Atatürk und das Eiserne Kreuz

 

 

 

Er war ein Mann mit großem Charisma. Einer, der das Schicksal vieler Nationen für immer verändern sollte. Mustafa Kemal führte das sterbende osmanische Reich nach Westen und machte aus ihm die moderne Türkei. Seine Modernisierung orientierten sich an Europa und der europäischen Zivilisation. Er brach mit der langen islamischen und arabisch orientierten Tradition der Osmanen und machte Schluss mit dem alten System, das für ihn der Grund für die Rückständigkeit des Landes gewesen war. In vielerlei Hinsicht ist Atatürk für den Aufstieg und die Probleme der heutigen Türkei verantwortlich. Auch über 70 Jahre nach seinem Tod, wirkt sein schwieriges Erbe nach. Die Türkei ist ein Land, dass zwischen Orient und Okzident steht und Nirgendwo richtig dazu gehört.

Geburt und Gallipoli

Mai 1881 im heutigen Griechenland geboren, wächst Mustafa in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Er gilt als Musterschüler, ehrgeizig, aber auch schwierig.  1905 beginnt er seine Ausbildung zum Offizier in Manastir. Die osmanische Kadettenschule prägt Mustafa sehr, wie er später anmerken wird. In Konstantinopel wird Mustafa zwar Offizier, kommt aber auch mit der starren osmanischen Regierung in Konflikt. Als Kadett hatte er sich für die Jungtürken-Bewegung eingesetzt, welche sich gegen das alte Sultanat stellte und in klarer Opposition zum alten osmanischen Reich stand. Jenes Reich galt zur Jahrhundertwende als “kranker Mann am Bosporus” und die Jungtürken gedachten diese Krankheit mit westlich orientierten Reformen den Gar auszumachen. Sehr viel später sollte sich Mustafa von diesen Jungtürken distanzieren und sie öffentlich brandmarken. Vor allem Enver Pasha und der armenische Genozid waren Kapitel der türkischen Geschichte, die auf die Jungtürken zurück gingen. Enver hatte mit einem Trick das osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg gegen Russland gebracht und war später an der Vertreibung und Ermordung der christlichen Armenier beteiligt gewesen. Die Jungtürken wollten den ethnisch homogenen Nationalstaat und eine Abwendung vom dogmatischen Islam, hin zum Positivismus. Diese grundlegende Ausrichtung teilte Mustafa Kemal, wenngleich seine Methoden andere sein sollten. Noch vor dem Krieg trat er der westlich orientierten Oppositionspartei İttihat ve Terakki Cemiyeti (Komitee für Einheit und Fortschritt) bei.

Bei einem Auslandsbesuch in Europa soll er gesagt haben : “Es gibt viele Kulturen. Aber nur eine Zivilisation – die europäische”  

1915 bekam Mustafa Kemal das Kommando über die 5. Division der 19. osmanischen Armee auf Gallipoli, wo er gegen die Australier und Neuseeländer (ANZACS) verteidigen sollte. Gallipoli sollte als eine der blutigsten Schlachten bekannt werden. Ein Blutvergießen, dass Kemal tief prägen sollte. Zusammen mit deutschen Offizieren diente Kemal auf Gallipoli die ganze Schlacht hindurch. Er zeichnete sich immer wieder durch taktisches Geschick und persönlichen Mut aus. So sehr, dass britische Offiziere und spätere Biographien des Westens ihm besonders gnädig sind. Der deutschjüdische General Otto Liman von Sanders setzte sich auf Gallipoli immer wieder für Kemal ein und auch der Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz Pasha mochte den jungen und charismatischen Kemal. Dem Einfluss der beiden deutschen Offiziere ist es zu verdanken, dass Kemal nicht durch seinen Vorgesetzten, Enver Pasha, wieder abgesetzt wurde. Überhaupt neidete Enver dem jungen Kemal den schnellen Ruhm und intrigierte heimlich weiter gegen ihn.



