Reue, aber keine endlose Schuld – Japan 2015

 

Der göttliche Kaiser Akihito und seine Frau Michiko verbeugen sich vor dem Schrein in Tokyo, welcher den Toten und Gräueln des Zweiten Weltkrieges gedenkt.  Man verneigt sich vor der Vergangenheit Japans und seiner Taten mit “Reue”, so der Kaiser. Premierminister Shinzo Abe spricht sich in einer öffentlichen Erklärung ähnlich aus, betont jedoch, dass die ehrlich empfundene Reue kein Grund dafür sein dürfe, die Nachkriegsgenerationen Japans mit ewiger Schuld zu beladen. Japan habe sich in den letzten 70 Jahren als pazifistischer und liberaldemokratischer Staat erwiesen, von dem keinerlei Bedrohung ausgehe.



Die Reaktionen aus Korea und China, die beide unter dem Kaiserreich Japan zu leiden hatten, sind ziemlich verhalten. Die Reuebekundungen der japanischen Regierung gehen nicht weit genug und sind keine echte Entschuldigung für die Taten der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg. Kritik hagelte es auch von der hauseigenen japanischen Linken, die Abe für seine Aufrüstungspolitik im Visier hat und die jüngste Verfassungsänderung als Verrat betrachtet. Die nach der Kapitulation der Japaner von den USA implementierte Verfassung beinhaltete den Artikel 9, welcher es Japan verbot, die Außenpolitik mit militärischen Mitteln zu verfolgen.

“the Japanese people forever renounce war as a sovereign right of the nation and the threat or use of force as means of settling international disputes[…] Land, sea, and air forces, as well as other war potential, will never be maintained.”

Bei den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften handelt es sich daher auch nicht um eine Armee im eigentlichen Sinne, sondern um eine Art paramilitärische Polizeitruppe, die allein der Verteidigung des Inselreiches dienen darf. Mit der vierten Erhöhung des Militäretats innerhalb von fünf Jahren, bleibt Japan in der Oberklasse der militärischen Muskelprotze des Globus. Ca. 45 Milliarden US Dollar. China gibt etwa das Fünffache aus und kann sich auch eine wesentlich größere Armee leisten. Und eine jüngere. Die japanische Gesellschaft ist überaltert und das Militär stützt sich auf Hochtechnologie, um die demographischen Defizite auszugleichen. Die harten Worte aus Peking machen klar, dass diese Reuebekundung Abes nicht ausreicht, um die Wogen zu glätten. Dabei tut China im Moment und im Grunde schon seit vielen Jahren nichts, um eine Politik der Entspannung zu verfolgen. Die Darstellung des hässlichen und bösen japanischen Soldaten, welcher Frauen vergewaltigt und Babies tötet, wird in Film und Videospielen am Leben gehalten. China hat vielleicht mehr noch als Japan ein Problem mit der Vergangenheitsbewältigung. Kein Thema wird so oft breit getreten, wie die japanische Invasion Chinas, welcher Millionen Menschen das Leben kostete und am Ende ironischerweise die Kommunisten an die Macht brachte. Die Bevölkerung Chinas bekommt in der boomenden chinesischen Filmindustrie vorgespielt, wie bösartig und grausam der Japaner in Wahrheit ist. Dabei nehmen allzu oft chinesische Widerstandskämpfer und Kampfsportmeister späte und fiktive Rache an den japanischen Soldaten. Yangcheng Evening News behauptet gar, dass 2012 etwa 8 Milliarden japanische “Soldaten” auf der Mattscheibe zu Tode gekommen sind. Der Job als Statist in einem “Kriegsfilm” ist zur lukrativen Nebeneinkunft geworden.



In Japan sieht die Geschichtsbewältigung anders aus. Zwar leugnen Militaristen und Rechtsextreme weiterhin die Rolle Japans im Massaker von Nanking. Allerdings muss man festhalten, dass Militarismus und tatsächliches anti-chinesisches Ressentiment nichts ist, was von der Regierung serviert wird. Keine staatlich gelenkte Institution schreibt vor, wie China zu betrachten ist. Die wenigen japanischen Kriegsfilme, die es zu größeren Besucherzahlen gebracht haben, beleuchten mehr das Leid und die Sinnlosigkeit des Weltkrieges. Der US-Film “Nanking” wurde von den Rechtsnationalisten Japans zwar negativ aufgenommen, aber nicht verboten. Die japanische Gesellschaft ist frei genug um, derlei kritische Kultur zu ertragen. In China wäre ein ähnlicher Film in umgekehrten Rollen undenkbar. Die heranwachsende junge Generation Japans zeigt sich jedoch zunehmend interessierter an der Vergangenheit und am Militär. Es ist heute kein Tabubruch mehr, wenn der Sohn Soldat werden will. Was in den 70ern noch der Job für Aussätzige und Versager war, ist heute wieder ein angesehener Beruf. Japans SDF erleben wieder gesellschaftliche Achtung und die Vergangenheit, auch die kriegerische Vergangenheit Japans, wird wieder salonfähig. Längst haben sich Rollenspielgruppen und Paintball/Softball Vereine dazu durch gerungen, die Schlachten der kaiserlichen Armee nachzuspielen. Die japanische Linke beobachtet diese Entwicklung mit äußerster Furcht und negiert jede vermeintliche Bedrohung, die von China angeblich ausgehe. Die Konservativen nennen das Realitätsverlust. Die Linken bezeichnen ihre Gegner als Kriegstreiber. Die Kritik an Abe ist auch eine Kritik an den USA, welche die Inselnation in ihrem Kurs der Remilitarisierung bestärken. Japan hat sich sinngemäß zu lange auf seinem Pazifismus ausgeruht. Für die Geopolitik der USA ist es entscheidend, dass Japan nun eine stärkere militärische Rolle im Pazifik einnimmt, um sich mit den anderen Verbündeten gegen Chinas wachsenden Einfluss zu stellen. Ganz ähnlich drückt sich das Weiße Haus auch gegenüber Deutschland in Europa aus.

Japans Regierung sendet ein Signal nach außen, das am Ende doch recht differenziert ist. Unser Japan im Jahr 2015 ist nicht mehr das expansive Imperium von damals. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Taten. Aber die Vergangenheit wird uns nicht fesseln.

Japan lehnt es ab, auf immer und ewig an die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges gebunden zu sein und seine Politik nach den Befindlichkeiten der Chinesen auszurichten.



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Bild: State Department photo by William Ng


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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