Auf der Suche nach Mythen

Bauvorhaben und juristische Fachsprache. Gesetzestexte, Zahlen, Daten und Fakten. Liberal-ökonomische Floskeln und Wortmonstrositäten. Wer einen Blick in die heutige Politik und die Debatten der Öffentlichkeit Europas wirft, wird mit einer Sprache und Geisteshaltung konfrontiert, welche das menschliche Leben und die Gesellschaft auf Zahlen, Noten und Papier herunterbricht. Sicherlich wird mit viel Emotion argumentiert und gestritten. Aber die Beschwörung nationaler Mythen als Träger eines historischen Narratives existieren in der europäischen Politik westlich der Oder nicht mehr. Die heutige liberal-westliche Gesellschaft der Post-Moderne ist eine, die gänzliche ohne nationale und supranationale Mythen vor sich hinlebt. Sie reduziert sich auf Statistiken, Gesetze, Ratio und Atheismus, welcher bar jeder emotionalen Beschwörungskraft da steht. Es wird im Allgemeinen als Errungenschaft betrachtet, dass Mythen in der heutigen Bundesrepublik nicht mehr zum Konsens der Gesellschaft gehören und weitestgehend verdrängt wurden. Der Sieg der Rationalität über die Emotionalität. Diese Denkweise und Schlussfolgerung bringt ganz Westeuropa jedoch in eine ungeheure Zwickmühle und stellt sowohl die indigene Bevölkerung seiner Nationalstaaten, als auch die Zugewanderten vor große Probleme. Die Mythenlosigkeit des Westens macht ihn angreifbar für jene Kulturen und Ideologien, die voll mit sagenhaften Geschichten und fantastischen Epen sind. Ich möchte anhand einer Gegenüberstellung von islamischer Welt und Westeuropa erklären, warum ich im Fehlen einer “emotionalen Geschichtsdeutung(Mythen)” ein großes Problem für Europa und Deutschland sehe.



Mythen – Bedingung der nationalen Identität

Aber was sind Mythen eigentlich?
Mythen sind die emotionale Verkörperung von Geschichte. Nationale Mythen sind daher eine Gefühle tragende Erzählweise der Geschichte eines Volkes bzw. einer Nation. Sie macht den Menschen die Kontinuität ihres Landes, Volkes und unter anderem auch ihres Staates begreiflich. Mythen sind bewusst vereinfachend und müssen nicht historisch 100% akkurat sein. Sie erfüllen als solche keine alleinige rationale Bildungsfunktion, sondern haben einen emotionalen Auftrag. Sie sind Träger der Seele einer Nation und machen diese erst für die Menschen begreiflich. Mythen projizieren Bilder in die Köpfe von Menschen und erfüllen die Brust mit Hitze, wie es Zahlen, Statistiken und trockene Zusammenfassungen von Ereignissen nicht können. Sie bilden das tragende Fundament einer existierenden Nation, da erst durch die Mythen die Existenz eines Volkes aus der Vergangenheit in das Heute begreiflich gemacht wird. Dies ist insofern selbstverständlich ein selbstgegebener Sinn.

Ein Mythos ist Träger von Weltverständnis und Geschichte, die über die eigene Zeit hinaus Gültigkeit besitzt. Die Wiederkehr bestimmter Ideale, Werte, Formeln und Symbole bildet in ihrer Kontinuität die Essenz einer Nation. Mythen sind Orientierungspunkt im Leben eines Volkes. Wie ein Fels in der Brandung, der ungeachtet der stürmischen See und der rauen Natur Bestand hat. “Der Mythos ist nicht hinterfragbar, er erzählt, statt zu belegen, er ist die Beschwörung der Dauerhaftigkeit der Welt im Ritual.” – (Hans Blumenberg 1979). Es ist diese Dauerhaftigkeit die zur Bildung und zum Erhalt der eigenen Identität so wichtig ist. Mythen bringen uns immer ähnliche wiederkehrende Wertevorstellungen, Symbole und Ideen zurück in die eigene Zeit, obwohl sie selbige aus der Vergangenheit(bestimmte und unbestimmte) entnehmen. Im deutschen Verständnis wäre dies vielleicht der germanische Geist der Freiheit, der in vielen Erzählungen und Ereignissen der eigenen Geschichte Ausdruck erhält. Dabei ließen sich noch unzählige weitere Eigenschaften, Themen und Symbole zum deutschen Nationalmythos wählen. Wichtig bei Mythen ist nur, dass die mit ihnen verbundenen Botschaften auch von einer Vielzahl von Menschen verstanden werden und bekannt sind. Es ist erst dieses Verständnis und der Glaube an die Gültigkeit dieser Mythen, dass sie mächtig macht. Erst durch die Kontinuität der Mythen und der mit ihnen verbundenen Aussagen, wird die Nation auch in der heutigen Moderne begreifbar. Dann speist sie ihre eigene Existenz aus einer langen Geschichte, Traditionen und den Sagen und Märchen der Menschen die in ihr leben und lebten. Dann ist die Nation erst existent. Grenzen sind nur Linien auf Papier und im Erdboden. Menschen sind nur Menschen und der Staat ist nur Rationalität in Form von Gewaltausübung. Nation erfordert aber immer die Emotion. 

