Siemens, Bayer und der “große Sprung nach vorn”

Als ich kürzlich durch Berlin Spandau fuhr, kam ich an der Siemensstadt vorbei. Ehrlicherweise muss man leider sagen, dass die Fahrt an diesen Industriekomplexen einem Museumsbesuch gleich kam. Siemens – das ist vor allem ein guter, traditionsreicher Name, der seine Zeit überdauert hat. Der Industriestandort Deutschland ist, ganz anders als es aus dem Wirtschaftsministerium verkündet wird, auf dem absteigenden Ast. Der Abschwung Deutschlands ist keine bloße Rezession, wie sie immer mal kommt und geht. Vielmehr ist sie strukturell bedingt und wird zu langfristigen Schäden an Wirtschaft und Wohlstand führen. Unter den Top 20 der weltweit wichtigsten Firmen finden sich kaum noch deutsche Namen. Vor etwa 30 Jahren sah das noch ganz anders aus. Blicken wir ganze 100 Jahre zurück, war das aufstrebende Deutsche Reich in seiner demokratischen Verfassung nach Weimar vielleicht die bedeutendste Wissenschaftsnation der Welt. Fortschritt, Aufschwung, Bildung – die Deutschen in ihrer Gesamtheit waren Weltspitze. Unsere Universitäten bildeten Eliten, humanistisch erleuchtete Persönlichkeiten. Auch die Bundesrepublik Deutschland konnte sich aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs erheben und auf den Genius des eigenen Volkes zurückgreifen. Vom Wirtschaftswunder und den richtigen Reformen und Anstößen der Politik in den frühen Jahren der BRD zehren wir heute noch. Alles, was den Ruf Deutschlands als Technologie- und Industrienation nach der zweiten Jahrhunderthälfte in der Welt zementierte, rührte von dort.

Schwerindustrie, Autobau, Chemie, Kohle und so weiter. Überall wird es eng für die Firmen, die womöglich langsam verstehen, dass diese Bundesregierung nicht hinter ihnen steht, sondern alles daran setzt ihnen weitere Steine in den Weg zu legen. Energiepreise schnellen in die Höhe, CO2-Steuer und ein “New Green Deal” für die gesamte EU aus der Hand von Ursula von der Leyen, die sich ihrer Verantwortung aus gescheiterte Verteidigungsministerin dadurch entziehen konnte, dass sie die Flucht nach vorne antrat und nach Brüssel weggelobt wurde. Das aus Brüssel kommende Umweltpaket soll die Emissionen in Europa bis 2050 soweit senken, dass die ganze Union bis dahin “klimaneutral” sein soll. Überregulierung, Bürokratie, verpasster Anschluss bei der Digitalisierung ein gefräßiger Steuerstaat verschlimmern die ideologisch herbeigeführte Krise immer weiter. Der Griff in die Taschen der Bundesbürger wird nicht bei den Klimaabgaben enden. Man weiß mittlerweile, dass der deutsche Michel fast alles mit sich machen lässt. Er wird auch Minuszinsen und den Verlust seines Bargelds akzeptieren, sollten die politischen Eliten den Mut haben auch hier einfach durchzuziehen und zu machen. Abgesehen von den Franzosen und anderen südländischen Nationen wird hier kaum Widerstand erfolgen. Man wird alles hinnehmen, bis die neue Ordnung auf festen Füßen steht und an der Realität nicht mehr zu rütteln ist. Die Auflösung der Nationen, die Abwrackung der Wirtschaft und der bildungspolitische Niedergang einer Kulturnation sind hier nur amüsantes Beiwerk im großen Spektakel der Sozialkonstrukteure. Wer dagegen Widerspruch einlegt und sich verweigert, muss eine dicke Brieftasche und ein dickes Fell haben. Bald könnte er womöglich eher schnelle Füße und ein Flugticket ins außereuropäische Ausland benötigen, um den schwedischen Gardinen zu entgehen. Wer glaubt, dass es soweit nicht kommen wird, könnte Recht behalten und darf sich dann glücklich schätzen. Falls nicht, wird er sich von der Geschichte nachträglich sagen lassen müssen, dass er naiv war und die Entwicklungspotenziale unterschätzt hat. Ähnlich wie Theodor Heuss, dem man als Gründervater der FDP den Vorwurf machen kann, dass er die Nazis bis 1934 nicht wirklich ernst genommen hat. Es kommt eben fast immer dicker als man denkt.

Immer höhere Steuern, explodierende Strompreise und eine politische Funktionselite, die diesen Staat quasi zur Beute erklärt hat, werden den Zeitgeist der nächsten Jahren prägen. Es wird eine gesamtgesellschaftliche Depression geben, die bei den einen für eine noch größere Emigration sorgen wird. Immer mehr Menschen werden sich innerlich von diesem Staat und ihrer politischen Heimat abwenden. Sie machen eine Sezession im Geiste, die die Vorbereitung auf die realpolitische Sezession sein wird. Ein Staat überlebt nur, solange genug Menschen daran glauben, dass er lebenswert und lebensfähig ist. Dass eine Regierung und ihr Staat also maßgeblich auf ihre Untertanen, also die Bürger, setzen müssen, gehört zum politischen ABC, das unseren eigenen Politikern scheinbar fremd geworden ist. Eine andere Teilmenge der Bürger wird vielleicht ebenso kaum Freude am Abschwung Deutschlands haben. Sie wird jedoch, getrieben durch Propaganda und Unwissen, die Schuldigen völlig falsch identifizieren. Wie ein SPD-Mann im Bundestag kürzlich sinngemäß meinte, sei ja die AfD am Wohnungsmangel schuldig – irgendwie halt. Und ähnlich wird es dann sein, wenn sich diese organisch gewachsene Gesellschaft, die viele Jahrzehnte Bestand und Erfolg hatte, in Geschrei und Schmerz auflöst. Viele werden sagen, dass die AfD oder die Populisten oder irgendwelche Hetzer Schuld an den Zuständen hätten. Dabei ist eigentlich ja genau das Gegenteil der Fall. Die genannten Personengruppen sind nur die Reaktion auf eine Spaltung die von anderen herbeigeführt wurde und bereits existierte.

In den 1950er Jahren probierten sich Maos Kommunisten in China an der großen industriellen Revolution, dem «großen Sprung nach vorn». Sie scheiterte und führte in eine ökonomische und soziale Katastrophe. Um von ihrem Scheitern abzulenken, fachte man eine kulturelle Revolution an, die neue Schuldige identifizierte, die eigenen Reihen von Kritikern befreite und den Volkszorn kanalisierte. Die Folgen dieser Kulturrevolution sind bis heute in China sichtbar oder vielmehr: sie sind nicht sichtbar, weil das kulturelle Erbe einer alten Zivilisation fast vollständig aufgelöst wurde.  Sollte sich der deutsche Sonderweg des beginnenden 21. Jahrhunderts als Irrweg herausstellen und in die Katastrophe führen, bin ich mir sicher, dass alsbald darauf gleich die nächste Katastrophe folgen wird.

Aber jeder Niedergang ist schließlich auch immer der Beginn von etwas Neuem.

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