Hurra! Es ist Sobieski! – 1683

Im Morgengrauen kommt die Rettung

Vier Uhr am Morgen des 11. September 1683. Dicke Rauchschwaden umnebeln das von den Türken belagerte Wien, das nun seit Monaten dem über 100.000 Mann(manche Quellen reden von 300.000) starken Heer des Kara Mustafa Widerstand leistet. Die Wiener Verteidiger unter Führung von Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg sind abgekämpft, hungrig und müde. Wenn ihnen heute Niemand hilft, fällt die Stadt womöglich. Denn die Türken haben die dicken Festungsmauern der Stadt beinahe vollständig durchbrochen.

Dann ertönen Trompeten und Hörner. Ein Grollen kommt vom Kahlenberg hinunter, den man von den Wiener Mauern aus sehen kann. Die im schwachen Morgenlicht glänzenden Rüstungen und bunten Banner rollen wie eine Walze den Berg herunter. Endlich! Die Entsatzstreitmacht greift an!

Die Deutschen unter Karl von Lothringen, Kommandant der Truppen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, attackieren zuerst. Auf breiter Linie stürmen die Deutschen den Berg herab, walzen die osmanischen Stellungen nieder und öffnen die Formationen der Türken für den Angriff von Jan Sobieski.

Dämonische Polen“

Was osmanische Chronisten als Sendung von Shaitan, dem Teufel, bezeichnen, sind in Wahrheit die Husaren der Polen. Jan Sobieski, der polnische König, führt die Reiterschar persönlich in den Kampf. Die Schlacht tobt bis zum nächsten Tag. Die Polen ziehen sich immer wieder zurück und greifen erneut an. Um 18 Uhr am nächsten Tage spornt Sobieski die Männer zum letzten Schlag an. Vier Kavalleriegruppen der Deutschen und Polen, angeführt von den geflügelten Husaren, sollen den Türken den Todesstoß versetzen. Die Reihen der Türken brechen unter dem Ansturm der Heiligen Liga. Auf ihrer Flucht ermorden die Osmanen zwar fast 20.000 christliche Geiseln, werden aber im Fluchtchaos niedergemäht. Es ist das Ende muslimischer Offensivmacht in Europa. Trotz numerischer Unterlegenheit siegt die Allianz von Deutschen und Polen bei Wien.

Jan Sobieski und seine Mitstreiter werden zu Helden des Abendlandes.

König der Polen

Johann III. Sobieski (kurz: Jan) wird am 17. August 1629 in der heutigen Ukraine geboren. Er erwirbt sich schon in seiner Jugend den Ruf eines klugen und charismatischen Mannes, der in aristokratischer Tradition die Kultur Polen-Litauens förderte. Als polnischer Hochadliger macht er wie viele Adlige seiner Zeit eine große Reise durch ganz Europa. Vor allem Frankreich, der Orientierungspunkt für europäische Hochkultur war, hatte es ihm angetan. Seine Liebe zu Frankreich wird die Jahrzehnte jedoch nicht überdauern. Bald schon ruft ihn die Pflicht als Pole zurück in die Heimat. Die Tartaren, ein muslimischer Reiterstamm, bedrohen erneut den Osten des Landes. Er kommt sehr früh schon in Kontakt mit der islamischen Macht am Schwarzen Meer, die tief nach Mittel- und Osteuropa vorgedrungen war.

1654 ging er als Botschafter Polens ins Osmanische Reich und erlernt die türkische Sprache. Vom Staatswesen der Türken ist er angetan, kann aber nicht vergessen, dass die Sultane die größte Bedrohung für Polen und ganz Europa bleiben. Er kehrt mit mulmigen Gefühl nach Polen zurück und beschwört seine Mitstreiter, sich auf den Krieg mit den Osmanen vorzubereiten. Deren Expansionsdrang würde nicht an Polens Grenzen Halt machen.

