Pöbelei, Identität und Grundgesetz

von J. Broederbond

Es gehört zu den Privilegien des Reisenden, hin und wieder die eigenen Positionen mit der Realität abgleichen zu können. Die eigene Weltanschauung durch eine gründlichen Anschauung der Welt zu überprüfen gewissermaßen. Dazu gehören neue Einblicke in fremde Gedanken- und Kulturwelten, die manche Konflikte in der Heimat in neuem Licht erscheinen lassen. Daraus folgt dann nach der Rückkehr auch eine neue Herausforderung. Nämlich die, gewonnene Erkenntnisse zu Hause in praktische Arbeit einfließen zu lassen. Das mag für einen Koch, einen Betriebswirt oder einen Handwerker hin und wieder mit Frust verbunden sein, für einen – nennen wir ihn “rechtsalternativen” – Journalisten ist das Schwerstarbeit. Gerade beim Betrachten einer Dreibuchstabenpartei mit dem Anfangsletter “A” stößt man häufig an Grenzen der eigenen Leidensfähigkeit. Dass die offizielle Parteilinie im Regelfall weniger eine Gerade als eine wilde Zickzacklinie unter vielen ist – geschenkt. Gäriger Haufen und so. Was einen aber viel mehr stört ist, was an der Basis häufig unter “freiem Diskurs” so an Stammtischen, Facebook-Foren oder Chatgruppen verstanden wird. Das ist im Regelfall das selbstreferentielle Wiederkäuen der üblichen Themen. Der eine will besonders markig auftreten und setzt noch einige deftige Formulierungen drauf – beim anderen muss es besonders viel Pathos sein. Was beide eint: Gedacht wird im Regelfall nur bis zur nächsten Straßenecke. Ein Beispiel gefällig? Gern. Der Skandal rund um die Vorgänge in der Berliner Polizei, ihre Nachwuchsarbeit an der Polizeischule und mangelnde Deutschkenntnisse der jungen Polizisten ist ein gutes. Damit konfrontiert lassen sich zwei unterschiedliche Herangehensweisen verwirklichen:



Die erste: Die Qualität der Polizeiarbeit leidet unter einer gezielten Umvolkungspolitik der Altparteien, das ist ein Zeichen für den “großen Austausch”. Die einzige Lösung, Polizisten mit Migrationshintergrund müssen genau beäugt werden und strengste Maßstäbe angelegt werden. Polizisten aus Klanfamilien dürfen nicht Mitglied werden und überhaupt möchte ich nicht von einem arabischen Polizisten nach meinem deutschen Führerschein gefragt werden!

Die zweite: Die Qualität der Polizeiarbeit leidet unter einer Herabsetzung der Zulassungskriterien. Dass Polizisten kaum in der Lage sind, die Landessprache halbwegs fehlerfrei zu sprechen oder zu lesen ist ein Problem. Die Berichte über eine Verquickung junger Polizeischüler mit dem organisierten Verbrechen ist ein Problem. Selbstverständlich freuen wir uns auch über Polizisten mit Migrationshintergrund. Ihre Sprachkenntnisse können die Polizeiarbeit deutlich erleichtern.

Wo ist der Unterschied zwischen beiden? Die Anzahl der vor den Kopf gestoßenen Leute ist deutlich geringer beim zweiten Ansatz. Leider wird in den Stammtisch-Facebook-Telegram Echokammern im Regelfall der erste Ansatz gewählt. Ich halte das für fatal. Nicht wegen dem Verfassungsschutz, sondern weil da ein Grundproblem der Partei deutlich wird. Im Konfliktfall zwischen Realität und Weltbild wird im Zweifel dem Weltbild der Vorzug gegeben. Die Anwesenheit von Deutschen mit Migrationshintergrund ist ein Fakt. Sie ist Realität. Man wird damit umgehen müssen. Einer der besten Ansätze dafür, wäre ein positives Selbstbild dieser Nation als Grundansatz für die Integration zu schaffen. Es gibt Hunderte, Tausende junger Männer und Frauen mit Migrationshintergrund, die hier zu Hause sind. Wie junge Menschen nun mal sind, suchen sie nach einem Identitätsangebot. Nach etwas, das attraktiv ist. Napoleon hat das treffend in einem Satz zusammengefasst: “Ein junger Mann riskiert nicht für einen mageren Sold sein Leben, er will begeistert werden.”

