Entwurzelt!? Vom Überlebenskampf der deutschen Landwirtschaft

 

Von Treveri

Letzte Woche musste ich mich an eine Seite in unserem Sozialkundebuch erinnern. Darauf waren zwei Tabellen/Grafiken zum Thema Landwirtschaft im Wandel der Zeit abgebildet. Auf der einen sah man den prozentualen Anteil des Einkommens, welchen man aufbringen musste um Nahrungs und Genussmittel zu erwerben im Zeitraum um die Jahrhundertwende, 1950 und den späten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auf der zweiten die Anzahl an Menschen, die von einem einzigen Landwirt zu den gleichen Zeitpunkten ernährt wurden. Auch wenn es für die Meisten ein relativ trockenes Thema darstellte, so war es doch für mich persönlich sehr interessant. Innerhalb von nicht einmal 100 Jahren hatte es die Landwirtschaft in Kombination mit der Wissenschaft vollbracht nicht nur die Grundversorgung der stetig wachsenden Bevölkerung zu gewährleisten, sondern auch einen Überschuss zu erwirtschaften, der die Verfügbarkeit von guten Lebensmitteln auch für die ärmeren Bevölkerungsschichten erschwinglich machte. Mussten um 1950 noch gut 44% des Einkommens für Nahrungs- und Genussmittel verwendet werden, so waren es 1998 nur noch etwas über 15%. Ernährte ein Bauer 1950 nur etwa 10 Menschen, so waren es 1998 schon 134. Diese Steigerungen waren nur möglich durch die Verbesserung der Anbaumethoden, der Zuhilfenahme von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln, plus die zunehmende Mechanisierung. Alles was zu früheren Zeiten einmal als großer Sprung nach Vorne in die Zukunft galt (Haber Bosch Verfahren), größere Ställe und immer effektivere Landtechnik, ist heute plötzlich staatlich subventioniertes Brunnenvergiften, Tierquälerei und CO2 verschleudern, wenn es nach dem Narrativ von Linksgrün und vielen der unsäglichen NGO’s geht.

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und darum stehe ich der Sache eventuell nicht ganz neutral gegenüber, aber ich für meinen Teil als täglicher Konsument vieler landwirtschaftlichen Produkte, bin sehr froh darüber, dass ich das Privileg habe an vollen Regalen bewusst zwischen den unterschiedlichsten Angeboten wählen zu können, ohne die Hälfte meines Verdienstes dafür ausgeben zu müssen. Aus Erzählungen von meiner Mutter weiß ich, dass es nicht immer so gewesen ist. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, diesem Inferno das von deutschem Boden ausging und auch wieder dorthin zurückkehrte, kämpften vor allem die Menschen in den zerbombten Städten um ihr tägliches Überleben. Leute die vor und auch zum Teil während des Krieges zur Oberklasse gehörten und sich bis dahin nie Gedanken um eine gefüllte Speisekammer machen mussten, fuhren nun sehr oft aufs Land, um wenigstens das nötigste an Nahrung gegen Wertgegenstände zu tauschen. Auf dem Land hatte man es ein wenig besser, denn man besaß ein paar Stücke Land oder Wald und verschiedene Nutztiere, auch wenn es nur Hühner waren, die der eigenen Familie ein Auskommen sicherten. Des weiteren half man sich gegenseitig in der Dorfgemeinschaft, sodass die Entbehrungen der frühen Nachkriegsjahre nicht ganz so dramatische Folgen hatten. An einem Samstag im Herbst 1945 kam einer dieser ”reichen” Hamsterer aus der nächsten Großstadt in das Dorf meines Großvaters auf der Suche nach allem Essbaren, das sich erkaufen ließ.



Mein Großvater mütterlicherseits (der leider wenige Monate vor meiner Geburt verstarb) war ein großer und kräftiger Mann vom Land mit viel Herz und Güte. Während des Krieges wurde er während des Norwegen-Feldzuges schwer verwundet und überlebte nur dank einer Notoperation, durchgeführt von einem norwegischen Spezialisten. Die schwere Verwundung rettete ihm wahrscheinlich das Leben, denn er war nun nicht mehr für den Fronteinsatz tauglich. Er führte trotz körperlichen Einschränkungen die heute wahrscheinlich zur Arbeitsunfähigkeit führen würden zusammen mit meiner Großmutter einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb bis Kriegsende und darüber hinaus. Es blieb auch immer genug übrig, um die Haushaltskasse durch Verkauf aufzubessern. An diesem besagten Tag im Herbst stand nun der Herr aus der Großstadt vor der Türe meines Großvaters und erkundigte sich ob er etwas zu verkaufen habe. Mein Großvater ging mit dem Besucher runter in den trotz des trockenen Sommers gut gefüllten Kartoffelkeller.

