Vom vermeintlichen Recht auf ein staatlich alimentiertes Leben

 

Eine Bekannte jammerte neulich sinngemäß wie folgt rum: wie furchtbar ungerecht sei es doch, daß Studenten nicht einfach ihren Lebensunterhalt vom Staat beziehen können. Es sei doch schrecklich, da müsse man vierzig Stunden in der Woche etwas fürs Studium tun, und dann soll man auch noch zwanzig Stunden für Geld arbeiten. Unzumutbar! Wann soll man da seine Freizeit haben? Und grundgesetzwidrig sei es sowieso auch, denn schließlich habe man, das stünde da, ein Recht auf Zugang zu Bildung, auch wenn einen die Eltern nicht unterstützen können − undsoweiter, undsofort.

In der Süddeutschen Zeitung stand kürzlich ein wirklich zu Herzen gehender Bericht über eine junge Frau, Jasna, die, obwohl ihren Master in Germanistik mit der Note 1,6 absolviert, nicht umgehend eine gutdotierte Festanstellung hinterhergeworfen kriegt, sondern stattdessen von Hartz-Vier lebt und nebenher Vorträge über irgendeinen Feminismusquatsch hält. Vielleicht liegt es daran, daß sie etwas studiert hat, was womöglich zwanzigmal soviele Leute studieren, als am Ende sinnvoll verwendet werden können? Daß sie eine Leistung anbietet, die keiner will und keiner braucht? Nein! Wer ist schuld? Der Kapitalismus! Die Diskriminierungsstrukturen! Überhaupt ist ja immer irgendwer oder irgendwas schuld, wenn man nicht den Erfolg hat, der einem vermeintlich zusteht. Nun soll damit nicht gesagt sein, daß jeder nur noch studieren soll, was der Markt verlangt − nein, es möge schon jeder machen, wofür er sich berufen fühlt. Aber man soll doch bitteschön für seine Entscheidung die Verantwortung tragen und nicht rumheulen, als hätte man allein durch das Studium ein Anrecht auf eine wunschgemäße Beschäftigung (am besten irgendwas mit Feminismus oder so) und beruflichen Erfolg erworben. Eigenes Risiko − schon mal davon gehört? Immerhin, das Risiko ist ja schon soweit abgemindert, daß auch Jasna nicht verhungert, wenn sich ihr Berufs- und Geschäftsmodell als untauglich erweist. Ist das etwa nichts?



Hier offenbart sich ein Grundübel der an Übeln nicht armen Gegenwart: für nichts, am wenigsten für sich selbst, verantwortlich sein zu wollen. Ohgottohgott − für den eigenen Lebensunterhalt sorgen müssen! Nein, das geht nicht, also her mit dem bedingungslosen Grundeinkommen! Her mit dem fürstlichen Salär für eine Arbeit, die keiner braucht! Wo das Geld dafür herkommt? Egal. Der Staat ist ein Weihnachtsmann mit einem immer prall mit Wohltaten gefüllten Sack, in den man nur hineingreifen muß. Wo die Füllung des Sacks herkommt, welche Bedingungen und Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit es etwas zum Verteilen gibt, damit muß man sich nicht abgeben (nötigenfalls muß eben den Reichen mehr abgeknöpft werden).

Ach ja, das bedingungslose Grundeinkommen! Paradiesische Verheißung für alle, die ein menschenwürdiges Dasein allein jenseits den Zumutungen der Erwerbsarbeit verorten. Ich gebe zu, daß dieser Gedanke eine gewisse Attraktivität aufweist, wenn man sich selbst als Profiteur und nicht als Kostenträger eines solchen Umverteilungssystems sieht, besonders dann, wenn man seinem Selbstverständnis nach ja eigentlich Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und dergleichen ist, und nur von der Fron des schnöden Broterwerbs daran gehindert wird, seiner wahren Bestimmung nachzugehen. Nun allerdings sind die meisten Leute nicht verhinderte Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und dergleichen, sondern einfach nur froh darum, wenn man sie an einen Platz stellt, den sie ausfüllen kommen und der ihnen ein als sinnvoll empfundenes Dasein ermöglicht, während sie unglücklich und überfordert damit wären, sich diesen Platz selbst zu suchen und selbst einzurichten. Sozial gerecht vielmehr ist ein Staat, der dafür sorgt, daß Menschen mit einfacheren Erwartungen an ihr Leben und mit einer weniger großzügigen Ausstattung an Tatkraft und Kreativität einen Platz bekommen, der es ihnen ermöglicht, für ihr Auskommen zu sorgen, sie nicht aber aus der Verantwortung entläßt, es zu tun.

Hier erweist sich der durchschnittliche Linke als jemand, der sich beim allerbesten Willen nicht vorstellen kann, daß sein vermeintlich fortschrittliches und menschenfreundliches Projekt auch üble Folgen haben kann. Er begreift nicht, daß es einen Menschen unglücklich macht, wenn er ihn aus der Verantwortung entläßt, für sich selbst zu sorgen, und ihn damit auch entmündigt, da Mündigkeit nun einmal bedeutet, für sich selbst und sein Handeln verantwortlich zu sein. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann bringt es auf den Punkt:

Die Bevormundung des Menschen durch Instanzen, die suggerieren, nur sein Bestes zu wollen, indem sie ihm die Fähigkeit absprechen, selbst Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen einzustehen, infantilisieren den Menschen nicht nur; sie beschneiden nicht nur seine Freiheit; sie nehmen ihm auch die Würde.

Er, der Linke, versteht nicht, daß es Menschen gibt, für die die Entlassung aus der Eigenverantwortung nicht die Perspektive eines selbstbestimmten Lebens eröffnet, sondern daß er sie zwischen Fernseher und Spielekonsole zu dauerhafter Lebensuntüchtigkeit verdammt.

Die Stellung als Staatsbürger definiert sich für die Linke über die Ansprüche, die er an den Staat hat, nicht darüber, was er zu tun bereit ist. Der Wunsch nach der staatlich garantierten Folgenlosigkeit des eigenen Tuns und Lassens zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was die Linke für gut und gerecht hält (worauf sich, nebenbei bemerkt, unter anderem auch ihre Haltung zur Abtreibung gründet).

Dafür wird Verantwortung sehr gerne kollektiviert. Nicht nur für den individuellen Lebensunterhalt soll die Gesellschaft verantwortlich sein, sondern auch für alle, die aus gleiche welchen Gründen nach Deutschland kommen möchten, soll sie dem Gemeinwesen aufgebürdet werden. Hier ist die Linke großzügig, denn irgendwer wird schon dafür bezahlen. Daß jemand käme, um an hiesigen Sozialleistungen zu partizipieren, können sie sich widersinnigerweise nicht vorstellen, obwohl sie selbst doch eine allumfassende Alimentierung erträumen. Denn: niemand würde aus allein wirtschaftlichen Gründen und der Ausssicht auf Sozialleistungen anderswo seine Heimat verlassen – sagen meist Leute, die ihrerseits einen Scheiß auf ihre Heimat geben – sie mitunter sogar hassen – und die sich noch heute zum nächsten Flughafen aufmachten, wenn sie erführen, daß in Madagaskar oder Patagonien der Staat für einen komfortablen Lebensunterhalt sorgen würde.



 

Ursprünglich veröffentlicht auf Weserlotse

“Weserlotse” lebt als Niedersachse mit niederschlesischem Migrationshintergrund in Thüringen und ist alt genug, um noch zu wissen, wie das Leben ohne Internet funktioniert, ist trotzdem so etwas wie das, was heute “Netzaktivist” heißt, würde sich selbst aber nie so nennen.

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