 

Wüstenkrieger und Doktoren

Können Sie sich vorstellen, dass eine Person wie Sigmar Gabriel oder Angela Merkel vor der Siegessäule, dem Hermannsdenkmal oder dem Brandenburger Tor steht und den Mythos “germanischer Freiheit” beschwört, während sie gegen TTIP oder Amerikas Spionage wettert? Natürlich nicht. Sowohl die sprechenden Politiker, noch das deutsche/europäische Publikum sind in einem solchen Szenario sonderlich glaubwürdig. Selbst wenn diese Worte so von jemandem im Bundestag fallen würden, so würde man sie weiter unterhalb nicht verstehen. Denn das Verständnis um die eigenen Mythen fehlt der Bevölkerung. Der Sieg der europäischen Rationalität und der nach Erkenntnis strebender Wissenschaft ist hier beinahe vollständig. Hier begann die Aufklärung, was der Kulturrelativismus zu Ende bringen konnte. Europas Mythen sind entmystifiziert worden.

Wenn die eigene Geschichte nicht mit Gefühl transportiert wird, verliert sie ihre Bindungskraft. Es ist daher die trockene Staubigkeit europäischer Gelehrter und Neoliberalität, die alles auf ihren ökonomischen Nutzwert herunterbricht, welcher der ungestümen und irrationalen Kraft der islamischen Welt gegenübersteht. Die Wiedergeburt des Dschihad in unserer Zeit ist nicht etwa “nur” die Antwort auf westliche Interventionen oder soziale Probleme. Diese Dinge spielen natürlich eine große Rolle. Aber sie ist auch Selbstzweck und entspringt der eigenen Energie der lebendigen islamischen Kultur. Für Präsident Erdogan ist es selbstverständlich, die türkisch-islamische Eroberung von Konstantinopel zu beschwören, wenn er in Istanbul über Außenpolitik spricht. Es ist kein bloßes Schaustellertum, wenn IS-Kämpfer auf Pferden und mit Krummsäbeln bewaffnet durch den Irak reiten und mit schwarzen Bannern vor der Szenerie brauner Wüsten posieren. Sie ritualisieren die Mythen der eigenen koranischen Lehre und der islamischen Geschichte und appellieren an die muslimischen Werte – auch die kriegerischen. Wüstenreiter wie Mohammed zu sein oder wie Mehmed II. das zweite Rom zu schleifen. In den Köpfen dieser Menschen sind dies nicht nur bloße Ereignisse im Quelltext eines Geschichtsbuches. Sie ist emotionale Geschichte und damit Mythos. Tief empfunden und daher immun gegen jeden Angriff von außen. Darin mag auch begründet liegen, warum jeder gut gemeinte Integrationsversuch an vielen dieser Menschen in Europas zwangsläufig scheitern muss. Ein Blick in die verquickten Gesichter und strahlenden Augen in der Moschee sollte darüber zu denken geben, was Frömmigkeit und emotionale Bindung zur eigenen Identität für ein mächtiges Bollwerk sein kann. In diesem Fall ist es ein Bollwerk gegen die Moderne und das “gottlose” Europa, dass ohne große Mythen da steht und daher niemanden integrieren kann, der etwas Eigenes hat.

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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