Schere, Stein, Corona

Es ist ein simples Prinzip, das jedes Kind allzu schnell lernt. Ob Schere, Stein, Papier oder Schnick, Schnack, Schnuck – das Prinzip ist immer gleich, es sind drei Symbole, die sich einander schlagen können. Auch Freunde des modernen Gamings ehren dieses Prinzip, denn gegen berittene Bogenschützen in Age of Empires 2 helfen nur Bogenschützen zu Fuß, gegen diese wiederum nur Kavallerie eine Chance haben usw. usf. Kommen wir zum Punkt: jeder hat eine Schwachstelle. Für die vergangenen Jahre war man sich bezüglich rechter (oder anders formuliert nicht-linker) Strömungen unsicher, wo die offenen Flanken ebenjener zu lokalisieren waren.

Schließlich ist Trump im Jahre 2020 immer noch trotz unzähliger Skandale, Untersuchungen und politischen Kämpfen Präsident. Der Brexit wurde entgegen aller Manipulationen des Mainstreams durchgesetzt. Die AfD konnte sich stets über Wasser halten, obwohl sie vom politisch instrumentalisierten Verfassungsschutz und dem linken Mainstream in die Zange genommen wurde. Ganz Südamerika schwankte politisch nach Rechts, Bolsonaro steht hier für stellvertretend für die neuen rechten bzw. konservativen Regierungen der letzten Jahre, die die Macht aus linken Händen übernahmen. In Spanien konnte die Partei Vox einen Start ähnlich der AfD hinlegen. Zwar gab es auch Rückschläge, denn die FPÖ und die Lega verloren ihre Regierungsbeteiligung. Aber dennoch konnte man eine gewisse Revitalisierung, ja eine neue Blutzufuhr für Strömungen und Meinungen abseits des liberal-individualistischen oder linken Mainstreams erkennen. Dieser Aufstieg scheint im Mai 2020 abrupt zu enden. Ist das Corona-Virus und die Epidemie genau der Konter, nach denen die Gegner immer suchten?

Trump versagt auf voller Linie und wirkt bezüglich der Corona-Epidemie hilflos, die USA ist mittlerweile der Hotspot schlechthin. Bolsonaro verliert im eigenen Lager immens an Vertrauen und Rückhalt, nachdem sein Justizminister den Rücktritt einreichte, da der brasilianische Präsident wohl in Ermittlungen zugunsten seiner Söhne eingegriffen haben soll. Die AfD in Deutschland rundet diese Beobachtung ab: Heil- und planlos irrt sie umher und stürzte in neuesten Umfragen unter 10%, während sie einen parteiinternen Streit entfesselte.

Es scheint, als wären diese Akteure mit ernsten Krisen überfordert und ein Fähnchen im Wind. Beispiel AfD: Bis Mitte März kritisierte man noch die Regierung, dass sie Corona unterschätzen und keine Maßnahmen einleiten würde. Zwei Monate später das genaue Gegenteil: alles nur Panikmache, die Regierung solle doch bitte wieder die Maßnahmen zurücknehmen. Ein Abgeordneter spricht sogar in seiner Rede im Bundestag zustimmend über die Gates-Verschwörung – wo ist die Seriosität hin? An dieser Stelle sollen jetzt nicht die Maßnahmen diskutiert werden oder ob das Corona-Virus eine Lüge wäre – es hier eher um die problematische Einstellung rechter und rechtspopulistischer Strömungen zur öffentlichen Meinung.

Zu sehr lässt man sich von dieser treiben. Es ist doch schon en vogue in unserem Lager, einfach immer nur das stumpfe Gegenteil von dem zu sagen, was die Regierung behauptet (das Prinzip gilt auch für die anderen Akteure wie Trump oder Bolsonaro, zudem geht es hier nicht um entweder-oder). Meinungen und Einstellungen zu gewissen Themen wirken wie Mode, denn in der Modewelt ist morgen schon etwas im Schrei, was heute noch verfemt wurde. Genauso schnell ändern rechte Mitstreiter teilweise ihre Meinung. Wo gestern noch nach harten Maßnahmen gegen Corona gerufen wurde, bezeichnet man das Virus heute als Fälschung. Das sorgt dann für komische Momente wie Querfront-Aktionen. Oder es kann dann auch mal ein Mediziner der SPD als Kronzeuge für die eigene Argumentation gelten. Es muss nur passen, jeden Tag landet dann im Obstkorb eine andere Frucht – solange sie zum Appetit passt, stört es nicht.

Jetzt kann man fragen, wieso so ein Verhalten schlimm wäre. Will man nicht als eine populistische Partei dem Volks ins Maul schauen? Sicherlich, ein Gefühl für die Belange des Volkes ist wichtig. Wenn die Bevölkerung ihren Unmut über die Corona-Maßnahmen äußert, dann sollte man als eine Alternative zum Mainstream durchaus diese Emotionen aufnehmen und ins politische Orchester kanalisieren. Es darf aber nicht zum Selbstzweck verkommen, denn wir sehen aktuell die Konsequenzen einer solchen volatilen politischen Haltung. In Krisenzeiten rücken Menschen zusammen, die gefühlte Bedrohung erinnert jeden an die Endlichkeit seines Lebens, man rückt zusammen, bildet Gemeinschaften und sehnt sich nach einen handlungsfähigen Staat – konservative Werte sind also gefragt.

Eine unberechenbare Politik, die sich immer nur in einer Anti-Mainstream-Linie erschöpft, kann diesen Wunsch nicht erfüllen. Die AfD muss endlich anfangen, “alternative” Politik auch weiterzudenken – das Negieren der offiziellen Regierungslinie reicht nicht aus. Tut sie das nicht, werden solche Entwicklungen wie Corona wirklich im Schere-Stein-Papier-Prinzip die AfD schlagen können.

 

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