Kontinent der Abgehängten

Die NATO sei «hirntot», sagt Präsident Macron und schiebt nach, dass Europa sich zukünftig selbst um seinen Schutz sorgen müsse. Damit plädiert er natürlich für die Schaffung einer kontinentalen, europäischen Armee. Dass ein kontinentales Verteidigungsbündnis besser zu Frankreich, Deutschland, Italien und den restlichen Ländern der EWG passen würde, wurde ja schon häufiger thematisiert. Tatsache ist, dass die NATO mit ihren Wirrungen rund um die Türkei, ihrer notorischen Ausdehnung ins Ungewisse und neuen Spielfeldern in Eurasien ihren eigentlichen Sinn und Zweck nach dem Kalten Krieg nicht mehr erfüllt. Hinzu kommt, dass Europa, einst «Powerhouse» im Westen mit Ländern wie der Bundesrepublik und Frankreich, militärisch schwächelt. Flugzeugträger «Annegret» hin oder her – die europäischen NATO-Partner haben kaum die Kraft, um eine konventionelle Konfrontation auf dem Kontinent zu überstehen.

Allein bei der russischen Übung VOSTOK im Jahr 2018 brachten die Russen laut eigenen Aussagen 300.000 Soldaten, 1000 Fluggeräte, 80 Schiffe und 36.000 Panzerfahrzeuge und ähnliches auf einer einzigen Großübung zusammen. Wenn mehrere Zehntausend Fallschirmjäger gleichzeitig vom Himmel regnen, dürften die Kameraden in  Zweibrücken und Seedorf doch ganz schön ins Staunen kommen. Glücklicherweise scheinen unmittelbare Invasionspläne des «bösen Russen» nicht bevorzustehen. Das große Reich, das seit den Rus bestand hat und sich verschiedene Formen gab, ist auf Bestandserhalt aus. Im Osten drängt die Demographie die russischsprachige, slawische Bevölkerung zurück, während im Westen nach den Turbulenzen im Donbass wieder etwas Entspannung eingetreten ist. Russland, zumindest im westlichen Teil Europas, gehört zum Kontinent und seiner Jahrtausende alten Kulturgeschichte. Die wirtschaftliche Vernetzung, vor allem bei Öl und Gas, macht echte Kriege zwischen NATO(Europa) und der Föderation unwahrscheinlich.



Amerika verschiebt seinen Fokus in Richtung Pazifik und nimmt damit die Rolle ein, die wesentlich natürlicher und angemessener für die Supermacht ist. Europa ist nur noch ein Nachgedanke, den man zwar pflegt, aber nicht hofiert. Das gibt den europäischen Nationen eigentlich mehr Gestaltungsfreiraum und könnte ermöglichen, dass man vorsichtig außerhalb des ideologischen Rahmens denkt. Während die deutsch-französische Allianz bröckelt und sich die Wirtschaftsmodelle Europas auseinanderdividieren, wird sich zeigen ob die Union überhaupt in ihrer Form bestehen bleiben wird. Der Kontinent der militärisch und wirtschaftlich abgehängten wird, wenn die nächste Krise kommt und überstanden ist, sich um Neuordnung bemühen müssen.

 

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