Sag zum Abschied leise „Bundesrepublik“

von Ignatius

Auch ich werde mich zum Ende dieses Blogs zu Wort melden und die Gelegenheit nutzen, um ein paar meiner Beobachtungen seit dem letzten Artikel von mir, der schon einige Monate zurückliegt, niederzuschreiben.

Einige erinnern sich vielleicht noch, dass ich selbst einst ein aktives Mitglied in einem SPD-Kreisverband im tiefsten Westen der Bundesrepublik war, bis auch um 2016 bei mir der Groschen fiel und ich viele meiner alten Überzeugungen in Frage stellte. In diesem Jahr starb mein Vater (2020), weshalb ich auch hier keine Zeit zum Energie zum Schreiben fand. Aber in diesen Tagen denke ich wieder öfter an meinen alten Herren, der viele Kinder in die Welt gesetzt hat und als CDU-Urgestein am Ende seiner Jahre sehr nostalgisch und wehmütig auf die Republik und seine alte Partei blickte. Sein Tod hat auch symbolischen Wert, weil er für mich Zeit meines Lebens ein großes Vorbild gewesen war, obwohl ich in meiner Jugend eher links war und wir uns erst spät politisch annäherten.

Die alte Republik ist tot

Er war ein richtiger Altkonservativer, wie sie heute eigentlich nicht mehr existieren. Ein katholischer aus dem Rheinland, der nichts von Gender hielt, sein Handy nicht verstand, jeden Sonntag in die Kirche ging, seinem Land als Soldat lange und gut diente, ein eigenes Unternehmen führte, niemals fremd ging und sein Geld in Sparbüchern für die Kinder anlegte. Er war streng, manchmal griesgrämig und immer am Arbeiten. Es gab nahezu keinen Tag, an dem er nicht irgendein Buch gelesen hat. Die umfassende Allgemeinbildung und das Wissen über die Geschichte Deutschlands und der Welt, stammte aus Büchern. Zusammengefasst: der Mann war ein Relikt einer vergangenen Ära.

Mein Vater kannte noch die alte Bundesrepublik vor 1989 und trauerte ihr Zeitlebens nach. Eigentlich lebte er bis zu seinem Ende in dieser Republik, weil sich unsere Nachbarschaft demographisch im Umkreis von wenigen Kilometern ums Haus herum eigentlich nicht verändert hat. Was aber nicht bedeutete, dass er die Negativentwicklungen im Rest des Landes nicht registriert hat. Gerade in den letzten fünf Jahren fühlte auch er sich zusehends von der Politik, der Union, den Altparteien und generell der eigenen Heimat entfremdet. Weshalb auch der Wunsch nach einer Rückkehr in die alten Zeiten bei ihm immer öfter geäußert wurde. Wie viele „Boomer“ (er war ein früher Babyboomer) argumentierte er hier rein reflexiv und mit wenig Fantasie.

Viele CDU-Konservative der WerteUnion oder auch AfD-Wähler würden gerne eine Zeitreise in das Jahr 1995 oder 1985 oder 2000 machen. Da, wo es eben noch erträglich war. Die Welt, die sie noch verstanden haben. Die Zeit des Kalten Krieges beispielsweise, wo die Dinge irgendwie einfacher lagen. Für meinen Vater, da kam er nie aus seiner Haut heraus, war der Russe immer der Böse, der Feind aus dem „Rotland“, der immer kurz davor war die NATO zu attackieren. Dass die Welt sich verändert hat, war ihm emotional schwer zu erklären. Er, wahrscheinlich wie viele andere auch, kannten eben noch die alte Bundesrepublik und können die Veränderungen durchaus kritisch betrachten und abwägen. Sie kommen häufig zu dem Schluss, dass einiges heute anders bzw. schlechter ist als damals, auch wenn Komfort und Technik nicht so weit fortgeschritten waren.

Wir als jüngere Generation, zu der ich die meisten Leser dieses Blogs zähle, sollten uns aber bewusst machen, dass es keine Rückkehr in die Vergangenheit gibt. Weder in ein „Deutsches Reich“ noch in eine Bundesrepublik der 80er oder 90er Jahre. Ich kann diesen nostalgischen Reflex verstehen, weil ich selbst näher an der 40 bin als an der 30.