Auf Gallipoli begab sich Mustafa immer wieder direkt an die Front und führte seine Soldaten von vorn. Eine Praxis, die eher ungewöhnlich war und ihm Respekt einbrachte. Das Risiko mit seinen Soldaten zu teilen, machte es ihm möglich auch scheinbar irrsinnige Befehle zu geben. Bei Chunuk Bair befahl er einen Bajonettangriff gegen die ANZACS. Aufgrund der desolaten Versorgungslage waren die Munitionsvorräte der Osmanen aufgebraucht und seine Soldaten standen einer Übermacht gegenüber, welche drohte über sie hinein zu brechen. Er soll daraufhin gesagt haben: “Ich befehle euch nicht zu kämpfen, sondern zu sterben. In der Zeit, die wir zum Sterben brauchen, werden andere Truppen und Kommandeure kommen um unseren Platz einzunehmen.”

Gründer einer neuen Türkei

Für seine Taten auf Gallipoli bekam Kemal das Eiserne Kreuz vom deutschen Kaiser verliehen. Die tatsächliche Würdigung in der eigenen Heimat erhält Kemal jedoch in aller Fülle erst später. Eine turbulente Zeit bricht im osmanischen Reich an, dass an seinen Rändern zerfällt und als Beute der Siegermächte aufgeteilt werden soll. Bürgerkrieg und die Ambitionen der Kolonialmächte, zerrissen das riesige osmanische Reich in viele Stücke. Der Friedensvertrag von Sevres war ein ähnliches Papier für die Türkei, wie der Versailler Vertrag für Deutschland. Er bestimmte sogar, dass das osmanische Reich verschwinden sollte und bis auf ein Rumpfgebiet in Anatolien aufhören sollte zu existieren. Die Gebietsgewinne für Minderheiten wie Armenier, Kurden und Griechen, gingen einher mit großen Zugeständnissen für die Westmächte Frankreich, Italien, Russland und Großbritannien. Für Mustafa Kemal und die neuen Nationalisten war dies eine unhaltbare Forderung, die schlussendlich mit Krieg beantwortet wurde. Von 1919-24 führte Mustafa Kemal zusammen mit anderen, darunter auch Jungtürken und verschiedenen Splittergruppen, einen Krieg gegen alle inneren und äußeren Feinde. Am Ende wurde der Vertrag von Sevres quasi aufgehoben. Eine Tat, welche die Türkei vor noch weiterer Zerstückelung bewahrte. Noch heute wird vor allem dies Mustafa hoch angerechnet. Aus den Resten des osmanischen Reiches sollte eine neue türkische Republik entstehen. Ein moderner und westlich orientierter Nationalstaat. Mustafa Kemal machte Schluss mit dem alten System und führte das Schweizer Zivilrecht ein. Er orientierte die Wirtschaftspolitik um und blickte dabei vor allem auf Deutschland. Die verschleppte Industrialisierung wurde befeuert und ein umfassendes Sozialsystem eingeführt, dass durchaus bismarckische Züge hat. Er brach mit dem Erbe des Islam und der arabischen Tradition bei den Türken, die er als aufgesetzt empfand. Die Einführung des lateinischen Alphabets sollte die Türkei näher nach Europa rücken und die Tore weit aufstoßen für die moderne Wissenschaft. Fortschritt und Technik, Wissen und Emanzipation, sollten die Religion und den Aberglauben ablösen. Kemal soll sinngemäß dazu gesagt haben: “Ich habe keine Religion und wünsche mir manchmal alle Religionen auf den Grund der See. Ein Staatsführer, welcher Religion brauch um seine Regierung zu halten, ist ein schwacher Führer; als ob er sein Volk in einer Falle gefangen hält. Mein Volk soll die Prinzipien der Demokratie, das Diktat der Wahrheit und die Lehren der Wissenschaft erlernen. Aberglaube muss verschwinden. Lasst sie anbeten was sie wollen; jeder Mann ist nur seinem Gewissen verpflichtet, solange dieses nicht mit der Freiheit seiner Mitmenschen oder der Vernunft im Konflikt steht” (The Biography of the founder of Modern Turkey)

