Bergkarabach – Krieg mit langer Vorgeschichte

von J. Broederbond

Der aktuelle Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan in Bergkarabach blickt auf eine lange Geschichte zurück, die seit dem Zerfall des Sowjetimperiums einen blutigen Verlauf nimmt. In dieser an Konflikten wahrlich nicht armen Weltgegend ist Streit zwischen christlichen Armeniern und turkstämmigen, sunnitischen Aseris ein besonders tragischer, liegt sein Ursprung doch in einem der vielen Massaker die das frühe zwanzigste Jahrhundert für die Volksgruppe der Armenier bereit hielt. Doch der Reihe nach:

Das Gebiet, das heute in Deutschland unter dem Namen “Bergkarabach” bekannt ist, von den Armeniern aber “Arzach” genannt wird, gehörte in der Antike abwechselnd zu den Reichen von Armenien und Albania – was freilich nichts mit dem Albanien auf dem Balkan zu tun hat. Während ersteres eine reiche, gut bekannte Geschichte hat, deren Linien sich zumindest in der Theorie bis heute nachvollziehen lassen, ist letzteres eines der großen Rätsel der Antike. Denn bereits der Name ist wahrscheinlich eine griechisch – lateinische Übersetzung des Eigennamens der Bewohner, von denen heute nicht einmal die Sprache bekannt ist. Seine territoriale Ausdehnung deckt jedoch große Teile des heutigen Aserbaidschan ab, was die aserbaidschanische Geschichtsschreibung zum Anlass genommen hat, eine historische Kontinuität zu erzeugen. Tatsächlich ging das historische Albania im Verlauf des neunten oder zehnten Jahrhundert in Abwehrkämpfen gegen die Araber unter. Die Nachfolge der christlichen Kirche von Albania übernahm ausgerechnet die Armenisch apostolische Kirche. In der weiteren Folge flohen Armenier aus anderen Teilen der Region in die Region, die nach der Eroberung durch wechselnde turkmenische Stammesföderationen den Namen “Karabach” erhielt, was in der Sprache der turkmenischen Eroberer “Schwarzer Garten” heißt. Als Teil des multiethnischen Persiens scheint die Geschichte in Arzach / Bergkarabach bis in das 18. Jahrhundert nicht wesentlich brutaler verlaufen zu sein als die seiner Nachbarn. Erst als die osmanisch, russisch, persische Rivalität die Region zu bestimmen begann, veränderte sich die Lage dramatisch. Das Zarenreich, aus dem Norden kommend und auf der Suche nach einem Hafen am Mittelmeer prallte auf die sich in Stagnation befindenden Großmächte Persien und dem osmanischen Reich. Die christlichen Armenier, sahen in der Schwäche ihrer muslimischen Herrscher eine Gelegenheit, sich von der religiösen Fremdherrschaft zu befreien und begrüßten den steigenden russischen Einfluss. Mit dafür verantwortlich mag auch der steigende Druck persischer Autoritäten auf die christliche Minderheit gewesen sein. Nach Gewaltausbrüchen im Reich stellte Katharina die Große Schutzbriefe für die armenische Bevölkerung aus und in der Folge wurden Armenier nach dem zweiten russisch-persischen Krieg in den russisch eroberten Gebieten gegenüber ihren turkstämmigen Nachbarn, die den Armeniern Kollaboration mit dem Feind vorwarfen, bevorzugt. In der Folge kam es zu einem stetigen Zuzug von Armeniern aus Persien in die russisch gewordenen Gebiete, zu denen auch Bergkarabach gehört.

