Ernst Jünger und die Pflicht zum Überleben

Ein Hörsaalleiter und Stabsoffizier zitierte einst im Gruppenrahmen Ernst Jünger. Ich glaube wohl, dass  einige damalige Kameraden, die im Fahrtwasser der politischen Korrektheit unterwegs sind und von sich glauben die Rolle des politischen Kommissars gut ausfüllen zu können, das sogleich an höhere Stellen gemeldet haben. Wenngleich der Mann ja eigentlich Träger des Bundesverdienstkreuzes ist, im Ausland nahezu überall geschätzt wird und als Literat wie Krieger beachtliches geleistet hat. Vielleicht stört man sich mittlerweile ja nicht mehr so sehr an den leichten Anflügen von Bellizismus im jungen Jünger, sondern fürchtet sich mehr vor seinem Einzelgängertum, das stellenweise arnarcho-libertäre Züge angenommen hat. Etwas, womit ich mehr sympathisiere als mit großen Konstrukten menschlicher Masse, die man in staatliche Form gießt. Kleine Bünde und Einzelkämpferverbände sind oftmals schlagkräftiger als die trägen Organisationen, die den Gesetzen Gustave Le Bons (Psyschologie der Massen) unterworfen sind. Der gefügige Massenmensch ist der schmierige Beigeschmack vom Leben im 20. und 21. Jahrhundert. Gleichwohl bleibt die politische Erscheinung des Libertarismus/Anarchismus ein Randphänomen der Geschichte, das von links meistens völlig falsch interpretiert wird und daher bei Rechten automatisch schon bei der Namensnennung zu Bauchweh führt. Dabei ist vieles davon lediglich eine konsequente Auslegung des fiktiv-futuristischen Profils eines Nietzscheaners. 

Dass man Jünger heute, wie eigentlich alles was nicht klassisch marxistisch-leninistisch ist, mit Nazitum gleichsetzt und ächtet, ist eigentlich ein Verbrechen an der menschlichen Literatur- und Philosophie selbst. Aber Freigeister und Freidenkertum hatten eigentlich noch nie einen guten Stand in Deutschland. Und auch in den USA und andernorts im Westen nehmen Archetypen des Newton Knight eher ab, der kleinbürgerliche Mann und die kleinbürgerliche Frau, die für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen, freigeistig unterwegs sind und einen überbordenden Etatismus ablehnen. Sie sind seltener geworden. Die Zukunft bewegt sich in Richtung von mehr Staatlichkeit, mehr aufoktroyierter Gesinnung, mehr Gesinnungsprüfer, weniger individuelle Freiheit und gleichzeitig auch immer weniger individuelle Verantwortung. Die totale Entmündigung des Menschen geht Hand in Hand mit seiner sozialgeschichtlichen und kulturellen Verwahrlosung. Kulturmarxistische Ideen und die Umwälzung einer totalen Globalisierung arbeiten hier in seltsamer Synergie, um auch den letzten Winkel von Hintertopfingen schon sehr bald in einen Abklatsch von Lahore zu verwandeln, wo gesichtslose Ruinenbewohner in einer beliebigen Fastfood-Kette konsumieren, dann ihr bedeutungslos gewordenes Wahlrecht nicht wahrnehmen und letztendlich so frei, wie sie unverantwortlich sind.

Im kalten Licht des Verstandes wird alles zweckmäßig, verächtlich und fahl. Uns war es noch vergönnt, in den unsichtbaren Strahlen großer Gefühle zu leben, das bleibt uns unschätzbarer Gewinn. – Ernst Jünger, in Stahlgewittern

Den jungen Männern Europas und Nordamerikas, ganz gleich welcher Ethnie (ob dunkel oder hell), ist es nicht vergönnt in den letzten Regungen des alten Jahrtausends zu leben, in denen ritterlicher Kampf, mannhafte Tugend und das Konzept der Ehre als unbedingtem Wert noch eine gewisse Gültigkeit hatten, wenngleich die Technisierung der Menschheit auch die letzten Edelmänner und Ritter im Maschinengewehrfeuer hat verglühen sehen. Der Krieg der europäischen Jugend in unserem Jahrhundert ist ein kultureller, ein zivilisatorischer, der ohne Schlachten gefochten wird und wo es keinen Ruhm zu erringen gibt. Keiner hier kann den jungen Männern im Westen das erlösende Gefühl geben, dass es sich für diese oder jene Sache lohnt, ja es gut wäre, in den Tod zu gehen. Das ist bereits angesichts der demographischen Schieflage der europäischen Jugend keine Möglichkeit mehr, um etwas zu verändern. Den heroischen Eskapismus sollte man nicht mehr leben, wenn man eine reelle Zukunftsperspektive für den alten Kontinent und den westlichen Atlantik vor Augen hat. Der Konflikt unserer Zeit ist ein moralischer, dem man nicht auf dem Felde entgegentreten kann.