Er sagte im regionalen Dialekt so viel wie: “Mach dir so viel in den Sack wie du tragen kannst, es ist noch genug da. “

Der Mann aus der Stadt war den Tränen nahe und wollte im Tausch eine teure Armbanduhr geben. Mein Großvater winkte ab und meinte nur: 2Was habe ich denn von der Uhr? Gib mir ein paar Zigaretten und damit hat sich die Sache!”

Die Uhr war natürlich um ein vielfaches wertvoller als ein paar Zigaretten, aber das hat diesen bodenständigen und gläubigen Bauern nicht im Geringsten gestört. Anfang der 50er Jahre kehrte der Mann aus der Stadt wieder zurück um sich für die Hilfe von damals zu bedanken, (aber das ist eine andere Geschichte). In den 50ern ging es überall wieder Aufwärts. Wer bisher nur ein Schwein zur Eigenschlachtung im Winter hatte und eventuell noch ein paar Hühner, der konnte sich jetzt zusätzlich Kühe ein Pferd oder Land kaufen. Die ersten Traktoren im Dorf waren Statussymbole und man konnte sich durch Fuhrmannsdienste und Lohnarbeit zusätzlich etwas verdienen. Nahrung wurde wieder flächendeckend verfügbar und oftmals wuchsen wieder die Bäuche der Herrschaften im Wirtschaftswunderland. Die Betriebe wurden größer, die Erträge besser und man wählte wie selbstverständlich in den ländlichen Regionen die Partei Adenauers. Die Bürgermeister Vielerorts wurden durch die CDU gestellt und die Bauern, die nicht Mitglied der Union waren, konnte man im Landkreis an einer Hand abzählen. In den 70er Jahren gab es dann die berühmten Milchseen und Butterberge. Viele Betriebe gaben die Landwirtschaft auf oder bewirtschafteten alles im Nebenerwerb. Die Milchquote wurde eingeführt. Es folgten die großen Skandale, verfehlte Subventionspolitik und das Höfesterben ging weiter. Immer größer und effektiver (Wachsen oder Weichen) war die Devise. Der Verbraucher ging zunehmend verunsichert durch den Supermarkt. Als im April 1986 in Tschernobyl der Supergau eintrat, wurde das Thema der Versorgungslage durch die Landwirtschaft plötzlich quasi über Nacht auf wieder auf die Agenda gesetzt. Die ersten Betriebe stellten auf Bio um. Was bis zur Mitte der 90er Jahre nur ein Nischenprodukt war, ist heute ein stetig wachsender Markt. Regionalität wird gerade bei sehr vielen Handelsriesen betont Großgeschrieben, Bio – Organic ist voll im Trend und man kann sogar bei den Discountern ”beste” Bio-Produkte erwerben.

Was wir als Verbraucher dabei bisher immer außer Acht gelassen haben, sind die Menschen, die uns das alles ermöglichen. Die Berufsgruppe der Landwirte die 24/7, an 365 Tagen im Jahr für UNS arbeiten. Jene Betriebe mit Tieren können es sich so gut wie nie erlauben für längere Zeit in den Urlaub zu fahren, was für uns undenkbar ist. Ich kenne Landwirte, die es sich leisten könnten, aber kein Interesse haben die Verantwortung für ihre Tiere auch nur für wenige Tage abzugeben. Sicherlich gab und gibt es in der Branche schwarze Schafe, jene Tierquäler und Umweltverschmutzer, die immer von den NGO’s auf die Titelseiten der Nachrichten gepackt werden, aber die sind in der absoluten Unterzahl. Ein Bauer ist heute gleichzeitig Unternehmenschef, Manager und Facharbeiter in Personalunion. Er verbringt dank Auflagenflut von Regierung und Europäischer Union fast mehr Zeit im Büro, als auf dem Feld oder im Stall.