Bis zum ersten Weltkrieg, blieb ein relatives Gleichgewicht der turkmenischen Aseris und der Armenier in der Region nach Aussagen einiger Historiker bestehen. Der Völkermord an den Armeniern änderte jedoch grundlegend die Bevölkerungsstruktur der mehrheitlich armenisch besiedelten Gebiete. Flüchtlinge aus dem ganzen osmanischen Reich flohen unter den Schutzschild des russischen Reiches, wo sie sich den mit den Jungtürken sympathisierenden Aseris in unruhiger Nachbarschaft wieder fanden. Im Zuge des Zerfalls des Zarenreichs kam es in Baku im März 1918 zu Pogromen der mit den Sowjets verbündeten Armenier gegen die mit den Osmanen verbündeten Aseris. Im September folgte dann die blutige Rache der Aseris, der Schätzungen zufolge 30 000 Armenier zum Opfer fielen. Nach der Unabhängigkeit Armeniens und Aserbaidschans erhoben beide Republiken Anspruch auf Bergkarabach. Armenien begründete dies mit dem großen kulturellen Unterschied der Region zum Rest Aserbaidschans und der kulturellen Zugehörigkeit der Armenier in Arzach zu Armenien. Aserbaidschan verwies auf die traditionellen Sommerweiden der turkstämmigen Nomaden in der Region, die ebenfalls in Bergkarabach lagen und auf die Unteilbarkeit seines Territoriums, denn ein zu Armenien gehörendes Bergkarabach hätte Aserbaidschan in zwei Teile zerrissen. Erst als in allen beteiligten Körperschaften die Sowjets die Macht übernahmen, wurde der Streit entschieden. Im Namen der sowjetischen Teilrepublik Armenien verzichtete Stalin höchstselbst und in voller Machtvollkommenheit auf Bergkarabach und das zu dem Zeitpunkt mit über 90 Prozent armenische Gebiet wurde autonomes Gebiet der aserbaidschanischen Sowjetrepublik. Ein salomonischer Entscheid, der nur Verlierer kannte. Unter dem roten Mantel aus Brüderlichkeit und Gleichheit gärte der Konflikt im Verborgenen. Besonders die Armenier fürchteten, langfristig aufgrund der höheren Geburtenrate der Turkmenen auf biologischem Weg zur Minderheit zu werden. Beide Seiten intervenierten immer wieder in Moskau und baten um eine endgültige Lösung. Moskau, im Wissen um die zahllosen ungelösten ethnischen Konflikte im Riesenreich griff auf Beschwichtigungen und Repression zurück. Im Zuge des Verfalls der Sowjetmacht kam es immer wieder zu wechselseitigen Übergriffen, bis schließlich in den Neunziger Jahren nach einem weiteren antiarmenischen Pogrom in Baku die Lage eskalierte. Am 3 September 1991 verkündete die Regierung der Region in der Hauptstadt Stepanakert die Unabhängigkeit – sowohl von Sowjet-, als auch aserbaidschanischer Regierung. Im nun folgenden Krieg zerbrach die letzte Hoffnung auf ein multiethnisches Zusammenleben in der Region. Über eine Million Menschen gelten bis heute als Flüchtlinge in den beiden Ländern, die Schäden an der Infrastruktur der Gegend sind bis heute nicht vollständig behoben. Trotz anfänglicher Unterlegenheit konnte sich die armenische Seite durchsetzen und behauptete sich in dem gebirgigen Gelände. Nach drei Jahren, am 12 Mai 1994, schlossen beide Seiten einen Waffenstillstand der bis heute nicht das Papier wert ist, auf dem er geschrieben steht. Die Armenier halten bis heute einen signifikanten Anteil aserbaidschanischen Territoriums auch außerhalb der historischen Region Bergkarabach besetzt und sichern so durch den territorialen Anschluss das wirtschaftliche Fortbestehen der Republik Arzach.

In den letzten Jahren ist die Situation deutlich unruhiger geworden. Die Türkei unter Präsident Erdogan sieht sich selbst als natürliche Schutzmacht der verwandten Turkvölker zwischen Bosporus und Xinjang. Russland hingegen hat in den letzten Jahren seine Position als Vermittler verloren und garantiert seit 1996 die territoriale Integrität Armeniens durch dreitausend stationierte Soldaten.

Der Konflikt in Bergkarabach hat eine uralte Geschichte, seine aktuelle Zuspitzung aber ist ein Kind der neuen, multipolaren, Welt. Die Anwesenheit kurdischer, russischer und angeblich serbischer Freiwilliger auf armenischer und syrisch-arabischer und lybischer Söldner auf armenischer Seite legen Zeugnis ab von dem Flächenbrand, der sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ausbreitet. Das mit dem Nato-Mitglied Türkei und der Atommacht Russland zwei mächtige globale Player im Hintergrund zumindest ihr eigenes Spiel verfolgen ist alarmierend. Wenn der Konflikt nicht auf absehbare Zeit entschärft wird, droht ein Ausufern in ein Blutbad, das für das immer noch junge 21 Jahrhundert eine weitreichende Konsequenz haben wird.

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