so fürchten. Die ur-amerikanische Angst vor der Unfreiheit. Zunächst gibt man die Kinder in die staatliche Obhut, dann die Gesundheit, die Rente, die Arbeit und am Ende die Waffen und damit die Sicherheit. Eine Illusion und vielleicht gar bewusste Täuschung der Völker wäre es, ihnen glaubhaft machen zu wollen, es gäbe eine waffenlose Gesellschaft auf der Welt. Die Entwaffnung des Bürgers führt nur dazu, dass der Staat das Monopol auf Waffen erhält und es dementsprechend nutzen kann. Und ein grundlegendes Misstrauen in die massierte Macht der Mächtigsten und in ihre Absichten, dürfte angebracht sein.

Das Militär ist nicht mehr das Militär des Volkes

In Vietnam starben über 50.000 US-Soldaten und weit mehr wurden verletzt. Millionen dienten im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg. Aber heute können wir eigentlich beobachten, wie sich die Insitution Militär von der Bevölkerung entfremdet hat. Nur etwa 6000 tote Soldaten insgesamt im Irak und in Afghanistan. Für die persönlich betroffenen Familien ein furchtbarer Verlust. Für eine Nation von über 320 Millionen nicht mehr als ein Ärgernis. Nur noch wenige Menschen haben überhaupt Kontakt zu Soldaten und vor allem in den urbanen Gebieten ist die Entfremdung vom Militär spürbar. Denn die Ablehnung der Insitution ist dort überdeutlich und mag dem Neoliberalen linken Geist des Millieus geschuldet sein. Immer weniger Amerikaner dienen in den Streitkräften und dies bedeutet auch, dass immer weniger Leute Anteil an dieser militärischen Dimension nehmen. Soldatenfamilien und Soldaten – das sind zumeist die Schicksale anderer Leute. Damit kann der ständig beschäftigte US-Amerikaner nichts anfangen. In den Szene-Clubs und Vierteln von New York und San Franciso ist es überhaupt ein Wunder, wenn die Generation, welche am 11. September noch im Kindergarten war, einen besonderen Draht zur Armee pflegt. Denn die meisten tun es nicht. Die meisten Soldaten rekrutiert die Army nur noch im Süden und mittlerem Westen, wo der Geist des alten konservativen Amerikas weiterlebt. Jungs vom Land und unabhängige Frauen aus dem Süden, die wenig mit den Großstädtern gemein haben, welche in veganen Supermärkten shoppen gehen und Kunstausstellung besuchen oder aber mit dem Starbucks Latte in der Hand zum College schlafwandeln. Die hedonistische Jugend der Post-Moderne ekelt sich beinahe vor ihren Soldaten, die irgendwo in den Vorstädten wohnen und mit Hund, drei Kindern und Pumpgun hausen und dann am Sonntag in die Kirche gehen. Andersherum brennt der Hass der Rückkehrer aus dem Kriege, die Heim kommen und nicht jene Anerkennung erhalten, die sie eigentlich verdient hätten. Sie werden bespuckt und wie benutztes Klopapier weggeworfen. Nach dem Dienstende verliert der Soldat seinen Wert für das Pentagon. Sie landen oft auf der Straße. Eine große Feier und staatliche Ehrungen gibt es für die Soldaten schon. Im Gegensatz zu Deutschland wird der Soldat in den USA noch immer geachtet – aber nicht versorgt. Manch ein obdachloser Veteran in den USA würde vielleicht die amerikanische Achtung gegen das deutsche Sozialnetz tauschen wollen.

Amerikanische Soldaten sind oft qualifizierte Berufssoldaten, die daraufhin mehrere “Tour of duties” im Ausland unternehmen dürfen. Nur wenige Hunderttausend Soldaten haben insgesamt im Nahen Osten gekämpft. Kein Vergleich zum Zweiten Weltkrieg oder Vietnam, wo ganze Bevölkerungsschichten massiv vom Verlust von Söhnen und Vätern betroffen waren. Was bedeutet dies? Es mag vielleicht heißen, dass Amerikas Armee keine Armee des Volkes mehr ist oder sich zumindest von diesem entfremdet. Kein Volksheer mehr, sondern eine beständig kleiner werdende Elitetruppe mit großem Anteil an Maschinen, die das Kämpfen übernehmen sollen. Hinter den Soldaten stehen auch nicht mehr nur die Abgeordneten, sondern Großkonzerne und eifrige Söldnerunternehmen, welche die abgehenden Veteranen abwerben möchten, wenn ihre Dienstzeit vorbei ist. Denn der Krieg geht weiter. Es sieht eigentlich so aus, als würde er niemals enden. “The Longest War” – der längste Krieg, der möglicherweise gerade erst in seinen Kinderschuhen steckt.

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

One thought on “Der Krieg der niemals endete

  1. Schön geschrieben!
    Wie die Heimkehrer aus Vietnam von der Bevölkerung mit Schildern “Kindermörder” empfangen worden sind, ist bekannt.
    Trifft aber auch für ehemalige SaZ und BS in DE zu. Siehe ehem. Oberst Klein. Man kann kaum noch weggehen und sagen man ist, oder war, beim Bund.

    Schöne Grüße aus Kambodscha

    Ivo

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