Über allem schwebt stets die Gefahr wegen einem sogenannten Cross Compliance Verstoßes die Fördergelder gekürzt zu bekommen. Vom reinen Verkauf seiner erzeugten Güter kann heute niemand mehr leben. Die Bauern wollen keinen Subventionen, sondern sie wünschen sich von ihrer Hände Arbeit leben zu können und nicht auf Gelder aus Brüssel angewiesen zu sein. Alles wird teurer, die Maschinen/Technik, Dünge und Pflanzenschutzmittel, sogar der Strom für das Licht im Stall. Kein Wunder also, dass man sich nach Alternativen umgesehen hat. Weil das Milchgeld nicht annähernd die anfallenden Kosten gedeckt hat, stieg man dank Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) von der Lebensmittelproduktion auf Biogas, Solaranlagen und Windparks um. Denn international lonkurrenzfähig im Bezug auf den Preis, sind die deutschen Agrarprodukte schon lange nicht mehr. Weizen aus Australien, Gerste aus Kanada und Berge von gentechnisch verändertem Soja aus Südamerika sind auf dem Weltmarkt einfach viel billiger als ”Quality made in Germany”. Aber Sie ahnen es bereits, dieser Weg führte auch wieder in die PR Sackgasse. In den Medien war jetzt die Rede von Maismonokulturen, Agrarfabriken und zügellosen Pestizideinsatz. Gerne lässt man den Flächenfraß von bestem Ackerland für irrwitzige Baugroßprojekte, den Schadstoffeintrag von veralteten kommunalen Kläranlagen in den Wasserkreislauf, Mikroplastik und stümperhaft geführte ”Naturschutzprojekte” die zuletzt mit dem qualvollen Hungertod von 9 Koniks Pferden in Schleswig Holstein endeten außen vor. Für alles müssen unsere Landwirte gerade den Kopf hinhalten und den Sündenbock spielen.

Die neue Düngeverordnung der Bundesregierung klingt zuerst harmlos, aber sie hat doch das Potenzial den Agrarstandort Deutschland nachhaltig zu zerstören. Weniger düngen = weniger Ertrag = noch weniger Verdienst. Die vorgeschobenen Grenzwertüberschreitungen bei den Nitratwerten halten einer genaueren Betrachtung nicht lange stand. Es gibt zu wenige Messstationen an den völlig falschen Stellen. Während in z.B. in Polen Wirtschaftsdünger wie Gülle und Mist raus gehauen werden als gäbe es kein Morgen, muss man sich bald links der Oder mit fast schon homöopathischen Mengen begnügen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich ergreife keine Partei für ungezügeltes Verunreinigen des Grundwassers, sondern trete nur für die ”gute fachliche Praxis” ein. Eine faire Chance für unsere Landwirtinnen und Landwirte, mehr fordere ich nicht. Gerade in Zeiten wo Menschen in Panik vor dem Coronavirus ganze Nudel und Konservenfabriken leer kaufen ,Mehl und Toilettenpapier horten, finde ich es wichtig das Deutschland über die Kapazitäten verfügen sollte, die Bevölkerung mit Produkten aus heimischer Erde zu versorgen. Ansonsten müssen wir bei der nächsten Krise die Preise zahlen, die der Weltmarkt dann verlangen wird. China z.B. kauft ganze Landstriche in Afrika, um sicher an Agrarprodukte zu gelangen.

Russland hat die Transformation von maroden Kolchosen zu leistungsfähigen modernen landwirtschaftlichen Großbetrieben dank Embargo der USA und EU nahezu abgeschlossen und produziert jetzt schon seinen Backweizen verständlicher Weise lieber selbst als ihn zu importieren. Große Finanzdienstleister haben die großen Terminbörsen für Getreide auch wieder für sich entdeckt. Und was macht Deutschland? Regulieren, verbieten, behindern und ideologisch ausrichten. Ich kann jeden Landwirt verstehen der momentan sagt: ES REICHT! Die großen Proteste der vergangenen Wochen und Monate sind vielleicht nur ein kurzer Vorgeschmack. Ich bin froh, dass es noch Menschen gibt, die nicht nur früh morgens aufstehen, um zur Arbeit zu gehen, sondern die für ihr Tagwerk brennen, die Leidenschaft und Tradition verbinden, um uns jeden Tag mit Lebensmitteln zu versorgen. Wir dürfen zudem nicht vergessen wer für die Kultur im viel genutzten Wort Kulturlandschaft verantwortlich ist. Grüne Hügel, Wiesen und Felder, die Weinberge in den Urlaubsregionen.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Friedrich dem Großen:

Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste; ohne sie gäbe es keine Kaufleute, Dichter und Philosophen; nur das ist wahrer Reichtum, was die Erde hervorbringt.”

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