Er emanzipierte die Frauen, gab ihnen sogar noch lange vor der Schweiz das Wahlrecht und adoptierte sogar ein junges Mädchen, dass später zur ersten Kampfpilotin der Nation werden sollte. Kemal ging hart mit jenen ins Gericht, die seinem Modernisierungskurs entgegen standen. Vor allem islamische Gelehrte und Nostalgiker hatten sich vor seiner Macht als Staatspräsident zu fürchten. Er installierte das Militär als Organisation, die über sein Erbe wachen sollte und es auch nach seinem Tode hochhalten sollte. Er ahnte wohl, dass die Westorientierung der Türkei ein Prozess sein würde, welcher Jahrhunderte dauern könnte. Dieser Prozess würde ständig angegriffen und gestört werden.

Zeitlebens war Kemal auch jemand, der gerne trank und auch sonst eine eher lebensbejahende Natur zu Tage legte. Während der heutige Mann im Staate, Erdogan, den Alkohol verbannen möchte und die islamische Wiedergeburt der Türkei zum Ziel hat, war Kemal jemand, der in dieser Religion kein großes Heil finden konnte. Er wird in der Türkei mitunter immer kontroverser gesehen. Vor allem die islamischen Kräfte um die momentanen AKP herum, stören sich am Atheismus dieses Mannes. Für die Türkei ist Kemal Atatürk, der Vater aller Türken, sowohl Fluch als auch Segen gewesen. Einerseits rettete er die Türkei vor der vermutlich völligen Zerstörung und brachte sie auf einen Kurs der Moderne. Andererseits brachte er sie damit in eine unglaubliche Zwickmühle. Denn obwohl große Anstrengungen unternommen wurden, um Teil Europas und des Westens zu werden, bleibt die Türkei sowohl kulturell als auch geographisch ein Zwitter. Sie liegt sowohl in Asien als auch in Europa. Sie ist teils von europäischen Ideen der Aufklärung und der Moderne durchdrungen und teils ist sie tief gefangen in der osmanischen und islamischen Tradition. Religion ist etwas langlebiges und resistentes. Man kann nur spekulieren, was wohl passiert wäre, wenn Atatürk nur etwas länger gelebt hätte. Vielleicht hätte er die Transformation der Türkei zu Ende führen können. In dieser Hinsicht war seine Leistung mit Sicherheit so groß, dass man sie als Kulturrevolution bezeichnen könnte. Aber sie war mehr als nur eine Kulturrevolution. Er stellte das ganze Staatssystem, das Militär, die Politik und die Gesellschaft völlig auf den Kopf. Er katapultierte eine seit 300 Jahre starre Welt, in das 20. Jahrhundert Europas. Es scheint fast ironisch und irgendwie absurd, dass gerade die EU durch ihr ewiges Pochen auf vermeintliche Menschenrechte, die Institution des türkischen Militärs geschwächt hat. Über die Jahre des Annäherungsprozesses an Europa hinweg, haben die antikemalistischen Kräfte in der Türkei die Oberhand gewonnen. Die Auflösung der kemalistischen Strukturen durch die EU, hatte nicht den gewünschten Effekt. Die heutige Türkei hat sich von ihrem laizistischen Erbe wieder entfernt und trudelt in Richtung Naher Osten. In Richtung Mekka. Aber dennoch sollte man nicht vergessen, dass alle Taten der Vergangenheit auf Ewig nachwirken. Kemal Atatürk ist alles andere als vergessen und die laizistische und kemalistische Türkei existiert weiter. Man sollte sie daher auch nicht aufgeben.

Mustafa_Kemal_Atatürk_(1918)

Kemal mit deutschen Orden (1918)


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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