Er sollte Recht behalten als 1672 das osmanische Reich Polen-Litauen den Krieg erklärt und das polnische Podolien erobert. Die Verwüstung und Entvölkerung, ja massenhafte Verschleppung von Menschen, kann Sobieski nicht verhindern. Erst am 11. November 1673 kann er die Türken bei Choytn vernichtend schlagen. Fortan kennt man am Hofe des Sultans den Namen Sobieski. Nach fast 200 Jahren Krieg mit den Türken, haben die Polen einen entscheidenden Sieg errungen.

Daheim in Polen ist das Verhältnis zum aufstrebenden Brandenburg-Preußen angespannt. Aber trotz Vorbehalten lässt sich Sobieski, der 1674 zum König Polens gewählt wurde, nicht zum echten Krieg gegen die Preußen hinreißen. Vor allem da die Franzosen die Liebe Sobieskis nicht erwiederten, blieb eine Allianz gegen Preußen aus. Wichtigere Dinge drängten währendessen an der Südgrenze.

Auf Drängen von Papst Innozenz XI. verbündete sich Sobieski mit dem Heiligen Römischen Reich unter Leopold I. Aus dieser Allianz sollte die Heilige Liga hervorgehen um die Türken endgültig aus Europa heraus zu drängen. Russen, Polen und Deutsche.



Dass die Franzosen auf die Schwächung der Deutschen hofften und in Kurzzsichtigkeit der Allianz fernblieben, würde Sobieski nicht vergessen. Seine pro-französische Haltung fand ihr Ende, als die katholischen Franzosen die Sache der Christen „so schändlich im Stich lassen“. Obwohl die Deutschen für ihn schwierige Nachbarn waren, erkannte er, dass ein muslimisches Mitteleuropa keine Zukunft für ein freies Polen hergeben würde. Jan Sobieski hatte in dieser Zeit wo mehr Weitblick als Versailles. Wenn die Türken ihr lang ersehntes Ziel, die Eroberung Wiens, erreichen würden, stünde ihnen ganz Westeuropa endgültig offen.

Das durfte man nicht zulassen. Um der Christenheit Willen und um Europa Willen schon nicht. Es ging den Fürsten der Allianz nicht so sehr um die Erhaltung ihrer Throne und Besitztümer, wie heute oftmals behauptet wird. Die Osmanen hatten gezeigt, dass sie durchaus bereit waren den Eroberten ihre Adelsrechte zu lassen. Tributpflicht und die Unterordnung unter das islamische Rechtssystem und Vasallentum waren meist die einzigen Forderungen. Emmerich Thököly von Ungarn und andere Fürsten des Balkans wurden von den Türken im Amt belassen oder neu erhoben. Sie stellten Truppen und Geld für die Armee des Sultans und behielten dafür gewisse Vorrechte als Herrscher über ihre Kleinstgebiete.

Sobieski hätte als Vasall des Sultans vielleicht seinen Thron behalten können. Er hätte ihn nur etwas tiefer legen müssen. Aber wir wissen, dass es der Heiligen Allianz um mehr als Herrscherhäuser ging. Es war auch ein Kampf um die Identität Europas und des christlichen Abendlandes, dass nach 300 Jahren Defensive im Begriff war endgültig zu fallen.

Wien 1683 bringt die erhofften Sieg über die Muslime. Jan Sobieski wird als Türkenbefreier in Wien gefeiert. Es ist ein kurzer Moment in der Geschichte der Deutschen und Polen, der mehr Beachtung verdient. Ein Sieg der Osmanen bei Wien hätte wohl die deutsche Reformation, ja die Aufklärung und möglicherweise sogar die Moderne im Keim erstickt.

 

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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

3 thoughts on “Hurra! Es ist Sobieski! – 1683

  1. Die Geschichte wiederholt sich doch immer mal wieder…dann folgen wir doch alle, dem guten Beispiel.Nur mit Solidarität, wird das gelingen

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