Pflichtbewusst wäre es, wenn man nicht nach ganzer Einheit strebt, sondern danach trachtet die Ordnung im Kleinen zu erhalten, um daraus zu schöpfen und für die kommenden Jahrzehnte Kraftreserven anzulegen, aus denen eine Erneuerung emporsteigen kann. Wie Peter Scholl Latour sinngemäß sagte: «die große Zeit der Europäer ist vorbei – nun geht es um Selbsterhaltung.»

Die große Aufgabe der nächsten Jahre liegt nicht nur in der Abwendung einer Auflösung dessen, was man mal die abendländische Zivilisation nannte, sondern vielleicht vielmehr in der Abwehr eines neuen Totalitarismus. Eine große Lehre muss man doch aus dem letzten Jahrhundert gezogen haben – wenigstens die, dass eigentlich jede Form der totalitären Herrschaft in Europa (auf die wir uns wieder zubewegen) unglaubliches Leid über diese gesamte, kontinentale Zivilisation gebracht hat. Bestand und Glück hatten die Länder und Völker öfter, wenn sie für sich im Kleinteiligen waren oder freier im Großteiligen.

“Im Einzelnen allein ereignet sich Schicksal. Schicksal, Schickung, Fügung, das, was auf dich zukommt, das, was dich anredet, womit du gemeint bist, und zwar du in deiner Ganzheit, in deinem Dasein, das ist Schicksal. Und es können nicht hundert Gefühle, hundert Willen, hundert Entscheidungen, hundert Verweigerungen zusammengezählt oder multipliziert werden. Es kann immer nur jeweils ein einziger denken, fühlen, ja sagen oder sich verweigern.”
– Pfarrer Hans Milch

Eines der großartigsten Bücher, das in die gleiche Stoßrichtung geht, ist «The Origins of Totalitarianism» von Hannah Arendt. Im deutschsprachigen Raum, wo man die Geschichte nur noch reflexiv betrachten kann, weil die Deutschen grundlegend neurotisch sind, glaubt man, dass es sich hier um eine Abwehrschrift gegen den Nationalsozialismus handelt. Dabei geht das Werk doch viel tiefer und macht deutlich, dass der totalitäre Geist kein Volk hat und keine zeithistorische Fixierung kennt. Er kann wiederkommen, neue Formen annehmen und neue Orte entdecken. Heute wird Arendt mehrheitlich von Personen ins Feld geführt, die glauben nachträglich den Nationalsozialismus bekämpfen zu können, obwohl dieser eine historische Einmaligkeit war. Man glaubt in den Bestandskonservativen und Ordoliberalen eine Art verlängerten, untoten Arm dieser Zeit zu sehen. Wie falsch das ist, kann man diesen Leuten jedoch nicht begreiflich machen, da es sich hier nicht um rationale Willensbildung handelt und die genannten Akteure vor allem emotional motiviert agieren. Die Mystifizierung des Bösen, vor allem des Bösen im Nationalsozialismus und im Kommunismus durch Figuren wie Hitler oder Stalin, verharmlost die wahre Natur totalitärer Systeme. Denn diese funktionieren nur, weil die große Masse anteilnahmslos ist und sich selbst der friedlichste und harmloseste Familienvater und Bürokrat als abgebrühter Helfer bei der Massenvernichtung erweisen kann. Die DDR, der NS-Staat und die UDSSR speisten sich nicht ausschließlich aus den Verrückten, sondern bauten auf die «Mitte» der Gesellschaft, wo jeder hineingenommen wurde, um ihn an der Untat zu beteiligen. Zu glauben, dass in Deutschland nach zwei Diktaturen keine dritte Diktatur mehr entstehen kann, ist, so denke ich, sehr naiv.

Die Hoffnung für die Zukunft liegt auf den Menschen, die sich nicht von der einen oder anderen großen Ideologie vor den Karren spannen lassen und verstehen, dass sie eine Pflicht zum Überleben haben, um sich und ihre Welt in das noch Kommende zu retten, dessen Anfang jetzt, wo wir uns einem Ende nähern, bereits zu erahnen ist.

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