Womit begeistert Deutschland denn diese jungen Männer und Frauen? Mit einer Verfassung? Das ist der Fliesentisch unter den Identitätsangeboten. Solide und bieder. Mit ewiger Schuld und Deserteurskult? Das ist eine Nicht-Identität. Kurz gesagt, es gibt kein Angebot. Also rücken andere Angebote, religiöse, ethnische, familiäre in den Vordergrund. Die Antwort der politischen Rechten darauf: “Die müssen eh alle weg!!111!”

Gut, das war jetzt zugegebenermaßen überspitzt, aber ein Körnchen Wahrheit liegt darin. Es wird nicht genügen, sich auf lange Sicht mit den Russlanddeutschen zufrieden zu geben. Die Partei wird Antworten finden müssen, Ideen und Identitätskonzepte entwickeln müssen. So manchem jungen Nachwuchsalternativo wünscht man hin und wieder etwas mehr Mc Fit und Fußballverein und wirklich jedem Stammtisch täte etwas weniger Verblendung gut.

Ein weiteres Beispiel gefällig? Klimawandel. Es gibt Zweifel daran, ob der Klimawandel nun menschgemacht ist oder nicht. Kaum jemand aber bezweifelt ernsthaft, dass sich das Klima ändert. Das hat es immer getan, ob Mensch gemacht oder nicht. Ich will hier nicht die große CO2 Debatte eröffnen, aber kurz anmerken, dass es eher unsinnig ist einen Referenten eines großen Wirtschaftsverbandes auf der Tagung einer gewissen Stiftung anzumaulen, ob er denn nicht wisse, dass CO2 gar kein Klimagas sein könne.

Der Mann kam und sprach zu den Auswirkungen der Klimapolitik auf die deutsche Wirtschaft. Ob der Klimawandel nun menschgemacht ist oder nicht interessiert ihn nicht. Er spricht über den Spielraum den die Wirtschaft im Rahmen der aktuellen Politik hat. Offensichtlich hat ihm keiner vor seiner Rede mitgeteilt, dass bei dem Klimathema bei vielen AfD – Boomern sofort der rote Schleier in den Augen aufkommt. Da gibt es dann nur noch “Klimadioten”, die hinter dem “Zopfmädel” in den Reihen der “Klimajugend” mitlaufen. Eine dritte Position, eine eigene Position, eine vernünftige Debatte? Findet nicht statt.

Noch ein Beispiel gefällig? Russland. Wer in Putin nicht wenigstens den strahlenden, selbstlosen Retter der weißen Europäer sieht, ist mindestens ein “Transatlantiker”. Eine eigene Position? Einen dritten Weg zwischen Moskau und Washington? Nicht existent. Als würde die Fähigkeit selber Nachzudenken beim Einloggen auf Facebook abgegeben werden.

Überhaupt wird offensichtlich nicht nur das Nachdenken eingestellt, auch stilistisch fallen wirklich alle Hemmungen. Vulgär, pubertär und abstoßend präsentiert sich so manche Debatte. Aktuell gut an der Diskussion rund um Corona zu erkennen. Die Polizei macht ihren Job, wenn der Kollege in Blau sagt, man solle das und das sein lassen, dann lässt man das. Besonders dann, wenn man nicht Mittel und Wege hat um die Spontandemo zu einem Marsch auf Berlin umzuwandeln. Wer der Meinung ist, dass die Polizei ihre Kompetenzen überschritten hat, der ärgert sich nachher und den Polizisten auch, wenn er den Vorfall publik macht, ruhig und sachlich. Was nicht hilft: Mit der Polizei hysterisch zu diskutieren und sich dann von zwei riesigen Schränken wegtragen zu lassen. Wirkt unfreiwillig komisch und stößt auch keine Debatte an. Stößt allerhöchstens die Polizisten vor den Kopf, die sich jetzt auch noch mit grundgesetzbewehrten “AfD – Boomern” herumschlagen müssen. Überhaupt dieser Grundgesetzfetischismus: Was soll das? Papier ist geduldig. Das Grundgesetz sowieso. Es gibt als Partei wirklich kaum etwas unattraktiveres als ein dünnes Büchlein allein voller Absichtserklärungen auf einen Thron zu setzen und quasi als zivilreligiöse Monstranz durch die Gegend zu tragen. Sinnlos. Leblos. Zwecklos. Fliesentisch.

So wie die Mehrheit der politischen Debatten in der Partei. Die braucht eine interne Revision, eine neue Ideologisierung und vor allem weniger Reflex und mehr Überlegung.

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Bild: Sgt. Timothy Hamlin

 

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