»Deutscher« – Serie oder Propaganda in ZDF-Neo?

(Wer kann die Serie ansehen: Wer auch Tatorte ertragen (!) kann. Etwas Geduld und Interesse ist gefragt. Hat etwas von einem Schul- und Provinzfilm.)
Ausstattung: Authentisch.
Schauspielerische Leistung: mittel bis sehr gut.
Propagandameter: 6/10.
Unterhaltung: 7/10.]

Nun hat das ZDF eine Serie veröffentlicht, die sich anhand der Geschichte von zwei Familien und dem Leben einer Kleinstadt damit auseinandersetzt, wie es wäre, wenn so eine »rechte Partei« die Wahl gewinnt. Der Titel: Deutscher.
Protagonisten der Serie sind die Mitglieder der Familie Pielcke und Schneider. Die Schneiders sind ein klassisches linksliberales bis sozialdemokratisches Ehepaar mit einen sportiven gesunden Sohn namens David. Der Vater, Christoph Schneider, ist Lehrer und den Klamotten nach 70er Jahre LARPer. Die Mutter, Eva Schneider, ist eine gutgekleidete Apothekerin. Man isst Bio, trinkt Rotwein und die Wohnung ist wohlstandsbürgerlich eingerichtet.
Passender Weise wohnt die Familie in einem roten Haus.



Im blauen Haus gegenüber, wohnen die Pielckes. Frank Pielcke ist selbstständiger Handwerker und hat schon eine Pleite überstanden. Seine Frau Ulrike Pielcke macht die Büroarbeiten. Der Sohn Marvin ist ein Lauch, der viel zockt und von den »Kanaken« in der Schule gemobbt wird, aber mit David sehr gut befreundet ist. Hier wird natürlich jeden Tag gegrillt und Bier getrunken. Die Wohnung ist kleinbürgerlich eingerichtet.
Trotz der Kürze der Serie, lässt man sich etwas Zeit, um die Entwicklung der Charaktere zu beleuchten. Der feine Blick für die Ausstattung ist wirklich bemerkenswert und die jeweiligen Milieus werden gut abgebildet. Auch wenn man sich natürlich entlang eher durch Klischees geprägte Rollenbilder entlanghangelt, werden die Figuren meistens nachvollziehbar gestaltet und übertriebenes Schwarz-Weiß-Gezeichne vermieden, auch wenn die Stoßrichtung der Serie immer deutlich spürbar bleibt. Dabei ist die schauspielerische Leistung (u.a. Thorsten Merten, Michael Lott, Meike Droste und Milena Dreißig) wirklich gut. Beide Familien sind mir während der Serie etwas an’s Herz gewachsen.
Dabei ist es wirklich auffällig, dass die Rollen von Menschen mit »Migrationshintergrund« ausgesprochen wenig Raum haben und die Charaktere eher flach bleiben. Darauf komme ich noch zurück.

Politisch betrachtet: Spalten tun in diesem Szenario nur die Rechten. Hört man politische Verlautbarungen der neuen Regierungen, sind es meist ein »best of the worst«, was die AfD u.ä. in den letzten Jahren abgesondert haben. Hier spürt man den volksaufklärischen Ton, der eher unangenehm einseitig ist. In Deutschland bricht nach der Wahl sofort ein Zustand halber Rechtlosigkeit aus, in der scheinbar nur noch »Ausländer« verhaftet werden, während deutsche Jugendbanden ungestraft Assis sein dürfen. Letzterer Punkt wird dem kritisch-patriotisch Zuschauer besonders aufstoßen, sind es doch gerade die rechtlosen Zustände in diversen Parks oder Gegenden dieser Republik sind, in den eben nicht Malte und Co. Stress machen.  Deutlich wird, dass die Autoren von den Erlebnissen der 90er Jahre geprägt sind. So klingen viele Begriffe eher nach den 2000ern und die Abwesenheit neuerer Technologien außer Instagram und Smartphones macht etwas stutzig. Brandanschläge und gewisse andere Handlungspunkte sind offensichtliche Anleihen an zurückliegende Ereignisse wie Hoyerswerda und Mölln Anfang der 90er Jahre. Bei einigen Dialogstellen wird auf Medienberichte angespielt, die nach der Wahl Trumps durch deutsche Presse gegeistert sind, in denen Angehörige von »Minderheiten« z.B. angespuckt wurden. Um auf die Rollen mit Migrationsgeschichte zurückzukommen: Sie sind häufig passive Projektionsflächen  und Indikatoren der Handlung, denn wirkliche Akteure. Dabei bleiben Sie aber keine übertrieben »Engel«.

Es gibt den arabischen Messerstecher in der Schule; den liebevollen, türkischen Imbissbesitzer der aussieht wie ein Rocker – der natürlich eine hübsche Tochter hat und dessen Sohn als Prügelknabe für die nun strammrechte Justiz herhalten muss. Dann ist da noch der heißblütige Kollege von Eva Schneider, dessen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kamen und dessen deutsche Frau, der sein Temperament noch gefährlich werden wird. Durch diese starke Fokussierung auf die »deutschen« Familien, wird erneut der pädagogische Ansatz unangenehm spürbar und wirkt dadurch auch unrealistisch.

Also ist das eigentlich ein etwas langatmiges aber unterhaltsames – sehen wir von einigen wirklich doofen Tatort-Momenten am Ende der Serie ab –  Fernsehspiel, mit guten Schauspielern, das eine fiktive Geschichte aus der deutschen Provinz darstellt. Das es jedoch ausgerechnet daran scheitert, Menschen mit Migrationshintergrund ungezwungen und tragend in die Hauptgeschichte einzubringen ist die ironische Seite dieses Versuches. Dadurch wird eine eher irrationale Seite der Ablehnung rechter Politik durch das linksliberale Establishment deutlich: Es gibt aktuell keine medialen Versuche, das Scheitern der eigenen Politik darzustellen, zu reflektieren oder zu verarbeiten. Zu gefangen scheint man in seinem eigenen Resonanz- und Erlebnisraum. Nur durch das Suchen nach und Erzeugen von Menetekeln einer baldigen »rechten Machtergreifung« innerhalb der eigenen Erwartungen, die sich an zurückliegenden Schreckenszeiten orientieren, scheint man sich noch Versichern zu können, auf dem rechten Weg (Haha!) zu sein. Dadurch wird ein schon fast reaktionäres Bild des »Deutschseins« bedient. »Deutscher« sind mittlerweile mehr und andere, als die vermeintlich fortschrittlichen Redakteure vielleicht annehmen. Man darf gespannt sein, wann eine Serie für andere Parteien und politische Richtungen kommen wird.

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