Rezension “FREILICH”

Als deutscher Bundesbürger vergisst man allzu gerne, dass es noch einen kleinen Nachbarn gibt, welcher publizistisch keinesfalls zu vernachlässigen ist, denn mit der Zeitschrift FREILICH gibt es seit 2018 einen indirekten Nachfolger des eingestellten Magazins Die Aula. Was bietet das Magazin aus Graz an? Ich habe mich durch die mehr als 100 Seiten der aktuellen April-Ausgabe gelesen und bin – soviel kann ich verraten – positiv überrascht.

FREILICH steht dem Freiheitlichen Akademikerverband und der FPÖ nahe, sodass man keine Spekulationen über die Inhalte und die angepeilte Leserschaft betreiben muss. Aus diesem Grund erwartete ich auch vor der Lektüre ein eher auf österreichische Themen fokussiertes Heft und eine sehr politische Schlagseite – was sich aber als falsch erwies. Die noch junge Zeitschrift sieht sich dabei nicht als Theorieorgan, ebenso möchte man keine “politische Agitationsplattform” sein. Laut Eigenbeschreibung lege man Wert auf Recherchen und Interviews. Bevor man das Magazin jedoch aufschlägt, macht man für Publikationen aus unserem Lager eine eher seltene Beobachtung: Das Heft wirkt vom Material sehr hochwertig, ebenso mag die Ästhetik und das Design überzeugen. Ich bin doch als Leser vieler Zeitschriften aus dem konservativen und rechten Lager eindeutig weniger gewöhnt, FREILICH jedoch geizt nicht mit farbigen Bildern im Großformat und einem schönen Layout. Es scheint, als würde man also in der Redaktion einen gewissen Wert auf die optische Aufmachung legen. Meinen Augen erfreut es. Inhaltlich teilt sich das Heft in folgende Kategorien auf: Interview, Kontrovers, Reportage und Infografik, Corona, International, Gesellschaft, Wirtschaft, Fotostrecke, Kultur, Lesestück.

Nach dem Editorial und einigen kleinen Texten folgt ein informatives Interview mit dem ehemaligen Islamisten Irfan Peci, der mit seinem Expertenwissen dem Leser einen Einblick in den Islamisten-Dschungel ermöglicht und potentielle Konsequenzen, aber auch Lösungen benennt. Es folgen darauf ein Artikel von Julian Schernthaner über politische Kampagnen und eine ausgiebige Recherche über die Antifa-Szene – sehr erfreulich für mich als bundesdeutscher Leser ist hier auch der Einbezug der deutschen Perspektive. Drei Artikel über das Corona-Virus machen den Anschluss: der Zukunftsforscher Matthias Horx entwirft ein (für mich fragwürdiges) Zukunftsszenario nach der Corona-Krise, Hans-Jörg Jenewein seziert das politische Versagen der Verantwortlichen bezüglich des Corona-Hotspots Ischgl und der Geschäftsführer Heinrich Sickl beschreibt die aktuell erkennbare Globalisierungsfalle.

Auf den nächsten Seiten ist ein Artikel zu finden, der mir persönlich nicht gefällt. Die Autorin beschreibt dabei die Zustände in Frankreich und nimmt das katholische Christentum in den Fokus. Dieses hätte ihrer Meinung nach einem wichtigen Anteil an gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen, zudem wären eine Rechristianisierung und Missionierung der Muslime der einzige Weg, Frankreich zu befriedigen. Ich wage an dieser Stelle mal diesen Punkt zu bezweifeln, denn ethnische Spannungen verpuffen nicht einfach so über Nacht, nur weil Jesus im Fokus stünde. Ein kleines Interview zur Sozialpolitik mit zwei AfD-Politikern sowie eine Analyse der Eurasischen Wirtschaftsunion säumen die nächsten Seiten zu meinem persönlichen Highlight der April-Ausgabe: eine schön bebilderte Reportage über die Situation auf Lesbos. Der Autor Stefan Juritz beschreibt in einem guten Stil die Lage der griechischen Einheimischen auf der ägäischen Insel. Vor allem die Betonung auf die Gefühle und Eindrücke der dortigen Bevölkerung lesen sich interessant – man kennt doch von den Mainstreammedien nur die andere Seite, nämlich die Perspektiven der NGO und Flüchtlinge. Ein Artikel über Jünger-Rezeption innerhalb der Germanisten-Szene sowie ein kurzer Text über Podcasts schließen sich dieser Reportage an, den Abschluss machen eine Leseprobe aus Kralls Buch “Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen”, einige Buchrezensionen und eine kleine Kolumne von Martin Lichtmesz.

Insgesamt war die Lektüre spaßig und flüssig, große Kritikpunkte lassen sich nicht finden. Höchstens einige formelle Fehler wie fehlende Wörter oder Tippfehler lassen sich erkennen, genauso könnten die Buchrezensionen durchaus ausgiebiger sein.

Ist FREILICH zu empfehlen? Klar – und das gilt auch für bundesdeutsche Leser. Zwar liegt mir nur eine Ausgabe vor, jedoch lässt sich an den vorigen Ausgaben erkennen, dass sich das Heft nicht nur um österreichische Themen dreht (hätte ich das mal früher gemerkt!). Preislich kosten sechs Ausgaben im Jahr für 94 Euro.

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