Ich erinnere mich sehr gut an meine Zeit als Heranwachsender in Aachen, Köln und Düsseldorf. Städte, die ich heute so kaum noch wiedererkenne und die sich in Teilen sehr stark verändert haben. Die ethnische, soziale und religiöse Zusammensetzung der Bundesrepublik in den 90ern war auch im Westen noch eine völlig andere, als sie sich heute präsentiert.

Auch unsere geliebte und gehasste Bundeswehr war noch anders – die Zeit war eine andere. Anfang der 90er herrschte Aufbruchsstimmung in Deutschland. Kurz nach der Wiedervereinigung kamen viele Dinge des alltäglichen Komforts hinzu, Technik und Wohlstand, die unser Leben angenehmer machten.

Erstmals nach dem Ende des Weltkriegs fühlten wir, also junge Generation im wiedervereinigten Deutschland, einen Funken von Patriotismus und Heimatverbundenheit in einem besseren, demokratischen und einigen Deutschland, in dem es noch keine Merkel-Union und keine tonangebenden Linksradikalen in Medien und Politik gab. Ich erinnere mich sehr gut an meine Ausbildung zum Feldwebel Anfang der 2000er Jahre. Wir kamen aus allen sozialen Schichten der Republik, aus Ost und West. Es gab unter uns Liberale, Sozialdemokraten, Konservative und auch noch rechtere Kerle. Aber uns einte ein unsichtbares Band der Kameradschaft und des Zusammengehörigkeitsgefühls, das es heute einfach nicht mehr gibt.

Ich bin hier nicht verklärend, sondern kann die Zersetzungserscheinungen der deutschen und westeuropäischen Nationen eigentlich überall und jeden Tag beobachten. Die Gesellschaft spaltet sich auf, zerbricht in molekulare Einzelteile und kleine Grüppchen. Ein gesamtgesellschaftliches Narrativ, das alle Menschen in der Bundesrepublik mitnimmt, existiert nicht mehr.

Die Linken als auch die Nichtlinken, das hat Young German hier richtig und oft genug ausgeführt, wollen eigentlich in verschiedenen Ländern leben. Ihre Lebensentwürfe und Vorstellungen, wie eine Gemeinschaft auszusehen hat, stehen sich diametral gegenüber. Sie können überhaupt nicht miteinander. Diese Risse in Deutschland existieren im ganzen globalen Westen. Ich arbeite in Belgien, lebe aber in Deutschland. Ich spreche drei Sprachen und fühle mich auch als Europäer und kann nur sagen, dass es überall gleich aussieht. Westeuropa und die USA befinden sich in einem Prozess der Zersetzung, der wahrscheinlich nicht aufzuhalten ist. Man sieht das nicht nur am Niedergang des identitätsstiftenden Christentums, sondern auch im täglichen Umgang mit Kollegen und (ex)Freunden. Politik ist allgegenwärtig und die Menschen sortieren sich nach tribalistischer Zugehörigkeit. Linke können nur mit anderen Linken, Rechte nur mit anderen Rechten. Die apolitische Masse dazwischen lebt vor sich hin und schwingt mal in die eine und mal in die andere Richtung.

Letztlich erleben wir einfach den Niedergang der Nachkriegsordnung in Europa und die Karten, egal ob EU oder Bundesrepublik, werden sich neu ordnen.

Innere Sezession

 

Das Maß an dem die moderne Bundesrepublik Deutschland als Legitimation, Vertrauen und Substanz verliert, ist eigentlich nicht verwunderlich, höchstens bestürzend. Vor allem für uns republikanische Patrioten und Männer wie Frauen, die auf dieses Land ihren Eid geleistet haben. Und obwohl sehr viele Probleme Deutschlands ( Massenzuwanderung ins Sozialsystem, Schuldenunion, soziales Gefälle, Islamisierung) eigentlich hausgemacht sind, muss ich hier auch einmal Herrn Böckenförde zitieren. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter und Träger der Hannah Arendt Auszeichnung hat es sehr prägnant auf den Punkt gebracht, als er sagte:

 

“Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

    • Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60

 

Die Bundesrepublik Deutschland verfällt Stück für Stück in ein autoritäres, ja fast totalitäres Moment, weil die Fliehkräfte der Gesellschaft zu stark geworden sind. Es gibt nur noch wenig Substanz, auf dem ein soziales und friedliches Gemeindewesen gebaut werden könnte. Die Generationen, die jetzt kommen, können das republikanisch-nationale Erbe namens Bundesrepublik gar nicht fortführen, weil sie es nicht mehr verstehen und gar kein Gefühl mehr dafür haben. Das gilt sowohl für die Linken als auch für die Rechten.

