Panik und Prepping

Als Kind der 1990er und als aufmerksamer Beobachter habe ich in den Jahren 2015ff eine ganz neue Charaktereigenschaft in den Deutschen heranreifen sehen. In meinen ersten zwanzig Lebensjahren erlebte ich in meinem Umfeld ein hohes Maß an wirtschaftlicher Stabilität und ich kannte die Furcht vor dem Tode nur als intellektuelles Konzept. Massenpaniken, militärische Sperren, Panzerung in jeglicher Form, Sturmgewehre – ich kannte so etwas sehr lange nur aus Medien und Computerspielen. Zumindest in dieser Hinsicht eine behütete Kindheit im süddeutschen Mittelstand, könnte man sagen.

Bild: Pixabay


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um 2010 lebte ich in Nürnberg. Ich war extrem viel in der Stadt unterwegs, zu allen Uhrzeiten und auf verschiedenste Art und Weise. War in äußerst vielen Bars und Discos, hab aber zum Beispiel auch mit Kumpels mehrere hundert Geocaches gesucht. Zwar gab es Viertel und Ecken, wo es den meisten Leuten mulmig wurde. Aber wenn man sich im Innenstadtbereich und in den üblichen Vergnügungszonen bewegte war man sehr sicher. Ich für meinen Teil kann meine Vorkampfsituationen und Handgreiflichkeiten an einer bis zwei Händen abzählen. Panik hab ich nie erlebt, höchstens mal Massen von nervigen Glubbaran im Bereich vom Frankenstadion oder Hauptbahnhof. In den 2010ern hat sich aber sowohl Nürnberg als auch das Nervenkostüm der Deutschen maßgeblich verändert.

Zunächst verwandelte sich der Bereich des Hauptbahnhofes in die unangenehme Richtung. So wurde ich im Jahr 2014  Opfer aufdringlicher Osteuropäer, die mich offensichtlich berauben wollten und mich definitiv durch die Haupthalle verfolgten. Nur mit einer Bundespolizeistreife und einer Säuberungsschleife kam ich davon los. Kaum überraschend: in der Unterführung spielten zu dieser Zeit auch oft Zigeuner mit Kampfhunden.

So richtig extrem wurde der Wandel dann aber 2015ff, als sich auch die Terroranschläge häuften. Zwar konnten die Deutschen die Kriegsrealität ausblenden, aber die Abstumpfung war nur oberflächlich. Der Psychologe spricht hier von einer Bad Bank.

Meine These wurde eindeutig in einer Massenpanik im Winter 2018/19 belegt: Der 1.FCN hatte auswärts verloren und abends kamen die frustrierten und teilweise sehr betrunkenen Glubbara durch den Hauptbahnhof. Diese sprachen eine Gruppe junger Frauen an, die dann laut um Hilfe schrien. Was dann passierte war um 2010 definitiv undenkbar: Eine Gruppe Bereitschaftspolizisten stürmte durch die Bahnsteigunterführung. Alle rannten die Bahnsteigtreppen hoch, es wirkte auf mich wie ein Film. Ich untersuchte mein Umfeld – keine Schüsse, Detonationen, Rauch, Angreifer, ungewöhnliche Gerüche. Mir fiel mein Bekannter auf, der in Schockstarre am oberen Treppenabsatz mit offenem Mund stand. Ich musste im Nachhinein an die komischen Wissenschaftler aus Half Life denken, die bei jedem Anzeichen von Gefahr wie kopflose Hühner rumrennen und hochfrequent rumschreien.

Für mich war das eine völlig neue Erfahrung: Offensichtlich sind die heutigen Deutschen unter ihrer zurückhaltenden Schale und tief in ihrem Inneren neuerdings(?) panisch!

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich finde es insgesamt sehr amüsant. Im Jahre 2015 wurde ich im Bezug auf die unkontrollierte Migration wie ein Paranoider behandelt. Nun haben wir auf beliebigen Festen Schanzkörbe a la Kundus und eine Zivilgesellschaft, die still und heimlich Todesangst vor den Islamisten hat.

Genau diese Zivilgesellschaft hat meine Vorbereitungen auf schwierige Zeiten bis vor Kurzem belächelt. Ich meide übrigens den Begriff Prepping, weil die meisten Prepper den notwendigen Ernst und Realismus vermeiden lassen. Ihr wollt im Wald ein Feuerchen machen und in Ruhe Brennnesseln essen? Vergesst es, die anderen 83 Millionen werden sich in Kürze zu euch in euer kleines Waldstück gesellen!

Zudem ist wegen der Hannibalaffäre der Begriff Preppernetzwerk nicht mehr weit von der Wehrsportgruppe. Jedenfalls möchte mich meine Freundin jetzt um Seife anschnorren, weil es in ihrer Hippie-WG natürlich kaum Vorräte gibt. Gibts aber ganz sicher nicht zum Nulltarif! Und mein Kumpel bewundert das Desinfektionsmittel in meinem Auto.

Ich werde an dieser Stelle das Gefahrenpotenzial vom Coronavirus nicht thematisieren. Mich persönlich lässt es jedenfalls ziemlich kalt, da ich (hoffentlich) genug Wasser, Essen, Seife, Klopapier/Taschentücher, Sanitätsmaterial sowie einen erweiterten Erstehilfesatz inklusive Desinfektionsmittel im Auto hab. Atemschutzmasken habe ich bis vor Kurzem eher belächelt, aber wenn die Coronaseuche ausgestanden ist werde ich mich eindecken.

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