 

Aus diesem Nichtverstehen und von der Regierung und dem alten Apparat nicht mehr verstanden werden, erwächst zunächst die Abwendung von der Bundesrepublik und danach die innere Sezession. Für die islamischen Parallelgesellschaften und ähnliche ist diese Form der Sezession meist schon von Grund auf angelegt. Es ist den linken Parteien, inklusive der Union, nicht gelungen diese Grüppchen aufzubrechen und für Deutschland zu gewinnen. In dem Maße, wie man versucht die politische, soziale und kulturelle DNA dieses Landes zu verändern, führt es auf der anderen Seite zu Verwerfungen. Das Nichtverstehen der eigenen Bevölkerung führt bei der politischen Führung und der Verwaltung eben zu solchen Aktionen wie man sie gerade bei der Bundeswehr und anderen, dem Staat nahestehenden Organisationen sehen kann. In seiner Verwirrung schlägt der Staat nach allen, die als Fremdkörper im Kreislauf wahrgenommen werden. Inkompetenz, Ignoranz und Irrung vermengen sich dann und heraus kommen Säuberungsaktionen, die neben echten Extremisten eben auch solche treffen, die vor zehn Jahren noch erstklassige staatsbürgerliche Mustermenschen gewesen wären.

 

Was kann kommen?

Was also folgt aus meiner Analyse, werden manche sich jetzt fragen. Wahrscheinlich wird es so kommen, dass das Auseinanderreißen Deutschlands nicht abzuwenden ist. Eine Entwicklung, die dem gesamten Westen bevorsteht, weil die politischen Eliten aus dem Lager der Globalisierungsbefürworter und der offenen Grenzen nicht maßhalten können. Sie werden mit ihrem Programm solange weitermachen, wie sie eben können. Die Folge könnte sein, dass sich die Auflösungserscheinungen des Westens beschleunigen und die Sezessionsbewegungen in ganz Europa und Nordamerika zunehmen. Die Furcht vor chinesischen Zuständen der totalen Kontrolle teile ich nicht, weil ich tendenziell meine, dass die Regierungen in Europa nicht so mächtig sind, wie viele denken. Im Hinblick auf Frankreich, das von permanenten, bürgerkriegsähnlichen Unruhen und Gewaltausbrüchen erschüttert wird, zeigt sich die ganze Ohnmacht und Ideenlosigkeit unserer Staatslenker.

 

Die Zukunft Europas könnte also eine der Zerfaserung und Zersplitterung sein. Mehr und mehr Menschen werden sich in kleineren Einheiten zusammenfinden, sich auf eigene Lebensentwürfe einigen und diese gegen äußere Widerstände und Umstände verteidigen. Das kann innerhalb einer politischen Einheit passieren, muss aber nicht. Neue Staaten sind genauso möglich wie der Verlust staatlicher Autorität und Ordnung innerhalb zusammenhängender Staatengebilde.

 

Zuletzt noch ein paar Worte zum Autor des Blogs, Young German:

Anders als meine Wenigkeit war der Hauptautor YG hier meines Wissens niemals wirklich links, sondern hat den konservativ-liberalen Lebensentwurf schon immer vertreten. Er ist kein klassischer rechter Lebensversager, der seinen Lebensinhalt in der Politik sucht, sondern hat sich trotz widriger Umstände ein normales Leben in der klassischen, aber schwindenden Mitte aufgebaut. Es ist schön zu sehen, dass er dort seinen Ruhepunkt gefunden hat.

Ich kenne nur wenige Leute, denen so übel und ungerecht mitgespielt wurde. Und der sich trotz Angriffen von Links (egal ob staatlich oder aktivistisch) niemals radikalisierte, wenngleich der Ton 2015 und 2016 angesichts der dramatischen Entwicklungen an unseren Grenzen und in unserem Land noch etwas anders war. Dass er trotz allem an unserer Republik festhält, ein christliches Menschenbild und einen christlichen Wertekanon vertritt, sich seinen liberaleren Standpunkt nicht madig reden lässt, verlangt mir höchste Achtung ab.

So viel Ruhe und Festigkeit wünsche ich allen Lesern des Blogs auch für ihr Leben! Lassen Sie sich nicht verrückt machen.

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